Aus Linux-Magazin 09/2010

KDE-Entwicklertreffen in Tampere

Abbildung 1: Platz nehmen zum alljährlichen Akademy-Gruppenfoto. Mit über 400 Teilnehmern stellte das diesjährige Treffen einen neuen Rekord auf.

61 Grad nördlicher Länge, 23 Grad östlich von Greenwich, keine 400 Kilometer vor dem Polarkreis. Es ist Anfang Juli, bei 30 Grad brennt die Sonne 18 Stunden am Tag auf Tampere, die größte Stadt im finnischen Hinterland.

Tammerfors

In deren Vorort Nokia hat der finnische Ingenieur Fredrik Idestam 1865 das gleichnamige Unternehmen gegründet. Angesichts der weiten Wälder rund um Tammerfors, wie die große schwedische Minderheit die idyllisch gelegene Stadt an den Stromschnellen zwischen zwei Seen nennt, produzierte der heutige finnische Nationalstolz zunächst Papierprodukte. Über “legendäre” Gummistiefel kam die Firma zum Mobilfunk und schließlich über den Umweg Norwegen (Qt) zur Open-Source-Community.

2010 verdankt die KDE-Entwicklerkonferenz Akademy [2] dem Sponsoring des Handyherstellers ihren Austragungsort in den Wäldern 180 Kilometer nördlich von Helsinki. Unterstützt vom Finnischen Zentrum für Freie Software (COSS, [2]) folgten nach Akademys in Mittel- und Südeuropa sowie Gran Canaria 2009 zum achten Mal mehr als 400 engagierte Programmierer und Community-Größen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Platz nehmen zum alljährlichen Akademy-Gruppenfoto. Mit über 400 Teilnehmern stellte das diesjährige Treffen einen neuen Rekord auf.

Abbildung 1: Platz nehmen zum alljährlichen Akademy-Gruppenfoto. Mit über 400 Teilnehmern stellte das diesjährige Treffen einen neuen Rekord auf.

Für die ersten beiden Tage der Konferenz ging\’s in die Räume der Universität, einem 70er-Jahre-Betonbunker mit eher spartanisch anmutenden Gebäuden (Abbildung 2). Eine Schar gelber Quietscheenten begrüßte die Schlange stehenden Teilnehmer (Abbildung 3 und 4, [3]). “Die sind von Qt”, erklärt KDE-Entwickler Adrian De Groot in seiner Begrüßung, “sie helfen euch beim Debuggen, also passt gut auf sie auf!”

Abbildung 2: Beton pur: Die Universität von Tampere ist keine Schönheit.

Abbildung 2: Beton pur: Die Universität von Tampere ist keine Schönheit.

Abbildung 3: 400 Teilnehmer informieren sich beim Check-in übers Programm.

Abbildung 3: 400 Teilnehmer informieren sich beim Check-in übers Programm.

Abbildung 4: Gummienten leisten laut Qt gute Dienste beim Debuggen.

Abbildung 4: Gummienten leisten laut Qt gute Dienste beim Debuggen.

Wie ernst es die Konzerne mit ihrem Engagement meinen, davon konnten sich die Anwesenden gleich in der Keynote von Meego-CEO Valtteri Halla (Abbildung 5) ein Bild machen. Er spannte den Bogen denn auch gleich extra weit: Unter dem Titel “Den Linux-Desktop neu definieren” erklärte der Finne das Qt-Engagement vom Handheld-Smartphone bis zum Nettop-TV und -PC oder zum In-Vehicle-Infotainment (IVI) mit Intel- oder ARM-Plattformen.

Abbildung 5: Will den Desktop neu definieren: Meego-CEO Valtteri Halla.

Abbildung 5: Will den Desktop neu definieren: Meego-CEO Valtteri Halla.

Qt für alle

Darüber hinaus öffne Nokia den bisher mit mäßigem Erfolg gesegneten OVI-App-Store für Open-Source-Anwender und integriere Qt auch in Symbian-Telefone. “In den nächsten Jahren werden die Qt-enabled Handhelds die Android- und I-Phone-Konkurrenz weit hinter sich lassen”, orakelt Halla und lobt die anwesende KDE-Community: “Ihr habt daran großen Anteil.”

Dabei gestaltet sich die Kooperation auch für KDE nützlich: Allein im Rahmen des Meego-Koffice-Projekts seien bisher mehr als 1000 Patches upstream geflossen, so Halla. Im Oktober soll Meego 1.1 erstmals auf Handhelds und in Autos kommen.

Ginge es nach Intel und Nokia, dann etabliert sich Qt in den meisten Alltagsgeräten in den nächsten Jahren als Standardoberfläche.

Dringend gesucht

Auch Intel will dabei sein und schickt seine Linux-Prominenz: Der X11- und Suse-Vordenker Dirk Hohndel, heute “Chief Linux and Open Source Technologist” beim Chipriesen, verbrachte gleich mehrere Tage im Tampere.

Ganz uneigennützig war das jedoch nicht: Im Gepäck hatte Hohndel die Mission, Qt-Programmierer anzuwerben. “Wir könnten gut und gerne 30 bis 40 erfahrene Entwickler gebrauchen”, so Hohndel zum Linux-Magazin, “aber leider finden wir keine. Dabei wären die in guter Gesellschaft. Wer Lust hat, in einem großen Team zusammen mit Open-Source-Profis wie Alan Cox zu arbeiten, sollte sich bei uns melden, der Wohnort spielt keine Rolle.”

Mit dem Wunsch ist Intel aber offensichtlich nicht allein, die meisten Firmen, die auf der Akademy vertreten waren, klagen über Probleme, gute Developer zu bekommen. Der Druck wird größer, weil die Nachfrage nach Produkten gleichzeitig ständig steigt. Das spornt offensichtlich an, die KDE-Community präsentierte sich optimistisch.

Technik und WM

Tagsüber stand das Konferenzwochenende im Zeichen der technischen Vorträge, wo Entwickler wie Till Adam, Thorsten Rahn, Thomas McGuire, Lukas Tvrdy oder Sebastian Kügler Neues aus ihren Projekten vorstellten. Da kommt KDE Pim (Kontact und Konsorten) auf Smartphones, der Google-Maps-Ersatz Marble lernt Routing, Krita kann Photoshop-Pinsel importieren und Qt-Multitouch gibt es für mobile Geräte.

Dem Viertelfinale der Fußball-WM geschuldet, mussten die späteren Vorträge aber leider ohne die vielen deutschen und einige argentinische Teilnehmer auskommen. Denen hatte die Organisation einen Raum der Universität mit Beamer, Fernsehanschluss und erfrischendem finnischen Kommentator spendiert.

Abends: Love Hotel

Abends, nach einer der bereits legendären Akademy-Partys im “Love Hotel” [4], einer beliebten Disco Tamperes, konnten sich die Teilnehmer erstmals von den “silbernen” Nächten ohne Sterne überzeugen. Die Sonne verschwindet in diesen Wochen zwar hinter dem nordischen Horizont, aber leer oder gar dunkel präsentieren sich die Straßen Tamperes deshalb noch lange nicht, auch um drei Uhr nachts ist der Himmel blau.

Ein Apfel für KDE

Für Aufsehen sorgte die zweite Keynote am – hoffentlich katerfreien – Sonntagmorgen: Der Kanadier Aaron Seigo lieferte einen engagierten Appell an Anwender und Entwickler, KDE offensiver und positiver zu vermarkten.

“Stellt euch mal vor, eine große amerikanische Firma hätte ihr letztes Produkt so vermarktet, wie wir KDE anpreisen”, so Seigo. “Das hätte so geklungen: Also, wir haben da so ein Telefon und das ist echt cool. Aber es kann kein Flash, Multitasking geht auch nicht und damit du deine Daten welcher Art auch immer drauf kriegst, gibt\’s nur einen Weg, nämlich unsere proprietäre Software.”

Kein Mensch würde so ein Produkt kaufen, meint Seigo. Was zählt, sei die Coolness: “Das ist Marketing: Zeigt die Vorteile. Gerade I-Phone und I-Pad sind vom Hersteller absichtlich eingeschränkt, klar!” Aber: “Den Leuten ist das egal.”

Seigo fordert die KDEler deshalb auf, mehr mit den positiven Aspekten zu werben, als ständig die negativen Seiten zu betonen. “An denen arbeiten ohnehin mehr Entwickler als je zuvor.” Vehement fordert er: “Das Produkt stimmt, jetzt ist es Zeit für was Neues: Eleganz!”

Finlayson, Demola

Nach zwei Tagen mit Vorträgen und Ankündigungen ging es auch während der Woche in die Vollen: Qt-Zertifizierungen, Workshops und BOFs (Birds of a Feather, [5]) reihten sich aneinander. Dieser Teil der Konferenz fand in den stimmungsvollen Gebäuden des Finlayson-Geländes statt, eines ehemaligen Firmenareals (Abbildung 6) in der Stadtmitte.

Abbildung 6: Der Backsteinbau der Finlayson-Fabrik zeugt von der industriellen Vergangenheit der Innenstadt Tamperes.

Abbildung 6: Der Backsteinbau der Finlayson-Fabrik zeugt von der industriellen Vergangenheit der Innenstadt Tamperes.

In den Backsteinbauten des dortigen Demola-Konferenzzentrums gab es am Montag die Generalversammlung des KDE-Vereins samt Quartalsbericht [6], gefolgt von einem mehrstündigen Workshop “QT for Mobiles”. Dass die teils bedrohlich wirkenden Kids der Manga-Konferenz neben der Uni (Abbildung 7 und 8) der Grund für den Ortswechsel waren, bestreiten die Organisatoren, aber auf manchen Gruppenfotos der KDE-Entwickler [7] sollen sich einige skurrile Gestalten eingeschlichen haben.

Abbildung 7: Von der benachbarten Manga-Konferenz schlichen sich einige ...

Abbildung 7: Von der benachbarten Manga-Konferenz schlichen sich einige …

Abbildung 8: ... der Besucher auch auf die offiziellen Gruppenbilder.

Abbildung 8: … der Besucher auch auf die offiziellen Gruppenbilder.

Abbildung 9: An einem Tisch (von links): Dirk Hohndel, Valtteri Halla, Cornelius Schumacher, Helio Chissini de Castro, Sebastian Kügler und Frank Karlitschek.

Abbildung 9: An einem Tisch (von links): Dirk Hohndel, Valtteri Halla, Cornelius Schumacher, Helio Chissini de Castro, Sebastian Kügler und Frank Karlitschek.

Dienstag und Mittwoch im Demola widmeten die Organisatoren dem Open Source Content Management Framework Midgard [8] und seiner Integration in KDE, zum Beispiel via Qtmidgard.

Nachtbaden

Initiatoren und Sponsoren zeigten sich dann auch zufrieden mit dem Feedback der Teilnehmer (Abbildung 9). Die Sessions waren voll, alle prominenten Entwickler vor Ort (Abbildung 10). Auch das unabdingbare Freizeitangebot passte: Angesichts der finnischen Sommerhitze traf man sich im Stadtzentrum von Tampere (Abbildung 11), an den unberührten, glasklaren und herrlich kühlen finnischen Seen (Abbildung 12) oder beim organisierten Ausflug nach Helsinki.

Abbildung 10: Qt-Prominenz: Community-Manager Knut Irving (rechts) besitzt ein weiteres Talent und überraschte bei der TV-Show „Norway's got Talent“.

Abbildung 10: Qt-Prominenz: Community-Manager Knut Irving (rechts) besitzt ein weiteres Talent und überraschte bei der TV-Show „Norway’s got Talent“.

Abbildung 11: Tampere um Mitternacht. In den kurzen und hellen Sommernächten zieht es nicht nur Finnen auf die Straßen der Stadt.

Abbildung 11: Tampere um Mitternacht. In den kurzen und hellen Sommernächten zieht es nicht nur Finnen auf die Straßen der Stadt.

Abbildung 12: Erholung inklusive: Tampere liegt zwischen zwei riesigen Seen, wenige Kilometer außerhalb findet sich der Besucher in unberührter Natur.

Abbildung 12: Erholung inklusive: Tampere liegt zwischen zwei riesigen Seen, wenige Kilometer außerhalb findet sich der Besucher in unberührter Natur.

Wer sich davon selbst ein Bild machen will, überzeugt sich in der Akademy2010-Gruppe auf Flickr [9].

Infos
[1] KDE Akademy: [http://akademy.kde.org]

[2] Finnish Centre for Open Source:[http://www.coss.fi/en]

[3] QT Ducks: [http://developer.qt.nokia.com/duck]

[4] Love Hotel: [http://www.lovehotel.fi/tampere]

[5] Birds of a Feather:[http://en.wikipedia.org/wiki/Birds_of_a_Feather_%28computing%29]

[6] KDE-Quartalsbericht: [http://dot.kde.org/2010/07/11/kde-ev-quarterly-reports-relaunched]

[7] Offizielle Fotos: [http://community.kde.org/Events/Akademy/2010/Pictures]

[8] Midgard Gathering: [http://www.midgard-project.org/community/events/akademy_and_midgard_gathering]

[9] Fotos der Akademy2010-Gruppe bei Flickr: [http://www.flickr.com/groups/akademy2010]

Text und Fotos: Markus Feilner

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