Aus Linux-Magazin 02/2008

Zu Besuch bei Open-Source-Geografen

Abbildung 1: Volles Haus: Internationale GIS-Spezialisten auf der Where2B-Konferenz Ende November.

Man muss nicht der kleine Prinz sein, um auf der Where2b-Konferenz Interessantes über mit freier Software gebaute Internet-Kartenportale und Geodaten-Infrastrukturen zu erfahren. Aber es hilft.

Geografen sind wohl ein besonderes Volk. Schon Saint-Exupéry lässt einen in “Der kleine Prinz” sagen: “Nicht der Geograf geht die Städte, die Ströme, die Berge, die Meere, die Ozeane und die Wüsten zählen. Der Geograf ist zu wichtig, um herumzustreunen. Er verlässt seinen Schreibtisch nicht. Aber er empfängt die Forscher. Er befragt sie und schreibt sich ihre Eindrücke auf” [1].

Mit dieser Definition im Hinterkopf geht\’s auf nach Bonn, ins “Silicon Valley der deutschen GIS-Szene”, wo sich auf Einladung der Wheregroup [2] GIS-Experten treffen. Auf der Agenda stehen Vorträge von Referenten aus Behörden, Verwaltungen und Unternehmen, die erfolgreich freie GIS-Software einsetzen, um ihre Daten zu managen, auszuwerten und zu präsentieren.

Abbildung 1: Volles Haus: Internationale GIS-Spezialisten auf der Where2B-Konferenz Ende November.

Abbildung 1: Volles Haus: Internationale GIS-Spezialisten auf der Where2B-Konferenz Ende November.

Bonn, GIS-Haupstadt der Republik

Seit Google Maps, Earth und den omnipräsenten Navis sind geografische Informationssysteme (GIS) im kollektiven User-Interesse angekommen. Viele freie Projekte wie zum Beispiel GRASS [3] haben aber schon bald 25 Jahre Entwicklung auf dem Buckel, da erstaunt es nicht, dass der größte Teil der eingesetzten GIS-Software aus Open-Source-Programmen besteht.

Der Uniclub der Universität Bonn ist eine nach amerikanischen Vorbild erschaffene Konferenz-Einrichtung samt Gästehaus. Er liegt im grünen Park des ehemaligen Oberbergamts direkt am Rhein. Hier finden an einem regnerischem Novembertag zwölf Vorträge und zwei parallele Workshops statt. Das Feld ist weit und reicht von der Wirtschaftsförderung Bonn mit dem Geocluster NRW [4] und der Geoinitiative Bonn [5] über das Webgis- und Statistikportal der Südtiroler Wein- und Obstbauern [6] bis zum Tankkarten-Logistiker DKV, der mit freier Software SAP- und Oracle-Daten in aussagekräftige Karten bannt.

Mapserver und Mapbender

In Workshops installieren derweil interessierte Administratoren Postgis, Mapserver, Mapbender oder freie GIS-Desktop-Programme. Die Praxisseminare sind seit Wochen ausgebucht und auch die Konferenz ist erstaunlich gut besucht. Die Geografen verlassen ihre Schreibtische also doch gelegentlich und auf den ersten Blick unterscheiden sie sich nicht von den üblichen Spezialisten auf solchen Konferenzen (Abbildung 1).

Aber schon nach wenigen Vorträgen fällt auf: Die GIS-Community zeichnet sich durch eine höhere Vernetztheit aus, als dies meist bei Enterprise-Usern freier Software der Fall ist. Während Letztere immer wieder die fehlende Kommunikation mit anderen Profi-Anwendern beklagen, kennen sich die meisten GISler untereinander, mindestens von den einschlägigen Mailinglisten, etwa die des Freegis-Projekts [7] oder der Osgeo [8]. Das bestätigt auch Athina Trakas vom Veranstalter: “Wir nötigen unsere Kunden regelrecht auf die Verteiler, denn da gibt\’s die besten Infos, dort werden die besten Tricks diskutiert.”

Genauer als Google

Obwohl die GIS-Szene überschaubar ist, hat sie eine regelrechte Flut an freier Software [9] hervorgebracht, von diversen Vereinigungen wie der Open Source Geospatial Foundation [8] oder dem bereits 1984 gegründeten Open Geospatial Consortium OGC [10] koordiniert und unterstützt. Die Verbände entwerfen Standards für den Datenaustausch, etwa das Set der Opengis Web Services (OWS), und bestehen aus Mitgliedern von Regierungen, Unternehmen und Universitäten. Weil diese gleichzeitig auch Anwender sind, verschwimmen die Grenzen, die Verbesserung der Software scheint in den Fokus zu rücken.

Weil Behörden und Unternehmen in den meisten Fällen bereits über hochkarätige Daten verfügen, entstehen in den Gemeinden, Städten und Ländern Geoportale, die nach einhelliger Meinung Google an Genauigkeit in den Schatten stellen. Kein Wunder, die Ämter sind mit den Katasterdaten verantwortlich für die Abbildung von Flurstücken, Gebäuden, Nutzungsvorgaben und die exakte Zuordnung von Metadaten wie Hausnummern. Für betroffene Bürger und Firmen geht\’s hier um Geld.

Geoportale und GIS-Live-CD

Einige Vorreiter in Sachen deutscher Geoportale verblüffen mit ihren Webseiten: Bielefeld [11], Regensburg (Abbildung 2, [12]), Rostock [13], der Oberbergische Kreis [14], das Hessische Landesamt (GDI-Südhessen, [15]) und die GDI Rheinland-Pfalz (Abbildung 3, [16]) besitzen bereits ausgereifte Portale mit umfangreichen Informationen.

Bielefeld erzielt durch den Verkauf von Zugriffsrechten auf angepasste Frontends sogar Gewinne mit ihrem Portal. Etwa die Hälfte der Besucher stammt von zahlenden Kunden wie Baufirmen, externen Behörden oder Telekommunikationsdienstleistern. Regensburg hat in der brandneuen Seite Umweltdaten, ein Luftbildarchiv, historische Karten oder für Touristen relevante Informationen über die Welterbe-Stadt eingebaut.

Immer aktuelle Daten zu Baustellen und damit verbundenen Verkehrsbehinderungen finden Autofahrer auf den Seiten der Stadt Rostock, teilweise sogar in für Google Maps exportierbaren ».kml«-Formaten. Die Geodaten-Infrastrukturen Südhessen und Rheinland-Pfalz zeigen, dass die Software hinter den Portalen skalierbar ist, und ganz nebenbei hat Rheinland-Pfalz auch eine freie Live-CD [16] erstellt, auf der ein vorkonfiguriertes Linux-System interessierten GIS-Einsteigern den Start erleichtert. Weil das auch Serversoftware und Beispieldaten einschließt, können Admins das Live-Geoportal im eigenen LAN testen.

Besondere Brisanz hat das Thema Open- Source-GIS seit Mai 2007 durch die INSPIRE-Richtlinie [17] der EU erhalten. Die Initiative zur “Infrastructure for Spatial Information in Europe” verpflichtet alle EU-Mitgliedsstaaten dazu, stufenweise interoperable Geodaten zur Verfügung zu stellen.

Offene Standards der OGC wie der Web Map Service (WMS) sorgen dafür, dass europäische Behörden auch auf die Daten anderer Ländern zugreifen können. Helfen soll dabei auch die Norm-basierte Austauschschnittstelle (NAS), definiert von den Vermessungsverwaltungen der Länder und unterstützt von der Osgeo und der Wheregroup. Der Fachanwender freut sich über die Interoperabilität, der Bürger über die Transparenz.

Abbildung 2: Das neue Portal der Stadt Regensburg basiert ebenfalls auf der Kombination Postgis, Mapserver und Mapbender. Die gewählte Kartenansicht zeigt Stadtplan, Wasserschutzgebiete und Sehenswürdigkeiten.

Abbildung 2: Das neue Portal der Stadt Regensburg basiert ebenfalls auf der Kombination Postgis, Mapserver und Mapbender. Die gewählte Kartenansicht zeigt Stadtplan, Wasserschutzgebiete und Sehenswürdigkeiten.

Abbildung 3: Auch als Live-CD erhältlich ist das auf Open-Source-Software basierende Geoportal des Landes Rheinland-Pfalz. Die Datengrundlage, hier der Flächennutzungsplan, ist bei diesen Portalen meist genauer als bei Google.

Abbildung 3: Auch als Live-CD erhältlich ist das auf Open-Source-Software basierende Geoportal des Landes Rheinland-Pfalz. Die Datengrundlage, hier der Flächennutzungsplan, ist bei diesen Portalen meist genauer als bei Google.

Vulkane zum Abschied

Bis das so weit ist, sucht der scheidende Konferenzbesucher in seinem proprietären Navi den nächsten Bus zum Flughafen und verlässt die GIS-Hauptstadt. “Oh, bei mir zu Hause”, sagte der kleine Prinz, “ist nicht viel los, da ist es ganz klein. Ich habe drei Vulkane. Zwei Vulkane in Tätigkeit und einen erloschenen. Aber man kann nie wissen.” “Man weiß nie”, sagte der Geograf.

Infos

[1] Antoine de Saint-Exupéry, “Der kleine Prinz”, zitiert nach: [http://www.scinexx.de/dossier-detail-30-11.html]

[2] Wheregroup: [http://www.wheregroup.com]

[3] Tim Schürmann, “GRASSes GIS”: Linux-Magazin 11/07, S 64

[4] Geocluster NRW: [http://www.geocluster-nrw.de]

[5] Geoinitiative Bonn: [http://stadtplan.bonn.de/cms/cms.pl?Amt=GII]

[6] Nachhaltigkeit Südtirol, Statistik und Karten: [http://www.sustainability.bz.it]

[7] Freegis-Projekt: [http://freegis.org]

[8] Open Source Geospatial Foundation: [http://www.osgeo.org]

[9] Dr. Georg Lösel und Markus Feilner, “Ein Elefant als Basis”: Linux-Magazin 09/07, S 56

[10] Open Geospatial Consortium:[http://www.opengeospatial.org]

[11] Stadtportal Bielefeld: [http://www.bielefeld01.de/geodaten/welcome.php]

[12] Stadtportal Regensburg: [http://stadtplan.regensburg.de/stadtportal.html]

[13] Geoportal Rostock: [http://geoportal.rostock.de]

[14] Rauminformation Oberbergischer Kreis: [http://rio.obk.de]

[15] Geodaten-Infrastruktur Südhessen:[http://www.ikgis.de/gdi]

[16] GDI Rheinland-Pfalz und Live-CD:[http://www.geoportal.rlp.de][http://www.geoportal.rlp.de/portal/downloads/software.html]

[17] Inspire-Initiative der EU: [http://de.wikipedia.org/wiki/INSPIRE]

LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben