Aus Linux-Magazin 08/2002

Der große Red-Hat-Test aller aktuellen Versionen

Obwohl erst zum Redaktionsschluss dieses Magazins erschienen, sind die Distributionen des amerikanischen Marktführers Gegenstand eines ausführlichen Tests. Er klärt, ob Red-Hat-Käufer gut behütet sind.

Als Bob Young zusammen mit Mark Ewing im Jahr 1995 die Firma Red Hat gründete, hatte er erklärtermaßen vor allem eins im Sinn: So wie der Konsument bei Ketchup “Heinz” denkt, sollte ihm bei Linux nur “Red Hat” einfallen. Der rote Hut sollte zur Marke werden, zum Synonym für Linux und Open Source. Ganz aufgegangen ist diese Rechnung nicht, ein Betriebssystem ist weder technisch noch im Marketing so einfach mit Tomatensoße gleichzusetzen.

Geblieben ist aus der Ära Young die starke Business-Orientierung; Red Hat war eben nie eine Firma von Geeks für Geeks. Geblieben ist aber auch das Bekenntnis zu Open Source und zur GPL, was bei der Community eine gewisse Nachsicht hervorruft – auch bei manchen technisch und strategisch zweifelhaften Entscheidungen aus der Firmenzentrale in Raleigh.

Red Hat und die Konsumenten

Seit wenigstens drei Jahren hat Red Hat als Kunden fast ausschließlich Unternehmen im Auge, dort sind einfach die Gewinnaussichten höher als im Geschäft mit den Boxen. Dennoch ist eine breite Nutzerbasis für den langfristigen Erfolg einer Software vorteilhaft. Kein Problem, schließlich kann sich jeder ISO-Images der jeweils aktuellen Distribution downloaden. Endanwender, die darauf bestehen, eine Box zu kaufen, müssen von Jahr zu Jahr immer tiefer in die Tasche greifen, obwohl der Mehrwert, relativ gesehen, etwa konstant bleibt.

Vor etwa zweieinhalb Jahren gab es frische Red-Hat-Schachteln noch für etwa 80 bis 120 Mark, inzwischen kostet bereits die mager ausgestattete Personal-Box 65 Euro. Besonders üppig fallen die Steigerungen bei der Professional-Version aus, die inzwischen mit 250 Euro zu Buche schlägt. Neue Versionen von Professional und Personal erscheinen relativ zuverlässig zweimal pro Jahr.

Red Hat Network

Das zentrale Instrument, um ein Red-Hat-System zuverlässig aktuell zu halten, ist das Red Hat Network. Ein Abonnement kostet in der Basisversion derzeit 60 US-Dollar pro Jahr, dafür erhält der Kunde laufend Informationen über Patches und kann diese über ein GUI einspielen. Ein bevorzugter Zugriff auf ISO-Images ist inbegriffen. Nützlich in Zeiten stark beanspruchter FTP-Server. In der Enterprise-Version kommen noch echte Systemmanagement-Features hinzu: Gruppierung von Servern nach Einsatzzweck, Rechte-Management für mehrere Administratoren, Einrichtung lokaler Proxy-Server im Firmennetz und mehr. Ein Abo für die Enterprise-Version kostet 240 US-Dollar.

Interessant ist, wie auch beim Red Hat Network im Laufe der Zeit die Schraube anzieht. Anfangs war noch der anonyme Zugang mit einem Update-Agent (»up2date«) möglich, im Jahr 2001 wurde die Registrierung obligatorisch. Der Service-Level “Demo” erlaubte es aber trotzdem, Red-Hat-Systeme ohne kostenpflichtige Registrierung mit »up2date« aktuell zu halten. Inzwischen wurde dies ebenfalls eingestellt. Käufer der Personal- und Professional-Distribution erhalten zeitlich begrenzten Zugriff auf die Basisversion des Red Hat Network.

Eine Alternative für Firmen und Privatnutzer ist Ximians Red Carpet, das für verschiedene Distributionen funktioniert, mehr Pakete anbietet und oft aktueller ist.

Training und Zertifizierung

Mit dem RHCE (Red Hat Certified Engineer) ist es Red Hat gelungen, einen Quasistandard bei Linux-Zertifizierungen und Training zu setzen. Im Gegensatz zu den bisher vorhandenen Prüfungen des LPI, die vor allem mit Multiple-Choice-Tests aufwarten, ist die RHCE-Prüfung praxisorientiert. Der Testkandidat muss Probleme lösen, die sich Administratoren so oder ähnlich in der wirklichen Welt stellen. Die Kurse für Systemadministratoren kosten 2000, die Prüfung 750 Euro, Schüler, Studenten und Lehrer staatlicher Bildungseinrichtungen erhalten 50 Prozent Rabatt.

Auch für alle anderen Red-Hat-Produkte sind Kurse verfügbar, etwa die PostgreSQL-basierte Red Hat Database, Webserver, den Online-Shop Interchance oder die Embedded-Tools um das Echtzeitbetriebssystem Ecos.

Wer an Red Hat denkt, denkt nicht gleich an den Embedded-Bereich. Doch tragen die ehemaligen Cygnus-Entwickler mit ihren Tools nicht unerheblich zum Gesamtumsatz bei. Die Services für Embedded Systems spielen pro Jahr immerhin einen zweistelligen Millionenbetrag ein. Eines der Vorzeigeprojekte ist dabei die Playstation 2 von Sony, die mit Hilfe von Red Hats Compilertechnik entwickelt wurde. Für speicherärmere Embedded Systems kommt bei Red Hat nicht Linux, sondern Ecos zum Einsatz. Dieses Betriebssystem ist aber ebenfalls Open Source.

Wohin fliegt der rote Hut?

In geschäftlicher Hinsicht ist der rote Hut ein Hinkucker, jedenfalls verglichen mit allen anderen Linux- und Open-Source-Firmen, die in den 90er Jahren mit an den Start gingen. Von Profitabilität kann aber genau genommen noch nicht ernsthaft die Rede sein.

Einige Quartalsergebnisse weisen zwar im operativen Geschäft eine schwarze Null aus, aber Red Hat drückt ein Problem, das viele Firmen haben, die in den Boomzeiten der New Economy reichlich mit Bargeld ausgestattet auf Einkaufstour gingen: Die Abschreibungen auf den so genannten Goodwill oder immaterielle Vermögenswerte zugekaufter Firmen. Das kann die Bilanzen noch einige Zeit verhageln. Für das letzte Geschäftsjahr, das im Februar 2002 zu Ende ging, stehen 140 Millionen Dollar Verlust in den Büchern, bei rund 79 Millionen Dollar Umsatz.

Die letzten Umsatzzahlen zeigten keinen dramatischen Einbruch, von den Stürmen der kriselnden IT-Branche ist Red Hat offensichtlich weniger betroffen als andere Software-Unternehmen. Krisenzeiten sind ja möglicherweise auch eine Chance für kostengünstige Open-Source-Lösungen. Im Servergeschäft spielt die Konkurrenz mit Unix-Systemen derzeit eine größere Rolle als die mit der Microsoft-Landschaft; beim Mainframe-Linux ist Red Hat zwar dabei, hat sich aber weit weniger stark aus dem Fenster gelehnt als etwa SuSE.

In jüngster Zeit hat es den Anschein, dass auch der Corporate Desktop stärkere Aufmerksamkeit genießt. Ankündigungen von “advanced” (also hochpreisigen) Desktop- und Workstation-Distributionen deuten in diese Richtung.

Einen regelrechten Eiertanz führt Red Hat dagegen gegenwärtig auf, wenn es um Datenbanksysteme geht. Einerseits hat man mit der Red Hat Database ein eigenes Open-Source-basiertes Produkt im Portfolio, das vielen Ansprüchen genügen sollte, andererseits liegt Red Hat dem Datenbankriesen Oracle zu Füßen, um sich Einfallstore in Großunternehmen zu eröffnen. Die logische Konsequenz daraus ist eine ganz ungewohnte Zurückhaltung beim Marketing für das eigene Produkt.

Trotz aller Bemühungen, nicht nur für Linux, sondern für Open Source allgemein zu stehen: Red Hat wird noch lange an seinen Linux-Distributionen gemessen werden. Die Preise zeugen von sehr viel Selbstbewusstsein der Hutmacher. Schauen wir uns also an, was dahinter steckt.

Red Hat und die Softwarepakete

Aus “Verteidigungsgründen” plant Red Hat, sich ein Portfolio von Softwarepatenten aufzubauen. Gleichzeitig will Red Hat aber weiterhin an der Front gegen Softwarepatente aktiv sein.

Ein nicht unwillkommener Nebeneffekt dürfte sein, dass Analysten Unternehmen nach der Menge des angesammelten “Intellectual Property” bewerten. Als Maßeinheit für dieses geistige Eigentum gilt das Patent. Dass das Prinzip freier Software diesem Denken fundamental entgegensteht und dass der Begriff geistiges Eigentum selbst sehr unpräzise ist, stört dabei wenig.

Red Hat verspricht, nicht gegen Patentverletzungen vorzugehen, wenn diese mit freier Software geschehen. Das Versprechen ist in der klassischen Form einer rechtsgültigen Erklärung abgefasst. Trotzdem dürfte es kaum möglich sein, in irgendeiner Form gegen Red Hat vorzugehen, sollte das Unternehmen dieses Versprechen eines Tages brechen (siehe “Zahlen & Trends”).

Was macht eigentlich …

Bob Young: Der charismatische Red-Hat-Gründer und ehemalige Gebrauchtwagenhändler Robert F. Young gehörte 1995 zu den Ersten, die das kommerzielle Potenzial freier Software erkannten. Nachdem er im Jahr 2000 die Geschäfte an Matthew Szulik übergeben hatte, mischte er noch einige Zeit in Red Hats Aufsichtsrat mit und stieß nach und nach große Teile seines Aktienbestands ab.

Jetzt gehört ihm eine kleine Firma mit dem Namen Lulu Enterprises. Sie will Technik-Messen veranstalten, die sich von herkömmlichen Events vor allem durch den Spaßfaktor und eine größere Nähe zum Publikum auszeichnen. Der erste “Lulu Tech Circus” wird vom 27. bis 29. September in Raleigh, North Carolina, stattfinden, der Heimat von Red Hat und Standort einer großen IBM-Niederlassung.

Colin Tenwick: Während seiner Zeit als Europa-Chef von Red Hat war Tenwick immer gut für einen kessen Spruch in der Tradition eines Larry Ellison oder Scott McNealy. Lange hielt es ihn jedoch nicht auf seinem Posten. Inzwischen ist der Brite CEO des Personalvermittlers Stepstone, der ebenfalls einen gewissen Hang zum lauten Marketing pflegt – allerdings erfordert die Branche zeitweise auch eine gewisse Diskretion.

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