Mit neuen Vorwürfen und Drohungen an Linux-Nutzer verabschiedet sich SCO/Caldera äußerst unfreundlich von der Open-Source-Welt. Diese wiederum hält die Chancen des Unternehmens in einem Gerichtsprozess über geistiges Eigentum für vernachlässigbar klein.
Was einige Beobachter lange befürchteten, ist wahr geworden. Caldera greift unter dem Namen SCO Group die gesamte Linux-Welt direkt an. In einem offenen “Brief an unsere Linux-Kunden” tat das in Utah ansässige Unternehmen seine Sicht der Dinge kund, wonach Linux eine “unautorisierte Ableitung” des Betriebssystems Unix ist, an dem die SCO-Group die Rechte hält. Caldera gibt in diesem Brief bekannt, keine Linux-Produkte mehr zu verkaufen, und bedroht Linux-Anwender mit rechtlichen Konsequenzen.
Nebenbei: Caldera und SCO werden hier synonym gebraucht, da Caldera bei Redaktionsschluss nach wie vor existiert und im Gegensatz zu einer verbreiteten Ansicht nicht in SCO Group umfirmiert hat. SCO Group ist nur ein DBA-Alias, vergleichbar einem Künstlernamen: Caldera “doing Business as” SCO Group. SCO ist ein Warenzeichen von Caldera.
SCO gegen Big Blue
Caldera hatte IBM bereits im März auf mehr als eine Milliarde Dollar verklagt – wegen angeblicher Copyright-Verletzungen, unter anderem im Zusammenhang mit dem Projekt Monterey. IBM soll geistiges Eigentum von SCO der Linux-Community zugänglich gemacht haben.
Jetzt geht CEO Darl McBride weiter: “Wir haben Beweise, dass Teile des Codes von Unix System V in Linux kopiert wurden und dass andere Teile modifiziert und kopiert wurden, offensichtlich um die Herkunft der Originalquellen zu verschleiern.” Caldera weigert sich aber bislang, die Beweise zu nennen. Stattdessen tut das Unternehmen alles, um die Open-Source-Community weiter in Wut zu versetzen.
So hat die Firma auf ihrer Website aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Bruce Perens und Richard Stallman ausgestellt, die sie als notorische Gesetzesbrecher brandmarken sollen. Auch die Anschuldigungen, Open-Source-Aktive seien für einen angeblichen Denial-of-Service-Angriff auf Caldera-Rechner verantwortlich, gehören zu den Versuchen, Vertreter freier Software in die Kriminalitäts-Ecke zu stellen.
“Ein Haufen Lügen”
Bruce Perens hält hingegen Calderas Ansprüche für lächerlich. Ein Prozess dieser Art sei noch niemals gewonnen worden. Die US-Regierung selbst habe eine Unix-Spezifikation veröffentlicht und die “Handvoll Patente” sei eher unbedeutend. Eric S. Raymond nannte schon SCOs Verhalten gegenüber IBM “ethisch falsch und juristisch zweifelhaft”, die jetzigen Vorwürfe bezeichnete er gegenüber Wired als “kolossalen Haufen dreister Lügen”. Red Hat gab bekannt, ihre Kunden zeigten sich unbeeindruckt, ein Kommentar der FSF lag zum Redaktionsschluss nicht vor.
SuSE kalt erwischt
Mit dem neuen Schachzug hat Caldera nicht nur den United-Linux-Partner SuSE überrascht, sondern offenbar auch die eigenen Mitarbeiter in der deutschen Niederlassung. Die Geschäftsleitung in Bad Homburg teilte jedenfalls ihren Kunden mit, vorher nichts gewusst zu haben. SuSE stellte eine karge Mitteilung auf die Website, die klarstellt, dass die Nürnberger SCO-Partner im Vorfeld nicht darauf hingewiesen wurden, eventuelle Lizenzverstöße zu überprüfen.
Das derzeitige Management-Team von Caldera, das die Kehrtwende gegen Linux zu verantworten hat, besteht hauptsächlich aus Männern aus dem Novell-Caldera-Umfeld in Utah. Vertreter der alten SCO aus Kalifornien besetzen keine Schlüsselpositionen mehr.
CEO Darl McBride war von 1988 bis 1996 bei Novell und hat einen Abschluss der Brigham-Young-Universität in Utah, Finanzchef Robert Bench war im Verlauf seiner 30-jährigen Karriere nahezu ausschließlich für Firmen aus Utah tätig. Senior Vice President Chris Sontag, verantwortlich für SCOs geistiges Eigentum, verbrachte die Mehrzahl seiner Berufsjahre bei Novell, ebenso zwei weitere von insgesamt fünf Senior Vice Presidents.
Unix, Unix, du musst wandern
Im Lauf der Unix-Geschichte haben sich die Wege der alten SCO, Novell, Caldera, IBM und Microsoft, dem einzigen Nutznießer der derzeitigen Anti-Linux-Kampagne, mehrfach gekreuzt. Die gemeinsame Historie reicht zurück bis in die “Unix Wars” der frühen 80er Jahre.
1979 wurde die The Santa Cruz Operation (SCO) gegründet, die später Unix auf Intel-basierten Plattformen herstellen sollte. Dafür lizenzierte SCO eine Unix-Version von Microsoft namens Xenix. Microsoft lizenzierte Xenix damals an Hardwarehersteller und ließ die Portierungen auf die jeweiligen Architekturen von Dritten erledigen.
Die Intel-Portierung gaben die Redmonder bei SCO in Auftrag. Damals war kaum abzusehen, dass die x86-Architektur einmal für Server eine größere Rolle spielen könnte. 1989 lizenzierte SCO eine eigene Version von AT&T und nannte sie “SCO UNIX System V/386”.
Früher Linux-Start
1993 erwarb Novell von AT&T die Unix System Labs (USL), an denen Unix entwickelt wurde, und damit auch die komplette Technologie von und alle Rechte an Unix. Gleichzeitig hob der damalige weitsichtige Novell-CEO Ray Noorda ein Linux-Projekt mit dem Codenamen Corsair aus der Taufe, das von Bryan Sparks und Ransom Love vorangetrieben wurde. Corsair sollte in erster Linie testen, was Novell von Linux lernen könnte.
Das Projekt überlebte aber die Ablösung von Noorda durch Bob Frankenberg im Jahre 1994 nicht. Sparks gründete daraufhin mit Noordas Geld die Firma Caldera. Deren erstes Produkt nannte sich Caldera Network Desktop. Es war ein Linux mit einer proprietären, MS-Windows-ähnlichen Oberfläche. Caldera vertrieb auch weitere proprietäre Software mit ihrer Distribution, was ein legales Kopieren der Distribution problematisch machte und von Anfang an das Misstrauen vieler Vertreter freier Software erregte.
Novell verkaufte Unix wieder, und zwar 1995 an SCO. Drei Jahre später veröffentlichte SCO eine neue Version von Unixware, das sie ebenfalls drei Jahre vorher von Novell erworben hatte. Im gleichen Jahr kündigten Novell, IBM und Intel an, an einer plattformübergreifenden Unix-Version für Intels IA64 und IBMs PowerPC arbeiten zu wollen, das Project Monterey war geboren. Dafür lizenzierte IBM Unix von SCO und erhielt auch das Recht, “originale” Unix-Technologie zu verwenden.
Einige Jahre später zog sich IBM allerdings vom Project Monterey zurück, aus den Ergebnissen wurde AIX4L für IBMs Risc-Prozessoren. Eine Intel-Version, die SCOs Position gestärkt hätte, erschien nie. Darauf beruht auch einer der Vorwürfe der jetzigen SCO Group, dass nämlich IBM die Technologie und das Wissen, das sie im Rahmen dieses Projekts von SCO erworben hatte, später in Linux integriert und somit SCOs Rechte verletzt hat.
Späte Experimente
Um 1999 herum begann SCO mit Open Source zu experimentieren und lieferte beispielsweise mit ihren Systemen auch die so genannte Skunkware-CD mit, auf der sich einige Open-Source-Komponenten befanden, die SCO für eigene Systeme kompiliert hatte. Auch die Unterstützung von Linux war kein Tabu mehr.
Zwei Jahre später jedoch übernahm Caldera die Santa Cruz Operation und erhielt damit alle Rechte an Unix. 2001, also im langsam abklingenden Linux-Hype, ging das beinahe unter. Im Gegenteil versicherte Ransom Love sogar, es bestünde kein Zweifel daran, dass Unixware eines Tages Open Source würde, lediglich die Rechte Dritter wären noch zu klären. 2002, nachdem der Börsenwert des Unternehmens ins Bodenlose gesunken und die Verluste zeitweise so hoch waren wie der Umsatz und ständige Kurswechsel in der Produktstrategie sich häuften, musste Love gehen.
Mit dem Rücken zur Wand
2003: Unter der neuen Führungsmannschaft entsteht die Abteilung SCO Source, über deren tatsächlichen Zweck offenbar anfangs auch weite Teile des Managements im Unklaren gelassen wurden. Konnte die Klage gegen IBM noch als ein verzweifelter Hilferuf nach Umsatz – aus welchen Quellen auch immer – gewertet werden, hat sich Caldera mit den neuesten Aktivitäten den Rückweg abgeschnitten und nimmt sogar die Schädigung des eigenen operativen Geschäfts durch den Vertrauensverlust bei teilweise über Jahre loyalen Kunden in Kauf. Eine Pflichtmitteilung an die Börsenaufsicht SEC zeigt die bedrängte Situation.
Falls es stimmt, dass Ransom Love ein Buch mit dem Titel “For The Love of Linux” plant, sollte er das Manuskript – und den Titel – wohl überarbeiten.







