Aus Linux-Magazin 07/2006

Die monatliche GNU-Kolumne

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software. Diese Ausgabe gibt einen kurzen Abriss über die Microsoft Anhörung in Luxemburg und stellte zwei Entwürfe für gemeinschaftlich organisierte Kontrolle vor.

Ein Blick auf viele aktuelle Diskussionen im Open-Source-Bereich zeigt, dass es immer um die Frage geht: Wer hat die Kontrolle über die Informationen und Daten unserer Gesellschaft? Diese Frage wirft auch das Monopolverfahren gegen Microsoft auf (Abbildung 1). Wie diese Kolumne zeigt, stellen die Antworten des Unternehmens kaum zufrieden. Einen besseren Weg zeigen zwei Projekte auf, die ebenfalls in dieser Ausgabe zur Sprache kommen.

Abbildung 1: Microsoft-CEO Steve Ballmer (rechts, mit Siim Kallas, Vizepräsident der EU-Kommission und verantwortlich für Verwaltungsangelegenheiten, Rechnungskontrolle und Antikorruption) bemüht sich um gute Stimmung. Die EU-Kommission tritt dem Unternehmen derzeit mit Monopolstrafen auf die Füße.

Abbildung 1: Microsoft-CEO Steve Ballmer (rechts, mit Siim Kallas, Vizepräsident der EU-Kommission und verantwortlich für Verwaltungsangelegenheiten, Rechnungskontrolle und Antikorruption) bemüht sich um gute Stimmung. Die EU-Kommission tritt dem Unternehmen derzeit mit Monopolstrafen auf die Füße.

Die große Anhörung

Bereits im Dezember 2004 scheiterte Microsoft mit dem Versuch, einen Aufschub für die Auflagen der Europäischen Kommission zu erwirken. Nun fand im April 2006 die große Anhörung zur Untersuchung statt. Zentral ging es darum, ob die Kommission sauber, fair und unvoreingenommen gearbeitet hat, als sie sich mit dem Microsoft-Monopol beschäftigte. Waren die Fakten solide und Schlussfolgerungen angemessen?

Dabei dreht es sich aus Sicht vieler Beobachter um die Frage nach der Durchsetzungsfähigkeit der europäischen Wettbewerbshüter. Es verwundert also nicht, dass sich mit dem Fall nicht nur ein einzelner Richter für einen oder zwei Tage befasst, sondern gleich die Grand Jury von dreizehn der höchsten Richter Europas für eine ganze Woche.

Die ersten beiden Tage sollten klären, ob Microsoft durch das Einbinden des Windows Media Player sein Desktop-Monopol dazu ausgenutzt hat, um Konkurrenten aus dem Geschäft zu drängen. Speziell Real Networks, das bei der Europäischen Kommission geklagt hatte, sah sich durch die Maßnahme bedroht. Bis vor wenigen Jahren hatte Real Networks eine extrem starke Position im Mediensektor, die es mit kostenloser unfreier Abspielsoftware und entsprechend teurer Einspielsoftware behauptete. Das Geschäftsmodell bei Microsoft sieht in etwa identisch aus, allerdings mit einer – nach eigenen Aussagen – weniger guten Software.

Multimedia-Krieg

Daher hat Microsoft seinen Media Player standardmäßig in Windows eingebaut und fest verzahnt, um ein Entfernen zu erschweren. Damit konnten alle Anbieter von Medien davon ausgehen, den Windows Media Player bereits vorzufinden, während beim Realplayer immer erst die Installation anfiel. Dies führte zu gravierenden Änderungen des Player-Marktes, bei dem Microsoft nun klar die Oberhand hat. Damit gibt es für Anbieter keinen Grund mehr, ins Real-Format zu investieren, Real Networks ist gestorben und hat sich als andere Firma mit dem gleichen Namen neu erfunden.

Es bleibt trotzdem sehr zu hoffen, dass die Richter die Entscheidung der Kommission stützen, um ähnlichen Vorgehensweisen in Zukunft die Legitimation zu entziehen. Darüber hinaus wäre es eine strategisch geschickte Wahl von Real Networks, dem Beispiel von Netscape zu folgen: Mozilla ist aus den Trümmern von Netscape auferstanden und setzt mit Firefox den Internet Explorer zunehmend unter Druck. Wenn Real Networks klug ist, erfährt der Windows Media Player künftig durch einen freien Player einen ähnlichen Druck.

Fragen und
Anregungen

Für Ideen, Anregungen und Kommentare zur Brave GNU World steht die Adresse [column @brave-gnu-world.org]zur Verfügung. Die Homepage des GNU-Projekts findet sich unter [http://www.gnu.org]. Georgs Kolumne “Brave GNU World” steht online unter [http://brave-gnu-world.org] und die Initiative “We run GNU” betreibt eine Webseite unter: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world /rungnu/rungnu.de.html]

Blaue Bläschen

Die weiteren drei Tage standen ganz im Zeichen der Interoperabilität zwischen Microsoft-Clients und Servern. Hier lag das Hauptinteresse der Free Software Foundation Europe, der es ja zentral um die Herausgabe von Interoperabilitäts-Informationen für das Samba-Team geht. Zu diesem Zweck arbeiten Samba und FSFE schon seit der ursprünglichen Untersuchung eng zusammen.

Microsoft lehnte die Herausgabe der Informationen noch immer mit der Begründung ab, solche Schnittstelleninformationen würden zwingend offenbaren, wie das Programm geschrieben ist. Auf dieser Basis versuchte das Unternehmen, die Auflagen als Pflicht zum Veröffentlichen des Quellcode darzustellen.

Leider sind Juristen selten Programmierer und als Richter kommen nur erfahrene Juristen in Frage. Ihre Kenntnisse über die Software beschränken sich daher zumeist auf das reine Anwenden. Und natürlich untermauert Microsoft seine Behauptungen durch sehr hoch dotierte Zeugen. Die Microsoft-Seite arbeitet vor Gericht häufig mit stark vereinfachten Modellen, zum Teil hübsch animiert, um bestimmte Zusammenhänge zu verdeutlichen. Kleine Symbole flitzen von A nach B, also ist Interoperabilität kein Problem. Blaue Bläschen umgeben bestimmte Computer, also sei dort Interoperabilität technisch unmöglich.

Tatsächlich jedoch unterliegen die Darstellungen von Microsoft einem permanenten Wandel zwischen den verschiedenen Anhörungen. War es ursprünglich unmöglich, Microsoft-Umgebungen mit der Software anderer Hersteller zu kombinieren, so war es 2004 noch unmöglich, die Kommunikation zwischen Server und Client für bestimmte Dienste durch andere Software zu gewährleisten. Im Jahr 2006 knüpft Microsoft dieses enge Band wiederum nur noch für die Kommunikation zwischen Servern bei bestimmten Diensten.

Glücklicherweise brachte die andere Seite Andrew Tridgell, den Präsidenten und Gründer des Samba-Teams, zum Einsatz, der dafür sorgte, dass die Köpfe nicht nur mit blauen Blasen gefüllt waren. In einem sehr überzeugenden Auftritt erklärte er, wieso die blaue Blase eine technische Fiktion ist, die ausschließlich durch Microsofts Geheimniskrämerei entsteht und nur dazu dient, das eigene Monopol auszuweiten.

Highlights

Neben dem stundenlangen Abbrennen von technischen Nebelkerzen gab es jedoch zwei sehr interessante Dinge zu bestaunen. Erstens behauptete Microsoft vor Gericht das exakte Gegenteil seiner Kampagne “Get the Facts”: Freie Software, Linux und insbesondere Samba seien extrem gut und erfolgreich. Es ließe sich alles damit erledigen, zum Teil sogar besser. Nach Aussage Microsofts gibt es also keinen Grund mehr, die eigenen Produkte einzusetzen.

Der zweite Punkt war weniger schön: Laut Microsoft verfügt das Unternehmen über bis zu 46 Patente auf die verschiedenen Aspekte seiner Domain-Controller. Nach Ansicht des Unternehmens sei es unmöglich, interoperable Software zu schreiben, ohne diese Patente zu verletzen. Vertreter von Microsoft machten auch klar, dass sie diese Patente gegen Wettbewerber einsetzen würden. Grund für diese Aussagen war, die Herausgabe von Informationen für die Interoperabilität als Enteignung darzustellen.

Herausgekommen ist dabei jedoch ein überzeugendes Plädoyer für die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Patenten auf Software und Interoperabilität und Wettbewerb. Das belegt auch ein Statement von Steve Ballmer: “We won the desktop. We won the server. We will win the Web. We will move fast, we will get there. We will win the Web.” Es scheint, dass Microsoft seinen Kreuzzug für Monopole demnächst aufgibt.

Aus genau diesem Grund ist es so wichtig, den Druck im Verfahren aufrechtzuerhalten: Kartellrecht mag langsam wirken, aber hier bietet sich eine einmalige Möglichkeit, für die Zukunft akzeptables Verhalten zwischen Wettbewerbern zu definieren. Gleichzeitig sollte die Community weiter daran arbeiten, die Monokultur auf dem Desktop zu beenden. Hier liegt nämlich der Kern des Problems: Ohne Monopol kein Monopolmissbrauch. Neue Techniken schaffen neue Herausforderungen. Die Community sollte von Anfang an bessere Antworten präsentieren. Diese Kolumne stellt zwei Lösungsansätze vor.

Zwischen den Welten

Telefonieren über das Internet bedrängt das klassische Telefon. Da das Umstellen des Systems aber nicht vollständig und über Nacht erfolgt, zeichnet sich eine zwischenzeitliche Koexistenz ab. Alte und neue Technik sollten daher reibungslos miteinander arbeiten. Der Großvater will beispielsweise zum Telefon greifen, um seine Enkelin anzurufen, obwohl diese den neumodischen Voice-over-IP-Kram benutzt.

Das in RFC 3761 beschriebene Enum-Protokoll übersetzt mit Hilfe des DNS-Systems öffentliche Telefonnummern aus dem PSTN in IP-Adressen. Die dafür geplante offizielle Stelle, E164.arpa, kommt aber nur langsam voran. Das liegt zum einen an Blockaden innerhalb der Organisation, zum anderen kostet der Dienst künftig einen Obolus pro Nummer. Daher haben Duane, der Gründer von CAcert.org, und sein Freund Matthew damit begonnen, auf Basis des Standards eine eigene, nicht kommerzielle Plattform aufzubauen, die diese Technologie allgemein verfügbar macht. Diese Plattform findet sich unter E164.org [1] und erlaubt es, dort eigene Telefonnummern zu registieren.

Der Nutzen eines solchen Dienstes hängt maßgeblich von der Qualität der Einträge ab. Um Mißbrauch zu verhindern, findet automatisches Validieren mit PIN-Eingabe statt. Um konventionelle Nummern einzutragen, setzt dies aber einen Anbieter voraus, der die Anrufe ins PSTN weiterleitet. Genau hier liegt einer der aktuellen Engpässe: Als nicht kommerzieller Service sind diese Anrufe ein wesentlicher Kostenfaktor. E164.org bittet daher die Provider um eine Sachspende. Da sie immer öfter E164.org nutzen, hilft die Spende den eigenen Interessen.

Im Prinzip erlaubt der Standard das Zuordnen verschiedenster Dienste, beispielsweise auch der so genannten Instant Messenger (IM). Ein sehr beliebtes Programm in diesem Gebiet ist Gaim [2], das ab der nächsten Version auch VoIP unterstützt (Abbildung 2). Daher reicht mit E164.org künftig eine einzige Nummer aus, um verschiedenste Dienste zu identifizieren. E164.org will dies fördern und setzt daher immer wieder Prämien aus, um Enum-Support in verschiedene Programme einzubauen.

Abbildung 2: In einer kommenden Version von Gaim (im Bild die aktuelle Relase 1.5) kommuniziert der Messenger auch mit E164.org für das zentrale Verwalten des Kontakts.

Abbildung 2: In einer kommenden Version von Gaim (im Bild die aktuelle Relase 1.5) kommuniziert der Messenger auch mit E164.org für das zentrale Verwalten des Kontakts.

Die Prämie für Firefox hat sich bereits jemand gesichert und damit das Zuweisen von Webseiten über Enum ermöglicht. Für Gaim und Thunderbird stehen noch 100 beziehungsweise 20 US-Dollar bereit. Vielleicht reicht es bald schon aus, auf Visitenkarten nur noch eine Nummer anzugeben. Darunter wären Webseite, Mail, VoIP, Fax und Jabber als Dienste zu finden. Eine Kombination dieser Ansätze mit Peer-to-Peer-Methoden ergäbe einige sehr interessante Möglichkeiten.

Suchmaschine Yacy

Auf der Peer-to-Peer-Methodik basiert auch das zweite Projekt, eine freie Suchmaschine, die sowohl Anonymität als auch Informationsfreiheit bewahren will: die Yacy-Suchmaschine [3]. Es ist in letzter Zeit immer häufiger Unbehagen über die Vormacht von Google zu spüren. Viele Leute fragen sich, ob die Abhängigkeit von dem Suchdienst nicht zu groß sei. Michael Christen gehörte zu denen, die sich diese Frage gestellt haben. Schließlich begann er damit, eine Suchmaschine auf Basis des Peer-to-Peer-Prinzips zu entwerfen. Yacy besteht aus mehreren Komponenten, die gemeinsam beeindruckende Funktionen bieten (Abbildung 3).

So verfügt die Software über einen eigenen Webproxy. Aus ihm speichert das System die Zugriffe abzüglich aller personalisierten Informationen, um die Datenbank für die Suchmaschine aufzubauen. Parallel arbeitet sich ein Crawler-Programm durch Webseiten, um diese in den Index aufzunehme. Yacy erlaubt es, den eigenen Index mit den Indizes anderer zu verknüpfen. Dabei übermittelt die Software nur die Indizes, nicht aber die Ergebnisse, da die Datenmenge sonst zu schnell wächst.

Abbildung 3: Ein Netzwerk von Yacy-Clients liefert die Ergebnisse für eine Websuche.

Abbildung 3: Ein Netzwerk von Yacy-Clients liefert die Ergebnisse für eine Websuche.

Setzt ein Benutzer eine Anfrage ab, werden auf Basis des globalen Index die Ergebnisse verschiedener Yacy-Installationen gesammelt, um sie dem Nutzer als eine konsolidierte Ausgabe zu präsentieren. Der dezentrale Aufbau schützt Yacy nicht nur gegen Manipulation, er ermöglicht es auch, Informationen mit hoher Aktualität zu erfassen und zu suchen. Zudem geschieht das Erstellen des Index um Größenordnungen schneller als bei vergleichbaren Projekten.

Yacy ist in Java geschrieben. Es läuft auf Linux ebenso wie auf Mac OS X und Windows, hängt aber von der Java-Implementation ab. Im Laufe des Linuxtags 2006 hat Michael aber bereits mit dem Maintainer von GNU Classpath erste Erfolge erzielt, um Yacy auf eine freie Java-Variante zu portieren. Bis zur ersten nativ übersetzten Version ist es also wohl nicht mehr so weit. Daher ist es höchste Zeit, Yacy mal dem Praxistest zu unterziehen. Vielleicht wäre dies ein guter Kandidat für den nächsten Freie-Software-Preis. (agr)

Infos

[1] E164.org [http://www.e164.org]

[2] Gaim: [http://gaim.sf.net]

[3] Yacy: [http://www.yacy.net]

Der Autor


Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit Freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter [http://gnuhh.org]

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