Aus Linux-Magazin 02/2009

Xen, VMware, Virtuozzo und KVM wetteifern um den Serverraum 2009

© Nmedia, Fotolia.com

Im Rechenzentrum wird über kurz oder lang alles virtuell. Das hat nicht nur die bekannten Effekte bei der Serverkonsolidierung und beim Loadbalancing, sondern ermöglicht darüber hinaus in bisher unbekannter Weise zu automatisieren. Das Datacenter überwacht sich permanent selbst und lagert alleine virtuelle Rechner auf potentere Hosts um, sobald irgendwo ein Engpass entsteht.

Ist der behoben, liegen Kapazitäten brach und fressen nur Strom, deaktiviert die zentrale Steuerung die Systeme selbsttätig. Fällt etwas aus, springen virtuelle Ersatzrechner ein. CPU-Kapazität, Speicher, Netzwerkbandbreite – das alles existiert für den Admin nicht mehr mit physischer Bindung an einzelne Rechner, sondern nur noch in Ressourcen-Pools. Aus ihnen wird er im Vorbeigehen virtuelle Appliances maßschneidern, nutzen, wieder auflösen und neu kombinieren.

So oder so ähnlich klingt es, wenn man Technologie-Enthusiasten oder Produktmanager der großen Virtualisierungslösungen von der Leine lässt und sie von der Zukunft schwärmen. Doch schon Gotthold Ephraim Lessing wusste: “Beide schaden sich selbst: Der zu viel verspricht und der zu viel erwartet.” So stellt sich die Frage, was sich mit freier Software einerseits oder kommerziellen Produkten andererseits alles virtualisieren lässt. Kaum irgendwo liegen die Grenzen zwischen den beiden Lagern so nahe zusammen, dennoch gibt es auch große Unterschiede. VMware etwa bietet viele seiner Produkte auch für die Linux-Plattform an, jedoch längst nicht alle.

Datacenter zentral steuern

Was Linux noch fehlt, ist eine einheitliche Infrastruktur, in der sich virtuelle Maschinen und Werkzeuge wiederfinden. Schnittstellen müssen geschaffen werden, um Snapshots zu versionieren und zu verwalten, um die Herde von virtuellen Kernen per Monitoring im Auge zu behalten und um gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Bislang gibt es hier eher Insellösungen.

Benutzerfreundlichkeit und Verlässlichkeit stehen ebenfalls auf der Wunschliste der Virtualisierungsadmins. Distributoren bemühen sich die Probleme zu überwinden – aber auch nur bezogen auf ihr Einflussgebiet. Red Hat unterstützt »libvirt« und kauft Qumranet, um mit KVN Xen zu ersetzen. Suse macht was Eigenes. Xandros macht was Eigenes.

Auch die großen Serverhersteller kochen ihre Suppen individuell. IBM macht von allem etwas, darunter eigene Hardwarevirtualisierung mit Power- und Cell-Prozessoren, Sun hat seine Container, HP hat sein Virtual Server Environment VSE, SGI versucht KVM zu portieren, hat Xen probiert und arbeitet mit Parallels zusammen.

Diese Vielfalt verwirrt manchen Anwender, ist aber auch ein Zeichen eines gesunden Ökosystems. In ihm hat Linux viele technische Lösungen zu bieten. Auch wenn Entwickler schon viel Technologie implementiert haben, warten sie immer wieder mit Neuerungen auf. Zum Beispiel werkeln die Entwickler an Hardware-seitiger Unterstützung für Virtualisierung in I/O-Komponenten. Die steckt noch in den Kinderschuhen.

Ein SAN macht das zwar vom Prinzip her für Festplattenspeicher, aber selbst hier fehlt wieder die Integration in eine gemeinsame Managementkonsole. Spannend wird, ob die Virtualisierer oder die Storage-Anbieter den größeren Schritt machen. Gerade die Hardwarehersteller von IBM und Sun über HP und SGI planen dem Vernehmen nach einiges.

Knoten elegant auslagern

Eine der großen Fragen für 2009 wird, welche Rolle gemanagte Virtualiserungslösungen mittelfristig spielen – sei es unter dem Namen Cluster oder Cloud Computing. Einige Hersteller sehen darin den großen Trend, Skeptiker befürchten nur einen neuen Werbekniff, der wenig Neues bietet. Admins wären einen Großteil des Aufwands los, den das Einrichten und Betreiben einer Virtualisierungsumgebung bedeutet. Sie pflegen dann nur noch die Gastsysteme. Ob das aber auf Dauer ein Geschäftsmodell für Anbieter und Nutzer ist, muss sich erst zeigen.

Einen Beitrag zu diesem Trend könnten Open-Source-Projekte leisten: Google engagiert sich mit Ganeti, Open Nebula schiebt sich als Schicht zwischen Host- und Gastsysteme, Eucalyptus und Nimbus bieten Management-Schnittstellen, die kompatibel zu Amazon EC2 sind. Der Onlinehändler gilt als Pionier bei der kommerziellen Nutzung solcher Technologien, die 2009 auch mehr externe Anwender nutzen werden.

Admins auf die Schulbank

Nicht nur bei der Technik, sondern auch bei denen, die damit umgehen, tut sich einiges. Reichte es bisher aus, für eine gelegentliche Testinstallation einen virtuellen PC per Mausklick zu erzeugen, so gehört Virtualisierung immer mehr zum Kanon der Admin-Fertigkeiten. Neuerscheinungen, Schulungen und Spezialkonferenzen werfen ihre Schatten voraus.

Admins in diesem Bereich sollten sich anschauen, ob, wo und wie ihnen Virtualisierung hilft Ressourcen zu sparen, Testing vereinfacht und Sicherheit erhöht. Das nennen zumindest Admins als drei der beliebtesten Nutzungsmöglichkeiten. Und es gilt, vorbereitet zu sein: Einige munkeln, dass auch die Blackhats Virtualisierung als Hilfsmittel für ihre lästerlichen Umtriebe entdecken.

Die Distributoren begreifen das Thema immer mehr als integrale Kernkomponente ihrer Produkte. Weil es jedoch nicht für jeden und überall sinnvoll ist und einige Technologien auch nur mit bestimmter Hardware funktionieren, installieren die Anbieter Virtualisierung normalerweise nicht vor. Die populärsten Tools sind aber auf allen aktuellen Versionen der Distributionen verfügbar. Meist sind sie auch mit einem einzelnen Kommando, eventuell noch einem Reboot, zu installieren. Die Ernsthaftigkeit, mit der Anbieter diese Werkzeuge pflegen, wird aber hoffentlich zunehmen.

Gewinner und Verlierer

Trotz großer Vielfalt in der technischen Konzeption ist gegenwärtig nicht abzusehen, dass eine der großen Techniken verschwinden wird. Xen war eine Virtualisierungslösung der ersten Stunde unter Linux, aber nach wie vor warten Entwickler auf einen Vanilla-Kernel, der als Host nutzbar ist – man fragt sich, wieso ein Riese wie Citrix da nicht ein paar Leute ransetzt. Dennoch nutzen Amazon und anderen Hostinganbieter den Ansatz, der auch in Virtualisierungslösungen von Oracle, Sun und Suse sowie auf vielen Buchtiteln vertreten ist.

Bei Hostern nehmen Virtuozzo beziehungsweise OpenVZ eine beherrschende Rolle ein. Andererseits ist Anbieter Parallels nie richtig über diesen Markt hinaus erfolgreich gewesen – ob das russische Unternehmen hier Pläne hat, erscheint gegenwärtig eher fraglich. Einzig VServer droht zwischen all den großen Projekten in seiner Nische zu verschwinden.

Richtig spannend wird es bei KVM, dem erklärten Liebling vieler Kernelentwickler. Kein Wunder also, dass die Software schon länger Teil des Kernels ist. Bereits vor dem Kauf von Qumranet durch Red Hat hat sich die Variante schnell in Richtung Stabilität und Professionalität entwickelt. Red Hat kündigt seinerseits weitere Entwicklungsarbeit an einem Embedded-Hypervisor an, der auf KVM aufsetzt. Nebenbei hat sich der Distributor so auch den Zugriff auf die Verwaltungsplattform Solid Ice gesichert.

Bleibt der Desktop. VMware gibt\’s seit Jahren kostenlos, aber nicht frei. Mittlerweile können auf dem Desktop Virtual Box und selbst KVM so gut wie das Gleiche (Abbildung 1). Letzterer dürfte in diesem Jahr noch an Bedeutung gewinnen, wenn man die Sympathie einrechnet, die viele dem Projekt entgegenbringen.

Abbildung 1: Unter falscher Flagge: Als Host arbeitet in allen Fällen Linux. Als Desktop-Virtualisierung machen sowohl VMware Server, KVM und Virtualbox (im Uhrzeigersinn) eine gute Figur.

Abbildung 1: Unter falscher Flagge: Als Host arbeitet in allen Fällen Linux. Als Desktop-Virtualisierung machen sowohl VMware Server, KVM und Virtualbox (im Uhrzeigersinn) eine gute Figur.

Bäumchen wechsle dich

Snapshots von kompletten Anwendungsumgebungen sind eine praktische Sache, was aber, wenn als Hosts unterschiedliche CPUs oder gar unterschiedliche Architekturen im Einsatz sind? Dass das Übersetzen eines Image von einer Plattform auf die andere grundsätzlich möglich ist, zeigen Tools wie Qemu bereits. Für den produktiven Einsatz und zum Weiterbetrieb von Legacy-Software, für die es schwieriger wird, Hardware-Ersatzteile zu bekommen, könnten in diesem Jahr Lösungen produktionsreif werden.

Da passt es ins Bild, dass IBM den Cross-Plattform-Spezialisten Transitive gekauft hat. Auf der Linux-Konferenz der UKUUG in Großbritannien ließ das Unternehmen kürzlich etwa einen Snapshot von einer alten Sun auf einem PC ablaufen. Was noch fehlt, ist ein einheitliches Dateiformat für solche Images, das ihren Aufbau und ihre Konfiguration beschreibt. Auch 2009 wird kein Jahr des Ausruhens für die Entwickler. (N. Magnus)

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