
Abbildung 6: Mike Schilli und Frau Angelika in den Fängen von Shrek beim Besuch in den Universal Studios in Los Angeles.
Ein, zwei Jahre in den USA arbeiten wäre nicht schlecht, dachte sich Mike Schilli im Jahr 1996. Elf Jahre sind es inzwischen in San Francisco geworden und seit genau zehn Jahren versorgt der Perlmeister das Linux-Magazin von dort aus mit seinen Snapshots.
Wenn er heute aus seiner Wohnung in San Francisco hinunter auf die belebte 24. Straße im Stadtteil Noe Valley geht, trifft Mike Schilli regelmäßig Bekannte und nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen. Von der für ihn immer noch einzigartigen Atmosphäre in der Bay-Stadt (Abbildung 1) berichtet der Greencard-Inhaber: “San Francisco ist klein wie ein Dorf, aber es hat genügend Spielraum für alle Durchgedrehten.” Für den gebürtigen Augsburger ist dieses Dorf auch noch wegen einer anderen Eigenheit ein idealer Hafen: “Hier ist jeder Ausländer. Kaum einer, der hier wohnt, ist in San Francisco geboren.” Das ist auch für den “Zuagroasten” aus Augsburg ein Vorteil in Sachen Akklimatisierung.

Abbildung 1: Mit einem fantastischen Ausblick auf San Francisco – und die dicken Steaks auf dem Grill. Perlmeister Mike Schilli auf dem Balkon seiner Wohnung.
Seit dem Start (Abbildung 2) im Jahr 1996 hat Schilli in der Bay Area mehrere Berufsstationen hinter sich. Von der ersten Anstellung bei der Startup-Firma Blaxxun Interactive wechselte er kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase zu AOL. Als America Online sich nach dem Kauf von Netscape in den Browserkrieg verstrickte und von anfänglich über 2000 Beschäftigten in Mountain View auf schließlich 200 schrumpfte, wechselte Schilli – immer noch an Bord bei AOL – zu Yahoo! “Ich brauchte keine Fragen nach den massenhaft verteilten AOL-CDs mehr zu beantworten”, kommentiert er den Schritt im Nachhinein augenzwinkernd. Und bei Yahoo! ist er erstmals von Beginn an für sein Hobby (Abbildung 4) zuständig: Perl.
Neue Bekannte
“Agnostisch”, so beschreibt Schilli das Vorgehen der Yahoo!-Entwickler bei den anstehenden Aufgaben: Es kommt jene Sprache oder Programmierlösung zum Einsatz, die am besten passt. Dass bei dem US-Konzern Experten der unterschiedlichsten Richtungen arbeiten, erfuhr er schon beim ersten Mittagessen in der Kantine. Dort wurde ihm ein Jeremy vorgestellt, aber erst am nächsten Tag klärte sich auf, dass es sich um den MySQL-Guru Jeremy Zawodny [1] handelte. Dass auch der dänische PHP-Erfinder Rasmus Lerdorf [2] in seinem Team arbeitet, konnte Schilli dann nicht mehr erschüttern.
So viel Entwicklerprominenz will bei Laune gehalten werden. Der US-Arbeitgeber stellt Fitnesscenter, Basketball- und Beachvolleyball-Felder zur Verfügung. Den Cappuccino brauen im firmeneigenen Café so genannte Baristas. Selbst die Wäsche kann man mit ins Büro bringen, wo sie jemand gegen eine geringe Gebühr zur Wäscherei bringt. Der fahrende Friseur rollt einmal pro Woche auf das Firmengelände. Das ebenfalls im Wochenrhythmus auftauchende Zahnarztmobil hat Mike bislang zugunsten eines richtigen Zahnarztes gemieden.
Aller Anfang …
Dabei sah es 1991 nach dem Studium der Elektrotechnik an der TU München nicht nach einer interkontinentalen Karriere aus: “Elektrotechniker suchte damals niemand”, erzählt er. Der erste Job bei der Firma Oldenbourg Datensysteme (ODS) führte ihn deshalb in die Software-Entwicklung. ODS hatte sich darauf spezialisiert, Arztrezepte einzuscannen und digital vorzuhalten. Aufgabe von Schilli und seinen Kollegen war es, die dazu verwendete Software anzupassen.
Während der Zusammenarbeit mit einem aus dem Unix-Geburtsort Berkeley eingeflogenen Guru kam in Schilli erstmals der Wunsch auf, eines Tages nach Silicon Valley zu gehen und dort in der Oberliga der Software-Entwicklung mitzuspielen. Vorkenntnisse brachte Mike Schilli schon mit. Als Tutor an der TU München war er für Fortran zuständig.
Faszination: Perl
Den Kommilitonen war die von Mike Schilli besetzte Tutor-Frühschicht allerdings meist zu früh, was ihm genügend Zeit bot, sich mit den Sysadmins der Uni auf deren Unix-Maschinen Duelle zu liefern. Gewinner war, wer “den anderen mit Unix-Tricks schneller aus der Konsole geschmissen oder gar permanent ausgesperrt hatte”, erzählt er über diese Zeit. Die findige Variante war es, kleine Shellskripte für solche Zwecke zu schreiben. Als Nebeneffekt begann Schilli Unix zu beherrschen.
An einem dieser Tage hörte er einen Vortrag über Perl und war fasziniert von den ungeahnten Möglichkeiten der Programmiersprache. Er kaufte das Kamel-Buch von Perl-Erfinder Larry Wall und als er eines Tages eine Frage im Usenet stellte und Larry ihm persönlich antwortete, vertiefte er sich in die Sprache und hat seitdem nicht mehr damit aufgehört.
Umzugskiste
1996 ist Mike Schilli in die Staaten gezogen. Mit denkbar knappem Timing. Immerhin war die Hochzeit mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Angelika schon seit zwei Jahren in Planung. Eine Stelle in München, die Mike – damals angestellt bei der BMW-eigenen Firma Softlab – kurz zuvor von Freunden angeboten bekam, die den Dotcom-Hype zu einer Firmengründung nutzten, hat er noch abgelehnt. Die Aussicht auf einen Job in der Niederlassung der Firma in San Francisco wiederum reizte ihn, er sagte zu, heiratete punktgenau und landete zuerst allein in der Bay Area.
Arbeitserlaubnis
Seine Frau kam kurze Zeit später nach und bekam auch gleich zu spüren, welche Hindernisse bei der Jobsuche in den Staaten zu überwinden sind, wenn nur der Ehemann im Besitz einer temporären Arbeitserlaubnis (H1-B-Visum) ist und die Partnerin nur ein so genanntes Begleitvisum besitzt, dass Mike Schilli als “Rockzipfelvisum” tituliert.
Wer eine Arbeitsgenehmigung will, muss nachweisen, dass er keinem Amerikaner den Job wegnimmt. Da ein H1-B-Visum den Arbeitgeber festschreibt und in den USA kein Kündigungsschutz existiert, läuft der Immigrant Gefahr, nicht nur seinen Job, sondern sofort seine Aufenthaltserlaubnis zu verlieren. Gekündigt wird in den USA innerhalb von Stunden mit sofortiger Wirkung.
Das Thema Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis blieb auch in den Jahren danach ein Thema für die Schillis. Nach zwei Jahren beantragte AOL für Mike und Angelika die Greencard. Nach drei Jahren Laufzeit war der Prozess abgeschlossen. Grund zum Durchatmen: Mit der Greencard darf man bei beliebigen Arbeitgebern anheuern, unbegrenzt in den USA bleiben und sich bei der Einreise mit den Amerikanern in die Schlange einreihen. Nach acht Jahren sind sie inzwischen von der ersten Anlaufstation – Mike ist ein notorischer Umzugsmuffel – in eine größere Wohnung (Abbildung 5) gezogen und blicken auf die Bucht von San Francisco.

Abbildung 5: Trautes Heim: Mike Schilli macht es sich vor dem offenen Kamin in seiner Wohnung in San Francisco gemütlich.
Wilde Schnappschüsse
Sein Arbeitsrhythmus sah in den ersten Jahren in den Staaten ungefähr so aus: Tagsüber programmierte er bei AOL Login-Systeme für das explosiv wachsende Internet in C, nachts entwickelte er Perl-Module. “Perl ist eine Art zu denken”, erzählt er, “immer wenn ich vor einem Computerproblem stehe, denke ich in Perl.” Mike Schilli hatte da schon begonnen, selbst über Perl zu schreiben: “Ich hatte an einem Wochenende nichts zu tun.” Also schrieb er einen Artikel über das Objektsystem von Perl und bot ihn dem Heise-Verlag an.
Vor zehn Jahren rannte er bei Tom Schwaller, dem damaligen Chefredakteur des Linux-Magazins, offene Türen ein mit seiner Anfrage, ob er an einer regelmäßigen Serie über wilde Perl-Programmierung interessiert sei. Der Perl-Snapshot war geboren. In der ersten Folge “Alle Mann an die Pumpen” beschreibt Schilli die automatische Installation von Perl-Modulen.
Mr Gadget
Wer die Perl-Snapshots regelmäßig verfolgt, kennt seine Neigung zu elektronischen Spielzeugen aller Art, ob programmierbares Multimeter [3] oder Bewässerungsanlage [4]. Solche Elektronikbeigaben sind es aber nicht allein, die ihn faszinieren. Wenn er per Fahrrad zu seinem Arbeitsplatz aufbricht, verfolgt er den Verkehr per Rückspiegel, der am Fahrradhelm angebracht ist. Beim Perlmeister [5] saugte auch schon ein mit Sensoren ausgestatteter Staubsauger selbsttätig das Heim.
Wenn Schilli in Urlaub fährt, häufen sich im Büro die Pakete mit Neuzugängen für die Gadget-Abteilung: “Meine Kollegen machen darüber schon Witze”, erzählt er. Dass demnächst ein USB-Raketenwerfer angeliefert wird, steht dennoch schon fest: “Wenn etwas billig ist, kauf ich es und habe am Wochenende Spaß damit.” Als Ausländer ist er auch bei Yahoo! in guter Gesellschaft, denn die Belegschaft ist aus der ganzen Welt zusammengewürfelt. Schilli: “Nur mit den ständigen Witzen über den Erfolg von David Hasselhoff in Deutschland muss ich leben.”
Reisende soll man …
Erinnerungen an die Heimat halten die Schillis mit Besuchen im bayerischen Lokal “Suppenküche” in San Francisco [6] am Leben. Dallmayr-Kaffee und Leckereien wie Duplo lassen sie sich von einem Versandhandel aus Texas einfliegen. Wie man im Ausland Wiener Schnitzel zubereitet, haben die Schillis per Video dokumentiert [7]. Ob er und seine Frau einmal nach Deutschland zurückkehren, lässt Mike Schilli offen.
Nach einer Japanreise liebäugelte er mit einem Umzug dorthin. Die verbissene japanische Arbeitsmentalität hat ihn dann aber abgehalten. Seine jetzige Wahlheimat bietet Vorteile. Ein paar Flugstunden von Hawaii entfernt und die Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten mehr oder minder vor der Haustür – das bot Anlass für Reisen und Ausflüge (Abbildung 6). In den seit der Übersiedlung gepflegten USA-Rundbriefen [8] ist davon nachzulesen.

Abbildung 6: Mike Schilli und Frau Angelika in den Fängen von Shrek beim Besuch in den Universal Studios in Los Angeles.
Auch über Kuriositäten schreibt Schilli in den Rundbriefen. Dazu zählt die von ihm aus dem amerikanischen Alltagsleben entnommene Fünf-Sekunden-Regel: Fällt etwas Essbares, zum Beispiel ein Stück Schokolade, auf den Boden, fängt die Uhr an zu ticken: Wenn es gelingt, das heruntergefallene Stück innerhalb von fünf Sekunden zu bergen, kann man es bedenkenlos essen. Verstreichen mehr als fünf Sekunden, muss es in den Abfalleimer. Die Idee dahinter: Das gute Stück kann innerhalb von fünf Sekunden nicht genug Bakterien ansammeln, um gesundheitsschädlich zu wirken.
Sport und Fußball 2.0
Dass in den USA Fußball ein Nischendasein fristet, hat Freizeitkicker Mike Schilli nicht von der Pflege dieses Hobbys abgehalten. Nach Anfängen unter dem Motto “Runter in den Park und einfach bei den Südamerikanern mitspielen” hilft inzwischen das Internet weiter. Dort ist unter Socster.com eine Hobbyfußballer-Börse in Betrieb. Wer Lust auf ein Spiel hat, vereinbart mit Gleichgesinnten einen Termin. Durchprogrammierte Nächte kompensiert er auch mit der täglichen Radtour zur Arbeit. 20 Minuten strampeln zum Bahnhof, 30 Minuten Zugfahrt und nochmals 30 Minuten aufs Rad.
Perl hat den Fundus voraus
Ob es auch in zwanzig Jahren noch Perl-Snapshots geben wird? Dass Perl von Newcomern wie Ruby und Phython, aber auch von PHP starke Konkurrenz bekommen hat, sieht Schilli zumindest gelassen. Er weiß, dass einerseits die Komplexität von Perl viele Einsteiger abschreckt. Andererseits aber steht für ihn fest: Eine neue Sprache kann noch so gut sein, die Infrastruktur und die Module, die Perl vorweisen kann, muss eine andere Sprache erst einmal aufbauen. Mike Schilli selbst hat zu diesem Fundus reichlich beigetragen. Rund 30 Module stammen von ihm.
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Infos |
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[1] Jeremy Zawodny: [http://jeremy.zawodny.com] [2] Rasmus Lerdorf: [http://lerdorf.com] [3] Linux-Magazin 08/07 S. 110 [4] Linux-Magazin 03/07 S. 110 [5] Perlmeister-Webseite: [http://www.perlmeister.com] [6] Suppenküche: [http://www.suppenkuche.com] [7] Wiener Schnitzel im Ausland: [http://video.google.com/videoplay?docid=92574570497260796] [8] USA-Rundbriefe: [http://www.usarundbrief.com] |







