2008 war das Jahr der Netbook-Schwemme. 2009 geht es in die nächste Runde: Preis- und Leistungsgrenzen weichen auf und große Hersteller holen das Kleine aus der Schmuddelecke. Außerdem blühen 2009 in der Netbook-Landschaft neue Hardwareplattformen und Funkvernetzung.
Asus konnte das kaum ahnen: Im Juni 2007 zuerst auf der Computex in Taiwan [1] vorgestellt, erwies sich der Eee-PC 701 im Netbook-Massenmarkt als Volltreffer. In Deutschland kam der erste Eee Anfang 2008 wegen Lieferschwierigkeiten verspätet in die Läden. Der Hersteller hatte dennoch eine Welle ausgelöst, die ihn frontal auf der Cebit 2008 erfasste: Heiß begehrt war der kleine Neue sowie sein Nachfolger-Eee 900. Der diensthabende Marketingleiter machte wegen der angespannten Lieferlage ein angespanntes Gesicht, anstatt sich über die heftige Nachfrage zu freuen.
Bekannte und unbekannte Hersteller lieferten sich in den Folgemonaten ein Rennen um die Einführung neuer Netbooks. Die Bezeichnung geht dem Vernehmen nach auf Intel zurück. Der Chiphersteller brachte den neuen Atom-Mobilprozessor ebenfalls im Frühjahr 2008 auf den Markt [2] – und traf bei den neuen Ultramobil-Notebooks ebenfalls ins Schwarze. Die Atom-CPU N270 gilt derzeit als Quasi-Standardausrüstung der Netbooks.
100 Euro pro Akkustunde
Dem Durchschnitt der zurzeit in Deutschland erhältlichen Netbooks entsprechen neben der Atom-CPU drei USB-Anschlüsse, ein VGA-Ausgang, zehn Zoll Bildschirmgröße, UMTS und vier bis fünf Stunden Akkulaufzeit zum Preis von ungefähr 450 Euro. Die meisten Mini-Laptops kommen mit spiegelndem Display. Die Übersicht ist nach Bildschirmgröße sortiert (Tabelle 1).
Mobilfunk mit UMTS oder GPRS integrieren immer mehr Hersteller. Diente in den Anfängen Flash-Speicher als minimalistischer, aber stromsparender und unempfindlicher Festplattenersatz, rotieren in den aktuellen Modellen nun wieder die gewohnten Magnetscheiben. Solid State Drives (SSD) sind zwar vereinzelt im Einsatz, gelten meist aber als zu teuer. So ist etwa Sonys kleiner Vaio P19 mit 128-GByte-SSD erhältlich, jedoch nur auf Anfrage, wie ein Sprecher von Sony dem Linux-Magazin mitteilte. Der Preisunterschied zur Festplattenvariante beläuft sich auf schmerzliche 500 Euro.
Eine Kombination bietet MSI an und möchte mit gekoppeltem SSD und HDD bis zu 13 Stunden Akkulaufzeit herausschlagen. Dieser vielversprechende Dauerlauf hat ebenfalls seinen Preis, mit fast 600 Euro liegt das MSI U115 Hybrid am oberen Rand der aktuellen Netbook-Preisliste.
WLAN-Adapter der Hersteller Ralink, Atheros, Intel oder Broadcom enthalten fast alle Geräte. Für diese WLAN-Chips gibt es im Prinzip Linux-Treiber. Kaum ein Hersteller rückt aber mit der Information heraus, welches konkrete Modell er einsetzt. Ein Testlauf vor dem Kauf mit einer gängigen Live-CD oder einem Live-Stick mit Linux bietet sich an.
Microsoft überall
Neben Intel suchte zu Beginn des Hype eilig ein weiterer Teilnehmer Anschluss an das Netbook-Geschehen: Wählten anfangs die Hersteller das Geld und Systemressourcen sparende Linux, gilt inzwischen Microsofts Windows XP als Standard-Betriebssystem. Dazu mag beigetragen haben, dass der Softwarekonzern dem Kostenargument für Linux eine klare Kampfansage entgegensetzte [3]: Hersteller sollten einen Rabatt von 10 US-Dollar pro Gerät auf ein vorinstalliertes Windows XP erhalten, wenn das Gerät 1 GByte RAM und 10 Zoll für den Bildschirm nicht überschreitet.
Mit diesem versilberten Ausstattungsdeckel versuchte Microsoft zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen will der Softwarekonzern verhindern, dass hochwertige Kleinstnotebooks dem ohnehin zäh gestarteten Windows Vista den Markt zusätzlich verderben – Vista erwies sich schlicht als zu Ressourcen-fressend für die kleinen Geräte. Zum anderen lockt der Rabatt die Hersteller von Linux weg.
Zuletzt erneuerte Microsoft auf einem OEM-Treffen im März [4] seine Kuschelangebote und stimmte die Hersteller schon mal auf den Nachfolger von Vista ein, Windows 7. Der Erscheinungstermin der “7” ist noch ungewiss. Bei der Cebit 2009 aber tummelte sich bei Asus auch von Microsoft entsandtes Standpersonal, das ein recht fließend werkelndes Windows 7 auf Netbooks zeigte und unumwunden zugab, dass Ähnliches mit Vista nicht denkbar gewesen wäre.
Fast alle Netbooks zeigen dem Nutzer derzeit ein XP-Gesicht, was sich auf dem kleinen Display nicht besonders gut macht. Für die Eee-PC-Reihe hat Asus daher die Oberfläche angepasst. Für Linux ist das auch eine Chance, wieder Boden gutzumachen: Es gibt bereits einige angepasste Benutzeroberflächen, zum Beispiel von Canonical für HP und Dell oder von Linpus für Acer (siehe auch folgenden Artikel).
Darf’s ein wenig mehr sein?
Derzeit tendieren Herstellern dazu, die Grenzen der Netbooks auszuloten, die da heißen günstig und schwachbrüstig sowie teuer und leistungsfähig auf der anderen Seite. Anbieter wie Sony wollen ihr Gerät nicht mehr Netbook nennen, erobern aber die 8- und 11-Zoll-Region, also die untere und obere Markierung dessen, was von der Größe her landläufig als Netbook durchgeht. Selbst die Ein-Zoll-Grauzone, die dann noch zum Notebook bleibt, ist den Herstellern eine Füllung wert: Hewlett-Packard hat ein 12-Zoll-Ultraportable vorgestellt, das mit einer AMD-CPU ausgestattet ist (Athlon Neo MV-40). Die CPU liegt preislich unter den Intel-Chips, gilt aber als weniger stromsparend.
Im Gegensatz zur ursprünglichen Netbook-Idee des günstigen mobilen Zweitgeräts gibt Sony für das Vaio TT den Slogan “Mobilität ohne Kompromisse” aus: 11-Zoll-Bildschirm, Dualcore-Prozessor, DVD-Laufwerk und ein Preis von 1500 Euro sind die Merkmale dieser Kompromisslosigkeit. Mit Bluray-Disc-Laufwerk konfiguriert kostet es in der maximalen Ausbaustufe stolze 2600 Euro.
Dass Netbooks bislang aus Energie- und Platzgründen auf DVD-Laufwerke verzichteten, ist also nicht mehr selbstverständlich. Asus selbst bricht gerade ebenfalls mit diesem Brauch: Noch nicht auf dem Markt, aber seit Ende März angekündigt ist der Eee-PC 1004DN, der in seiner 1,5 Kilogramm schweren Hardware einen 10-Zoll-Bildschirm und ein DVD-Laufwerk unterbringen soll.
Wer angesichts des Vaio TT nur noch rufen kann “Das ist doch kein Netbook mehr”, der lässt sich vielleicht mit dem kleinen Bruder P (für portable) von verschwimmenden Grenzen überzeugen. Der neueste Atom-Prozessor paart sich hier mit ziemlich hoher Auflösung, dem vollen Mobilfunk-Programm, neun Stunden Akkulaufzeit (Herstellerangabe) und kaum 700 Gramm. Dafür darf man sich für seine 1000 Euro 15 Zeichen auf das neue Edelteil gravieren lassen – dies dann ohne weiteren Aufpreis.
Das Image “schick” statt “billig” machen sich auch andere Hersteller zu Nutze. Das neue Inspiron Mini 10 von Dell, das es in Kürze auch wieder mit Linux geben soll, setzt in einer Spezialversion ebenso auf Eyecandy wie die Designer-Ausgabe des Mini 1000 von HP (Abbildung 1). Man will damit neue Zielgruppen erschließen, die sich den Spaß etwas kosten lassen: Bis zu 600 Euro dürfen es im Fall HP schon sein, auch wenn die Ausstattung zum Beispiel mit fehlender UMTS-Unterstützung schon fast unterhalb des aktuellen Durchschnitts liegt. Dafür gibt es eine bestickte Notebook-Schutzhülle und einen Desktop-Hintergrund im Vivienne-Tam-Design, der Windows XP aufwertet oder dies zumindest versucht.

Abbildung 1: Hersteller verlängern den Trend der kleinen Geräte in den Massenmarkt, indem sie Fußballfans und Selbstdarsteller anvisieren: Lenovo mit dem VfB Stuttgart (links), Dell mit psychedelischen Linien (Mitte) und HP mit der Designer-Edition von Vivienne Tam (rechts).
Zukunftsmusik
Verbauten Mininotebook-Hersteller wie Asus und HP anfangs noch M-Celerons und Via-Prozessoren, ist Intels Atom heute Quasi-Standard. Der aktuelle Atom Z520/30 ist folgerichtig ebenfalls bereits in mehreren neuen Geräten verbaut. Künftig wird es aller Voraussicht nach mehr Netbooks mit ARM-CPU geben, und die Vielfalt der Intel-CPUs dürftemit der Pineview-Serie zunehmen. Den Nachfolger des Atom-Prozessors hat Intel für 2009 oder 2010 angekündigt. Gründe für zunehmenden Plattform-Wettbewerb sind günstigere Preise und weniger Stromverbrauch, also bessere Akkulaufzeiten. Bislang müssen Hersteller die Kosten für lange Stromnetz-Abstinenz (mehr als vier Stunden) auf den Käufer umlegen, indem sie Akkus mit mehr Zellen verbauen.
Eine Via-CPU findet sich in keinem einzigen der aktuellen Netbooks. Seit Ende 2008 ist Via jedoch zurück in der Arena: Der Chiphersteller kündigte die eigene Mobil-Plattform Trinity an, auf der ein Via Nano sitzt. Aber auch das Halbleiter-Unternehmen Freescale hat auf dem Mobil-Kongress in Barcelona im Februar ein Referenz-Netbook mit Ubuntu vorgestellt: Sein Ein-Chip-System I.MX515 integriert die Embedded-CPU ARM Cortex A8. Die Linux-Firma Xandros bändelt ebenfalls mit der neuen Netbook-Plattform von Freescale an.
Das Unternehmen kündigte neben dem MX515 auch Adaptionsvorhaben für die Snapdragon-Plattform von Qualcomm [6] an. Und noch jemand mischt mit: Google. Android wandert gerade in Zusammenarbeit von Wind River und Qualcomm auf den Snapdragon-Chip, der mit erweiterten Grafik- und Mobilfunkfähigkeiten nicht nur auf mobile Internet-Devices zielt, sondern auch auf Netbooks. An diesem Projekt beteiligen sich diverse Mitglieder der Android-Arbeitsgemeinschaft Open Handset Alliance [7], unter anderem Asus, Acer, Samsung, LG und Toshiba. Qualcomm äußerte gegenüber dem Linux-Magazin, dass derzeit 15 Hersteller an rund 30 Produkten arbeiten.
Android und Moblin
Android auf Netbooks ist zumindest für Wind River ein heißer Trend. Kein Wunder, das Linux-Softwarehaus wittert gute Aufträge. HP ist bei den rund 50 Mitgliedern der Open Handset Alliance (noch) nicht zu finden, trotzdem streitet der PC-Marktführer die Android-Option zumindest nicht ab: “HP prüft kontinuierlich alle OS-Möglichkeiten auf dem Markt. Bezüglich Android versuchen wir derzeit dessen Fähigkeiten, also welchen Mehrwert es für die Computer- und Kommunikationsindustrie hat, einzuschätzen”, so eine Sprecherin zum Linux-Magazin.
Der zuständige Manager für Mobilgeräte bei Wind River, Jason Whitmire, brachte gegenüber dem Linux-Magazin sogar Motorola ins Spiel. “Plötzlich fangen alle an, Netbooks zu entwickeln”, freut er sich. Whitmire sieht in der kommenden Jahreshälfte eine zweite Netbook-Welle heranrollen – dieses Mal mit mehr Auswahl unter der Haube. Denn während sich die Hersteller mit Snapdragon, Freescale und Android zu beschäftigen beginnen, werkelt Intel am neuen Mobil-Chipsatz Moorestown in 45-Nanometer-Fertigung und bringt den Atom-Nachfolger Pineview auf Trab.
Jason Whitmire verrät auch, dass Wind River im Auftrag Intels das Mobil-Linux Moblin [8] verbessert. Moblin entstand unter Beteiligung Intels und ist erst kürzlich unter das Dach der Linux Foundation gewandert. Die neue mobile Intel-Generation dürfte besonders gut unterstützt sein. Von AMD ist in Sachen Netbook-Chips nichts Wesentliches zu hören, abgesehen vom Athlon Neo, auch ein Mac Mini ist bislang wenig mehr als ein Raunen im Walde. (uba)
|
Tabelle 1: Netbooks |
|---|
|
Infos |
|---|
|
[1] Archetyp Eee-PC 701 im Juni 2007: [https://www.linux-magazin.de/news/guenstiges_asus_notebook_macht_olpc_konkurrenz] [2] Neue Mobilprozessorserie Atom im März 2008: [https://www.linux-magazin.de/news/cebit_2008_frische_chips_von_intel] [3] Verbilligtes Windows XP für Netbooks ab Mai 2008:[https://www.linux-magazin.de/news/windows_xp_zum_kampfpreis_fuer_mini_pcs] [4] Bericht über Microsofts OEM-Treffen: [http://www.techradar.com/news/software/operating-systems/windows-7-to-usher-in-the-200-netbook-age-588758] [5] Freescales ARM-Plattform MX515:[http://www.freescale.com/webapp/sps/site/prod_summary.jsp?code=i.MX515] [6] Qualcomms ARM-Plattform Snapdragon: [http://www.qctconnect.com/products/snapdragon.html] [7] Open Handset Alliance um Android: [http://www.openhandsetalliance.com] [8] Moblin-Projekt: [http://moblin.org] |







