In der Finanzwelt hat Linux im Jahr 2003 zu ungebremstem Wachstum angesetzt. Es sind vor allem Kostenvorteile gegenüber Unix-Servern, die dazu führten. Aber auch andere Faktoren wie der gestiegene Bedarf an Rechenleistung auf engem Raum lassen den Bedarf an Linux-Servern in die Höhe schnellen.
Wenn am 27. Oktober die Linux World Expo in Frankfurt startet, findet parallel dazu im gleichen Gebäudekomplex wieder die Messe “European Banking and Insurance Fair” (EFBIN) statt. Und auch dort werden wieder Pinguine zu finden sein, wahrscheinlich mehr als je zuvor. 2003 hat das Interesse des Finanzsektors an Linux-Lösungen einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Auslöser war unter anderem eine Ankündigung von Reuters gleich zu Beginn des Jahres. Reuters ist allgemein eher als Nachrichtenagentur bekannt, doch in der Finanzwelt nimmt das Traditionsunternehmen eine Schlüsselstellung ein.
Mit der Umstellung von Reuters’ Echtzeit-Informationssystems RDMS auf Linux und Intel-basierte Server von Hewlett-Packard geriet das Open-Source-Betriebssystem so deutlich wie nie zuvor in den Fokus der Investmentbanken. Einige begannen aber schon wesentlich früher damit, Linux zu implementieren. Vorreiter war die Dresdner Kleinwort Benson, die bereits im Jahr 1999 einen Linux-Cluster für die Risikoberechnung beim Handel mit Zinsderivaten (Swaps) in Betrieb nahm. Eine Berechnung, die vorher 17 Stunden dauerte, war danach in elf Minuten erledigt.
2003 – Linux wird Mainstream
Vier Jahre später brummt der Umsatz mit Linux-Systemen im Investmentbanking-Bereich, doch an die Öffentlichkeit gelangen die wenigsten Projekte. Sehr zum Ärger etwa der Marketingmanager von IBM, die gern mehr Referenzkunden hätten. Jedoch fürchten die Banken auch den kleinsten Wettbewerbsnachteil, den ein unbedacht veröffentlichtes Detail ihrer ganz speziellen Lösung mit sich bringen könnte.
Immerhin hat sich Meryll Lynch, eine der drei weltweit größten Investmentbanken, vorgenommen, fast die gesamte IT-Struktur umzukrempeln. Die Server-Umstellung läuft auf vollen Touren, wobei Linux hauptsächlich für virtuelle Server auf Mainframes installiert wird. Doch bei Servern soll es nicht bleiben, ein Pilotprojekt zur Umstellung der Arbeitsplätze auf Linux-basierte Thin Clients ist bereits gestartet.
Morgan Stanley hat ähnliche Pläne, möchte sich dabei aber weniger auf Mainframes verlassen, sondern den Kostenvorteil der x86-Architektur nutzen. Die Bank kündigte bereits 2001 an, dass im Jahr 2005 80 Prozent ihrer Server auf Intel-Hardware umgestellt sein sollen. Auch UBS Warburg, die Investment-Sparte der Schweizer Großbank UBS, ist nach dem Ende der Testphase dabei, die Produktivsysteme zu installieren, ebenso die Credit Suisse First Boston, die Citibank, die Banco do Brasil – die Aufzählung lässt sich fortsetzen.
Das globale Geschäft mit den Milliarden der Anleger beschleunigt sich mit mehr Rechenleistung enorm. In der Portfolio-Analyse oder im Risikomanagement waren lange Zeit Batchprozesse üblich, die über Nacht gerechnet wurden. Der Einsatz von Linux-Clustern hat diese mittlerweile so stark verkürzt, dass schon fast Echtzeitverarbeitung möglich ist.
Rechenpower tut Not
Das heißt, der Investor kann sich eine bestimmte Anlagestrategie sofort durchrechnen lassen, was den Wettbewerbsdruck enorm steigert. Vor allem IBM heizt dieses Wettrennen nach Kräften an. In den beiden wichtigsten globalen Finanzplätzen, in New York und London, hat Big Blue Kompetenzzentren zum Thema Linux für Banker eingerichtet. Das Londoner “Linux Center for Financial Services” ist in ummittelbarer Nähe zur Londoner City untergebracht, in einer Niederlassung direkt am Ufer der Themse.
Dort haben potenzielle Kunden, aber auch Partner wie Softwarehersteller eine Spielwiese für Testinstallationen, Proof of Concept oder auch zum Fahren von Benchmarks – getrennt vom internen IBM-Netz, hinter verschlossenen Türen und bis zu drei Tage lang. Bei der Ausstattung überwiegt die Intel-Plattform mit Bladeservern aus der E-Server-Reihe, Vierfachservern auf Xeon-Basis, P-Servern mit Risc-Prozessoren und einer I-Series. Bis auf die Mainframe-Architektur ist damit jede Gattung aus IBMs Serverzoo vertreten. Aber auch typische Trading-Arbeitsplätze sind vorhanden.
Kompetenz in City-Lage
Laut Nick Gair, der für Linux und Grid im Financial Sektor verantwortlich ist, kommt das Konzept gut an. Die Auslastung liege seit der Eröffnung im April konstant bei etwa 70 Prozent. Kein Wunder, dass die Betreiber behaupten können, inzwischen Vertreter jeder einzelnen Investmentbank beraten zu haben, und das mit Erfolg für den Umsatz. Ein wie üblich anonym bleibender Kunde hat jüngst Hardware für sieben Millionen Euro auf einmal bestellt.
Außer der Geschwindigkeit und den Kosten für die Hardware spielt bei den hohen Büromieten in der Londoner City auch der Platzbedarf eine Rolle. Wer dort mehr Rechenleistung auf einem Quadratmeter unterbringen kann, spart hier richtig Geld. Auch deshalb stoßen Bladeserver vor allem in der Finanzwelt auf großen Zuspruch.
Wenig erfreut von dieser Entwicklung dürfte vor allem Sun Microsystems sein. Die Londoner City galt bisher als Domäne der Sparc-basierten Solaris-Rechner. Der Aufstieg von Sun in den 90er Jahren lief weitgehend parallel mit der damaligen Umsatzexplosion im Investmentgeschäft. Doch spätestens seit 2001 ist auch dort Kostensparen angesagt und die Sun-Server verlieren viel von ihrem bisherigen Schick.
Kein Softwaremangel
Die Portierung von Solaris-Applikationen auf Linux macht kaum Probleme. Auch war Sun damit erfolgreich, Java in der Branche umfassend zu etablieren. Die Plattformunabhängigkeit fällt nun auf Sun selbst zurück. Sehr zur Freude der unabhängigen Softwarehersteller, für die eine Linux-Umstellung im Allgemeinen nicht existenzbedrohend ist, und der zum Teil riesigen Entwicklungsabteilungen der Banken und Versicherungen, denen es egal sein kann, auf welcher Plattform die Java-Applikation läuft. Geschlossene Anti-Linux-Fronten lassen sich also kaum errichten.
Die Firma Sungard beispielsweise, deren Software weltweit Vermögenswerte von 15 Billionen Euro verwaltet, bewegt sich aktiv auf Linux zu. Das Tochterunternehmen Front Capital Services bietet bereits dedizierte Linux-Software fürs Risikomanagement an.

Abbildung 4: Einige Konzepte für Linux-Clients als Bankarbeitsplätze hat die S&N AG aus Paderborn entwickelt. Hier eine Thin-Client-Architektur.
Linux auch im Endkundengeschäft
Auch in der weniger glamourösen Welt des Endkundengeschäfts der Banken ist Bewegung spürbar. Doch die Lage ist hier anders. Außer Windows sind auch noch DOS und vor allem in Deutschland OS/2 weit verbreitet. Der Aufwand für die Portierung von Anwendungen ist hoch, hinzu kommen gesetzliche Vorschriften an die Systemarchitektur und die Einbindung spezieller Hardware wie Kartenlesern oder Druckern.
Hier setzt zum Beispiel das Softwarehaus S&N AG aus Paderborn an, das sowohl auf der EFBIN als auch auf der Linux World ein Konzept für Banking Clients auf Open-Source-Basis vorstellen wird. Laut Thomas Vogel, Leiter des Competence Centers Selbstbedienung bei S&N, soll das ein Ansatz sein, den “tatsächlichen Bedarf marktorientierter Open-Source-Lösungen zu erkennen und Open Source als erprobten und akzeptierten Standard auf Bankanwendungen auszudehnen” – S&N sucht dafür noch Verbündete.
Wer sich in Frankfurt über bankspezifische Linux-Anwendungen informieren will, muss dazu noch nicht einmal die Linux World Expo verlassen und zur EFBIN pilgern. Die Vortragsreihe “Linux Financial Summit” am 27. Oktober widmet sich speziell diesem Thema.








