Virtualisierung ist ein Hype-Thema, so wundert es nicht, dass sich auch die Buchverlage darauf stürzen. Zwei aktuelle Neuerscheinungen wenden sich Xen zu, dem Pionier der Linux-Virtualisierung. Während sich die erste an einer umfassenden Einordnung versucht, bietet die zweite Lösungen auf Rezept
Eine Bemerkung vorweg: Zugegeben subjektiv und von mir aus auch ein bisschen polemisch – ein Fachbuch ist kein Glückskeks. Deshalb finde ich die Marotte eher irritierend, den Kapiteln wie in Marcus Fischers Xen-Handbuch Stammbuchverse voranzustellen. Allerdings beweist gerade dieser Fall, dass selbst Konfuzius und Konsorten nicht völlig wehrlos sind, wenn man ihre Einlassungen als Motto für Konfigurationsanleitungen missbraucht: Sprachpatzer und stilistische Stolperer fallen im Anschluss nämlich umso unvorteilhafter auf.
Xen-Handbuch
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Xen. Das umfassende Handbuch Galileo Press, Bonn 2009 547 Seiten, 39,90 Euro ISBN 978-3-8362-1118-5 |
Wahrscheinlich sind es denn auch eher überlesene sprachliche Mängel als Wissenslücken, die einen schon in der Einleitung häufig stutzen lassen. Etwa: “Bei einem 32-Bit-System verschiebt der Hypervisor den Kernel aus Ring 0 in Ring 1. … Die virtuellen Gastmaschinen des Systems operieren im Ring 1 …” Was läuft dort also: der Kernel (des Gastes?, des Wirts?) oder das komplette Gast-Betriebssystem? Wer sich als Leser die Frage nicht selbst beantworten kann, den beschleicht womöglich Verunsicherung.
Oder: Der so genannte Supervisor des Großrechners Atlas Ende der 60er Jahre wird als Vorläufer des Hypervisors eingeführt, obwohl er viel eher ein Vorläufer des Kernels war. Und zur Erklärung der Bezeichnung liest man: “Supervision ist ein psychologischer Begriff und beschreibt die von einem Supervisor gesteuerte Reflexion über das eigene Handeln.” Supervision ist aber zuerst einmal ein englischer Begriff und die Ingenieure beschrieben die Funktion der Komponente in ihrer Muttersprache damit lediglich als “Aufsicht, Kontrolle, Leitung” – irgendwelche Anspielungen auf das Seelenleben ihres Rechendinos waren ihnen durchaus fremd.
Liest man über etliche derartige Schnitzer hinweg, bleibt ein plausibel gegliedertes Buch über die Grundlagen der Virtualisierung und Xen, das am ehesten in seinem Praxisteil überzeugen kann. Zahlreiche Beispiele illustrieren alle Schritte von der Xen-Installation, dem Einrichten der Gastsysteme bis zur Migration laufender virtueller Maschinen. Die nötigen theoretischen Erklärungen werden mitgeliefert, sodass man dem Buch auch ohne einschlägige Vorkenntnisse folgen kann.
Die Linux-Beispiele beziehen sich praktisch ausnahmslos auf Ubuntu, über das der Autor auch bereits Bücher geschrieben hat. Dadurch profitieren die Verweise möglicherweise von seinem Spezialwissen, ergeben aber kein repräsentatives Bild für die Vielfalt der Distributionen.
Ein eigenes Kapitel behandelt KVM, zur Begründung führt der Autor an, es sei “sehr gelungen”. Allerdings rechnet es die abschließende FAQ im Widerspruch dazu (Abschnitt 14.1.5) erstaunlicherweise nicht zu den Xen-Alternativen. So wird nicht ganz klar, was die Auswahl der Virtualisierungslösungen motiviert hat, auf die der Autor näher eingeht.
Xen nach Rezept
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Xen-Kochbuch O\’Reilly, 2009 488 Seiten, 39,90 Euro ISBN: 978-3897217294 |
Die Materie ist komplex und der herrschende Begriffswirrwarr macht es nicht leichter. So können etwa Voll-, Komplett-, Hardware-, Full- oder Hardware-unterstütze Virtualisierung dasselbe meinen – oder auch nicht, wenn man etwa Vollvirtualisierung mit und ohne Support durch Hardware unterscheidet. Das “Xen-Kochbuch” von Hans-Joachim Picht umgeht die Stolperstellen, indem es sich gar nicht lange mit der Theorie aufhält. Sein Leser wird ohnehin weniger Grundsatzdiskussionen, sondern handfeste Tipps zum Nachbauen suchen.
Und er wird fündig. Das Buch konzentriert sich auf die Praxis und beschreibt typische Problemstellungen von Backup bis Migration zusammen mit passenden Lösungen. Dabei überlappen sich die Erläuterungen zwar zuweilen mit allgemeinen Fragestellungen der Systemadministration, aber so ist zumindest das meiste dessen an einem Platz versammelt, was der Xen-Administrator wissen muss. Den einzelnen Rezepten kommt dabei fraglos zugute, dass der Autor als Trainer und Consultant sie nicht nur in der Versuchsküche selbst zubereitet hat. So brennt auch beim Leser nichts an, der von dieser Erfahrung profitiert und Fallstricke umgehen kann.







