Aus Linux-Magazin 09/2008

Neues bei Debian

© Dwight Davis, Fotolia.com

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

Das Personalkarussell bei Debian stand jahrelang fast still – in den letzten Wochen nahm es offenkundig Fahrt auf. Nachdem im Mai die Zahl der Debian Account Manager sowie der FTP-Master wuchs, folgten im Juni und im Juli neue Mitglieder des New Maintainer\’s Front-Desk: Wouter Verhelst und Michael Koch, beide erfahrene Debian-Entwickler, helfen dort ab sofort bei der Arbeit.

Zudem lief kurz vor Redaktionsschluss die Nachricht über die Mailingliste für Entwickler-Ankündigungen, dass Mark Hymers nun zusätzlich das Team der FTP-Assistants unterstützt. Gerade hinsichtlich der anstehenden Lenny-Release sind dies gute Neuigkeiten. Ob die neuen Teammitglieder schon bei Lenny Akzente setzen werden, ist aber fraglich.

Abbildung 1: Genau hingeschaut: Das sorgfältige Auswerten der Teambefragung hat erstmals in der Geschichte des Projekts einen Eindruck davon vermittelt, wie es bei Debian tatsächlich aussieht.

Abbildung 1: Genau hingeschaut: Das sorgfältige Auswerten der Teambefragung hat erstmals in der Geschichte des Projekts einen Eindruck davon vermittelt, wie es bei Debian tatsächlich aussieht.

Besser als erwartet

Ganz anders Projektleiter Steve McIntyre: In den letzten Wochen war er damit beschäftigt, sein Versprechen einzulösen, eine umfassende Teambefragung durchzuführen. Er hat Antworten von 77 Teams erhalten, was gleichzeitig die Mindestanzahl der bestehenden Debian-Entwicklerteams darstellt. Ende Juni präsentierte er die Resultate der Umfrage [1].

Zunächst, so stellt McIntyre fest, sei die Situation besser als erwartet, wenn er an die vielen in die Öffentlichkeit getragenen Dispute denke. Die große Mehrheit der Teams funktioniert in seinen Augen wirklich gut. Besonders hebt er das Perl-Team hervor.

Leider gäbe es aber auch Teams, die wenig Grund zur Freude hätten. Bei einigen Entwicklern, die Debian auf neue Computer-Architekturen portieren, macht McIntyre chronische Überlastung aus. Andere Gruppen, zum Beispiel jene, die sich um Debian für die Motorola-68000-Architektur kümmern, arbeiten laut McIntyre trotz eingeschränkter Möglichkeiten mit viel Eifer und Liebe zum Detail.

Große und größere Probleme

Ein massives Problem sieht McIntyre in fehlender Kommunikation. Teams, deren Arbeitsfelder sehr nahe beieinander liegen, würden nicht miteinander kommunizieren. Gründe dafür seien persönliche Probleme zwischen den Mitgliedern oder unterschiedliche Ziele. Konkrete Lösungsvorschläge unterbreitet McIntyre nicht und merkt nur an, dass “mehr Arbeit auf diesem Gebiet” notwendig sei.

McIntyre bedankt sich ausdrücklich, dass die meisten Antworten offen und direkt waren. Gelegentlich habe ihn aber schockiert, was er las. So beklagt er den Bericht eines Projektmitglieds, Opfer von Morddrohungen durch ein anderes Debian-Mitglied geworden zu sein. Er fordert eindringlich dazu auf, ihn bei entsprechenden Vorfällen sofort zu informieren. Er wolle dann sein Möglichstes tun, um sich des Problems anzunehmen.

Konsequenzen

Mit den Teams, bei denen die größten Probleme zu Tage traten, will der DPL erneut in Kontakt treten. Er appelliert dabei an sie, mit Verbesserungsideen nicht hinterm Berg zu halten oder zumindest offen zuzugeben, wenn sie überlastet sind. Weiter fordert er, dass die Gruppen deutlicher hervorheben, wo Neulinge helfen können. Schließlich plant McIntyre eine vollständige Liste der Teams zu erarbeiten.

Ob die Befragung dabei hilft, Prozesse innerhalb des Projekts besser zu gestalten, bleibt abzuwarten. Bisher ist die Befragung von McIntyre vor allem eine persönliche Fleißarbeit des neuen Projektleiters. Die sorgfältige Auswertung hat jedoch erstmals überhaupt in der Geschichte des Debian-Projekts einen Eindruck davon vermittelt, wie es im Projekt tatsächlich aussieht. Die Informationen sind deshalb sehr wertvoll. (ake)

Infos

[1] Ergebnisse der Team-Umfrage: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2008/06/msg00009.html]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Entwickler bei Debian GNU/Linux und arbeitet als System Operator bei der Linbit GmbH in Wien.

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