Aus Linux-Magazin 02/2008

Den Mangel in die Mangel

“Qualifizierte Beschäftigte sind die wichtigste Ressource des Hightech-Standortes Deutschland.” Was sonst – möchte man entgegnen! Tausende Kilometer Transrapid oder traumhaft ausgestattete Hochschulforschungslabore hat das Land der Dichter und Denker sowie der Würste mit Kraut ja nicht zu bieten. Der Satz stammt aus der “Hannoverschen Erklärung”, dem Abschlussdokument des zweiten nationalen IT-Gipfels 2007. Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Michael Glos und Brigitte Zypries sowie die Chefs großer Unternehmen und Verbände sorgten für die personelle Bedeutungsanfettung der Veranstaltung.

Ein zentrales, wenn nicht das Hauptthema bildete der Fachkräftemangel. Ein Drittel der IT-Unternehmen kann seine freien Stellen nicht besetzen und ruft durch die Kehlen der Verbände nach der Politik. Der Forderung, die Grenzen für IT-Fachkräfte zu öffnen, kommt die aber nicht nach. Richtig so! Denn zweitens braucht das Ausland seine Eliten selbst und erstens: Das Leid ist selbst verschuldet. Nach der Dotcom-Blase war es doch die Wirtschaft, die ihre IT-Arbeitnehmer entweder an die Luft gesetzt oder zumindest hat wissen lassen, dass beispielsweise Programmierer in Industrieländern keine Überlebenschancen hätten. Das bisschen Code, was jenseits der Standardlösungen zu schreiben sei, ließe man nur noch in Indien produzieren. Was also Wunder, wenn heute in den Hörsälen beinahe mehr Informatik-Profs rumlungern als Erstsemester? Was Wunder, wenn verfügbare Java-Spezialisten so selten wie siamesische Zwillinge sind?!

“Nur wer heute in IKT-Nachwuchs und Fachkräfte investiert, wird mittelfristig die Chance haben, Investitionen anzuziehen und hochqualifizierte Arbeitnehmer in Deutschland zu halten”, heißt es im politischen Gipfelpapier weiter. Schon seltsam, dass die auf Selbsterhalt angelegte Industrie solche Belehrungen von der fachfremden Politik braucht. Dass die Unternehmen ihre Hausaufgaben bei der Ressource IT-Mensch weiterhin nicht machen, ist leicht an den Einstiegsgehältern abzulesen.

Trotz der bejammerten Knappheit bekommt ein frischer IT-Hochschulabsolvent weniger Kohle als vor Jahren. Nach einer Erhebung des Tendence-Instituts in Berlin lag das erwartete Einstiegs-Branchengehalt 2007 mit 42600 Euro pro Jahr zwar 800 Euro über dem von 2006. Doch 2004 gab es mit 43900 Euro deutlich mehr auf eine die PC-Tastatur hämmernde Hand. Wenn sich alle Betriebe so um den Nachwuchs reißen, mit welchen Mitteln denn? Gibt es Leistungen, welche die Statistik nicht erfasst? Das Bordell-Gutscheinheftchen für den Super-Nerd?

Spricht man Firmenchefs auf die personelle Angebot-und-Nachfrage-Problematik an, versichern sie, die Einnahmesituation lasse Großzügigkeit nicht zu. Das mag kalkulatorisch stimmen. Nur, wenn viele IT-Dienstleister wegen fehlender Fachkräfte Aufträge ablehnen müssen, verknappt dies das Dienstleistungsangebot und der Preis steigt. Den muss der personell heiß gelaufene Dienstleister nur an potenzielle Angestellte durchreichen – und der Laden läuft. ITK-Leistungen in Deutschland sind einfach zu billig. Das könnte das Thema eines dritten nationalen IT-Gipfels werden. Die Wirtschaftsvertreter werden staunend zuhören.

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