Aus Linux-Magazin 02/2009

Video-Plugins, 3D-Grafik und Audio-APIs versprechen ein lautes Multimediajahr

© Nmedia, Fotolia.com

Die Partnerschaft war schon in der Vergangenheit nicht immer glücklich und so geht sie auch sorgenvoll, wenn auch nicht ohne Hoffnung, ins neue Jahr. Dass sich an den Multimediafähigkeiten der meisten Linux-Systeme wenig zum besseren gewendet hat, überrascht nicht, ist das doch meist der lizenzrechtlichen Lage in Sachen MP3, Mpeg und DVDs geschuldet. Auch sonst ist Multimedia, man muss es ganz offen sagen, ein Stiefkind der Linux-Familie. Seine Stärken zeigt Linux auf dem Server, darin fließt die meiste Entwicklungsarbeit – gerade der bezahlten Entwickler.

Dennoch bessert sich die Lage, APIs stabilisieren sich, die Software enthält im Lauf der Zeit (hoffentlich) weniger Bugs. Es ist durchaus möglich, mit Linux eine Videostreaming-Plattform zu betreiben, beim Videoschnitt wird es schon schwieriger. Dieser Artikel gibt einen Überblick über kommende und aktuelle 3D-, Video-, und Audio-Technologien.

Mindestens zwei Wünsche der Linux-Community gingen letztes Jahr noch in Erfüllung: Das Flash-Plugin für den Linux-Browser zog mit der Version für Windows gleich. Seit November liegt die Flash-Version 10 für beide Plattformen vor. Allerdings nur dann, wenn es um das gewohnte PC-Linux geht. Linux-Anwender auf ARM-Plattformen wie beispielsweise Internet-Tables müssen sich mit der Version 7 begnügen oder ganz darauf verzichten.

Endlich gibt es auch die von vielen Anwendern herbeigesehnte 64-Bit-Version, zumindest als Alpha. Hier dürfte das Jahr 2009 ein etwas stabileres Flash-Plugin bescheren. Mike Melanson, Linux-Flash-Entwickler bei Adobe, bedauerte jedenfalls scherzhaft den künftigen Wegfall der Hunderte von Kommentaren, die bei jedem Blog-Eintrag üblicherweise fordern: “64-BIT NOW!!!1!!” [1].

Video im Browser

Auch wer Flash abgrundtief hasst, darf sich 2009 auf bewegte Bilder im Browser freuen. Schon gibt es die ersten Betaversionen von Firefox 3.1, der von Haus aus eingebettete Videos über das »<video>«-Tag unterstützt [2]. Zunächst einmal lässt die Spezifikation von HTML 5 noch offen, welches Codec-Format damit gemeint ist. Im Rahmen der Spezifikation scheiterte die Festlegung auf Ogg/Theora an der Intervention von Nokia und Apple.

Trotz dieser Tatsache implementieren die Firefox-Entwickler aber beim Video-Tag genau dieses Format, das sich also mit Firefox 3.1 ohne zusätzliche Plugins abspielen lässt. Auch die Entwicklung des freien Flash-Plugins Gnash geht voran, wenn auch etwas schleppend. Immerhin hat Gnash mittlerweile ein großes Ziel von Flash-Anwendern erreicht: Es kann Youtube-Videos abspielen. Eine Geldsammelaktion soll dem Projekt weiter auf die Sprünge helfen [3].

Freie Codecs nach vorn

Das Jahr 2008 hat Video-Anwendern auch die lange erwartete Theora-Version 1.0 [4] beschert, die für die fällige Konsolidierung der etwas zerstreuten Ogg/Theora-Welt sorgen soll: Eine Vielzahl von Tools – von Oggenc über die Oggztools und die Oggvideotools bis zu Ffmpeg – sorgt bislang für Videodateien, die zwar nominell dem Format entsprechen, aber sich nicht unbedingt von jedem anderen Tool verarbeiten lassen. Details dazu verrät ein Thread auf der Ogg-Dev-Liste vom November und Dezember 2008 [5].

Ein weiterer hoffnungsvoller Kandidat ist der von der britischen BBC entwickelte freie Codec Dirac [6]. Ausgangspunkt war der Wunsch nach einem patentfreien Codec, den die BBC – mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet – schließlich auch Realität werden ließ. Im September 2008 haben die Entwickler die endgültige Version 1.0 von Spezifikation und Implementierung vorgelegt. Bisher gibt es noch nicht sehr viele Filme im Dirac-Format. Es wird sich zeigen, ob der Codec im Jahr 2009 mehr Anwender findet.

Ansonsten bleibt dem Linux-Video-Anwender der hochwertige H.264-Codec, der zwar lizenzrechtlich problematisch ist, von dem es aber zusätzlich die freie Implementierung X.264 gibt.

Dauerbrenner OpenGL

Im Bereich 3D-Grafik setzt Linux vor allem auf OpenGL. Moderne Grafikkarten unterstützen so genannte Shader, mit denen Entwickler in der OpenGL Shading Language (GLSL) kleine Programme schreiben, die die Oberflächen der gerenderten Objekte realistischer erscheinen lassen – oder auch surrealer, je nach Vorliebe. Auch bei OpenGL gab es 2008 einen Versionssprung auf 3.0. Bisher hat nur Nvidia den Standard beinahe vollständig implementiert. Intel und ATI/AMD lassen noch auf sich warten. Vielleicht geben sich die anderen Hersteller auch zögerlich, denn viele sehen OpenGL 3.0 nicht unbedingt als großen Wurf an, gerade im Vergleich mit Direct-X 11. Auch die zähen Verbindungen der Khronos Group, die die Spezifikation pflegt, zur Community gelten als wenig förderlich für die Akzeptanz von OpenGL 3.0.

Interessant wird sicherlich die Entwicklung von OpenGL ES für Embedded-Systeme [7] vom Handy über das Internet-Tablet bis zur Handheld-Spielkonsole Open Pandora, die 2009 auf den Markt kommen sollen (Abbildung 1). 2000 Vorbestellungen gingen beim Hersteller innerhalb weniger Stunden ein [8].

Abbildung 1: Die Handheld-Spielkonsole Open Pandora soll 2009 auf den Markt kommen und mit Linux laufen.

Abbildung 1: Die Handheld-Spielkonsole Open Pandora soll 2009 auf den Markt kommen und mit Linux laufen.

Ewige Baustelle: Audio

Trotz der angesprochenen Konzentration auf Servertechnologien beschäftigt jeder große Linux-Hersteller auch ein paar Multimedia-Programmierer, die sich etwa um besseren Sound auf dem Desktop kümmern. Einer von ihnen ist Lennart Poettering von Red Hat, der vor Kurzem auf der Linux Plumbers Conference den Zustand von Linux-Audio als “mess” (riesiges Durcheinander) bezeichnet hat. Er ist Autor des neuen Sound-Daemon Pulseaudio, der mittlerweile in den meisten Distributionen standardmäßig läuft. Zunächst hat er dem “mess” noch ein Stück hinzugefügt, hofft aber langfristig mit der Unordnung aufzuräumen.

Im professionellen Linux-Audio-Feld hat sich aber längst der Audioserver Jack etabliert, der im Echtzeitmodus die nötigen niedrigen Latenzzeiten bringt. Es gibt auch ein Pulseaudio-Plugin, um sich mit Jack zu verbinden, aber da wird die Situation für den durchschnittlichen Anwender, selbst den Server-Admin, schon unübersichtlich. Darunter liegt die Alsa-Soundschicht, die selbst eine Vielzahl virtueller Devices anlegt. Für Programmierer gibt [9] einen guten Überblick der verschiedenen Sound-APIs.

Wer wirklich professionelle Audioprogramme verwenden will, kommt auch im Jahr 2009 nicht um Jack herum. Leider sucht man eine benutzerfreundliche Einbindung des Jack-Servers in aktuellen Distributionen vergebens. Meist muss der Benutzer wegen nötiger Rechte wieder auf den Root-Account ausweichen und gefährdet durch die Anfälligkeit des Realtime-Mode die Systemstabilität.

Eine Alternative dazu gibt es nicht, denn praktisch alle brauchbaren Audioprogramme verwenden heute die Jack-Schnittstelle. So auch das Vorzeigestück Ardour, ein Multitrack-Schnittprogramm, das es in der School of Audio Engineering in einer sonst identischen Version auf den Mac geschafft hat. Warum die Schule eine offensichtlich geeignete Software auf einem anderen als dem Entwicklungssystem einsetzt, muss offen bleiben.

Weil Lennart Poettering immer noch unzufrieden mit dem aktuellen Zustand von Linux-Audio ist, entwickelt er fleißig weiter Ideen, so sein Konzept des “glitch-free”, also aussetzerfreien Pulseaudio-Servers [10]. Erster Code ist bereits im Subversion-Repository zu besichtigen. Hoffentlich hat Poettering mit seiner Mission Erfolg, sonst steht irgendwann doch noch ein komplettes Rewrite des Alsa-Subsystems an. Denn aussetzerfreier Sound ist mit Linux auch 2009 nicht selbstverständlich. (O. Frommel)

Infos

[1] Blog von Mike Melanson: [http://blogs.adobe.com/penguin.swf]

[2] Firefox 3.1 Beta 2: [https://www.linux-magazin.de/news/firefox_3_1_beta_2_demonstriert_neue_features]

[3] Hilfe für Gnash: [http://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/LinuxFund.org-sammelt-Geld-fuer-Gnash-Player]

[4] Theora 1.0: [http://www.xiph.org/press/2008/theora-release-1.0]

[5] Probleme mit Ogg/Theora-Files: [http://lists.xiph.org/pipermail/ogg-dev/2008-November/001244.html]

[6] Dirac: [http://diracvideo.org]

[7] OpenGL ES: [http://www.khronos.org/opengles]

[8] Open Pandora: [http://openpandora.org]

[9] Sound-APIs: [http://0pointer.de/blog/projects/guide-to-sound-apis.html]

[10] Glitch-free Audio: [http://0pointer.de/blog/projects/pulse-glitch-free.html]

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