Aus Linux-Magazin 10/2005

Die monatliche GNU-Kolumne

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software. Dieses Mal berichtet sie über die Arbeiten an der kommenden Version 3 der GPL und über die Visualisierung der Cyberspace-Topographie.

Abbildung 1: Mit Version 3 der General Public License (GPL) will die Community auf veränderte Rahmen-bedingungen reagieren. Zwischen Blaupause und fertigem Werk liegen aber noch etliche Diskussionen.

Abbildung 1: Mit Version 3 der General Public License (GPL) will die Community auf veränderte Rahmen-bedingungen reagieren. Zwischen Blaupause und fertigem Werk liegen aber noch etliche Diskussionen.

Freie Software definiert sich durch die Möglichkeit zur unbegrenzten Benutzung für jeden Zweck, die Freiheit des Studiums und der Modifikation, uneingeschränkte Distribution der Stamm-Software sowie aller Modifikationen. Diese Definition der vier Freiheiten entstammt einem Prozess, der mit der Ankündigung des GNU-Projekts im Jahr 1983 und der Gründung der Free Software Foundation in Boston im Jahr 1985 begann und bis heute anhält.

Die Freiheit, die ich meine

Die erste bekannte Veröffentlichung, die diese essenziellen Freiheiten explizit benennt, war das im Januar 1989 erschienene “GNU\’s Bulletin”, Vol. 1 no. 6 [1]. Obwohl sich seitdem die Darstellung und Anordnung der Freiheiten weiterentwickelte, bildet die Definition seit vielen Jahren ein solides Fundament dessen, was als freie Software gilt.

Die im Juni 1997 beschlossenen Debian Free Software Guidelines (DFSG, [2]) erläutern freie Software auf andere Weise, aber sie beschreiben eine identische Substanz. Als 1998 dann die Open Source Initiative (OSI) ein Marketingprogramm für freie Software schaffen wollte, entschied sie sich für die Übernahme der Debian Free Software Guidelines für das, was sie unter Open Source versteht.

Dass die Begriffe freie Software, Libre Software und Open Source im Kern dieselbe Substanz beschreiben, ist also kein Zufall. Daher ist es eher eine Rückkehr zu den Wurzeln, wenn Vertreter der OSI wie Larry Rosen mittlerweile den Begriff Open Source wieder mit den vier Freiheiten definieren.

Bei allen Problemen durch Begrifflichkeiten, beispielsweise die Verwirrung durch redundante Begriffe wie FOSS oder FLOSS, bei allen Auseinandersetzungen über die taktische Schwächung freier Software und die Mißverständnisse, die durch den Begriff Open Source in der Vergangenheit entstanden: Im Prinzip ziehen alle an einem Strang, auch wenn sich Ausnahmen von dieser Regel finden lassen. Einige verwenden die Formulierung Open Source für Software, die nicht der Definition freier Software und damit der Open-Source-Definition genügt. Das ist ein klarer Missbrauch des Begriffs.

Viele Varianten

Ein kleiner Teil freier Software liegt in nicht urheberrechtlich geschützer Form vor, auch Public-Domain-Software genannt. Der größte Teil steht jedoch unter dem Schutz des Urheberrechts oder des angloamerikanischen Copyright.

Um die oben genannten vier Freiheiten zu garantieren, bedarf es also einer Lizenz. Aus diesem Grund kommt freie Software häufig in Begleitung eines entsprechenden Dokuments, das dem Anwender diese Freiheiten gewährt. Die Lizenz macht den wesentlichen Unterschied zwischen proprietärer (oder unfreier) und freier Software aus. Es gibt eine große Zahl an Lizenzen für freie Software, beispielsweise die Mozilla Public License (MPL), die Xfree86-Lizenz oder die BSD-Lizenzen. Die bekannteste Lizenz dürfte die General Public License (GPL, [3]) sein.

Die erste Version der GPL stammt aus dem Jahr 1989, die aktuelle Version 2 datiert vom Juni 1991 und wurde in den vergangenen 14 Jahren von einer Lizenz zum Manifest einer gesellschaftlichen Vision. Denn mit der GPL erfand Richard Stallman auch das Prinzip des so genannten Copyleft und schuf damit die Idee einer freien digitalen Gesellschaft unter Gleichen. Vereinfacht ausgedrückt gewährt die GPL nicht nur die vier Freiheiten, sie verknüpft diese auch mit einer grundsätzlichen Bedingung: Nutzer von Software unter der GPL dürfen die gewonnene Freiheit anderen nicht vorenthalten.

Fragen und
Anregungen

Für Ideen, Anregungen und Kommentare zur Brave GNU World steht die Adresse [column @brave-gnu-world.org]zur Verfügung. Die Homepage des GNU-Projekts findet sich unter [http://www.gnu.org]. Georgs Kolumne “Brave GNU World” steht online unter [http://brave-gnu-world.org] und die Initiative “We run GNU” betreibt eine Webseite unter: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world /rungnu/rungnu.de.html]

Bis heute erlangte die GPL als urheberrechtliche Lizenz ein großes wirtschaftliches und politisches Gewicht weltweit: Das umfasst Milliardeninvestitionen von Unternehmen aller Größenordnungen, aber auch kritische Systeme vieler Regierungen, etliche Universitäten und große Teile des Internets sowie die Computer zahlloser Privatleute.

Operation am offenen Herz

Seit 1991 entwickelte sich die digitale Welt um mehrere Generationen weiter. Dass die GPL trotzdem so lange funktionierte, ist ungewöhnlich. Dennoch steht die nächste Version schon eine Weile auf dem Programm: Professor Eben Moglen vom Software Freedom Law Center (SFLC, [4], Abbildung 2) koordiniert diesen Boxenstopp der GPL global und im Auftrag von Richard Stallman und der Free Software Foundation (FSF). Sofern alles klappt, bilden sich in der zweiten Hälfte 2005 die ersten Advisory Committees, um im Winter 2005 den Fahrplan und die allgemeinen Spielregeln für die GPLv3 festzulegen.

Der erste Draft soll in den ersten Wochen des nächsten Jahres erscheinen, begleitet von einem weiteren Dokument, das den Zweck jeder einzelnen Änderung und ihre Auswirkungen im Detail genau erklärt. Wiederum koordiniert durch Eben Moglen und das SFLC und in Beratung mit den GPLv3 Advisory Committees beginnt die Diskussion über Verbesserungen, die in die endgültige Form einfließen sollen.

Die Initiatoren erwarten, dass sich etwa 150000 Personen und 8000 Organisationen an dieser Diskussion beteiligen, die weltweit von einer Serie von Konferenzen begleitet wird. In Europa übernimmt die Free Software Foundation Europe (FSFE, [5]) gemeinsam mit dem Software Freedom Law Center die Koordination der Diskussion. Wegen der starken Verbreitung freier Software und des hohen politischen Interesses ist gerade in Europa eine der zentralen Regionen für diesen Prozess zu sehen.

Themen für die GPL 3

Die Themen für diese Diskussion sind vielfältig: Denkbar wäre eine Klärung in Bezug auf dynamisches Linken und virtuelle Maschinen. Auch ein stärkerer Schutz gegen den Mißbrauch von Softwarepatenten ist im Gespräch, ebenso wie Gegenmaßnahmen zu Trusted Computing, durch das Computer entstehen, denen ihre Anwender nicht mehr vertrauen können.

Interaktive und dynamische Dienste über das Internet, die so genannten Webservices, bilden einen weiteren Themenkreis. Hier besteht für den Nutzer meist keine Möglichkeit, die ihm durch die GPL eigentlich gewährte Freiheit wahrzunehmen. Voraussichtlich macht GPLv3 hierzu eine Aussage.

Im weiten Feld der Kompatibilität der GPL mit anderen Lizenzen, insbesondere mit Copyleft-Lizenzen, tut sich einiges: Die GPL-Version 2 stand bei ihrer Erstellung noch allein auf weiter Flur. GPLv3 wird für viele Jahre mit einer großen Zahl an Brüdern und Schwestern leben, inklusive der GPLv2. Die maximale Kompatibilität steht daher als Ziel weit oben in der Diskussion.

Abbildung 2: Eben Moglen vom Software Freedom Law Center (SFLC) koordiniert die Arbeiten an der Version 3 der General Public License.

Abbildung 2: Eben Moglen vom Software Freedom Law Center (SFLC) koordiniert die Arbeiten an der Version 3 der General Public License.

Auch lehnt sich die GPL noch immer stark an US-amerikanische Lizenzen an. Eine internationalisierte Form und mögliche Anpassungen an nationales Recht wären für viele Menschen wünschenswert. Dies wird vermutlich im Laufe des nächsten Jahres näher untersucht.

Das ganze Jahr 2006 steht voraussichtlich im Zeichen leidenschaftlicher und sicher auch lauter Auseinandersetzungen. Die Verantwortlichen hoffen aber Ende des Jahres eine Version zu konsolidieren. Diese veröffentlicht dann Anfang 2007 Richard Stallman für die Free Software Foundation.

Friedliches Nebeneinander

Angesichts der Ausmaße des gesamten Unterfangens überrascht es nicht, wenn Eben Moglen die Arbeit als eine außergewöhnliche Erfahrung für die Community bezeichnete, auf die er selber sehr gespannt sei. Dabei steht für alle Beteiligten ein Prinzip im Vordergrund: Primum non nocere – zuallererst sollte Schaden vermieden werden.

Klärt sich im Verlauf des Prozesses nicht, welchen positiven Effekt eine Änderung hat, oder werden die Auswirkungen einer Änderung nicht deutlich, tritt sie nicht in Kraft. Aus diesem Grund entsteht keine vollständig neue Version. Vielmehr beschränken sich die Änderungen auf Korrekturen an wichtigen Stellen. Die GPL 3 soll mindestens ebenso erfolgreich sein wie die Version 2 und die nächsten 15 Jahre ihre Aufgaben erfüllen.

Nicht alle Projekte stellen wahrscheinlich unmittelbar auf die Version 3 um, einige Projekte können dies eventuell gar nicht und es gibt zudem auch keine Verpflichtung dazu. Daher leben beide Varianten der Lizenz wahrscheinlich noch für viele Jahre friedlich nebeneinander, bis irgendwann das letzte freie Programm unter der GPLv2 in den friedlichen Ruhestand geht.

Für die FSFE hat die Arbeit bereits begonnen: Es gilt, die europäischen Teilnehmer für die GPLv3 Advisory Committees auszuwählen und einzuladen. Es bleibt noch viel zu tun.

Abbildung 3: Etwas klotzig, aber informativ: Die Grafiken der Software Chilid verdeutlichen die Topologie des Internets.

Abbildung 3: Etwas klotzig, aber informativ: Die Grafiken der Software Chilid verdeutlichen die Topologie des Internets.

Topologie des Cyberspace

Grafische Darstellungen, Fotos und Karten üben meist eine starke Anziehungskraft auf uns aus. Besonders deutlich wird dies, wenn eigentlich unsichtbare oder virtuelle Phänomene sichtbar werden. Das Internet, das unseren Planeten zunehmend dichter umspannt, gehört dazu. Alleine dieser Umstand macht Visualisierungen schon faszinierend.

Für diese Topologien bietet sich eine Vielzahl von Varianten an: Anzahl der Router pro Region, Webverkehr, Backbones, aber auch die Geschwindigkeit der Pakete zwischen mehreren Rechnern lassen eine Darstellung zu. Auf der Seite “An Atlas of Cyberspace” [6] hat Martin Dodge viele verschiedene Karten und Darstellungen gesammelt. Und natürlich gibt es etliche freie Software-Anwendungen in diesem Gebiet.

Cichlid

Cichlid [7] von Jeff Brown am National Laboratory for Applied Network Research (NLANR) wäre da zu nennen. Es stellt beliebige dreidimensionale Datensätze dar, wobei das Programm die interaktive Erforschung in Echtzeit ermöglicht (Abbildung 3). Auf Netzwerkfähigkeit konzipiert erlaubt es die Übertragung von Daten von verschiedenen Servern via TCP an die Applikation. Brown schrieb das Programm ursprünglich im September 1998, um während der Supercomputing Conference im gleichen Jahr eine Darstellung zur Nutzung des IP-Adressraums in Echtzeit an die Wand des Konferenzzentrums zu projizieren.

Auf der Webpage finden sich interessante Animationen sowie der gesamte Sourcecode unter einer BSD-artigen Lizenz mit der etwas problematischen “Obnoxious Advertising Clause” [8]. Cichlid ist also freie Software, aber leider inkompatibel zur GPL. Das macht es schwierig (aber nicht unmöglich), das Programm in eigene Projekte zu integrieren. Außerdem wäre es denkbar, dass der Autor auf Nachfrage die Advertising Clause entfernt.

Walrus

Auch Walrus [9] dient der Visualisierung von Datensätzen in einem dreidimensionalen Raum. Allerdings tut es dies mit einer Verzerrung, die an ein Fischaugen-Objektiv erinnert (Abbildung 4). Das Programm eignet sich gut für die Darstellung von Netzwerken – was angesichts der Quelle nicht weiter verwundert: Es wurde von der Cooperative Association for Internet Data Analysis entwickelt. Die Ergebnisse sind so schön, dass Walrus nicht mehr nur zur Visualisierung, sondern mittlerweile auch bei künstlerischen Projekten Dienst tut.

Abbildung 4: Die Java-Software Walrus ermöglicht eine grafische Darstellung von Netzwerken, die beinahe künstlerisch anmutet.

Abbildung 4: Die Java-Software Walrus ermöglicht eine grafische Darstellung von Netzwerken, die beinahe künstlerisch anmutet.

Ende Februar 2003 gab der Autor das Programm als freie Software unter der General Public License heraus, womit der Weiterverwendung eigentlich nichts mehr im Wege stünde. Da es jedoch in Java geschrieben wurde und offenbar von der unfreien Sun-Implementation abhängt, wäre es besser, Walrus zunächst von dieser Abhängigkeit zu befreien. Es gibt immerhin einige sehr viel versprechende Ansätze für freie Java-Implementationen [10]. Ein Blick auf die wunderbar filigranen Bilder und Animationen lohnt sich aber allemal. (agr)

Der Autor


Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter: [http://www. gnuhh.org]

Infos

[1] GNU\’s Bulletin, Vol. 1 no. 6: [http://www.gnu.org/bulletins/bull6.html]

[2] Debian Free Software Guidelines (DFSG): [http://www.debian.org/social_contract#guidelines]

[3] GNU General Public License (GPL): [http://www.gnu.org/licenses/gpl.html]

[4] Software Freedom Law Center (SFLC): [http://www.softwarefreedom.org]

[5] Free Software Foundation Europe (FSFE): [http://fsfeurope.org]

[6] Topology Maps of Elements of Cyberspace: [http://www.cybergeography.org/atlas/topology.html]

[7] Datenvisualisierung mit Cichlid: [http://moat.nlanr.net/Software/Cichlid/]

[8] BSD-Lizenzproblem: [http://www.gnu.org/philosophy/bsd.html]

[9] Walrus – Graph Visualization Tool: [http://www.caida.org/tools/visualization/walrus/]

[10] Georg C. F. Greve, “Brave GNU World”: Linux-Magazin 01/05, S. 86

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