Aus Linux-Magazin 09/2002

Die monatliche GNU-Kolumne

Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: Gps Drive, GNU Space Chart, ein Nachtrag zum Process View Browser, GNU EPrints, Koha, GCron.

Willkommen zu einer neuen Ausgabe der Brave GNU World, diesmal mit der Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Nummer 42. Mag die Erde auch größtenteils harmlos sein, so ist es dennoch manchmal leicht, auf ihr die Orientierung zu verlieren. Doch glücklicherweise gibt es Gps Drive.

Gps Drive

Abbildung 1: Gps Drive ist ein Navigationssystem, nicht nur für für Linux-Laptops und -PDAs.

Abbildung 1: Gps Drive ist ein Navigationssystem, nicht nur für für Linux-Laptops und -PDAs.

Wie es der Name schon andeutet, ist Gps Drive[5] von Fritz Ganter ein Navigationssystem, das sich der Satelliten des Global Positioning System (GPS) bedient. Das Programm, das unter der GNU General Public License steht, funktioniert mit den bekannten Garmin-GPS-Empfängern mit serieller Schnittstelle und mit allen anderen GPS-Empfängern, die das NMEA Protokoll unterstützen (Abbildung 3). Es läuft bereits unter GNU/Linux und FreeBSD.

Nicht nur Laptops, auch PDAs sind für Gps Drive prädestinierte Geräte. Auf dem Compaq iPAQ (Abbildung 1) und dem Yopy wurde das Programm schon erfolgreich eingesetzt. Über einen GPS-Receiver ermittelt Gps Drive die aktuelle Position und zeigt sie automatisch auf der richtigen Karte an, der Anwender muss lediglich den gewünschten Maßstab angeben. Nicht vorhandenes Kartenmaterial lädt das Programm bei Bedarf selbstständig aus dem Internet oder von einem vorgewählten Proxy, auf Wunsch auch von den speziellen Kartenservern Expedia und Mapblast.

Mit dem Programm ist ebenfalls eine genaue Routenplanung möglich, denn Gps Drive kann Wegepunkte aus einer Datei einlesen oder solche nutzen, die vom Anwender selbst dynamisch mit der Maus angelegt werden. Man kann eigene Routen aufzeichnen und an andere weitergeben, das ist praktisch zum Beispiel für gemeinsame Fahrradtouren (Abbildung 2). Damit der Benutzer nicht ständig den Bildschirm im Blickfeld behalten muss, gibt es bei Gps Drive auch eine Sprachausgabe in Englisch, Deutsch und Spanisch. Dabei kommt die Sprachsynthese-Software Festival[6] zum Einsatz.

Zu den ungewöhnlichsten Features des Systems gehört meiner Meinung nach der Friendsd-Server. Mit Hilfe dieser Komponente können mehrere Benutzer ihre Positionen untereinander austauschen. Auf den Karten erscheinen neben dem eigenen dann auch die Standorte der anderen.

Gps Drive ist in C mit dem Gtk+-Toolkit geschrieben. Es läuft recht stabil, befindet sich aber noch in der Entwicklung. Künftige Schwerpunkte werden eine echte Straßennavigation sowie Spracheingabe sein. Die Programmbedienung ist derzeit an zehn Sprachen angepasst, Fritz Ganter sucht noch Hilfe für die Übersetzung in weitere Sprachen.

Abbildung 2: Mit dem übersichtlichen Menü von Gps Drive finden verirrte Pinguine wieder nach Hause.

Abbildung 2: Mit dem übersichtlichen Menü von Gps Drive finden verirrte Pinguine wieder nach Hause.

Abbildung 3: Gps Drive funktioniert mit handelsüblichen GPS-Empfängern mit serieller Schnittstelle, etwa den verbreiteten Garmin-Geräten.

Abbildung 3: Gps Drive funktioniert mit handelsüblichen GPS-Empfängern mit serieller Schnittstelle, etwa den verbreiteten Garmin-Geräten.

GNU Space Chart

Auch GNU Space Chart[7] von Miguel Coca, ein neues Paket des GNU-Projekts, dient der Orientierung in unbekanntem Gelände. Das eigentliche Awendungsgebiet liegt bei diesem Programm aber in einer anderen Dimension: Hier geht es um die Planung von intergalaktischen Umgehungsstraßen. Tatsächlich war es das Interesse an Science-Fiction-Geschichten und deren “Originalschauplätzen”, das Miguel mit der Arbeit an Space Chart beginnen ließ.

GNU Space Chart ist ein Programm zur Kartografie von Sternen. Es zeigt aber nicht nur ein zweidimensionales Abbild des nächtlichen Sternenhimmels, vielmehr visualisiert es die Lage der Sterne im Raum (Abbildung 4). Der Benutzer blickt aus großer Entfernung auf die Sonne oder einen anderen Stern. Er kann dann nach Belieben andere Sterne hinzufügen. Die 3D-Ansicht lässt die Sterne auf Wunsch mit Linien verbunden im Raum rotieren.

Das GPL-Programm ist in C mit Gnome-Bibliotheken erstellt worden und folglich sehr schnell. Alle Sterne in einem Umkreis von 50 Lichtjahren um die Sonne lassen sich gleichzeitig anzeigen, sie rotieren in fließender Bewegung in Echtzeit. Ein weiteres Highlight ist ein Perl-Skript, das Daten aus astronomischen Katalogen extrahiert und in der Sternenkarte darstellt.

Von Robert Chassel stammt die umfangreiche Dokumentation. Er ist zugleich der fleißigste Betatester. Miguel sieht die Zielgruppe seines Programms derzeit hauptsächlich in den Autoren und Fans von Science-Fiction-Geschichten, die sich ein anschauliches Bild von den Sternen im Raum machen möchten.

Er denkt aber auch bereits an den Nutzen, den das Programm für echte Astronomen haben könnte – wenn er von denen nur genug Feedback bekäme. Auch allgemeine Unterstützung in Form von Programmcode, beim Testen und für die Dokumentation sind ihm natürlich herzlich willkommen.

Abbildung 4: Dreidimensionale Darstellung der Bezugspunkte im Raum ist die Stärke von Space Chart.

Abbildung 4: Dreidimensionale Darstellung der Bezugspunkte im Raum ist die Stärke von Space Chart.

GNU EPrints

Christopher Gutteridge von der University of Southampton und Mike Jewell arbeiten an GNU EPrints[11], einem Programm zur Erstellung von Online-Archiven. Gerade im wissenschaftlichen Umfeld ist die Recherche nach vorhandener Literatur von großer Bedeutung. Fremde Publikationen müssen jedoch zunächst in dem immer größer und unübersichtlicher werden Bestand erst mal gefunden werden. An dieser Stelle kommt GNU EPrints ins Spiel, das überall dort Einsatz findet, wo Dokumente online archiviert werden sollen.

Professor Stevan Harnad, er ist die treibende Kraft hinter GNU EPrints, hat das erklärte Ziel, Wissenschaftlern freien Zugang zu Forschungsergebnissen zu ermöglichen. Nach seinem Wunsch sollen auch gerade wirtschaftlich schwächere Forschungseinrichtungen oder Länder wieder die Chance zum internationalen Austausch erhalten.

GNU EPrints, es ist selbstverständlich freie Software, war von Anfang an darauf ausgelegt, verschiedene Sprachen zu unterstützen. Nicht nur die Homepage selbst, auch die einzelnen Felder unterstützen dank Unicode auch außereuropäische Sprachen.

EPrints ist objektorientiert in Perl geschrieben. Für die Erweiterung durch eigene Skripte nutzt das Programm Hooks.

Diese Anpassungsfähigkeit führt allerdings dazu, dass eine gesuchte Option nur schwer zu finden oder Funktionen schwer verständlich sind. Neue Benutzer finden aber in den HOWTOs der Dokumentation Hilfe.

Die Autoren sehen das größte Problem im praktischen Einsatz denn auch nicht in technischen Schwierigkeiten; vielmehr tauchen die größten Probleme dann auf, wenn die Beteiligten eines Projekts sich über die Archivierungspolitik einigen müssen. Das Programm entspricht dem Standard Open Archives Initiative (OAI) in den Versionen 1.1 und 2.0[12]. Das bedeutet, dass die Archiv-Metadaten mit anderen Archiven ausgetauscht werden können. So werden Einträge über mehrere Online-Archive hinweg auffindbar.

GCron

GCron[15] soll im GNU-System den bisher gebräuchlichen Vixie Cron ersetzen, der seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr gepflegt wird. Den im Lauf der Zeit bekannt gewordenen Sicherheitslücken begegnen die GNU/Linux-Distributoren zurzeit noch durch eigene Patches. GCron soll hier Abhilfe schaffen. Der Cron-Befehl gehört zu den klassischen Kommandos jedes Unix-Systems. Es führt Programme regelmäßig zu bestimmten Zeiten (Datum und Uhrzeit) aus. Auf diese Weise können periodische Aufgaben und die Systemwartung automatisiert werden.

GCron von Ryan Goldbeck ist eine auf Sicherheit bedachte Neuimplementation für alle GNU/Linux-Distributionen. Das Programm soll alsbald dem POSIX-Standard entsprechen und zum Vixie Cron kompatibel sein, damit die Benutzer ohne Probleme umsteigen können. Danach stehen GNU/Hurd-spezifische Anpassungen ebenso auf dem Programm wie detaillierte Informationen über die ausgeführten Programme, etwa Laufzeit oder Ressourcennutzung. Auch an eine Begrenzung der Ressourcennutzung zur Kontrolle der Systemlast ist gedacht. GCron ist freie Software unter der GNU General Public License. Die Programmiersprache ist C.

Nachtrag: Process View Browser

Abbildung 5: Der Process View Browser stellt technische Prozesse dar - jetzt frei auf allen Plattformen.

Abbildung 5: Der Process View Browser stellt technische Prozesse dar – jetzt frei auf allen Plattformen.

In der Brave GNU World im Linux-Magazin 3/02[8] hatten wir den Process View Browser Pvbrowser[9] von Rainer Lehrig bereits einmal vorgestellt. Mit dem Programm können technische Prozesse visualisiert und gesteuert werden (Abbildung 5). Der damals beschriebene größte Nachteil des Projekts, dass nämlich Pvbrowser nur unter GNU/Linux frei, unter Windows und Macintosh dagegen proprietäre Software war, ist inzwischen behoben worden. Das Programm steht jetzt für alle Plattformen unter der GPL zur Verfügung.

Rainer Lehrig hat außerdem noch mitgeteilt, dass jetzt Unterstützung für fast alle Qt-Widgets gewährleistet ist und dass er das Visualization Toolkit VTK[10] in den Browser integriert hat. Damit sind jetzt auch professionelle 3D-Grafiken möglich.

Koha

Auch bei Koha[13] geht es darum, geschriebene Information zugänglich zu machen – hier jedoch als Software zur Verwaltung von Bibliotheken im analogen Sinne. Zentrale Komponente von Koha ist der OPAC-Standard, der ähnlich dem überkommenen System der Katalogkarten vielfältige Suche gestattet (Abbildung 6). Auch Bestands-, Ausleihe- und Benutzerverwaltung sind enthalten. Die Bestandsverwaltung berücksichtigt Budgets bei Neuanschaffungen. Selbst an eine Wechselkursumrechnung für ausländische Literatur haben die Entwickler gedacht. Ganze Webseiten bindet Koha als Einträge ein.

Zudem bietet Koha die Möglichkeit, Leselisten für einzelne Benutzer zu führen. Das erlaubt es, Lieblingsbücher wiederzufinden oder Statistiken zu erstellen. Bei datenschutzrechtlichen Bedenken kann diese Option aber abgeschaltet werden. Seit Januar 2000 im Einsatz ist Koha zurzeit die umfassendste und meistgenutzte freie Software für kleine bis mittlere Bibliotheken. Die Skalierung für große Bibliotheken wie Staatsbliotheken ist nahezu abgeschlossen.

Interessant ist die Entstehungsgeschichte dieses in Perl geschriebenen Projekts: Die Bibliotheksverwaltung wurde ursprünglich als proprietäre Auftragsarbeit von der zuständigen neuseeländischen Behörde dem Horowhenua Library Trust in Auftrag gegeben. Als dessen bis dahin genutztes System im Jahr 1999 zusammenzubrechen drohte, veranstaltete der Library Trust eine öffentliche Ausschreibung. Darauf bewarb sich die ortsansässige Firma Katipo Communications mit einem Internet-basierten Konzept, das sich auf GNU/Linux, MySQL, Perl, HTTP und Telnet stützte.

Das Ziel war, innerhalb von 16 Wochen die neue Software zu erstellen und auf der alten Hardware zu installieren. Die Bibliothek wollte mit dem Jahreswechsel 1999/2000 auf die neue Software umstellen. Das größte Problem war, den Entwicklern die internen Abläufe der Bibliothek zu vermitteln. Zur Lösung wurde ein Team von Entwicklern und Bibliothekaren gebildet, das über diesen Zeitraum hinaus zusammenwuchs und auch heute noch gemeinsam das Projekt fortführt.

Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für den Erfolg des Projekts ebenso verantwortlich wie dessen Freiheit. Der Vorschlag von Katipo Communications Ltd., das Programm unter die GPL zu stellen, war dem Horowhenua Library Trust zunächst schwer zu vermitteln. Neben dem Argument, keine großen Marketing- und Vertriebsaktivitäten entfalten zu müssen, gab den Ausschlag, damit das Projekt auch gegen eine Pleite der Katipo Communications abzusichern. Als freie Software wurde es zur gesicherten Investition.

So wurde das Projekt Koha genannt. Koha bedeutet in der Sprache der Maori Geschenk – schließlich hat die Bibliothek die Früchte der eigenen Arbeit auch anderen Bibliotheken zur Verfügung gestellt. Die erhaltene Gegenleistung lässt sich sehen: Das Projekt übertrifft alle Erwartungen und wird von einer kompetenten internationalen Gemeinschaft gepflegt und weiterentwickelt.

Die Moral der Geschichte: Heterogene Teams mögen schwieriger zu koordinieren sein, im Ergebnis liefern sie aber bessere Arbeit. Es zeigt sich, dass potenzielle Auftraggeber auch im eigenen Interesse erwägen sollten, Projekte im Rahmen freier Software ausführen zu lassen. Das sichert nicht nur die Investition, sondern bringt auch Vorteile zum Beispiel durch internationale Kooperation. Vergleichbares ist mit proprietären Projekten nicht zu erreichen.

Das demokratisch organisierte Koha- Team hat Pat Eyler, der auch die Fragen der Brave GNU World beantwortete, zum Kaitiaki (Projektleiter) gewählt. Chris Cormack ist der Release-Manager für die 1.2-Serie, Paul Poulain ist verantwortlich für die 1.4-Versionsreihe. Das Koha- Team sucht Verstärkung durch Perl-Entwickler, Webdesigner und Dokumentations-Autoren, die sich nach Möglichkeit im Bibliothekswesen auskennen sollten. Weitere Informationen über freie Software in Bibliotheken ist bei Bedarf auch online zu finden.

Abbildung 6: Eine Suchabfrage in Koha. Die erfolgreiche Software zur Literaturverwaltung wurde von Amts wegen als freie Software in Auftrag gegeben.

Abbildung 6: Eine Suchabfrage in Koha. Die erfolgreiche Software zur Literaturverwaltung wurde von Amts wegen als freie Software in Auftrag gegeben.

Macht’s gut, und danke für den Fisch

Diese Ausgabe habe ich Douglas Adams gewidmet, der zu unser aller Bedauern vor etwas mehr als einem Jahr starb.

Wie üblich bitte ich euch, nicht mit Anregungen, Fragen, Kommentaren, Meinungen und Informationen über interessante Projekte zu sparen; wie immer an die übliche Adresse.[1]

Infos

[1] Ideen, Anregungen, Kommentare an die Brave GNU World: [column@brave-gnu-world.org]

[2] GNU- Homepage: [http://www.gnu.org/]

[3] Homepage von Georg’s Brave GNU World: [http://brave-gnu-world.org]

[4] “We run GNU”-Initiative: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html]

[5] Gps-Drive-Homepage: [http://gpsdrive.kraftvoll.at]

[6] Festival-Homepage:[http://www.cstr.ed.ac.uk/projects/festival/]

[7] Homepage GNU Space Chart: [http://www.gnu.org/software/Space Chart]

[8] Linux-Magazin 03/02, Seite 78

[9] Homepage Process View Browser: [http://pvbrowser.sourceforge.net]

[10] Homepage Visualization Toolkit (VTK): [http://public.kitware.com/VTK/]

[11] GNU EPrints: [http://www.eprints.org/]

[12] Homepage Open Archives Initiative (OAI): [http://www.openarchives.org]

[13] Koha-Homepage: [http://www.koha.org]

[14] Freie Software für Bibliotheken: [http://www.oss4lib.org]

[15] GCron-Homepage: [http://www.gnu.org/software/gcron/]

Der Autor

Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter [http://www.gnuhh.org].

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