Es wäre naiv zu glauben, Entscheidungen, welches Betriebssystem zum Einsatz kommt, würden allein auf Grundlage harter, technischer Fakten getroffen. Mitnichten. Viele OSS-Fans pflegen und kultivieren das sympathische Underdog-Image. Das Linux-Magazin fragt bei Admins nach.
Microsofts Marketingabteilung wird es nicht gerne hören: Der Konzern hat einen schlechten Ruf. Alle technischen, monetären oder strategischen Pro- und Contra-Argumente einmal beiseite geschoben, gibt es bei vielen Anwendern Vorbehalte gegenüber Auftreten, Strategie und den vermuteten Zielen des Softwareanbieters. Abfällige Äußerungen wie Steve Ballmers Einschätzung von 2001, dass Linux ein “Krebsgeschwür” sei, bleiben bei vielen auch nach Jahren im Gedächtnis haften. Da hilft es auch nicht viel, dass Microsofts Manager für “Open Source Strategy”, Bryan Kirschner, auf Konferenzen wie der OSMB beteuert, dass sein Unternehmen mittlerweile anders denke. Das Misstrauen sitzt tief.
“Sicher, seit die Zapfsäule einen grünen Anstrich hat, fährt mein Auto ja auch total abgasfrei”, stichelt Stefan Schmiedl, ein selbstständiger Berater aus Cham, wenig überzeugt. Jens Bachem, Entwickler aus Köln, meint: “Was Microsoft erklärt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Ich traue denen grundsätzlich nicht, aber bin glücklicherweise auch nicht auf ihre Produkte angewiesen.”
Besonders die Monopolstellung des Softwareriesen erregt die Anwender: “Selbst Microsoft kann die Augen nicht dauerhaft vor Open Source verschließen, zumal das Unternehmen ja gerichtlich gezwungen wurde zu akzeptieren, dass es noch etwas jenseits ihres Monopols gibt. Die Frage ist, ob sich die Handlungsweise von Microsoft durch diese Erkenntnis ändert”, formuliert Timm Essigke, Wissenschaftler an der Universität Bayreuth, seine Bedenken.
Geld spielt schon eine Rolle
Selbst wenn einige intellektuelle Vordenker der Freie-Software-Bewegung es lieber nicht wahrhaben möchten und gerne ihre moralischen Gründe Freiheit und Offenheit in den Vordergrund stellen, gehen viele Anwender pragmatischer mit den Vorzügen um. So denkt Andreas Jellinghaus, Smartcard-Experte aus München: “Wer neue Software sucht, der schaut sich Vorzüge und Preis an. Microsoft schafft es nicht so recht, die vielen Features, die Open Source nicht hat, in Kaufargumente umzusetzen, weil viele Leute ohne sie leben können.”
Tiefes Misstrauen
Mögen die Werbeabteilungen aus Redmond noch so viele “Get the facts”-Anzeigenkampagnen schalten, viele Anwender bleiben skeptisch: “Es gab schon in der Vergangenheit Aussagen und Aktionen, welche die Öffnung von Microsoft in Richtung Open Source belegen sollten. Bisher waren die meisten Aktionen Marketing-Gags oder wirkungslos”, schätzt Wolfgang Friebel von einem Forschungszentrum in der Nähe von Berlin die Wahrhaftigkeit und Nachhaltigkeit des Softwarehauses ein.
Gerade das Marketing hat bei Admins einen schweren Stand: “Die Firma ist, wie jede andere auch, auf Gewinn ausgerichtet. Daher sind ihre Aussagen, wenn überhaupt, nur bedingt glaubwürdig. Sie dienen ausschließlich der Beschwichtigung von Kunden, damit diese keine anderen Ideen haben. Sie sind insbesondere nicht darauf ausgelegt, wirklich andere Wege zu betreten” meint der Kölner Unternehmer Johannes Hubertz.
Doch woher kommt der ganze Unwille, einen großen Anbieter wahre Motive zu unterstellen – immerhin arbeiten dort viele Tausend hoch qualifizierte Entwickler, die ihrem Arbeitgeber glänzende Zufriedenheitswerte ausstellen? An einer fundamentalistischen Einstellung der Anwender kann das eigentlich nicht liegen. Denn viele betonen, dass sie die Funktionalität von Software über deren Lizenz stellen: “Für mich ist wichtig, dass Software tut, was ich von ihr erwarte. Bei einer freien Lizenz bin ich aber leichter bereit, meine Erwartungen an die Software anzupassen, wenn es nicht anderes geht”, sagt Viktor Gotwig, ein Webentwickler aus Köln.
Das darf dann durchaus etwas kosten: “Es gibt Killertools, zu denen es leider kein adäquates Open-Source-Pendant gibt. Im Zweifel zahle ich dafür und würde nicht-freie Tools einsetzen. Ich bin aber weiterhin an offenen und flexibleren Lösungen interessiert. Die Lizenz ist für mich wichtig, weil sich aus der Verfügbarkeit des Quellcodes funktionale Offenheit ergibt. So lässt sich Software erweitern, bleibt flexibel und hat klare Schnittstellen”, erklärt Stefan Neufeind, Internet-Provider aus Neuss, seine Motive.
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Meinungsbild |
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Das Linux-Magazin hat Systemadministratoren, Berater und Softwareentwickler auf mehreren Mailinglisten um ihre Meinung zu freier und proprietärer Software gebeten. Die Antworten geben einen Querschnitt über das Denken dieser Anwender, aber sind nicht repräsentativ für die komplette IT-Branche. |
Maßvolles Miteinander
Dies gilt besonders im professionellen Umfeld, wie Stephan Austermühle, Unix-Berater aus Kreuztal, betont: “Ich verwende sowohl in meinem Unternehmen als auch bei meinen Kunden die Software, mit der ich ein Problem am besten lösen kann. Auf eine stupide Ablehnung von quelloffenen oder kommerziellen Programmen treffe ich kaum noch. Häufig kommt zur Lösung einer bestimmten Aufgabe Software beider Gattungen zum Einsatz. Das Betriebssystem spielt dabei nur noch eine Nebenrolle – heute sind viele Anwendungen heterogen.”
Privat hingegen gewinnt die Lizenzfrage an Bedeutung: “Ich kann mit kleinen Unannehmlichkeiten leben oder sie selber fixen, wenn die Software frei ist”, meint Thomas Koch, Web-Dienstleister aus Kreuzlingen in der Schweiz. Dazu ergänzt Christoph Jeschke, Softwareentwickler für die Messe München: “Software soll schnell und ohne Fehler sein. Eine freie Lizenz ist dabei ein Goodie, ermöglicht sie doch meist, dass man selbst oder andere an der Fehlerbeseitigung arbeiten können.”
Zufrieden und bekannt
Ein anderer nach technischen Maßstäben schwer messbarer Faktor ist die Zufriedenheit von Benutzern. Hier zeigte eine Studie des Systemhauses Wilken und dem Heise-Verlag, dass Anwender freier Software glücklicher mit ihren Systemen sind als solche, die proprietäre Produkte einsetzen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Anwender sind mehrheitlich mit Open Source zufriedener als Benutzer proprietärer Lösungen. (Bild: © Quelle: Wilken/Heise Open)
Noch ein Aspekt ist der Gewöhnungseffekt, der sich einstellt, wenn Nutzer lange mit einer Software arbeiten. Häufig ist das Windows. Felix Pfefferkorn, technischer Ausbildungsleiter eines Internet-Dienstleisters bei Karlsruhe, hingegen erlebt dies andersherum: “Ich benutze Linux, weil ich es gewohnt bin. Mit Open Office beispielsweise bekomme ich in meinem Arbeitsumfeld mehr Dokumenttypen auf.”
Die befragten Anwender gaben sich durchaus abwägend und pragmatisch, dazu fokussiert und unternehmerisch denkend – Softskills aus dem Buche.





