Aus Linux-Magazin 08/2007

Wer schlecht dokumentiert, verkauft sich schlecht

Abbildung 1: Blender 1.80 aus dem Jahr 2000: Das eigenwillige Interface schreckte neue Benutzer ab.

Software-Entwickler schreiben die meiste Zeit Code, und das ist natürlich in Ordnung. Doch ganz ohne aktuelle Anleitung weiß der Benutzer mit der besten Software nichts anzufangen. Die Ironie dabei ist, dass sich der Entwickler die Programmierarbeit hätte schenken können, wenn keiner seine Software benutzt.

Inhalt

58 | Nero Linux 3.0 Endlich so gut wie unter Windows?

60 | Projekteküche: Freies Flash und Java Gnash und Icedtea als Open-Source-Alternativen.

64 | Bitparade: Diagrammeditoren im Test Dia, Kivio und Ditaa sorgen für Übersicht bei der Planung und Visualisierung von Projekten.

68 | Tooltipps Nützliche Tools für die Datenrettung, Terminverwaltung und die Serveradministration.

Als ich 1998 die freie 3D-Software Blender entdeckte, war die Freude zunächst groß. Leider währte sie nach dem Starten des Programms nur wenige Minuten. Blender gab sich den Bedienversuchen eines Einsteigers gegenüber derart sperrig, dass mich nach kurzer Zeit das Gefühl überwältigte, mit der Software rein gar nichts anfangen zu können: kein Objekt in die Szene einfügen, kein Navigieren im 3D-Raum.

Menüs gab es in Blender damals nicht, dafür an die 50 locker gruppierte Buttons mit kryptischen Beschriftungen und Symbolen. Nachdem es mir nicht einmal gelang, ein Dokument zu öffnen, endete die erste Blender-Session mit »killall -9 blender«, denn wie das im Vollbildmodus ohne Fensterdekoration startende Programm sich sonst beenden ließ, wusste ich nicht.

Ohne Fleiß …

Nach dieser Erfahrung verspürte ich, obwohl nicht ganz unerfahren mit 3D-Software, eine ganze Weile lang wenig Lust auf einen erneuten Versuch. Dass Blender, gewiss eines der leistungsfähigsten Open-Source-Projekte, über die Jahre dennoch zu einem meiner Lieblingsprogramme wurde, ist ein Glücksfall, der einerseits mit der im IT-Bereich typischen Hartnäckigkeit und beruflichem Interesse zu tun hat.

Auf der anderen Seite stehen die Verbesserungen an der Blender-Benutzeroberfläche: Zwar finden neue Anwender die Software nach wie vor schwer bedienbar, doch immerhin gibt es nun eine Menüleiste und den üblichen Tastatur-Shortcut [Strg]+[S] zum Speichern neben dem Blender-typischen [Strg]+[W]. Auf den Wiki-Seiten unter [1] ist außerdem seit einiger Zeit eine aktuelle und zum größten Teil verständliche Dokumentation zu finden.

Introvertiert

Leider zeigen sich nicht alle freien Softwareprojekte so einsichtig wie Blender und gehen den für ihre Popularität und Entwicklung wichtigen Schritt auf den Benutzer zu. Wer den Bitmap-Editor Gimp nutzt, muss bis heute die Funktionsweise etlicher Filter aus seinen Photoshop-Kenntnissen erschließen oder durch langwieriges Ausprobieren herausfinden, weil die Dokumentation kein Wort über sie verliert.

Auch der Linux-Kernel ist in puncto Dokumentation alles andere als ein Musterbeispiel. Wer über einen Hardwaretreiber mehr wissen möchte, als die Ausgabe von »modinfo Modulname« verrät, wird meist auch im »/doc«-Verzeichnis der Kernelquellen keine weiteren Informationen finden.

Abbildung 1: Blender 1.80 aus dem Jahr 2000: Das eigenwillige Interface schreckte neue Benutzer ab.

Abbildung 1: Blender 1.80 aus dem Jahr 2000: Das eigenwillige Interface schreckte neue Benutzer ab.

Einem Windows-Umsteiger, der das KDE-Infozentrum startet, wird die unkommentierte Liste der Geräte unter dem Menüpunkt »PCI« wenig Hilfe bei Hardwareproblemen bieten. In der Onlinehilfe erfährt er dann so wichtige Details wie “Am oberen Rand befindet sich eine Menüleiste” und außerdem, wie er das Infocenter startet, was er sowieso schon geschafft hat.

Kurz: Dass freie Softwarprojekte im Durchschnitt nicht gut genug dokumentiert sind, lässt sich leider kaum bestreiten. Schade, denn jeder neue Nutzer ist Anfänger und scheitert ohne Hilfestellung. Selbst Profis kostet das oft langwierige Probieren Zeit und Nerven.

Infos

[1] Blender-Dokumentation: [http://wiki.blender.org]

Der Autor

Peter Kreußel ist Software-Redakteur beim Linux-Magazin und interessiert sich für 3D-Software.

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