Aus Linux-Magazin 09/2005

Software entwickeln unter Linux

Freie Projekte legen Wert auf ihre Offenheit für neue Entwickler. Die Dokumentation spielt eine gernunterschätzte, oft aber entscheidende Rolle für die Motivation zur Mitarbeit.

Inhalt

 

90

Gnome-Programmierung
Der Einstieg in die Gnome-Programmierung ist nicht leicht. Der
Artikel beschreibt, weshalb es so viele Bibliotheken und
Schnittstellen gibt und wie man sie verwendet.

94

Perl-Snapshot
Mit Hilfe von Swish-E eigene Desktop-Suchmaschinen bauen.

98

Federlesen
Tcl 8.5 steht kurz vor der Fertigstellung und bringt neben 50
Verbesserungen eine echte Überraschung mit: Die Basissprache
erhält einen neuen Datentyp.

In seinem berühmt gewordenen Essay “The Cathedral and the Bazaar” [1] beschrieb Eric Steven Raymond 1997 die für ihn ideale Arbeitsweise eines Open-Source-Projekts. Die von ihm entwickelte Argumentation wird seither gerne vorgebracht, wenn es um die Vorteile von Open-Source- gegenüber Closed-Source-Entwicklung geht. Denn die Produktion findet nicht hinter den verschlossenen Türen der Kathedrale statt, wie in Softwarefirmen oder Ein-Mann-Projekten, sondern unter Beteiligung der Basarbesucher. Benutzer sind nicht dazu verdammt, an Fehlern herumzumäkeln und um Verbesserungen zu bitten, sondern können selbst Hand anlegen.

Diese Methode beschert den Entwicklern Hilfe von vielen Seiten und erspart den Benutzern Frust. Es sollte also im Interesse eines freien Projekts liegen, seine Anwender zur aktiven Beteiligung zu bewegen. Einen zentralen Punkt bildet dabei die Dokumentation. Setzt die Benutzung einer Bibliothek ein intensives Studium des womöglich unkommentierten Quelltextes voraus, schreckt dies selbst motivierte Programmierer ab. Eine übersichtliche Referenz – ergänzt durch anschauliche Beispiele – macht das Programmieren dagegen von Anfang an zum produktiven Vergnügen.

Wichtige Fleißarbeit

Beide Extreme sind in der Scene zu finden. Viele Projekte behandeln ihre Dokumentationen stiefmütterlich und tendieren zum negativen Beispiel. Um auf dem Basar willige Helfer zu finden, müssen sie ihren Benutzern nicht nur das theoretische Recht zur Beteiligung einräumen, sondern auch mit ihnen das für die Praxis nötige Wissen teilen.

Mit teilweise äußerst sparsamen oder sich sogar widersprechenden Angaben fällt unter anderem die Gnome-Dokumentation auf. Einst gründeten die Pioniere das Projekt, weil das von KDE verwendete Qt unter einer teilweise unfreien Lizenz stand. Inzwischen sind beide großen Desktops frei, doch Gnome ähnelt unfreiwillig selbst der Kathedrale: Zwar sind Helfer erwünscht, doch die Hauptarbeit bleibt häufig bei wenigen Entwicklern hängen.

Den Einstieg neuer Programmierer erschwert das Projekt nicht mit Lizenzen oder Hierarchien, sondern weil außer dem Kern langjähriger Mitglieder kaum noch jemand den Überblick über die APIs und ihre Funktionen hat – bei einem Projekt dieser Größe ein ernstes Problem. Um wieder zum Basar zu blicken: Wesentlich mehr Entwickler arbeiten an KDE-Programmen, auch dank der guten KDE- und Qt-Dokumentation.

Infos:

[1] “Die Kathedrale und der Basar”, deutsche Übersetzung von Lukas Müller: Linux-Magazin 08/1997, [https://www.linux-magazin.de/Artikel/ausgabe/1997/08/Basar/basar.html]

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