Linux ist in vielen Bereichen etabliert – aber vor dem Einsatz in einer großen Umgebung mit vielen Clients stellen sich viele Fragen neu. Eine Antwort gibt Novell mit dem Open Enterprise Server (OES).
Mit Novells Open Enterprise Server (OES) ist ein Produkt verfügbar, das die Server-Seite eines ganzheitlichen Ansatzes repräsentieren soll. Die Linux-Version basiert auf dem Suse Linux Enterprise Server 9 (SLES 9), Patchlevel 1. Verkürzt lässt sich sagen: OES ist SLES 9 plus Netware-Services. Das gleiche Produkt gibt es statt mit einem Linux- mit einem Netware-Kernel.
Für die Client-Seite bietet Novell den Novell Linux Desktop (NLD) an – das ist ein Suse Linux Professional 9.2 ergänzt um einige Supportoptionen, die den Desktop für große Installationen interessanter machen sollen. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch ein Werkzeug für die Verwaltung der Desktops. Diese Lücke versucht Novell mit Zenworks Linux Management (ZLM) zu schließen, einer relativ jungen Entwicklung[1].
Für die Windows-Welt ist ein entsprechendes Schwesterprodukt bereits seit einigen Jahren auf dem Markt, das viele Anforderungen abdeckt, von der Konfigurationsverwaltung bis zur Software-Distribution. Das Linux-Pendant soll mit der bevorstehenden Version 7 aufschließen und wird damit möglicherweise zu einer Applikation, die das Management umfangreicher Linux-Installationen entscheidend vereinfacht. Allerdings ist ZLM kein Bestandteil von Open Enterprise Server.
Herzstück E-Directory
Ein Verzeichnisdienst vereinfacht die Verwaltung von Benutzern und Ressourcen im Netzwerk, gemeint ist hier das ausgereifte E-Directory. Novell begann 1988 mit der Entwicklung dieses Produkts unter dem Namen NDS und präsentierte 1991 die erste Serverversion, die davon Gebrauch machte. Daraus hat sich ein kompletter Directory-Service entwickelt, der unter Linux, Netware und diversen anderen Unix-Plattformen läuft und das Herzstück einer Novell-Umgebung bildet.
Das E-Directory erleichtert die Administration erheblich. Erstens gibt es hier im Unterschied zu OpenLDAP keine Probleme mit LDFIF-Files (LDAP Data Interchange Format), die mit kryptischen Utilities in den Verzeichnisdienst importiert werden müssen. Stattdessen verfügt es über ein einfach bedienbares, Browser-basiertes Management-Interface, das sich mit der Maus bedienen lässt.
Zweitens integriert es alle Komponenten einer Open-Enterprise-Umgebung. So verwaltet es nicht nur Workstations oder Netzwerkdrucker, sondern fungiert beispielsweise auch als Zertifizierungsinstanz und managt die von ihr signierten PKI-Zertifikate.
Ein dritter wesentlicher Vorteil des E-Directory ist sein ausgefeiltes Berechtigungskonzept. Die damit vergebenen Rechte lassen sich auf alle Komponenten anwenden, die das E-Directory verwaltet. Sie gehen dabei weit über das einfache Erlauben und Verbieten hinaus. So ist es etwa möglich, einem Helpdesk-Mitarbeiter das Recht einzuräumen, das Passwort eines Benutzers neu zu setzen, ohne ihm gleichzeitig zu erlauben, die Dateizugriffsrechte oder die E-Mail-Adresse desselben Users zu ändern.
Alles was Recht ist
Zu einer deutlich vereinfachten Administration größerer Umgebungen trägt ein weiteres wichtiges Feature des OES bei, der Novell Storage Service (NSS). Dahinter verbirgt sich im Kern ein Journaling Filesystem auf EVMS-Volumes (Enterprise Volume Management System,[2]). NSS geht in puncto Rechteverwaltung deutlich über das hinaus, was vergleichbare Filesysteme unter Linux bieten.
|
Open Enterprise |
|---|
|
Funktionen: Zentrale Identity- und Rechteverwaltung, File- und Printserver, Cluster-Komponente, Authentication Service, netzwerkweites Monitoring Preis: ab 995 Dollar (5 Benutzer), ab 530 Dollar bei der Migration von einem Konkurrenzprodukt |
Es kennt acht Zugriffsrechte: »File Scan« erlaubt das Browsen, »Read« das Lesen, »Write« das Ändern bestehender Dateien. »Modify« lässt eine Änderung der Dateiattribute zu, »Create« ermöglicht das Anlegen neuer Dateien, »Erase« räumt das Recht ein, Files zu löschen. »Access Control« erlaubt das Übertragen von Rechten an andere User und »Supervisory« vereinigt schließlich alle diese Rechte und ist normalerweise an den Account des Administrators gebunden. Mit diesem Konzept ist eine effiziente Verwaltung der Zugriffsrechte möglich. So ist es beispielsweise kein Problem, Verzeichnisse vor unbefugten Benutzern komplett zu verstecken.
Zwar ist NSS das hauptsächlich verwendete Filesystem von Open Enterprise Server, aber nicht das einzige, tatsächlich lassen sich alle vom Linux-Kernel unterstützten Dateisysteme einsetzen. Doch ist zu beachten, dass einige Services explizit NSS vorausetzen. So kommt beispielsweise der Novell Clustering Service (NCS) als Bestandteil des OES nur mit NSS-Volumes zurecht.
Das EVMS, das im Bundle mit NSS benötigt wird, verträgt sich allerdings nicht mit anderen Volume-Managern auf demselben Device, auch nicht mit dem LVM, den der OES per Default verwendet. Novell empfiehlt für EVMS-Volumes stets dedizierte Disks zu verwenden. So vermeidet man auch die schwierige Migration von LVM zu EVMS.
Problematisch in Umgebungen mit mehreren hundert Linux-Workstation ist die Verwaltung der vielen lokalen Useraccounts. Sie manuell zu pflegen ist kaum möglich. Der OES nimmt sie deshalb in das E-Directory auf und erzeugt dort automatisch entsprechende Objekte, sobald seine Usermanagement-Komponente (LUM, Linux User Management) einen neuen Benutzer anlegt (Abbildung 1).
Auf Seite der Workstation ist ein Daemon namens »namcd« aktiv, der alle Accounts kennt, die für den jeweiligen Rechner zugelassen sind, und ihnen eine lokale UID zuordnet. Auf diese Weise legt der Administrator an zentraler Stelle exakt fest, welcher User sich an welcher Workstation anmelden darf.
Mix im Netz
Novell verwendet traditionell NCP (Netware Core Protocol) für den Zugriff auf Fileserver. Ein NCP-Server unter Linux erforderte bisher die Installation des Mars-NW-Emulators[3]. Diese Funktion kann nun ebenfalls der OES übernehmen und so Novell-Clients Zugriff auf Dateiressourcen gewähren. Daneben unterstützt er aber ebenso das Filesharing mit CIFS und NFS.
Verwendet man NCP für das Filesharing, dann sind die oben erwähnten acht Zugriffsrechte auch für Linux-Filesysteme wie ReiserFS oder Ext 3 verwendbar, indem man sie nicht auf der Ebene des Dateisystems, sondern auf der Ebene der Netzwerkfreigabe setzt. In diesem Fall setzt der OES die klassischen Unix-Rechte für die Filesystemebene auf »rwx« für Benutzer, Gruppe und den Rest der Welt. Daraus folgt, dass es eine schlechte Idee wäre, wenn via NCP freigegebene Verzeichnisse zugleich lokal erreichbar wären. Kompliziert wird es, wenn der Admin NSS-Volumes via NCP freigibt. Denn hier könnten nun alle Rechte sowohl auf Filesystem- wie auf Freigabe-Ebene definiert werden. Novell empfiehlt, sie nur auf der Freigabe-Ebene zu konfigurieren.
Der OES verkörpert die erste Generation eines vollkommen neuen Betriebssystems. So verwundert es nicht, dass sich hier und da auch noch Kinderkrankheiten finden. Ein Beispiel dafür ist die fehlende Integration der DHCP- und DNS-Komponenten ins E-Directory. Dies wird Novell in der Version 2 im kommenden Jahr nachrüsten.
Einige Komponenten wie der SLP Directory Agent können bislang auch nur in der Netware-Version des OES konfiguriert werden, nicht in der Linux-Version. Auch ist die Netware-Version in einer gemischten Umgebung zwingend als erste zu installieren, weil sie Lizenzeinträge im E-Directory anlegt, die die Linux-Version nicht erzeugen kann. Dieses Problem soll bereits das kommende Servicepack 1 beheben.
Funktionen satt
Die eben vorgestellten Möglichkeiten des OES sind nur die Spitze des Eisbergs. Neben vielen weiteren Vereinfachungen für die Administration wäre beispielsweise auch I-Print zu nennen, ein IPP-basierter Printserver. Außerdem die Novell Clustering Services (NCS), die den Aufbau gemischter Netware-Linux-Cluster ermöglichen. Fazit: OES erleichtert insgesamt die Migration zu Linux erheblich, ganz besonders für alle Netware-Anwender. Denn sämtliche Netware-Dienste kann nun der Enterprise Server anbieten. (jcb)
|
Infos |
|---|
|
[1] Zenworks: [http://www.novell.com/de-de/ products/zenworks/linuxmanagement] [2] EVMS:[http://evms.sourceforge.net] [3] Mars-NWE:[http://www.compu-art.de/ mars_nwe/] |








