Aus Linux-Magazin 06/2006

Neues von der Community-Distribution

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

Abbildung 1: Der Debian-Projektleiter wird über paarweise Ausscheidungen ermittelt, Anthony Towns lag am Ende vorn.

Abbildung 1: Der Debian-Projektleiter wird über paarweise Ausscheidungen ermittelt, Anthony Towns lag am Ende vorn.

Einer geht noch, einer geht noch – raus. So könnte beim Debian-Projekt der neueste Schlachtruf lauten, der eine ausdauernde Diskussion begleitet: Im März forderte Andres Salomon aus heiterem Himmel, das Projekt möge den Entwickler Sven Luther vor die Tür setzen. Luther arbeitet aktiv an Debian-Ports für andere Architekturen als die x86-Intel-Architektur mit. Insbesondere geht er Problemen auf PowerPCs nach.

Die Begründung Salomons: Sven Luther führe sich gegenüber anderen Debian-Entwicklern unmöglich auf und bedrohe sie. Die Zusammenarbeit mit Luther sei unerträglich, weil er die Developer immer schlecht behandle. Andres Salomon selbst pflegt diverse Pakete im Debian-Archiv, besonders ins Rampenlicht rückte er aber erst, als er Ndiswrappper übernahm.

Ab die Post

Nun sind Debian-Entwickler bekanntermaßen nicht gerade zimperlich, also ging schon kurz nach der Veröffentlichung von Andres Salomons E-Mail die (elektronische) Post ab: In bereits bekannter Manier spalteten sich die Akteure auf der offiziellen Liste für Entwicklung [1] in zwei Lager. Die eine Seite bestätigte Salomons Vorwürfe und sprach sich energisch für den Rausschmiss aus. Andere plädierten dafür, das Problem ruhig anzugehen und es möglichst zu lösen.

Die mit sehr viel Herzblut geführte Diskussion macht deutlich, wo bei Debian der Ursprung der Probleme liegt: Die Kommunikation zwischen den einzelnen Gruppen und sogar zwischen einzelnen Entwicklern läuft immer wieder in fataler Weise schief.

Kritische Tendenzen

Dass Kommunikationsprobleme und persönliche Animositäten zur formalen Einleitung eines Ausschlussverfahrens führen, ist ein Novum in der Geschichte des Projekts. Bis vor zwei Jahren gab es nicht einmal ein offizielles Verfahren für den Ausschluss. Erst James Troup, damals noch alleiniger Debian Account Manager und insbesondere für die Verwaltung der Benutzerzugänge auf Debian-Maschinen verantwortlich, schrieb feste Regeln nieder. Demnach kann ein Entwickler ein Ausschlussverfahren nur einleiten, wenn er mindestens 15 andere hinter sich hat, die den Rauswurf ebenfalls unterstützen. Und selbst dann ist das Ding noch nicht im Trockenen. Troup legte damals fest, dass in letzter Instanz die Entscheidung beim Account Manager liegt, der in einer Interessenabwägung ein Urteil fällt.

Dass nun ein Entwickler im Alleingang vorprescht, ist ein Symptom einer kritischen Erscheinung, die das Debian-Projekt insgesamt betrifft. Viele Mitglieder sind erst in den letzten Jahren beigetreten und haben ihre eigenen Vorstellungen mitgebracht, wie das Debian-Projekt funktionieren könnte. Nicht selten führen die unterschiedlichen Auffassungen zu sehr heftigen Kollisionen. Bislang regten sich die Gemüter danach wieder ab. Dass jetzt aber Ausschlussverfahren angezettelt werden, zeugt von einer Radikalisierung der Interessengruppen und von gleichzeitig abnehmender Kompromissbereitschaft.

Viel Wirbel um nichts

Sven Luther selbst reagierte auf den Vorstoß Salomons bestürzt. Er nahm an der Diskussion anfänglich teil und zog sich dann zurück. Kurz darauf schien die Sache wieder vom Tisch zu sein – ein offizielles Ausschlussverfahren hat jedenfalls noch nicht stattgefunden.

Die Verlierer des Spektakels sind alle: Die Diskussion hielt einige Entwickler über Tage von ihrer Arbeit ab. Ein sehr aktives Mitglied, Sven Luther, ist düpiert worden und dürfte sich in Zukunft vermutlich überlegen, ob er seine Zeit weiter für Debian einsetzt. Ein Projekt, das immer und immer wieder auf den freiwilligen Charakter der Mitarbeit hinweist, sollte sich solche Eskapaden besser nicht oft erlauben.

Kommen und gehen

Hinlänglich bekannt ist mittlerweile, dass Martin alias Joey Schulze (Abbildung 2) vor einigen Wochen die Flinte als Stable-Release-Manager ins Korn geworfen hat. Schulze begründete seinen Rücktritt mit der Blockade-Taktik der FTP-Master, insbesondere von James Troup. Er könne deshalb nicht effizient an neuen Versionen von Debian arbeiten. Eine E-Mail, in der er offiziell darum bat, ihn mit den Rechten der FTP-Master – also der Archivverwalter – auszustatten, beantwortete James Troup persönlich mit einer Ablehnung. Schulze zog daraus seine Konsequenzen.

Abbildung 2: Ex-Release-Manager Martin Schulze zählt zu den altgedienten Debian-Entwicklern.

Abbildung 2: Ex-Release-Manager Martin Schulze zählt zu den altgedienten Debian-Entwicklern.

Zusammen mit der Meldung über Sven Luther gewinnt die Affäre neue Brisanz und macht deutlich, dass Debian es sich zurzeit mit den eigenen Leuten verscherzt. Noch ergibt sich aus dem Rücktritt von Martin Schulze kein spürbares Problem für die Nutzer, denn Andreas Barth und Martin Zobel-Helas kündigten umgehend an, sich um die Stable-Version zu kümmern.

Stable-Release in Sicht

Das taten die beiden auch recht eifrig: Nur wenige Wochen nach dem fliegenden Wechsel scheint eine neue Stable-Release nicht mehr weit entfernt zu sein. Wunder sind aber nicht zu erwarten; traditionell sind Stable-Releases nichts anderes als (Sarge-)CDs, die sämtliche Sicherheitsupdates und kritischen Fehlerkorrekturen seit dem letzten stabilen Update bündeln.

Wer neuere Software braucht, muss abwarten oder sich die noch experimentelle Etch-Variante besorgen. Dass sich die Abstände zwischen den Releases verkürzen, ist nicht zu erwarten, wenn die Entwickler mehr damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu vergraulen.

GFDL wird salonfähig

Die vorige Debianopolis-Ausgabe berichtete über den im Projekt schwelenden Konflikt rund um die GNU Free Documentation License. Die Abstimmung über den Umgang mit der GFDL hat jetzt ein fast schon sensationelles Resultat geliefert: Die Mitglieder haben mehrheitlich dafür gestimmt, dass Debian die GFDL als freie Lizenz akzeptiert, wenn der Passus über unveränderliche Teile in der jeweiligen Dokumentation entfällt. Die aktuelle GFDL erlaubt es einem Autor, bestimmte Passagen festzulegen, die kein anderer ändern darf. Fällt dieser Passus weg, sind Werke unter der GFDL ab jetzt in Debian zugelassen.

And the Winner is …

Anthony Towns! Er gewann die Wahl [2] zum Debian Project Leader 2006. Dabei war das Resultat der diesjährigen Wahl alles andere als eindeutig: Im so genannten Condorcet-Wahlverfahren, das für Außenstehende und auch für Entwickler bisweilen kompliziert wirken dürfte, setzte sich Anthony Towns nur deshalb gegen seinen Konkurrenten Steve McIntyre durch, weil er im Verhältnis sechs Stimmen mehr erhielt (Abbildung 1). Die Abstände zu den anderen Kandidaten waren wesentlich deutlicher; der junge Kandidat Jeroen van Wolffelaar kam noch am nächsten; unterlag aber bereits mit 86 Stimmen.

Den Wahlerfolg von Anthony Towns nahmen die Entwicklern mit gemischten Gefühlen auf. Viele reagierten positiv, andere äußerten sich kritisch im Hinblick auf sein Wahlprogramm [3]. Sie rechnen damit, dass nach Branden Robinsons DPL-Wahljahr ein weiteres Jahr des Wartens auf Veränderungen folgt. Andere Entwickler befürchten, dass für Maintainer vieler Pakete in Debian schwere Zeiten anbrechen: Anthony Towns hatte angekündigt, bei Projektangelegenheiten – auch in technischer Hinsicht – tiefer einzugreifen und wenn nötig rigorose Entscheidungen zu treffen.

Winds of change?

Der unterlegene DPL-Kandidat Andreas Schuldei kündigte an, sich auch künftig um die Interessen des Projekts zu kümmern und den neuen Debian Project Leader nach Kräften zu unterstützen. Er nimmt im Projekt ohnehin eine wichtige Position ein, weil er Hauptorganisator der jährlich stattfindenden Debconf-Entwicklertreffen ist.

Grund zur Besorgnis gibt es mit Blick auf die schwache Wahlbeteiligung: Nur etwa 43 Prozent der Entwickler reichten ihre Stimmzettel ein. Das ist zwar teils dem Umstand geschuldet, dass manche Debian-Entwickler als Karteileichen nicht mehr aktiv sind. Es steht aber dennoch fest, dass es wesentlich mehr aktive Mitglieder gibt als die 421, die bei der Wahl eine gültige Stimme abgegeben haben. Eine höhere Wahlbeteiligung ist daher auch bei Debian eine durchaus wünschenswerte Sache.

Wie sich die Wahl von Anthony Towns in der Praxis auswirkt, darüber sind bis dato nur Spekulationen möglich. Dass Towns als Project Leader 2006 aktiver sein wird als sein Vorgänger Branden Robinson, steht aber zu hoffen. (uba)

Infos

[1] Ausschlussverfahren gegen Sven Luther: [http://lists.debian.org/debian-devel/2006/03/msg00620.html]

[2] Ergebnis der DPL-Wahlen:[http://www.debian.org/vote/2006/vote_002]

[3] Wahlprogramm von Anthony Towns:[http://us.debian.org/vote/2006/platforms/ajt]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln. Momentan arbeitet er am Debian-Desktop-Projekt.

Copyright © 2002 Linux New Media AG

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