Es kreischt wie ein Zahnarztbohrer oder klappert wie ein Fernschreiber: Der Tod einer Festplatte lässt fast jedem kalte Schauer über den Rücken laufen. Wenn es beim Einspielen des Backups dann Probleme gibt, ist guter Rat sprichwörtlich teuer.
Die Todesarten von Festplatten sind vielfältig: Überhitzung, Headcrash, festsitzende oder abgerissene Köpfe, ausgeschlagene Lager, statische Aufladung, ausgetrocknete Kondensatoren, durchgebrannte Signalverstärker, Schmutz auf den Datenscheiben. Nach Murphy kommt ein Festplattenschaden immer ungelegen, meist unvermittelt – aber nur selten lautlos. Oft kündigt sich der Tod einer Festplatte durch eine charakteristische Veränderung des Betriebsgeräuschs an. Datenrettungsunternehmen wie J. Kupfrian MSS-Media können durch Analyse von Laufgeräusch und Vibrationen Art und Ausmaß des Schadens beim Betrieb beurteilen, ohne das Laufwerk zu öffnen (Abbildung 1).
Das veränderte Laufgeräusch einer Festplatte oder massives Auftreten von schlechten Sektoren sollte jeden Administrator alarmieren: Dann ist schnelles, aber besonnenes Handeln gefragt. Wer etwa schnell alle Partitionen mountet und die Dateien in Sicherheit bringen will, verwandelt bei einem Headcrash oder abgerissenen Kopf die magnetische Beschichtung der Platters schnell in Staub – spätere Datenrettung aussichtslos. Läuft die Festplatte noch, sollte man die Partitionierungsdaten notieren und die Platte dann sofort abschalten.
Professionelle Datenrettung
Die Entscheidung, eine defekte Festplatte an professionelle Datenretter zu geben, fällt angesichts der Kosten nicht gerade leicht. Schon die Bestandsaufnahme, also wie aussichtsreich die Datenrettung erscheint und was sie voraussichtlich kosten wird, schlägt mit 100 bis 300 Euro zu Buche.
Grundsätzlich gilt: Je weiter man die zu rettenden Dateien und ihre Position auf der Festplatte eingrenzen kann, desto leichter und billiger wird die Datenrettung respektive die logische Analyse. Hilfreich ist es zum Beispiel, die Partitionierungsdaten sowie Informationen über die verwendeten Dateisysteme mitzuschicken. Eine Kopie des letzten Backups liefert den Datenrettern zusätzliche Informationen über die Datei- und Verzeichnisstruktur und aus einer alten Version der benötigten Dateien lassen sich in besonders schweren Fällen noch Suchmasken generieren.
Alle Datenträger sollten sorgfältig verpackt werden, um weitere Schäden auf dem Transportweg auszuschließen. Bei Festplatten bedeutet das in jedem Fall eine antistatische und gut gepolsterte Verpackung. Sind in einem Raid-System mehrere Festplatten gleichzeitig ausgefallen, sodass ein automatisches Recovery nicht mehr möglich ist, ist das gesamte Raid mit Controller einzuschicken. Auch hier sind eigene Rettungsversuche nicht ratsam, meist wird mehr beschädigt als gerettet.
Rettungsfreundliche Dateisysteme
Bei den Dateisystemen gibt es Unterschiede, wenn auch relativ kleine. “Alle verfügbaren Linux-Dateisysteme profitieren grundsätzlich von der wesentlich besseren Dokumentation, verglichen mit proprietären Dateisystemen”, so Peter Franck, Datenrettungs-Experte der Firma Ibas. Das Second Extended File System (Ext 2), da sind sich die Datenretter einig, ist am einfachsten zu handhaben und bietet bei den Unix-Dateisystemen die besten Aussichten auf erfolgreiche Datenrettung.
Holger Engelland von Kroll-Ontrack berichtet dagegen von Ext 3, dass die Inodes versehentlich gelöschter Dateien sehr schnell überschrieben werden und man nur bei kompletter Analyse des Laufwerks eine Chance auf Wiederherstellung hat. Ein weiteres Problem seien die Journals bei allen Journaling Filesystems wie Ext 3, JFS, XFS und Reiser-FS: Bei logischen und physikalischen Schäden in den Journalen käme man meist nur durch eine Analyse der einzelnen Sektoren weiter, Dateizusammenhänge ließen sich schwer wiederherstellen.
Unlesbare Backups
Selbst wer täglich Backups auf Bänder oder CDs vornimmt, kann den Daten-GAU erleben, wenn neben der Festplatte auch das Backup-Laufwerk ausfällt. Viele Streamer-Bänder lassen sich faktisch nur im ursprünglichen Laufwerk erneut einlesen. Bei älteren CD-Brennern lässt die Laser-Leistung nach und die Mechanik wird mit der Zeit dejustiert, im Zweifel kann ein neues Laufwerk die CDs gar nicht lesen.
Das Problem tritt immer dann auf, wenn zur Kontrolle des Backups das Schreib-Laufwerk verwendet wird – was in der Praxis aber üblich ist. Jürgen Kupfrian von MSS-Media empfiehlt, in solchen Fällen unbedingt das defekte Sicherungslaufwerk zusammen mit den Bändern oder CDs einzuschicken. Möglicherweise gelingt es den Datenrettern, das Laufwerk für den letzten Lesevorgang noch einmal zu reparieren.
Professionelle Datenrettung ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche. Zwischen Anlieferung des defekten Laufwerks und Wiederherstellung der Daten vergehen oft nur wenige Stunden, bei umfangreichen Defekten einige Tage. In besonders dringenden Fällen arbeiten die Experten auch übers Wochenende. Der Kunde erhält die Daten, wie er sie wünscht: als CDs, auf Band oder als bootfähige Festplatte mit komplett eingerichtetem Betriebssystem.
Grenzen
Die physikalische Grenze liegt bei der vollständigen Zerstörung der Information – etwa weil die Magnetbeschichtung von den Platters abgehobelt, über die Curie-Temperatur hinaus erhitzt oder mit starken Magneten gelöscht wurde. Auch das Überschreiben der vorhandenen Daten mit neuen löscht die alten Informationen zuverlässig, nach Auskunft von Ibas reicht bereits das einmalige Überschreiben mit neuen Daten.
Sind die Platters verbogen, gebrochen oder teilweise abgehobelt, sind sie im Originallaufwerk nicht mehr lesbar. Bei Ibas werden die Daten dann mittels Pattern Analyzer, kurz Pattan (Abbildung 2), zurückgewonnen. In einem Versuch misshandelte der Autor dieses Textes eine Festplatte durch Fußballspielen, trampelte auf ihr herum und schlug sie hart auf Metallkanten. Das Ergebnis: eine beschädigte Mechanik und Kratzer auf den Platters.
Die Platters wurden zunächst im Reinraum ausgebaut. Der Pattan besteht in der Hauptsache aus einem einzelnen, in drei Achsen frei steuerbaren Festplattenkopf sowie einer Spindel mit variabler Drehzahl. Zum Auslesen legt man die Platters einzeln auf die Spindel und fährt den Kopf von Hand an die Oberfläche heran. Per Oszilloskop überwacht der Techniker das Datensignal am Kopf und verändert die Position so lange, bis das (analoge) Signal für die Aufzeichnung ausreichend stark ist. Später werden die analogen Aufzeichnungen analysiert, digitalisiert und von Hand zu Dateien zusammengesetzt.
Eine Grenze für die Wiederherstellung von Daten gibt fast immer die verbleibende Zeit vor, meist werden die Daten sofort oder binnen weniger Tage benötigt. Die manuelle Abtastung jeder einzelnen Spur einer 200-GByte-Festplatte mittels Pattan und die spätere Auswertung kann jedoch leicht mehrere Monate dauern – und das Problem wächst mit zunehmender Kapazität der Festplatten.

Abbildung 1: Mit Mikrofonen und Vibrationssensoren (blau) lassen sich Schäden von Festplatten beim Betrieb ermitteln, ohne die Platte zu öffnen.
Brennpunkt Ebay
Alle Datenretter unterhalten große Plattenlager, um Ersatzteile für die defekten Festplatten ihrer Kunden zu haben. Doch die Lager sind keineswegs vollständig, auch wenn Monat für Monat für mehrere tausend Euro neue Festplatten gekauft werden, benötigt man doch von jeder Revision des gleichen Festplattenmodells mindestens ein Exemplar.
Um die Lücken im Bestand zu schließen, bieten die Datenretter bei Ebay mit. Auch wenn keine Ersatzteile für einen aktuellen Kundenauftrag im eigenen Lager vorhanden sind, schauen sie beim Auktionshaus vorbei, müssen aber dann aus Zeitgründen meist “Sofort Kaufen” benutzen und oft recht hohe Preise zahlen. Das ist allerdings immer noch billiger, als die Ersatzteile bei Spezialunternehmen einzukaufen. Der Kunde bekommt davon nichts mit, er zahlt nur die vereinbarte Pauschale. n

Abbildung 2: Der Pattern Analyzer zeichnet die Spuren eines Platters analog auf. Der Techniker steuert den Kopf mittels Oszilloskop an die Lese-Position.
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Infos |
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[1] J. Kupfrian MSS-Media: [http://www.mss-media.com] [2] Kroll-Ontrack GmbH: [http://www.ontrack.de] [3] Ibas Deutschland GmbH: [http://www.ibas-labs.de] |





