Aus Linux-Magazin 03/2006

Aus dem Alltag eines Sysadmin: Ethtool

Abbildung 1: Ethtool findet heraus, dass trotz erfüllter Voraussetzungen keine Gigabit-LAN-Verbindung mit Vollduplex zustande kommt.

Ein divenhaft zickendes LAN vergällt Admins nicht nur den Arbeitstag. Nein, auch zu Hause sorgen falsch ausgehandelte Ethernets für Verdruss. Doch wie in Hollywood naht Rettung in letzter Sekunde.

Murphy nahm vor ein paar Tagen denselben Bus wie ich und ließ sich, anfangs unbemerkt, in meiner Wohnung nieder. Als ich mein Notebook hochfuhr, schlug er hinterrücks zu. Mein harmloser Plan: Ich wollte mir nur im Arbeitszimmer das gerade laufende Fernsehprogramm per Streaming anschauen.

Im Wohnzimmer steht dazu ein VDR [1], die Verbindung zwischen beiden schafft mein sehr gepflegtes heimischen Netz [2]. Doch die Enttäuschung war groß, als jeder Film mit Breakdancern besetzt zu sein schien, so ruckelte das Ganze.

Hardware prima, Video unbrauchbar

Die (etwas längliche) Diagnose der Netzwerkhardware brachte nichts. Auf meinem Switch gab es nichts zu diagnostizieren, da er ein dummes Gerät ohne Managementfunktionen ist. Am Ende verhalf mir Ethtool [3] zur filmreifen Erkenntnis: Das automatische Aushandeln der Übertragungsparameter zwischen Switch und Gigabit-Port des Notebooks, die Auto-Negotiation, hat versagt. Nicht nur, dass lediglich 100 MBit/s statt des Zehnfachen anlagen, es war auch verständlicherweise auf Halbduplex eingestellt (siehe Abbildung 1). Kein Wunder, dass der Datenfluss schneckig wirkte.

Abbildung 1: Ethtool findet heraus, dass trotz erfüllter Voraussetzungen keine Gigabit-LAN-Verbindung mit Vollduplex zustande kommt.

Abbildung 1: Ethtool findet heraus, dass trotz erfüllter Voraussetzungen keine Gigabit-LAN-Verbindung mit Vollduplex zustande kommt.

Fehler bei der Auto-Negotiation sind eine klassische Domäne für Murphy. Sie passieren oft genug, um zu nerven, aber nicht so häufig, dass man bei der Diagnose gerade daran zuerst denkt. Manchmal lässt sich das Malheur schon durch erneutes Auslösen der Autoneg beheben (sprich: Kabel raus, Kabel rein), manchmal nicht. Netzwerker berichten von Situationen, in denen sie zehn Netzwerkkarten desselben Herstellers, sogar aus einer Charge, an denselben Switch hängten – bei sieben funktioniert die Autoneg, bei dreien nicht.

Perfide ist, dass erst einmal alles zu klappen scheint. Das Link-Lämpchen leuchtet, auf Pings kommen prompte Antworten. Alles klar. Bis der Erste versucht größere Datenmengen über das Interface zu schieben. Mit etwas Glück fällt gleich bei »ifconfig« der muntere Kollisionszähler auf. Kollisionen sollte es in einem geswitchten Netz überhaupt nicht geben. Andernfalls ist mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Halbduplex-Verbindung im Spiel.

Reparaturbetrieb

Glücklicherweise kann Ethtool derartige Missstände nicht nur diagnostizieren, sondern auch beheben. Denn das Kommando »ethtool -r eth0« startet die Auto-Negotiation erneut. Das ist eleganter, als das Netzwerkkabel zu ziehen, und ohnehin die einzige Möglichkeit, wenn kein physikalischer Zugriff auf die Hardware möglich ist. Mein Vertrauen in die Autoneg hat sich jedoch inzwischen vollständig verflüchtigt. Darum stelle ich mit

ethtool -s eth0 speed 1000 duplex full autoneg off

lieber die Werte hart ein. Wer (im Gegensatz zu mir) einen Managed Switch hat, tut gut daran, die Werte auch dort fest zu verdrahten.

Ethtool ist noch für einige Spielereien zu haben. So vermag es die WOL-Einstellungen (Wake on LAN) präzise zu steuern; die Programmdokumentation weiß Näheres. Bedeutsamer ist eine Funktion, die auf den ersten Blick wie ein ebenso nettes wie nutzloses Gimmick aussieht. Das Kommando »ethtool -p eth0« bringt die Netzwerkkarte dazu, rhythmisch mit ihren LEDs zu blinken. Wer schon einmal vor einem Server mit acht NICs stand und herauszufinden versuchte, welche davon »eth0« ist, lernt dieses Feature schätzen. Einen ungestörten Fernsehabend kann eine blinkende LED freilich nicht ersetzen. (jk)

Infos

[1] VDR: [http://www.cadsoft.de/vdr/]

[2] Wenn es diese Kolumne als Podcast gäbe, könnte der geneigte Leser an dieser Stelle das Prusten und Glucksen meiner holden Gattin vernehmen.

[3] Ethtool: [http://freshmeat.net/redir/ethtool/20128/url_homepage/gkernel]

Der Autor


Charly Kühnast administriert Unix-Betriebssysteme im Rechenzentrum Niederrhein in Moers. Zu seinen Aufgaben gehören die Sicherheit und Verfügbarkeit der Firewalls und der DMZ (demilitarisierte Zone). In seiner Freizeit lernt er Japanisch, um endlich die Bedienungsanleitung seiner Mikrowelle lesen zu können.

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