Die Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software. Diese Ausgabe stellt den Mbox-Cleaner vor und berichten über das Weltsozialforum in Porto Alegre.

Abbildung 1: Das Weltsozialforum in Porto Alegre, Brasilien, stand auch in diesem Jahr wieder im Zeichen freier Software.

Abbildung 1: Das Weltsozialforum in Porto Alegre, Brasilien, stand auch in diesem Jahr wieder im Zeichen freier Software.

Abbildung 1: Das Weltsozialforum in Porto Alegre, Brasilien, stand auch in diesem Jahr wieder im Zeichen freier Software.
Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World, diesmal geschrieben im sommerlichen Sao Paulo kurz nach dem Besuch des World Social Forum in Porto Alegre, doch dazu mehr gegen Ende der Kolumne.
Die letzte Ausgabe brachte unter anderem das Thema Spam und Methoden zu seiner Bekämpfung zur Sprache. Verständlicherweise gibt es dagegen keine Patentrezepte, aber viele Tools können dabei helfen, die Mailflut unter Kontrolle zu bringen.
Flottes Tool
Mbox-Cleaner von Oliver Bandel ist ein solches Programm[5]: Es säubert eine Mailbox-Datei im Mbox-Format von allen Dubletten. Dabei vergleicht es ganz einfach die Inhalte der Mails miteinander und behält bei identischen Nachrichten jeweils ein Exemplar zurück. Für einen Durchgang durch ein 9-MByte-File benötigt die Software zirka vier Sekunden auf einem Powerbook G4 mit 400-MHz-Prozessor. Das ist eine ordentliche Performance für ein Tool, das in einer Skriptsprache implementiert ist.
Die Idee dazu hatte Oliver, als er sich mit der Skriptsprache Ocaml[6] und dem Umgang mit den Ocamllex-Tools vertraut machen wollte. Er erinnerte sich dabei an ein Perl-Skript, das er geschrieben hatte, um eine Mbox-Datei in mehrere Files mit jeweils einer E-Mail zu zerlegen. Er implementierte es nun in Ocaml neu. Ein anderer User bat ihn daraufhin um eine Erweiterung, die diese Dateien durchsucht, Duplikate löscht und das Ergebnis wieder in einer einzigen Datei zusammenfasst.
Ein besonders nützliches Feature des Programms: Es liest die Daten von der Standardeingabe und schreibt sie in die Standardausgabe. Somit kann es als Filter in einer Pipeline zum Einsatz kommen. Die Integration einer verbesserten Spam-Erkennung steht derzeit ganz oben auf der Todo-Liste.
Oliver beschloss aufgrund des Interesses an seinem Skript, die Entwicklung von vornherein allgemein verfügbar zu machen, und veröffentlichte es als freie Software unter der General Public License (GPL). Nach einer Codebereinigung im Januar 2005 schickte er einen Hinweis an die Brave GNU World.
Ebenfalls für viel Diskussion sorgten die Gedankenspiele zum Sinn und Unsinn von Blacklists in der letzten Ausgabe. Ich greife das Thema daher an dieser Stelle noch einmal auf, um einen weiteren Aspekt zu beleuchten.
Blacklists
Kurz zusammengefasst für alle, die sich erst jetzt für das Thema interessieren: Blacklists sind Listen von IP-Adressen, die sich potenziellen Spam-Versendern zuordnen lassen. Solche Listen werden an mehreren Stellen geführt. Manche Mailserver verweigern die Annahme von Nachrichten, wenn die Absenderadresse auf einer solchen Liste steht. Andere Server markieren Nachrichten in solchen Fällen automatisch als Spam. Manche Administratoren gehen sogar so weit, gleich die Kommunikation mit allen dynamischen IP-Adressen zu verweigern – also fast allen Nutzern, die sich über einen Anbieter einwählen.
Klingt zunächst nach einer guten Idee, bestraft aber vor allem Unschuldige mit einer Kommunikationssperre – für die Missetaten anderer. Denn häufig benutzen Spammer die Rechner mit dynamischen Adressen ohne Wissen des eigentlichen Besitzers, um ihre Nachrichten zu versenden. Als Gegenmaßnahme schlagen viele Nutzer vor, den Smarthost des Internet-Providers zu nutzen und somit nicht unter das Blacklisting dynamischer IP-Adressen zu fallen. Der Smarthost als zentraler Maildienst eines Providers verwendet üblicherweise eine feste IP-Adresse.
Theorie und Praxis
“In der Theorie gibt es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. In der Praxis schon”, lautet ein bekannter Spruch des amerikanischen Baseballspielers Lawrence Peter “Yogi” Berra [http://www.yogi-berra.com]. Der für seine Lebensweisheiten bekannte Sportler bringt es auf den Punkt: In der Praxis bringt nämlich auch der Ansatz mit den Smarthosts Probleme mit sich.
Erstens verwenden längst nicht alle Nutzer – insbesondere jene, die freie Betriebssysteme wie Linux oder BSD einsetzen – einen Smarthost. Zweitens sind Blacklists ebenfalls fehlerbehaftet und führen mitunter feste IP-Adressen fälschlicherweise als dynamische auf.
Globales Ungleichgewicht
Zudem ist die Annahme, jeder Provider stelle automatisch einen Smarthost zur Verfügung, durch die Verhältnisse in den industrialisierten Ländern der nördlichen Halbkugel geprägt. In Brasilien und anderen Ländern des Südens stimmt diese Annahme nur bedingt, oft haben die Anwender keine Alternativen. Aber auch im Norden ist der Wechsel zumeist nicht trivial und kaum innerhalb von Stunden zu bewerkstelligen.
Der Vertreter eines kleinen Entwicklungslandes berichtete im vergangenen Jahr bei einer Konferenz in Genf, dass in seinem Land ein nationaler Anbieter annähernd das Monopol über die Internetzugänge hält. Als ein Angreifer dessen zentralen Mailserver übernahm und für den Spam-Versand missbrauchte, fand sich der Server des Landes schnell in allen möglichen Blacklists wieder, was zur Folge hatte, dass 90 Prozent der einheimischen Mail-Nutzer nicht mehr mit der Außenwelt via Mail kommunizieren konnten. Die Bevölkerung war faktisch abgeschnitten.
Es brauchte eine ganze Weile, bis die Betroffenen die gesamte Tragweite des Problems und die Ursache überblickten. Als die Administratoren anschließend versuchten ihre Server aus den Sperrlisten entfernen zu lassen, hatten sie nur mäßigen Erfolg: In manchen Fällen schienen die Blacklists-Verwalter den betroffenen Administratoren schlicht nicht zu glauben. Aus Sicht der Landesregierung stellte sich die interessante Frage: Mit welchem Recht stellt ein IT-Techniker in einem anderen Land einen gesamten Staat an den Pranger für das Fehlverhalten eines Dritten? Warum wurde dem Land keine Chance gegeben, dem Problem nachzugehen oder Stellung zu nehmen?
Blacklists stellen ein globales Rahmenwerk zur Verfügung, das selbst bei gutwilligem und richtigem Einsatz problematisch ist. In der Praxis erweisen sich Aufklärung, Information und Kommunikation langfristig als bessere Alternativen im Kampf gegen Spam.

Abbildung 2: Fernanda Weiden diskutierte mit anderen Frauen über feministische Strömungen in der Freie- Software-Bewegung.
Verständnis für solche Fragen schuf auch das 5. Weltsozialforum (WSF), das im Januar wieder in Porto Alegre stattfand und auch wieder im Zeichen freier Software stand[7]. Das lag einerseits an der wachsenden Rolle freier Software in der Politik und dem starken Engagement der brasilianischen Regierung in diesem Bereich, andererseits existiert in dem südamerikanischen Land eine aktive Community, speziell soziale Bewegungen nutzen häufig freie Software.
So organisierte das Projeto Software Livre Brasil (PSL-Brasil,[8]) eine Veranstaltungsreihe[9] über die Freiheit des Wissens und der Software, an der auch die Free Software Foundation Europe teilnahm[10]. In dieser Reihe diskutierten zum Beispiel Professor Lawrence Lessig von Creative Commons, John Perry Barlow, Electronic Frontier Foundation (EFF), SŽrgio Amadeu da Silveira, Präsident des brasilianischen Instituts für die Informationstechnologie, sowie Gilberto Gil, brasilianischer Kulturminister und Musiker.
Angesprochen wurden dabei sowohl die Grundlagen freier Software, die globalen politischen Perspektiven auf der Ebene der Vereinten Nationen sowie die Konsequenzen, die sich aus freier Software für andere Zivilgesellschaften ergeben. Zur Freude der Beteiligten war die Reihe sehr gut besucht – so musste etwa John Perry Barlow eine Veranstaltung auf einer Leiter sitzend von außen verfolgen, weil das Zelt überfüllt war.

Abbildung 3: Showtime in Porto Alegre: Brasiliens Kultusminister Gilberto Gil greift auf dem 5. Weltsozialforum in die Gitarrensaiten.
Auftaktmarsch
Auf einer eigenen Veranstaltung stellten die Organisatoren das Konzept des 6. Fórum Internacional Software Livre (FISL,[11]) in Porto Alegre der Öffentlichkeit vor. Es findet vom 1. bis 4. Juni 2005 am gleichen Ort statt. Das Freie-Software-Forum gehört weltweit mit Sicherheit zu den drei interessantesten Veranstaltungen für Aktivisten aus der freien Softwareszene. Um es bekannt zu machen, marschierten die Aktiven mit ihren neuen T-Shirts und Flyern beim Auftaktmarsch des Weltsozialforums mit – mit rund 200000 Teilnehmern eine gewaltige Veranstaltung.
Auch bei den themenspezifischen Veranstaltungen gab es einen regen Erfahrungsaustausch mit anderen Gruppen und Organisationen, zum Beispiel dem Arbeitskreis für Frauen, die sich weltweit in Projekten zur Gleichberechtigung engagieren. Fernanda Weiden und Loimar Vianna berichteten hier vom Projekt “Frauen in freier Software” (PSL-Mulheres,[12]) über ihre Erfahrungen mit feministischen Telecentros in Porto Alegre und die erste Konferenz unter dem gleichen Motto während des 5. Freie-Software-Forums im Juni 2004.
Zu den Highlights des Weltsozialforums gehörte ohne Zweifel auch der Beitrag des brasilianischen Kulturministeriums zum Thema Kultur und Creative Commons. Nach einer kurzen und für das ganze Forum nicht untypischen Störung mit intensiver Diskussion über die Probleme einiger Aktivisten aus der Radioszene gab sich Gilberto Gil – brasilianischer Kulturminister und einer der populärsten Musiker des Landes – die Ehre und spielte live einige seiner Songs. Ein herausragendes Ereignis für alle Zuschauer. (agr)
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Infos |
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[1] Ideen, Anregungen, Kommentare an die Brave GNU World: [mailto:column@brave-gnu-world.org] [2] Homepage des GNU-Projekts: [http://www.gnu.org] [3] Homepage von Georgs Brave GNU World: [http://brave-gnu-world.org] [4] Initiative “We run GNU”: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html] [5] Mbox-Cleaner-Download: [ftp://www.belug.org/new/user/ob/Programs/Tools/mbox-cleaner/] [6] Ocaml-Homepage: [http://www.ocaml.org] [7] 5. Weltsozialforum: [http://www.forumsocialmundial.org.br] [8] PSL-Brasil: [http://www.softwarelivre.org] [9] FSM 2005: A Agenda da Liberdade do Conhecimento: [http://www.softwarelivre.org/news/3543] [10] FSFE at WSF: [http://www.germany.fsfeurope.org/events/2005/wsf-brazil/wsf-brazil.en.html] [11] 6¡ Fórum Internacional Software Livre: [http://fisl.softwarelivre.org] [12] Frauen in freier Software: [http://mulheres.softwarelivre.org] |
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