Aus Linux-Magazin 03/2009

Auf Verlangen

Es kriselt nicht mehr, es krist. Jeden Tag Meldungen, die den Vornamen "Horror" tragen und die wir den Zauberlehrlingen aus der US-Immobilienwirtschaft zu verdanken haben. So will der Chiphersteller AMD 1100 Stellen abbauen. Konkurrent Intel hat im Schlussquartal 2008 rund 90 Prozent seines Nettogewinns eingebüßt. Intel-Kunden reduzieren ihre Lagerbestände und kämpfen selbst mit Auftragsverlusten.

Nicht anders schaut’s im Internet aus: Yahoo baut 10 Prozent Personal ab, vor allem Programmierer. Google stampft einen Teil seiner Softwareprojekte ein und hebt die Regel auf, nach der sich Mitarbeiter einen Tag in der Woche um eigene Projekte kümmern konnten. Durch eine Mitteilung an die US-Börsenaufsicht wurde bekannt, dass die Firma, die letztes Jahr schätzungsweise 20 Milliarden Dollar umgesetzt hat, die Zahl ihrer Vertragsangestellten und Praktikanten Ende November von rund 10 000 auf 4 300 verkürzt hat. Tim O’Reilly, Erfinder des Begriffs Web 2.0, twittert: „Wenn sich Google für schwere Zeiten wappnen muss, ist die Party wirklich vorbei.“ Das ist der Trend, und er ist global gültig.
Wenn ein Viertel aller IT-Firmen zehn Prozent ihrer „überflüssigen“ Angestellten „freistellen“, ist das in der Arbeitslosenstatistik kaum spürbar. Das liegt auch daran, dass ein Teil der Leute bei anderen Arbeitgebern unterkommt. (Wenn auch selten zum gleichen Gehalt.) Andererseits bleiben neben dem verschüchterten Restpersonal in den Fire-Firmen auch ein paar Fragen zurück, beispielsweise: Warum haben die Betriebe überhaupt erst zehn Prozent mehr Menschen eingestellt als sie brauchen? Zum Abarbeiten der vielen künftigen, zusätzlichen Aufträge, die nun vielleicht nicht kommen? Wäre dem so, müsste der Arbeitsalltag im letzten Jahr dort sehr beschaulich gewesen sein. Schwer zu glauben.
Zweite Frage: Was macht eigentlich der Fachkräftemangel? Wer sich erinnern mag: Noch vor einem halben Jahr – da waren übrigens die US-Immobilienkredite auch schon faul – lamentierte die Wirtschaft über Aufträge, die sie nicht abarbeiten könne, wegen hunderttausender fehlender Informatiker, Programmierer oder Biotechnologen. Mal angenommen, diese Spezialisten wären Absolventen-busseweise aus dem Nichts in die Betriebe gekarrt worden – was täten die heute? Ihre kurzen Lebensläufe in Bewerbungsmappen heften.
Das leitet zur letzten Frage über: Wie wirkt sich die allgemeine Arbeitskraft-On-Demand-Einstellung aufs Klima aus? Bei einem Arbeitgeber-Roundtable der Zeitung FTD unter dem programmatischen Titel „Mitarbeiter gewinnen ist Chefsache“ antwortet Xing-Gründer Lars Hinrichs auf die Frage, was er von Erfolgsbeteiligungen halte: „Wir haben für alle Mitarbeiter unterhalb von Vorstand und zweiter Führungsebene den Bonus komplett abgeschafft. Wir zahlen einen Marktlohn. Wer etwas leistet, darf bleiben, wer das nicht tut, dem hilft auch kein Bonus.“ So erfahren wir wenigstens, wie das ist, bei einem „sozialen Netzwerk“ zu arbeiten. Arbeit geben ist seliger denn nehmen.
Vielleicht sorgt die Demographie für die späte Gerechtigkeit: In 20 Jahren wird ein Arbeitskräftemangel herrschen – Stichwort: „Pillenknick und Rentnerschwemme“. Sollte es neben einer Schwarmintelligenz auch ein kollektives Erinnerungsvermögen geben, dann bekommen 2029 die AMDs, Intels, Yahoos, Googles und Xings dieser Welt die Quittung. Dann spielen die wenigen Bewerber das Spiel Arbeitgeber-On-Demand.

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