Aus Linux-Magazin 09/2005

Fünf Linux-Browser im Performance- und Konformitätstest

Der noch junge Firefox will sich nicht nur mit seinen Brüdern Mozilla und Galeon messen, sondern auch gegen den KDE-Günstling Konqueror und den Edelpelz Opera antreten.

Viel ist passiert seit dem letzten großen Webbrowser-Vergleichstest im Linux-Magazin ([1], [2]), so sieht es jedenfalls aus. Dieser Artikel soll zeigen, ob die Veränderungen auch Verbesserungen sind. Die Prognosen sind sonnig: Insbesondere der Nachfolger des einstigen Netscape-Browsers, Mozilla, hat bewiesen, dass man mit Open Source auch größte Softwareprojekte stemmen kann. Auch die anderen Browserentwickler waren zugange, ihren Produkten Kinderkrankheiten auszutreiben. Zu guter Letzt hat auch der einzige Closed-Source-Browser der Pinguin-Plattform, Opera, große Versionssprünge hingelegt.

Dummerweise bleibt auch das Ziel beweglich: die größtmögliche Kompatibilität mit dem Standard, aber auch mit Webseiten, die nicht optimal programmiert sind. Das W3C war nämlich fleißig und hat viele neue Standards geschaffen. Ob man damit dem WWW Gutes getan oder einen Bärendienst erwiesen hat, wird sich zeigen.

Vor knapp drei Jahren schon musste das Linux-Magazin feststellen, dass sich kein einziger Browser, auch nicht der Sicherheitslücken-geplagte De-fakto-Standard auf Windows, Microsofts Internet Explorer, strikt an die W3C-Vorgaben hält. Inzwischen besitzt das über ein halbes Jahrzehnt alte HTML 4 große Popularität, obgleich es offiziell von XHTML abgelöst sein sollte.

Die Vielfalt an Sprachdefinitionen hat längst dazu geführt, dass HTML ihre ursprüngliche Funktion eingebüßt hat: Eine Markup Language zu sein, also eine Sprache, in der man normale Texte einfach anstreicht und so mit Attributen auszeichnet. Abbildung 1 zeigt, wie alle getesteten Browser die Linux-Magazin-Homepage auf ihre Weise rendern.

Webseiten entstehen praktisch nur noch aus Automaten, kaum noch ein Webdesigner sieht sich den von den Engines produzierten Code an, es sei denn, er wäre so fehlerhaft, dass ein populärer Browser, das heißt IE, Mozilla oder Opera, ihn nicht mehr anzeigen könnte. Kaum ein Designer kennt mehr alle Vorgaben der Sprachdefinition, die Überprüfung von Seiten auf Konformität überlassen viele blind Programmen, beispielsweise dem Validator vom W3C.

Cascading Stylesheets waren eine bahnbrechende Erfindung, aber Level 2 hat bis heute kein einziger Browser vollständig implementiert. Und so hat das W3C etwas zurückrudernd mit 2.1 einen weiteren Standard geschaffen, der der Praxis näher ist. Das Problem, dass Webseiten auf den Browsern unterschiedlich aussehen, hat nun auch Microsoft ereilt: Der Internet Explorer hatte mit seiner geradezu extremen Gutmütigkeit, schlechten Code bestmöglich anzuzeigen, zur Verbreitung schlecht kodierter Seiten beigetragen. Jetzt muss Microsoft für die kommende Version 7 ganze drei Ebenen von Kompatibilität beziehungsweise Quirks-Modi einführen, die das Programm automatisch erkennen will.

Der Fall Mozilla

Bei Mozilla kam es zu großer Verwirrung über die künftige Entwicklung. Anfangs waren die Milestones von Mozilla und der Render-Engine Gecko gleich. Später wurden sie getrennt, ein reiner Browser war geboren. Nach zwei Umbenennungen erhielt er den Namen Firefox und wurde auf einen Schlag auch außerhalb der Linux-Gemeinde populär. Die Mozilla-Suite war offiziell abgekündigt – leider mit changierender letzter Versionsnummer.

Das ging so weit, dass selbst Entwickler nicht mehr wussten oder nicht daran glaubten, dass der Suite wirklich ein Ende beschert sei. Sie entwickelten für eine Version 1.8, die niemals erscheinen wird. Schließlich sah sich die Trägerorganisation, die Mozilla-Foundation, zu einer öffentlichen Entschuldigung bei den Entwicklern genötigt.

Die Foundation hatte die Nachfrage nach der Suite offenbar unterschätzt. Zuletzt gab es eine Art kleine Revolution, als sich ein Trupp Entwickler entschloss Mozilla weiterleben zu lassen. Doch die Foundation verweigert ihren Segen. Da sie die Namensrechte besitzt, mutiert der untote Mozilla 1.8 Beta 3 nun zu Seamonkey 1.0 Alpha – das ist der alte Codename für die Suite. Die Versionsnummer darf, so will es die Foundation, nicht den Eindruck erwecken, Seamonkey sei ein Nachfolger von Mozilla – obwohl dem so ist. Leider wurde Seamonkey nicht rechtzeitig zum Test fertig.

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, begann in den letzten Wochen auf Bugzilla eine Diskussion über Sicherheitsmechanismen, die sich mit geschickten Scharaden über das GUI Chrome und Javaskript aushebeln lassen, was prinzipiell wohl auch unter Linux geht. Damit hat Mozilla, wenn dies nicht schnell abgestellt wird, ein ähnliches Problem mit Client-seitigen Skripten wie der IE.

Die unklare Zukunft der Mozilla-Suite ist auch der Grund, weshalb Beonex nicht weiterentwickelt wird. Er fehlt darum in diesem Test genauso wie Netscapes Browser. Deren behäbiges 4.79er Monster wäre zwar mit heutiger Hardware ein lichtschneller Zwerg. Aber der Methusalem kann mit modernen Webseiten nichts anfangen. Der aktelle Netscape hingegen setzt zwar auf Gecko auf, aber nur im Tandem mit Trident, der Engine aus dem IE, weshalb es ihn nur für Windows gibt.

Abbildung 1: Ein Zope-Applikationsserver liefert die Homepage des Linux-Magazins aus. Obwohl HTML alles andere als trickreich ist, rendern die Browser die Seite unterschiedlich. Von links nach rechts und oben nach unten: Firefox, Galeon, Konqueror, Mozilla und Opera unter Suse Linux sowie der Internet Explorer 6 mit Windows XP.

Abbildung 1: Ein Zope-Applikationsserver liefert die Homepage des Linux-Magazins aus. Obwohl HTML alles andere als trickreich ist, rendern die Browser die Seite unterschiedlich. Von links nach rechts und oben nach unten: Firefox, Galeon, Konqueror, Mozilla und Opera unter Suse Linux sowie der Internet Explorer 6 mit Windows XP.

Der Benchmark

Wie bisher ermittelt das Linux-Magazin Messwerte mit dem I-Bench von Ziff-Davis (siehe Kasten “So haben wir gestestet”). Die ehemalige Ziff-Labortochter firmiert heute unter dem Namen Veritest [3]. Zwar hat Veritest die Weiterentwicklung des kostenfrei verfügbaren Benchmark aufgegeben, er ist jedoch immer noch das Objekt der Wahl für eine Rundumprüfung.

Die Version 5.0 bietet im Vergleich zur bisher verwendeten 3.0 viele neue Tests. Aus den Neuerungen hat sich das Linux-Magazin den PDF-Test rausgepickt. Die neuen Tests für die Wiedergabe von Streams von Helix-, WMV- und Quicktime-Servern fielen unter den Tisch, da sie mehr über die Plugins als über den Browser aussagen. Nach wie vor die wichtigste Messung gilt der Geschwindigkeit des HTML-Rendering. Dazu gesellt sich ein ähnlicher Test für XML-Dokumente. Zu beiden gibt es ein Pendant, das HTML oder XML im Document Object Model (DOM) untersucht.

Die Benchmarksteuerung wiederholt jeden Messdurchlauf automatisch achtmal. Dabei weist die Ergebnisdatenbank die Laufzeit für den ersten Gang getrennt aus, er fließt nicht in das eigentliche Messergebnis (Subsequent genannt) ein. Dies errechnet sich aus dem Durchschnitt der sieben gewerteten Läufe, vereinzelte Ausreißer können daher das Ergebnis nicht verändern. Die Daten aller gewerteten Durchläufe kommen zwangsläufig aus dem lokalen Cache des Browsers, sodass der Webserver keinen Einfluss auf das Messergebnis nimmt.

Um den Seitenwechsel zu beschleunigen, tricksen heutige Browser an einigen Stellen. Dank moderner Prozessorleistung ist das Rendern schneller als das Pinseln der Pixel. Der außer Konkurrenz mitlaufende IE beispielsweise bricht das Pinseln sofort ab, sobald er eine aktualisierte Seite fertig gerendert hat. Das bringt natürlich Geschwindigkeit. Mozilla treibt es sogar noch weiter und pixelt in manche Seite überhaupt nicht, was noch mehr Power bringt.

Tabelle 1:
Browsertest

Augen auf und durch

Es ist nicht möglich, beim Benchmarken allein durch Zuschauen beim Browsen zu kontrollieren, ob die Seiten einwandfrei gerendert werden. Aus diesem Grund hat das Linux-Magazin bereits im letzten Test eine vom I-Bench-Verfahren abweichende Kontrolle eingeführt: Nach der Messung starteten die Tester einen neuen Messlauf, beenden das Browsen durch Trennung der Netzverbindung und betrachten den Schnappschuss. Beanstandungen haben sich in diesem Test nicht ergeben, offenbar schummelt noch kein Browser, indem er das Rendern ganz bleiben lässt.

Im Gegensatz zu früheren Jahren ist Javascript keine Hürde. Lag hier der Unterschied zwischen der Windows-Referenz IE und dem Konqueror unter Linux bei 5 zu 189 Sekunden, ist der Konqueror heute 18-mal schneller als damals. Zum Schluss fühlten die Tester einigen Plugins auf den Zahn.

Abbildung 2: Firefox bei der Arbeit, hier beim Java-Teil von I-Bench.

Abbildung 2: Firefox bei der Arbeit, hier beim Java-Teil von I-Bench.

Fast vergessen sind dabei die Zeiten, als sich Linux-Anwender mit Plugins für das alte Netscape-4-Plugin-API und mit wechselnden Glibc-Version rumschlagen mussten. Bei einer modernen Distribution wie der im Test verwendeten Suse 9.3 läuft das alles einfach – mit einer Ausnahme: Beim Konqueror war zwar die erste Flash-Seite zu sehen, doch das Plugin startete die Animation einfach nicht. Mit Java gab es, ganz im Gegensatz zu früher, gar keine Probleme.

Firefox 1.0.4

Seit der Abkündigung der Mozilla-Suite ist Firefox der einzige Browser der Mozilla-Foundation, dessen Entwicklung weitergeht. Ihn als Mozilla ohne E-Mail zu bezeichnen greift aber etwas zu kurz: Firefox hat eine simpler gestrickte Bedienoberfläche, was Neu- und Quereinsteigern entgegenkommt. In seinen Dialogen kann der Benutzer nur halb so viel einregeln wie bei Mozilla. Für tiefer greifende Dinge muss er die Konfigurationsdateien editieren, selbst bei Dingen wie dem Einrichten einer neuen Helper Application.

Eher Geschmackssache sind die getrennten Eingabezeilen für URL und Suchbegriffe oder die abgespeckte Sidebar. Bei der Geschwindigkeit produziert die Render-Engine Gecko/20050511 eine Überraschung: Ihre Performance fällt weit hinter die von Mozilla zurück, obwohl der ebenso mit Gecko arbeitet (siehe Performance-Diagramm in Abbildung 8). Er ist in der Disziplin HTML-Subsequent nicht einmal halb so schnell wie Mozilla. Beim Betrachten des Benchmarkdurchlaufs sieht man schnell, woran das liegt: Firefox scheint ein Problem mit I-Frames zu haben, es dauert gut eine halbe Sekunde, bis diese auf der längst fertig gerenderten Seite aufpoppen.

Zudem pinselt Firefox die untere Hälfte der Navigationsleiste ohne Unterlass neu, abwechselnd um ein Pixel zu hoch und am korrekten Ort. Warum dies jedoch so ist und weshalb Mozilla das Problem nicht hat, konnte bis Redaktionsschluss nicht geklärt werden. Noch rätselhafter: Ein Test mit der gleichen Firefox-Version auf Windows XP zeigt das Problem nicht.

Bei XML gibt Firefox mehr Gas, hier setzt er sich an die Spitze der Linux-Browser, obwohl er immer noch einen großen Abstand zum IE einhält. Beim Document Object Model hält er sich im Mittelfeld auf. Der Test für das XML-DOM lief – wie schon vor drei Jahren bei allen Gecko-Browsern – nicht durch. Java (Abbildung 2) und Javaskript arbeiten klaglos und mit durchschnittlicher Geschwindigkeit. Die Integration von Flash und PDF (Suse legt einen Adobe Acrobat in der neuen 7er Version bei) ist mustergültig. Die Inhalte blenden sich nahtlos ein und die Geschwindigkeit ist gut. Die Kompatibilität zum HTML-4.0-Standard ist Mozilla-bedingt sehr gut.

Fazit: Firefox ist der Shootingstar der Mozilla-Foundation – seit dem Niedergang von Netscape ist es der erste Browser, der dem Internet Explorer ernsthaft Marktanteile abringen konnte. Das Programm eignet sich sehr gut für Umsteiger oder solche, die die E-Mail- und Chat-Komponenten von Mozilla nicht nutzen. Das I-Frame-Problem sollten die Programmierer noch abstellen.

Galeon 1.3.19

Mit Galeon brachte Gnome schon vor Firefox einen schlanken, einfach zu bedienenden Browser heraus, der auf der Gecko-Engine beruht und weder E-Mail noch Chat mitbringt. Zum Testeinsatz kam die Version 1.3.19, die Suse 9.3 mitliefert. Die geringfügig neuere 1.3.20 blieb unberücksichtigt, da zum Testzeitpunkt keine zuverlässigen Suse-Binaries verfügbar waren. Galeon ist recht wählerisch, was den unterlegten Mozilla-Milestone anbetrifft, und so renderte im Testlabor Gecko/20050318.

Galeon geht nicht mehr ganz so flink ans Werk, wie man es früher gewohnt war – mit über 17 Sekunden für HTML-Subsequent ist nur Firefox langsamer. Dabei ist jedoch anzumerken, dass in der Surfpraxis die Anforderungen an die Rendergeschwindigkeit nicht so hoch sind wie unter I-Bench. Denn mit Galeon lässt sich im Internet (gefühlt) passabel zügig surfen. Beim Document Object Model kann Galeon dafür auch mit dem I-Bench Punkte machen: Hier ist unter Linux nur Opera schneller. Auch die Java-Anbindung ist wirklich fix.

Akzeptabel, aber nicht optimal, ist die Integration von Adobe Acrobat. Das Gespann zeigt PDF-Dateien nicht nahtlos an, vielmehr startet der Reader separat (Abbildung 3). Für einzelne PDF-Dokumente ist das kein großes Problem. Lästig wird das aber bei Formularen.

Die Rücksendung der Ergebnisse an den Webserver erledigt dann (je nach Einstellung im Acrobat) eventuell ein anderer Browser, sodass schon drei Prozesse laufen und die Vorwärts-Rückwärts-Buttons naturgemäß streiken. Bei der HTML-Kompatibilität sorgt Gecko für sehr gute Ergebnisse. Jedoch hat Galeon ein Problem mit blinkendem Text – die anderen Gecko-Browser kamen mit diesem Tag alle prima klar.

Fazit: Galeon ist ein moderner Gecko-Browser, der seinen eigenen Charme und daher Anhänger hat. Seine Integration in den flinken Gnome-Desktop ist ein Plus.

Abbildung 3: Galeon, der einzige auf Gnome aufbauende Browser in diesem Test, zeigt PDF nicht nahtlos an.

Abbildung 3: Galeon, der einzige auf Gnome aufbauende Browser in diesem Test, zeigt PDF nicht nahtlos an.

Konqueror 3.4.0

Die große Stärke von Konqueror ist seine nahtlose Integration in das K Desktop Environment, vor allem funktioniert Drag&Drop aus und ins Browserfenster. Neben Webseiten aus dem Internet zeigt Konqueror lokale Dateien und deren Inhalte an. Hinzu kommen diverse Multimedia-Protokolle, SFTP und andere nützliche Dinge. So lässt sich reibungslos zwischen internen und externen Dokumenten wechseln.

Nicht ganz so reibungslos sieht\’s bei der HTML-Kompatibilität aus. Zwar schneidet Konqueror viel besser ab als in der Vergangenheit [1], er bleibt aber Schlusslicht bei den modernen Browsern, jedoch auf hohem Niveau. Mit blinkenden Textelementen hat es Konqueror ebenso wenig wie mit bidirektionalem Textfluss. Einen Button, der als »disabled« markiert war, rendert Konqueror bedienbar, was unter Umständen negative Folgen bei der Bedienung von Webformularen hat. Bei statischem Bildhintergrund wird der Browser zudem unangenehm langsam.

Beim Rendern realer, konservierter Webseiten schlägt sich Konqueror sehr ordentlich und produziert das drittbeste Ergebnis. Wie in der Vergangenheit auch muss er jedoch bei beiden Spielarten des XML-Tests passen, der Benchmark bleibt einfach stehen. Beim HTML-DOM-Test kriecht er bei fast der halben Geschwindigkeit seiner unmittelbaren Konkurrenten. Dramatisch beschleunigt hat der KDE-Browser hingegen bei Javaskript. Während sich der Test vor zwei Jahren in 189 Sekunden durch die CPU quälte (zum Vergleich der IE: 5 Sekunden), ist Konqueror heute relativ 18-mal schneller als damals.

Abbildung 4: Der integrierte Browser von KDE, Konqueror, beim Anzeigen eines eingebetteten PDF.

Abbildung 4: Der integrierte Browser von KDE, Konqueror, beim Anzeigen eines eingebetteten PDF.

Mit Flash und PDF hat der Browser allerdings echte Probleme. Bei Flash zeigt er nur die erste Seite, die eigentliche Animation startet jedoch nicht. PDFs zeigt Konqueror zwar korrekt an (siehe Abbildung 4), aber aus nicht zu ermittelnden Gründen stoppt der Benchmark am Ende des PDF-Tests und gibt die Kontrolle nicht zurück an die (Javascript-)Benchmarksteuerung.

Fazit: Konquerors Stärke ist seit jeher die perfekte Integration in KDE. Bei der Geschwindigkeit hat er mächtig aufgeholt, muss jedoch noch an der Flash-Integration und an der HTML-Fähigkeit feilen.

Mozilla 1.7.8

Längstens noch ein Jahr lässt die Mozilla Foundation ihr einstiges Flaggschiff, die Mozilla-Suite, weiterentwickeln, und das nur auf 1.7-Branch-Niveau. Wer weiter einen integrierten Internetclient benutzen möchte, wird sich in dieser Zeit mit Seamonkey anfreunden dürfen. Der wird ein Mozilla reinsten Wassers, obgleich er nicht von der Foundation kommt.

Der getestete 1.7.8 ist ungeachtet seiner unsicheren Zukunft ein moderner Browser auf der Höhe der Zeit. Er rendert im Test mit Gecko/20050511. Erstaunlicherweise überflügelt Mozilla, dem im Vergleich zu Firefox das Image des behäbigen Dickschiffs anhaftet, den Favoriten der Foundation. Das liegt wohl daran, dass er I-Frames praktisch ohne Verzögerung in die gerenderten Seiten einfügt und auch die Navigationsleiste beim Seiten-Neuaufbau augenscheinlich in Ruhe lässt.

Abbildung 5: Mozilla schützt, wie viele Browser, den Anwender vor Skripten, die zu viel Rechenlast erzeugen.

Abbildung 5: Mozilla schützt, wie viele Browser, den Anwender vor Skripten, die zu viel Rechenlast erzeugen.

Mozilla erreicht mit 7,67 Sekunden für HTML-Subsequent Werte, die recht weit an den IE heranreichen. Im wirklichen Leben, abseits des Benchmark, werden nicht so viele Seiten so schnell hintereinander geladen, da ist Mozilla subjektiv mit dem IE gleichauf. Bei XML sieht die Sache leider anders aus, hier rennt das Produkt aus Redmond der Echse um den Faktor drei davon. Der Document-Object-Model-Test ging unter XML überhaupt nicht. HTML-DOM werden in akzeptablen, aber nicht berühmten 18,7 Sekunden absolviert.

An der Unterstützung von Java und Javaskript gibt es nichts zu kritisieren. Auch mit Flash und PDF kann Mozilla via Plugins gut umgehen. Unverständlich ist jedoch, weshalb Mozilla – Gecko-bedingt – immer noch ein paar Patzer bei CSS-skalierten Bildgrößen macht, genau wie schon vor zwei Jahren.

Fazit: Mozilla ist für Anwender, die eine Internetsuite den Einzellösungen vorziehen, eindeutig der flotteste und komfortabelste Client für Linux.

Opera 8.01

Opera ist derzeit die wohl einzige Firma, die mit Browsern für Standardplattformen Geld verdienen will. Netscape und Microsoft verschenken ihre Produkte praktisch. Bei Opera kann der User wählen, wer den Browser bezahlt: Werbesponsoren, die durch Einblendungen Aufmerksamkeit gewinnen wollen, oder er für 34 Euro selbst.

Unter Linux ist das Look&Feel von Opera nicht ganz identisch mit dem unter Windows, es lässt sich aber gleich einrichten. Was der Linux-Version tatsächlich fehlt, ist die Vorlesefunktion – für Sehbehinderte ein wichtiger Punkt.

Opera hat den Ruf, besonders schnell zu sein. Die bisherigen Tests im Linux-Magazin [2] bestätigten das. Doch die aktuelle Ausgabe enttäuscht in diesem Punkt. Sie musste in zweifacher Hinsicht manuell beschleunigt werden, um im Testfeld überhaupt mithalten zu können. Eine Maßnahme ist mehr für den Benchmark wichtig als für das reale Browser-Leben: In »Tools | Preferences | Advanced | Browsing | Loading« stellt man ein, wie lange Opera warten soll, bevor es eine neue Seite rendert. Voreinstellung ist eine Sekunde, was die Tester auf »Redrawing instantly« änderten.

Der zweite Turbo ist die Lizenzierung. Mit dem Eingeben des Registrierungsschlüssels verschwinden nicht nur die nervige Bannerwerbung und die Tipps (siehe Abbildung 6), der Browser wird auch schneller. Ob es sich um echte Bremsen für die werbefinanzierte Version handelt oder einfach nur das simulierte Alphablending der Werbung bremst, ist nicht klar. Die »Loading«-Einstellung drückte die Benchmarklaufzeit von ursprünglich 20,13 auf beachtliche 11,14 Sekunden. Die Ent-Bannerung per Lizenzkey brachte schließlich 10,97 Sekunden zusammen.

Abbildung 6: Opera kommen nicht nur die nervigen Werbebanner abhanden, sobald er lizenziert ist, läuft er auch etwas flotter.

Abbildung 6: Opera kommen nicht nur die nervigen Werbebanner abhanden, sobald er lizenziert ist, läuft er auch etwas flotter.

Bei XML ist die Beschleunigung bescheidener, der XML-DOM-Test lief – obwohl kein Gecko-Browser – gar nicht durch. Aber im HTML-Document-Object-Model-Test packt Opera den Turbo aus und braust mit 1,72 Sekunden dem IE (10,05 Sekunden) auf und davon. Obwohl so gute Werte fast schon verdächtig sind – ein Fehler im Ablauf des Benchmark bekamen die Test nicht zu Gesicht.

PDF bettet Opera schön in das Browserfenster ein, öffnet jedoch für das Zurücksenden der Formulardaten ein zweites Tab, sodass der PDF-Test nur von Hand zu stoppen war. Bei Flash gab es einige Probleme, das Plugin zum korrekten Zusammenarbeiten zu überreden.

Fazit: Der einstige Sprinter Opera enttäuscht zunächst, denn er arbeitet mit einer kleinen Ausnahme recht gemütlich. Er bleibt jedoch ein sehr guter Universalbrowser mit vielen Fähigkeiten.

Außer Konkurrenz: Internet Explorer 6.0 SP2

Der Platzhirsch im Internet ist der Internet Explorer aus dem Hause Microsoft. Auch wenn seine Marktanteile in letzter Zeit durch Firefox deutlich gelitten haben, dominiert er quantitativ die Clients noch so stark, dass kein Test an ihm vorbeikommt. Bezogen auf die Codebasis ist er inzwischen der dienstälteste Browser und besitzt die älteste Engine (Trident). Das Service Pack 2 dient hauptsächlich dem Abstellen der zahlreichen Sicherheitslücken – technisch das Hauptproblem des IE.

In Sachen Bedienung ist der Internet Explorer schon länger nicht mehr Maßstab. Er ist zwar einfach zu handhaben, lässt aber einige Komfortfeatures vermissen, etwa eine Sidebar, die mehr bietet als nur Favoriten (Bookmarks). Tabbed Browsing ist für den IE ein Fremdwort. Doch Redmond reagiert auf die Erosion der Marktanteile. Obwohl ursprünglich ein neuer Browser erst mit dem neuen Betriebssystem Longhorn kommen sollte, wird es wohl doch bald eine Version 7 des IE als Stand-alone-Produkt geben.

Nicht schön, aber schnell

Der aktuelle IE zeichnet sich hier im Test vor allem durch eins aus: Er ist sehr schnell. Er hängt, wie schon in den meisten Tests in den Jahren zuvor, alle Linux-Browser auf identischer Hardware ab. Interessant ist zudem der Vergleich auf der Windows-Plattform, von Firefox, Mozilla und Opera gibt es ja auch Versionen für Windows: Aber auch sie können den IE nicht erreichen. Mit 3,81 Sekunden rennt er allen davon (HTML-Subsequent).

Bei Javascript dreht Redmonds Browser voll auf, mit 3,42 Sekunden ist er der schnellste. Die anderen holen inzwischen aber auf. Waren früher einzelne ganze Größenordnungen langsamer, so schließt das gesamte Linux-Feld mit diesem Test auf. Bei PDF ist er ebenfalls überlegen, die Gründe dafür sind aber eher bei Adobe zu suchen.

Abbildung 7: Der weit verbreitete Internet Explorer lief im Test außer Konkurrenz mit. In einigen Disziplinen patzt er, wie hier mit Object Tags.

Abbildung 7: Der weit verbreitete Internet Explorer lief im Test außer Konkurrenz mit. In einigen Disziplinen patzt er, wie hier mit Object Tags.

Fazit: Der über die Maßen weit verbreitete IE dient als Referenz abseits des normalen Testfelds. Es schmerzt, dass er bei den Performance-Messungen den Linux-Kollegen davonläuft. Er hat Schwächen, etwa das omnipotente Active-X, (aber das gibt\’s inzwischen auch schon für Linux). Seine Gutmütigkeit gegenüber miesem HTML-Code ist vielleicht gut für die Anwender, aber didaktisch schlecht für Webentwickler.

Abbildung 8: Der Konqueror hinterlässt beim XML-Subsequent- und beim Flash-Test Lücken in den Performance-Ergebnissen: Der Benchmark lief nicht korrekt durch.

Abbildung 8: Der Konqueror hinterlässt beim XML-Subsequent- und beim Flash-Test Lücken in den Performance-Ergebnissen: Der Benchmark lief nicht korrekt durch.

Abbildung 9: Die HTML-4-Konformität der Testkandidaten, umgesetzt in Prozentwerte und im Vergleich zu früher.

Abbildung 9: Die HTML-4-Konformität der Testkandidaten, umgesetzt in Prozentwerte und im Vergleich zu früher.

Die Fuchsjagd geht weiter

Der Test darf allen Linux-Browsern bescheinigen, dass sie sich im Vergleich zum vorigen Jahr deutlich entwickelt haben. Dem Internet Explorer, der auch diesmal plattformfremd außer Konkurrenz mitläuft, rückten sie weiter auf den Leib. Da die meisten Browser auch für Windows erhältlich sind, könnten sie dem IE gemeinsam weitere Marktanteile abjagen, wie es Firefox geschafft hat.

Im Vergleich zu früheren Tests waren die Browser nicht nur schneller und HTML-konformer, sondern durchweg auch unkompliziert in Installation und Handhabung. Im XML-Test schafft es Opera gar, den IE zu überrunden. Und erstmals gelingt es Mozilla, Opera deutlich zu schlagen. Der Umstieg von der Elektra- auf die Presto-Engine scheint bei Opera für einigen Verlust an Geschwindigkeit verantwortlich zu sein. Doch die richtige Überraschung lieferte Firefox: Er kann der eigentlich abgekündigten Suite in Sachen Geschwindigkeit das Wasser nicht reichen.

Doch gibt es auch noch Baustellen, das Document Object Model bespielsweise oder CSS Level 2. Auch bei Plugins gibt es hie und da noch Haken und Ösen. Einige Formate wie Shockwave fehlen völlig, in Ermangelung eines Plugin von Macromedia, jetzt Adobe. Unter dem Strich arbeitet sich der zukunftslose Mozilla einen klaren Vorsprung heraus. Das Linux-Magazin wird voraussichtlich seinen inoffiziellen Nachfolger Seamonkey nach seinem Erscheinen testen und mit den anderen vergleichen. (jk)

So haben wir
getestet

Zwei Pentium-4-Rechner mit 3 GHz bildeten die Plattform für diesen Test. Auf dem einen installierten die Tester Windows 2000 Server mit dem Internet Information Server sowie MySQL und MyODBC – von hier lieferte der Benchmark seine Seiten aus. Auf den zweiten, den Client-Rechner, kam eine nagelneue Installation von Suse 9.3 mit KDE und Gnome.

Parallel fand ein Windows XP mit dem Internet Explorer 6, beide auf aktuellem Service-Pack-Level, zeitweise ein Zuhause. In beiden Computern steckten je 1 GByte Hauptspeicher. Verbunden waren sie ausreichend schnell mit 100 MBit/s über einen Switch.

Der verwendete Benchmark ist I-Bench 5.0 von Veritest [3]. Alle Messungen liefen in der Auflösung 800 mal 600 Pixel mit 24 Bit Farbtiefe. Wegen des neueren Benchmark und der besseren Hardware sind direkte Vergleiche mit den damaligen Messwerten [2] nicht sinnvoll.

Der Kompatibilitätsteil von I-Bench ist nach stichprobenartiger Untersuchung im Grunde unverändert geblieben und nur um ein paar kleineren Bugs bereinigt worden. Die Ergebnisse sind darum 1:1 mit denen aus [2] vergleichbar, so wie es die Abbildung 9 darum auch tut. Anders als die Konformitäts- arbeiten die Performancetests mit echten, konservierten Webseiten. Die Grundgenauigkeit der Messwerte ist besser als 5 Prozent.

Infos

[1] O. Kluge, “Konform gehen – Sieben Linux-Browser gegen den IE 6.0”: Linux-Magazin 10/02, S. 50

[2] O. Kluge, “Jagdgesellschaft – Sieben Linux-Browser gegen den IE 6.0 SP1”: Linux-Magazin 12/02, S. 40

[3] I-Bench: [http://www.veritest.com/benchmarks/i-bench/]

Der Autor


Oliver Kluge ist zertifiziert nach ITIL und verantwortlich für das technische Qualitätsmanagement im Rechenzentrum des Flughafens München. Er hat Informatik studiert, war Redakteur bei mehreren PC-Zeitschriften und 2001 beim Linux-Magazin Leiter des Competence Center Hardware.

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