Aus Linux-Magazin 06/2010

Zwischenruf: Offener Mainframe-Emulator im Patent-Clinch mit Big Blue

Abbildung 1: Solch einen IBM-Mainframe emuliert Hercules – der Kern des jüngsten Streits um Softwarepatente.

Als IBM 2005 versprach 500 seiner 40 000 Patente nicht gegen Open Source einzusetzen, erntete das Unternehmen mehrheitlich Beifall. Seit der Konzern ein Projekt bezichtigt, seine Patente zu verletzen, herrscht Aufregung. Eine Geschichte, die nur Verlierer kennt .

Anfang April zog ein Fall von gegenseitigen Vorwürfen zwischen dem Softwarehersteller Turbo Hercules und IBM durch Presse und Blogosphäre. Das von der kleinen Pariser Softwareschmiede ins Leben gerufene Projekt Hercules hatte einen Emulator unter einer Open-Source-Lizenz für IBMs Mainframearchitektur Z-Series geschrieben. Die Software lässt Geschäftsanwendungen unter gewissen Umständen auf 64-Bit-x86-Systemen ablaufen statt auf millionenschwerer S/390-Hardware.

Dazu benötigen Anwender aber IBMs proprietäres Virtualisierungsbetriebssystem Z/OS. Turbo Hercules, das Unternehmen von Entwickler Roger Bowler, will die Software auch kommerziell nutzen. Dazu bat dieser IBM, Z/OS nicht nur für native Mainframes (Abbildung 1), sondern auch für den Emulator zu lizenzieren. Damit blitzte er bei IBM ab.

Abbildung 1: Solch einen IBM-Mainframe emuliert Hercules – der Kern des jüngsten Streits um Softwarepatente.

Abbildung 1: Solch einen IBM-Mainframe emuliert Hercules – der Kern des jüngsten Streits um Softwarepatente.

In der Folge beschwerte sich Bowler unter Berufung auf IBMs Quasimonopol für Mainframes bei der Europäischen Komission über eine Ungleichbehandlung. Weiter führte er das Versprechen von IBM aus dem Jahr 2005 ins Feld, keine Patentklagen gegen Open-Source-Projekte anzustrengen, denn sein Ansinnen hatte IBM zumindest indirekt mit einer möglichen Patentverletzung motiviert.

Der folgende Aufschrei war laut. Experten, Analysten und Lobbyisten diskutierten, ob die von Hercules gewählte QPL hinreichend OSI-konform sei, wie wirksam oder moralisch bindend IBMs Versprechen sei, ob sich der blaue Riese verteidigen dürfe oder ob Bowler durch sein Anschwärzen in Brüssel selbst eine Lücke in der Zusage auftat, da sich IBM 2005 in schönster Juristensprache manch Hintertürchen offengehalten hatte.

Jetzt spekulieren Sachverständige und Meinungsmacher darüber, wie Klauseln in Texten auszulegen seien, und mutmaßen gar eine Verstrickung mit dem prototypischen Erzfeind Microsoft. Der unterstütze Hercules angeblich, um IBM Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Reine Stilfrage

Viele der diskutierten Details gehen jedoch am Kern der Sache vorbei. Es geht nicht darum, wer mehr oder wer die passenden Patente besitzt. Es geht auch nicht darum, ob die Lizenz passt oder wer hier wen finanziert hat. Es geht vielmehr um ein elementares Selbstverständnis von Open Source unabhängig von Texten, die Juristen verfasst haben und die nur sie verstehen. Und es geht um den Stil, diese Eigenbewertung umzusetzen.

Die aktuelle Bedeutung von Hercules ist realistisch betrachtet marginal. Hätte IBM der Lizenzierung einfach zugestimmt, hätte vermutlich bis zum heutigen Tag kaum jemand von der Software erfahren. Stattdessen antwortete der Gigant mit einem zehnseitigen Schreiben, neun davon zeigen eine Tabelle mit 173 IBM-Patenten. Es ist egal, ob die nun passen, und auch unabhängig davon, ob sie in den 500 Patenten aus dem Versprechen von 2005 enthalten sind – es ist schlicht schlechter Stil. Kein Wunder, dass Patentgegner diese Steilvorlage dankbar aufgreifen: “Gigant droht innovativem Open-Source-Projekt” ist einfach eine zu schöne Geschichte, auch wenn der Inhalt kaum jemanden betrifft.

In Brüssel angeschwärzt

Umgekehrt bekleckert sich Turbo Hercules auch nicht gerade mit Ruhm, unmittelbar zum großen Gegenschlag auszuholen und IBM in Brüssel zu verpfeifen. Natürlich muss sich IBM in solch einem Fall wehren und wird nun seine Anwalts-Armada in See stechen lassen. Zu weit springen aber diejenigen, die nun eine große Verschwörung wittern, vielleicht weil Microsoft einmal Geld in die eine oder andere Initiative steckt, die IBM nicht schmeckt. Geht es darum, innovationsfeindliche Monopole zu brechen beziehungsweise zu verhindern, oder geht es darum, dass IBM gut und Microsoft böse ist?

Insgesamt zeigt sich einmal mehr, dass Softwarepatente von ihrem ursprünglichen Ziel, Innovation zu fördern und zu schützen, meilenweit entfernt sind. Sie dienen nur noch dem Zweck der Abschreckung und zur juristischen Aufrüstung in einer Schlacht auf dem Papier. Ohne sie könnten sich Entwickler und Hersteller wieder darauf konzentrieren, bessere Software zu schreiben.

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