Aus Linux-Magazin 03/2005

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Auch im vergangenen Monat gab es einige Neuigkeiten in der Welt freier Software. Wir picken die Leckerbissen heraus: Mails drucken mit Muttprint und mit Xfe Dateien verwalten. Außerdem stellen wir Sync2cd für Backups vor und die neue Version von IRC. Cidrecreme rundet die Sache nach einigen Debian-News ab.

Abbildung 1: Schnell, schlank und trotzdem viele Features - Xfe verwaltet Dateien unabhängig von der Desktop-Umgebung und integriert zahlreiche dritte Programme.

Abbildung 1: Schnell, schlank und trotzdem viele Features – Xfe verwaltet Dateien unabhängig von der Desktop-Umgebung und integriert zahlreiche dritte Programme.

Die Wahl zum neuen Debian Project Leader hat beim Erscheinungstermin dieses Hefts bereits begonnen. Auch im Jahr 2005 bestimmen die Debian-Entwickler wieder, wer das Schicksal ihres Projekts lenken soll. Über die Kandidaten gab es bei Redaktionsschluss allerdings nicht einmal Gerüchte. Fest steht aber, dass Martin Michlmayr, seit zwei Jahren Amtsinhaber, nicht erneut antritt. Er begründet seine Entscheidung damit, dass er wieder mehr Zeit für andere Dinge braucht.

Neuigkeiten zur Wahl wird der Debian-Projektsekretär Manoj Srivastava regelmäßig auf der Mailingliste Debian-devel-announce[1] veröffentlichen. Nach dem Beginn der Nominierungsphase dauert es etwa drei Monate, bis die Wahl abgeschlossen ist.

X File Explorer

An grafischen Dateimanagern besteht unter Linux absolut kein Mangel. Ansprüche, die über einfaches Kopieren, Löschen oder Verschieben von Dateien hinausgehen, schränken die Auswahl jedoch schon ein. Und wer auf KDE und Gnome verzichtet, wird auch nicht auf deren Dateimanager Konqueror beziehungsweise Nautilus zurückgreifen.

Der X File Explorer (Xfe)[6] stellt bei effizientem Umgang mit Ressourcen eine Vielzahl von Features bereit. Er agiert unabhängig von der Desktop-Umgebung, indem er die sparsame Grafikbibliothek Fox verwendet. Im Lieferumfang enthalten sind Farbschemata, die das Äußere von Xfe auf Wunsch trotzdem Gnome, KDE oder anderen Oberflächen anpassen.

Xfe baut auf dem mittlerweile nicht mehr weiterentwickelten X Win Commander auf und ahmt die Oberfläche von Windows Explorer nach (siehe Abbildung 1). Die Anordnung der Unterfenster gleicht dem Windows-Pendant ebenso wie die der Schaltflächen. Über ein Kontextmenü lassen sich Dateien direkt mit verschiedenen Anwendungen bearbeiten. So installiert Xfe Programmpakete in RPM-basierten Distributionen per Mausklick und bindet Bildbetrachter, Texteditoren und Archivierungsprogramme ein. Xfe lässt sich zudem komplett mit der Tastatur bedienen.

Neue Major-Release von IRC

Der Internet Relay Chat (IRC) gilt als einer der beliebtesten Internetdienste. Die Möglichkeit, schnell und unkompliziert zu kommunizieren, bieten inzwischen zahlreiche IRC-Netzwerke. Ein großer Teil davon verwendet den eigenen Bedürfnissen angepasste Varianten des originalen IRC-Servers. Die bekanntesten heißen Hybrid[2] vom Efnet und Ircu[3] vom Undernet. Der Original-IRC basiert immer noch auf dem Programmcode von Jarkko Oikarinen aus den Jahren 1988 bis 1991 und findet weiterhin Verwendung im Ircnet. Erstmals seit 1998 erschien nun eine neue Major-Release des ersten IRC-Serverprogramms mit dem schlichten Namen IRC 2.11.

Der Hauptgrund, aus dem viele Netze alternative IRC-Serverprogramme einsetzen, liegt in Features, die das Original nicht beherrscht. Beispielsweise gibt es bei der Variante Unrealircd einige Benutzer, die in jedem Kanal automatisch Operator-Rechte erhalten. Die meisten Serverprogramme bieten zudem die Dienste Chanserv und Nickserv an, um Kanäle und Nicknames, also IRC-Benutzernamen, zu verwalten.

In diesen Punkten nachzuziehen ist jedoch nicht die Absicht der neuen IRC-Release. Statt neuer Features, die dem Chatter den Alltag versüßen, hat sich vor allem die Administration erleichtert. Sie verbessert den Umgang mit Netsplits, also störungsbedingten Spaltungen von IRC-Netzen. Die voneinander getrennten Server arbeiten dann normal weiter und akzeptieren auch neue Benutzer. So ist es möglich, dass es nach dem Netsplit, wenn sich die getrennten Server wieder zu einem IRC-Netz zusammenschließen, verschiedene Benutzer mit dem gleichen Nickname gibt.

Kein Rauswurf

IRC 2.10 ging bei solchen Fällen resolut vor: Nutzer mit identischen Nicknames wurden vom Server getrennt und mussten eine neue Verbindung aufbauen. Der betroffene Nickname war für eine Zeit gesperrt. Angreifer, die die Kontrolle über einen Channel an sich reißen oder nur den Betrieb stören wollen, machen sich dies häufig zu Nutze. Sie melden sich mit mehreren Clients auf einem vom IRC-Netz getrennten Server an und nutzen dort Nicknames, die im restlichen Netz bereits existieren. Ist der getrennte Server wieder mit dem Netz verbunden, fliegen die ursprünglichen Benutzer der betroffenen Nicknames hinaus. Bei gezieltem Vorgehen lassen sich so ganze Channels leerfegen.

IRC 2.11[4] verwendet deshalb einen neuen Ansatz. Der IRC-Server weist jedem Client beim Login eine so genannte Unique ID zu, die den Client eindeutig identifiziert. Die Unique ID setzt sich zusammen aus einer vierstelligen Nummer, die den verwendeten Server kennzeichnet, und einem zufälligen String. Abbildung 2 zeigt die Vergabe einer Unique ID beim Login. Gibt es nun nach einem Netsplit zwei Benutzer mit dem gleichen Nickname, wirft IRC 2.11 sie nicht mehr vom Server, sondern ändert lediglich bei beiden Clients die Nicknames in die jeweilige Unique ID.

Abbildung 2: IRC 2.11 weist jedem Benutzer beim Login eine Unique ID zur eindeutigen Identifikation zu.

Abbildung 2: IRC 2.11 weist jedem Benutzer beim Login eine Unique ID zur eindeutigen Identifikation zu.

Die Unique ID hilft auch beim Verbannen destruktiver Benutzer aus den Channels. Da sie den verwendeten IRC-Server verrät, lassen sich bei einem gezielten Angriff von einem Server aus notfalls sämtliche Benutzer dieses Servers an Hand eines Unique-ID-bezogenen Suchausdrucks hinauswerfen. Als weiteres Mittel zum gezielten Ausschluss einzelner Benutzer aus Channels dient die mit Version 2.11 eingebaute CIDR-Notation. Sie erlaubt das genaue Adressieren bestimmter Teile eines Subnetzes und damit eine präzisere Definition von Ausschlusskriterien. Bisher gab es nur die Möglichkeit, einzelne IP-Adressen zu verbannen, die sich aber oft als schnell auswechselbar erweisen, oder ganze Subnetze mit allen, meist ganz schuldlosen Teilnehmern.

Abbildung 3: Sync2cd erstellt Backups flexibel anhand der gut dokumentierten Konfigurationsdatei.

Abbildung 3: Sync2cd erstellt Backups flexibel anhand der gut dokumentierten Konfigurationsdatei.

Auf Features wie Chanserv und Nickserv müssen die Administratoren und Benutzer des originalen IRC weiterhin verzichten. Besonders durch die Unique IDs wird die Kommunikation trotzdem störungsfreier verlaufen. Ihre volle Wirkung werden sie aber erst entfalten, wenn alle Server des Ircnet auf IRC 2.11 aktualisiert sind.

Backups mit Sync2cd erstellen

Im professionellen Bereich hat sich mittlerweile weitgehend herumgesprochen, dass an regelmäßigen Backups nicht gespart werden sollte. Hobby-Administratoren und Heimanwender müssen dagegen meist ohne teure Backup-Hardware und kommerzielle Software auskommen. Ihre Daten möchten sie im Ernstfall trotzdem nicht verlieren. Das Python-Programm Sync2cd[5] (Abbildung 3) von Remy Blank erstellt Backups, die sich dank passender Maße optimal auf wieder beschreibbare CDs oder DVDs brennen lassen.

Über die Konfigurationsdatei legt der Anwender die zu sichernden Verzeichnisse und Dateien sowie die Größe des Backup-Mediums fest. Zunächst die ältesten und nach und nach die jüngeren Dateien packt Sync2cd zusammen, bis die eingestellte Mediumgröße erreicht ist. Auf Wunsch gibt es sie auf »stdout« aus, sodass sie sich beispielsweise direkt an Mkisofs weiterleiten lassen, um ein CD-Image zu erstellen. Leitet man das Ergebnis per Pipe wiederum an Cdrecord weiter, entstehen Backup-CDs fast von selbst.

Flexibel sichern

In einer eigenen Datei führt Sync2cd über die angefertigten Backups Buch. Mit deren Hilfe legt es auch inkrementelle Backups an; Sync2cd überprüft anhand von MD5- oder SHA1-Summen, welche Dateien sich seit der letzten Sicherung verändert haben. Das Anfertigen der Liste frisst zwar beim ersten Start von Sync2cd viel Zeit, spätere Backups gehen dafür aber schnell. Eine Liste der insgesamt gesicherten Dateien speichert es auch auf dem Backup-Medium, sodass der Anwender jederzeit nachsehen kann, was sich auf dem Datenträger befindet.

Ordentlich Druck machen mit Mutt

Der textbasierte E-Mail-Client Mutt[7] erfreut sich großer Beliebtheit unter Benutzern, die den schnellen Zugriff auf ihre Mails einer Bedienung mittels grafischer Oberfläche vorziehen. Am Bildschirm wollen Power-User Übersicht und Tempo statt bunter Grafik. Etwas zu wenig optische Gliederung bieten allerdings von Mutt ausgedruckte Mails; auf dem Papier landen sämtliche Headerzeilen, der Text folgt ohne Trennung direkt darunter. Die kantige Schriftart tut ein Übriges, um Erinnerungen an alte Nadeldrucker zu wecken.

Lesbare Ausdrucke, ohne auf Mutt verzichten zu müssen, wünschte sich wohl auch Bernhard Walle. Deshalb entwickelte er das Perl-Skript Muttprint[9]. Es fungiert als Wrapper, den Mutt beim Drucken aufruft. Muttprint nimmt die zu druckenden Daten entgegen, bereitet sie auf und gibt sie an den Drucker weiter. Ist das Programm erst installiert, bemerkt der Benutzer keinen Unterschied, denn über die [P]-Taste bringt er wie gewohnt seine Mutt-E-Mails auf Papier – nur wesentlich schöner.

Muttprint basiert auf Tex und stellt daher die dort enthaltenen elf Standardschriftarten zur Verfügung. Die Schriftgröße lässt sich ebenso frei definieren wie die zu druckenden Headerzeilen. Letztere lassen sich auf Wunsch auch in einem eigenen Kasten vor der Mail separieren. Wer lange Mails komplett im Blickfeld behalten möchte, lässt sie von Muttprint so verkleinern, dass sie genau auf eine Seite passen. Auf Wunsch fügt Muttprint eine beliebige Grafik als Briefkopf zu Beginn jedes Ausdrucks ein (Abbildung 4).

Abbildung 4: Muttprint bringt ausgedruckte E-Mails in ein ansehnliches Layout.

Abbildung 4: Muttprint bringt ausgedruckte E-Mails in ein ansehnliches Layout.

Auch mit anderen textbasierten E-Mail-Clients wie beispielsweise Gnus[8] arbeitet Muttprint zusammen. Für Gnus liegt dem Muttprint-Paket eine Konfigurationsanleitung bei, im Allgemeinen müssen Mailer lediglich dazu gebracht werden, Ausdrucke nicht direkt an den Drucker, sondern an Muttprint auszugeben. Leider ist Muttprint mittlerweile verwaist, es findet derzeit also keine Weiterentwicklung statt.

Heiße Diskussionen

Auf der Mailingliste der Debian-Entwickler entstehen schnell sehr angeregte Diskussionen. Kürzlich sprengte ein Disput jedoch die üblichen Dimensionen. Stein des Anstoßes war das nur 500 KByte große Programm Hot-Babe. Eigentlich stellt Hot-Babe lediglich die Systemauslastung grafisch dar. Statt Statusbalken und Zahlen sieht man dort jedoch eine gezeichnete Frau, die sich bei steigender Systemlast nach und nach ihrer Kleidung entledigt.

Auf der Debian-Mailingliste landete das Thema, als Thibaut Varene ankündigte, ein Debian-Paket des Programms erstellen und in den offiziellen Debian-Zweig integrieren zu wollen. Schon wenige Minuten später beschwerten sich viele Entwickler über den pornografischen Inhalt von Hot-Babe. Zum einen fühlen sich unter anderem Mitglieder von Debian-Women[10] durch Hot-Babe diskriminiert, außerdem würden Pornografieverbote in vielen Ländern die Verbreitung von Debian verhindern.

Andere Entwickler befürworten die Aufnahme von Hot-Babe in Debian, allerdings nicht wegen des Programms selbst. Sie sprechen von Zensur und inhaltlicher Kontrolle und argumentieren mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Als Kompromiss schlug dann Paul Hampson vor, den bisher als Non-US bezeichneten Debian-Zweig für solche Fälle zu reaktivieren. Hier lagen früher hauptsächlich die Verschlüsselungsprogramme, die nicht in die USA importiert werden durften. In diesem Zweig könnten nach Hampsons Vorschlag alle Programme landen, die in manchen Ländern verboten sind.

Personalentscheidungen

Wer Mitglied des Debian-Projekts werden möchte, muss nach erfolgreichem Abschluss des New Maintainer Process darauf warten, dass ihm der Debian Account Manager einen Benutzerzugang auf den Debian-Maschinen gewährt. Nicht selten war dieser letzte Schritt in der Vergangenheit Grund für lange Diskussionen: Dem einzigen aktiven Account Manager James Troup fehlt meist die Zeit, diese Aufgabe zügig zu erfüllen. Deswegen mussten sich Bewerber oft monatelang gedulden, einige verloren dabei die Lust zur Mitarbeit. Im Dezember warteten beispielsweise über 70 potenzielle Debian-Entwickler auf ihren Account.

Joerg Jaspert, der selbst bereits einige Zeit im New Maintainer System aktiv war, bot deshalb seine Hilfe an. Er schlug vor, Troup das sehr umständliche und äußerst zeitintensive Lesen der Berichte über einzelne Bewerber abzunehmen und darüber zu entscheiden, ob eine Person Zugriff auf die Debian-Rechner erhalten solle. Diese Berichte entstehen als Resultat im New Maintainer Prozess aus der Zusammenarbeit zwischen einem Bewerber und seinem Betreuer. Sie geben einen umfassenden Überblick über die Bewerber und bilden die Grundlage für die Entscheidung.

Neue Kooperation

Troup stimmte der Zusammenarbeit zögernd zu, bestand aber auf einer anfängliche Testphase. So nahm Joerg Jaspert seine neue Arbeit zunächst ohne Administratorenrechte auf die Debian-Rechner auf, den technischen Part beim Einrichten neuer Accounts übernimmt weiterhin James Troup. Wenn Joerg Jaspert künftig ebenfalls vollen Zugriff hat, hofft er, den Prozess zur Aufnahme neuer Debian-Maintainer deutlich zu beschleunigen und damit dem ganzen Projekt weiterzuhelfen.

Cidrecreme

Zutaten für vier Personen: Vier Eigelbe, 100 g Zucker, ein Päckchen Citro-Back, Saft von zwei Zitronen, 1/4 l Cidre, sechs Blatt Gelatine, vier Eiweiße, ein Becher Sahne.

Zunächst die Eigelbe, den Zucker und das Citro-Back in eine Schüssel geben und dickschaumig aufschlagen. Danach den Zitronensaft und den Cidre unter die Masse heben. Die Gelatine in Wasser einweichen, auflösen und in die Schüssel geben. In einer anderen Schüssel die Eiweiße und die Sahne steifschlagen. Sobald die Masse in der ersten Schüssel Bahnen zieht, die Masse aus der zweiten Schüssel unterheben. Die fertige Creme kann mit Sahne verziert werden.

Projekte, Projekte …

Abschließend der obligatorische Aufruf: Wer ein Tool schätzt oder entwickelt hat und es an dieser Stelle vorgestellt sehen will, schickt eine E-Mail an[11]. (csc)

Infos
[1] Debian-Entwickler-Mailingliste: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/]

[2] Hybrid: [http://www.ircd-hybrid.org]

[3] Ircu: [http://coder-com.undernet.org]

[4] IRC 2.11: [ftp://ftp.irc.org/irc/server/irc2.11.0.tgz]

[5] Sync2cd: [http://www.calins.ch/software/sync2cd.html]

[6] X File Explorer: [http://roland65.free.fr/xfe/]

[7] Mutt: [http://www.mutt.org]

[8] Gnus: [http://www.gnus.org]

[9] Muttprint: [http://muttprint.sf.net]

[10] Debian-Women: [http://women.alioth.debian.org]

[11] Hinweise und Vorschläge: [projektekueche@linux-magazin.de]

Der Autor
Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian- GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln. Momentan arbeitet er am Debian-Desktop-Projekt.
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