Die Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software. Diese Ausgabe stellt ein neues Projekt zum Konvertieren von Vektorgrafikformaten vor und berichtet über die Probleme freier Software in Entwicklungsländern.

Abbildung 1: Vektorformate wie diese mit Inkscape erzeugten Grafiken lassen sich gut in andere Formate konvertieren, wenn die Dateistruktur bekannt ist – ein Vorteil freier Software.
Eric L. Wilhelm, Bruno Postle und Massimiliano Mirra entwickelten unabhängig voneinander Konzepte für das Speichern und Konvertieren von Vektorgrafikformaten (Abbildung 1). Mirras Xspace-Projekt verfolgt dabei den interessanten Ansatz, die geometrischen Objekte in Dateisystem-ähnlichen Strukturen abzulegen. Erprobte Unix-Werkzeuge helfen anschließend beim Betrachten und Bearbeiten der Daten. Neugierige finden auf der Xspace-Homepage [1] mehr Informationen dazu und einige Beispiele.
Im Blickpunkt dieser Ausgabe steht jedoch ein anderes Projekt, das einen neuen Weg fürs Konvertieren von Vektordaten geht: Statt die entsprechenden Algorithmen in einer Bibliothek abzulegen, gruppieren sich hierbei Helferprogramme um eine zentrale Anwendung. Ähnlich Fluglinien, die nicht alle Verbindungen direkt fliegen, sieht das Konzepte eine Radnabe vor, an der die Formatwandler andocken. Und da eine Radnabe auf Englisch Hub heißt, liegt die Bezeichnung Hubbed Design nahe. Dabei bedingt jedes neue Format nur einen zusätzlichen Konnektor, der über den Hub das Übersetzen in alle anderen Formate erlaubt (Abbildung 2).
Uber-Converter
Unter dem Namen Uber-Converter [2] legte Eric L. Wilhelm eine Implementation dieses Konzepts vor, das unter anderem auf einem Papier von Bruno Postle basiert [3]. Er arbeitet dabei mit mehreren Hubs unterschiedlicher Komplexität, die miteinander interagieren. Im ersten Schritt plant Eric einen auf die üblichen 2D- und 3D-Anwendungen spezialisierten Hub namens Rhizopod. Als Programmiersprachen dienen Python, Perl und Javascript.
Etwas unklar sieht derzeit die Lizenzsituation aus: Eric spricht von Open Source, doch obwohl der Quellcode frei zur Verfügung steht, ließ sich bei der Recherche keine freie Lizenz finden. Erics Artikel über die technischen Vorteile freier Software sowie die Ankündigung des Unternehmens Xara Ltd., dass es das Vorhaben unterstützt, legen jedoch nahe, dass eine freie Lizenz noch folgt. Zudem sucht Eric nach Freiwilligen, was ohne Urheberrechtsübertragung eine proprietäre Lizenz erschwert.
Insgesamt sieht das Projekt nach einem guten Ansatz aus. Das Versäumnis einer sauberen Lizenzierung hebt jedoch die technischen Vorteile freier Software auf und schafft eine Situation der Ungewissheit. Die Freigabe der Software wäre eigentlich der richtige Weg, sie sollte aber konsequent erfolgen. Ein Programm aus ideellen Gründen lediglich freie Software nennen, ohne dies festzuschreiben, sorgt am Ende nur für Probleme.
Geld spielt eine Rolle
Häufig setzen sich Menschen nicht aus ideellen Gründen, sondern einfach aus finanziellem Interesse für den Einsatz freier Software ein. Dabei sorgt das Thema Lizenzkosten regelmäßig für große Verwirrung. Microsoft etwa weist darauf hin, dass Lizenzkosten bei den Gesamtkosten für eine IT-Infrastruktur weniger ins Gewicht fallen. Die so genannten Total Cost of Ownership (TCO) wären der wichtigere Faktor [4]. Kostenvergleiche erscheinen jedoch erst dann realistisch, wenn sie die Gesamtkosten des Betriebs mit einbeziehen, also die Total Cost of Operation. In diese Kalkulation sollten aber auch langfristige und durch Marktmechanismen verursachte Summen einfließen.
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Fehlender Wettbewerb, wie zurzeit in einigen Segmenten des IT-Markts zu beobachten, trägt zu minderer Qualität und höheren Preisen bei – wie jedes Monopol. Die versteckten Kosten einer Abhängigkeit von bestimmten Herstellern bedrohen zum Teil die Existenz der Kunden. Es gibt genau einen Anbieter von Microsoft-Software, aber viele tausend Anbieter freier Software. Daher bedeutet eine Entscheidung für einen Anbieter von freier Software einen Schritt hin zu mehr Markt und Wettbewerb; die Entscheidung für den Monopolisten Microsoft steht dagegen für zentralisierte Planwirtschaft.
Langfristige Entscheidung
Zudem macht das Alter der heute zum Teil eingesetzten Systeme schnell klar: Die Wahl für eine IT-Infrastruktur stellt die Weichen für jeweils die nächsten 10 bis 20 Jahre. Manche Unternehmen planen darum sogar über diesen Zeitraum hinaus. Das Problem beschränkt sich nicht auf die Firma Microsoft: Jeder andere Hersteller unfreier Software in einer ähnlich marktdominanten Stellung verursacht vergleichbare Schwierigkeiten. Es liegt im Prinzip, nicht bei den Unternehmen, und Microsoft könnte – theoretisch – jederzeit zum seriösen Anbieter freier Software werden.
Wirklich verheerend wirkt sich die Bindung an einen Monopolisten aus, wenn sie nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ein ganzes Land betrifft, speziell wenn es sich um ein Entwicklungs- oder Schwellenland handelt.
Der Name Linux – in Verhandlungen im Nebensatz erwähnt – drückt derzeit den Preis für Microsoft-Software erheblich. Das wirkt auf viele sehr verführerisch. Sie übersehen dabei die Zeche, die das Land zahlt: die Abhängigkeit, in die ein großer Teil der erst im Aufbau befindlichen Industrie dieser Länder durch Rahmenabkommen und Einverständniserklärungen mit einem einzigen Softwarekonzern gerät, dessen Zentrale nicht in dem betreffenden Land liegt.
Häufig resultieren daraus ein hoher Kapitalabfluss und eine IT-Industrie, die diesem System bestenfalls zuarbeitet. Langfristig verhindert dies eine nachhaltige Wirtschaftspolitik. Ganz anders bei der Förderung freier Software: Sie hilft dabei, die lokalen Wirtschaftszyklen und Kompetenzen aufzubauen. Die Ökonomie wächst langsamer als durch einen kurzfristigen Impuls von außen, aber nachhaltiger und zum Wohle des eigenen Landes.
Beispiel Malawi
Anschauliche Beispiele für eine derart kurzsichtige Entwicklungspolitik finden sich leider zuhauf. Vom Medienkünstler und Open-Source-Anhänger Alex Antener stammen Informationen über einen Fall in Malawi, bei dem der Bildungsminister ein so genanntes Memorandum of Understanding mit Microsoft unterzeichnete, demzufolge die Schüler des Landes nun ausschließlich mit den Produkten aus Redmond lernen. Unabhängig von der Frage, ob öffentliche Bildungseinrichtungen überhaupt die Schüler nur mit bestimmten Produkten eines einzigen Herstellers unterrichten sollten, untergräbt diese Maßnahme die bereits bestehenden Aktivitäten und Eigeninitiativen im Land.
So hatte im Frühjahr 2004 die Malawi ICT Trade Fair das Interesse an freier Software geweckt. Noch im selben Jahr formierte sich eine Malawi Open Source Society (MOSS). In dieser engagiert sich auch Antener, der mit dem Malawi Library and Information Consortium (Malico) [5] an einem Projekt für die Vernetzung der Bibliotheken Sambias, Tansanias und Malawis arbeitet und außerdem einen Spiegelserver für freie Software an der Malawi Polytechnic University [6] initiierte.

Abbildung 2: Der Uber-Converter basiert auf einem Modell, bei dem sich Helferprogramme zum Umwandeln der Formate um eine zentrale Anwendung gruppieren.
Den Köder auswerfen
Angesichts von Beispielen wie dem School Net Malawi [7], das plötzlich westliche Preise für die Software-Upgrades der geschenkten PCs zahlen sollte und dies schließlich auch tat, erhellt sich der Hintergrund von Aktivitäten wie der gemeinsamen Erklärung mit Microsoft: Der flächendeckende Einsatz schafft nämlich langfristig eine zuverlässige Einnahmequelle für den Konzern. Ähnliche Beispiele finden sich auch in Namibia, Mosambik und Sambia und vielen anderen Ländern.
Die Strategie ist so einfach wie bekannt und Angler auf der ganzen Welt setzen sie erfolgreich ein: Das Angebot besteht aus einem leckeren Köder, dem kostenlosen PC. Darin versteckt sich jedoch der Haken – die proprietäre Software. Schluckt das Land den Köder und gewöhnt es sich an die unfreie Software, ziehen Unternehmen die Beute schließlich an Land. Der Weg aus dieser Abhängigkeit in die Freiheit führt dann oft über einen sehr langwierigen Prozess, wie viele Fische bezeugen können.
Die Rolle der NGOs
Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) spielen in diesem komplexen System eine wichtige, manchmal aber auch fragwürdige Rolle. Denn oft überbringen sie den Köder: Microsoft fördert mit großen Summen einige Organisationen, damit diese in ausgesuchten Ländern Produktschulung für das Unternehmen anbieten. Das nutzt zwar dem Firmenimage und belebt das Geschäft – es hilft aber nicht den betroffenen Ländern.
Selbst Hilfsorganisationen, die keine unfreie Software verbreiten, sondern diese lediglich für eigene Zwecke einsetzen, machen sich unfreiwillig zum Teil des Problems: Sie gehen schließlich mit vermeintlich gutem Beispiel voran, empfehlen den Menschen in den Entwicklungsländern jedoch im gleichen Atemzug den Einsatz freier Software. Das wirkt angesichts der eigenen teuren Software hohl, denn freie Software erscheint den Betroffenen so im Vergleich minderwertig – getreu dem Motto: Was nichts kostet, taugt auch nichts. Matthias Kirschner beschäftigt sich in seiner Studienarbeit „Kulturtechnik Software“ [8] kurz und verständlich mit dem Problem – zum Weiterreichen geeignet.
Entwicklungsmodelle
Erfahrungsgemäß lassen sich viele fragwürdigen Entscheidungen auch auf die Tatsache zurückführen, dass die Entscheidung für den Einsatz freier Software aus rein technischen Gesichtspunkten mit Blick auf das zugrunde liegende Entwicklungsmodell fiel. Das greift jedoch zu kurz: Die Idee hinter freier Software eröffnet den Menschen mehr als ein Entwicklungsmodell.
Es geht eben nicht darum, dass alle von Open Source reden, sich in Wirklichkeit aber nichts ändert. Es geht um ein Umdenken in Bezug auf den Umgang mit Software sowie das Verständnis dafür, was Software für die Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet. Dieser Prozess erfordert viel Arbeit und noch mehr Zeit beim Erläutern der Idee. Letztlich zahlt es sich aber aus, die Unterschiede offen und ehrlich anzusprechen und Widersprüche zu klären. Nur so bildet sich langfristig ein Bewusstsein für die gesamte Thematik, auf dessen Basis dann die richtigen Entscheidungen aus den richtigen Gründen fallen. (agr)
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Infos |
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[1] Xspace-Homepage:[http://xspace.sourceforge.net] [2] Uber-Konverter-Homepage:[http://scratchcomputing.com/projects/uber-converter/] [3] Postle-Papier zum CAD-Format: [http://bugbear.blackfish.org.uk/~bruno/draft/] [4] Microsoft-TCO-Webseite:[http://www.microsoft.com/windowsserversystem/facts/] [5] Malico-Projekt:[http://www.bunda.unima.mw/malico.htm] [6] Malawi Polytechnic:[http://www.poly.ac.mw] [7] School Net Malawi:[http://www.schoolnetmalawi.org] [8] Matthias Kirschner, „ Kulturtechnik Software“: [http://www.fsfe.org/Members/mk/kulturtechnik_software-1.4.pdf] |
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Der Autor |
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Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter: [http://www. gnuhh.org]
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