Aus Linux-Magazin 08/2002

Linuxtag 2002 in Karlsruhe

Abbildungen 1 und 2: Für die Aussteller fand der Linuxtag in der Gartenhalle (links) und für die Vorträge in der Stadthalle (rechts) statt.

Hochkarätige Vorträge und ein interessiertes Publikum machten den Linuxtag 2002 in Karlsruhe zu einer Gewinn bringenden Veranstaltung für alle Beteiligten. Über 13000 Besucher kamen vom 6. bis 9. Juni in die Hallen.

In diesem Jahr fand der Linuxtag zum ersten Mal in Karlsruhe statt, nachdem die Veranstalter von Kaiserslautern für zwei Jahre zunächst nach Stuttgart gewandert waren. Die Stadt Karlsruhe bietet mit einer aktiven Linux-Usergroup und einer renommierten Fakultät für Informatik ein ausgezeichnetes Umfeld für die Veranstaltung.

Das Messegelände liegt verhältnismäßig zentral (zehn Minuten vom Bahnhof entfernt) und bot in der Gartenhalle Platz für die Stände der Aussteller und in der Stadthalle für die Vortragsreihen. Zwischen beiden Orten liegt der große Messeplatz, der zum Sonnenbaden einlud. Trotz des ausgezeichneten Wetters herrschte aber in beiden Hallen ein angenehmes Mikroklima.

Abbildungen 1 und 2: Für die Aussteller fand der Linuxtag in der Gartenhalle (links) und für die Vorträge in der Stadthalle (rechts) statt.

Abbildungen 1 und 2: Für die Aussteller fand der Linuxtag in der Gartenhalle (links) und für die Vorträge in der Stadthalle (rechts) statt.

Scalability am Frühstückstisch

Das Vortragsprogramm war nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam: Rik van Riel, einer der Kernel-Hacker, der in erster Linie am Memory-Management arbeitet, demonstrierte die Probleme, die auftauchen, wenn man will, dass der Linux-Kernel mit einem Mehr an Hardware funktioniert.

Zur Verdeutlichung der Probleme wählte Rik die Situation beim Frühstück: Wer sich Butter aufs Brot schmieren möchte, muss wissen, wo er die Butter findet. Liegt sie ganz nahe auf der eigenen Seite des Tisches, nimmt er sie einfach. Liegt sie auf der anderen Seite, muss er erst sein Gegenüber darum bitten (und warten, bis der gerade Zeit hat – vielleicht legt er sich gerade selbst eine Scheibe Käse auf die Stulle). Muss er erst aufstehen, in die Küche laufen und den Kühlschrank öffnen, dauert’s noch länger. Richtig umständlich wird’s, wenn er erst zum Supermarkt laufen muss, um Butter zu kaufen.

Bei Disk-Zugriffen wird der Ablauf vollends absurd, denn welchen Sinn sollte es haben, sich die Frühstücksbutter aus einem Ort zu holen, der 100000-mal weiter weg ist als der Supermarkt, womöglich aus Alaska? Bis dahin ist nicht nur das Abendessen längst verdaut. Da Prozessoren in Zyklen arbeiten, sieht das ungefähr so aus: CPU-Register: diese Seite des Tisches (ein Zyklus); First-Level-Cache: die andere Tischseite (drei Zyklen); Second-Level-Cache: der Kühlschrank in der Küche (25 Zyklen); RAM: Supermarkt an der Ecke (2000 bis 4000 Zyklen); Disk: irgendwo in Alaska (100000 Zyklen).

Drehstuhl-Interface

Axel Köhler, Polizeioberrat bei der niedersächsischen Polizei [http://www.polizei.niedersachsen.de], war einer der Referenten, die in ihren Vorträgen über den Einsatz des freien Betriebssystems in Verwaltung und Behörden berichteten. Uneinheitliche Standards, unterschiedliche Systeme und veraltete Hard- und Software erschweren derzeit die Arbeit der Beamten in Niedersachsen ganz erheblich. So müssen die Polizisten mittels Drehstuhl-Interface – also dem Rotieren zwischen zwei PCs – zwischen den Systemen, mit denen gearbeitet wird, hin und her schalten.

Künftig soll Linux bei der Verbrecherjagd helfen. Dazu wird das Netzwerk von Grund auf restauriert, 11600 Arbeitsplätze erhalten neue Software. Gesamtvolumen der Investitionen: 165 Millionen Euro.

Auch der Bund scheute vor und während der Messe starke Worte nicht. Die Staatssekretärin im Bundesministerium des Inneren (BMI) [http://www.bmi.bund.de], Brigitte Zypries: “In den Jahren 2003 und 2004 steht eine Migrationswelle in der öffentlichen Verwaltung bevor, da bisherige Kooperationen mit anderen Herstellen dann auslaufen.”

Auch das Bundesverkehrsministerium [http://www.bmvbw.de] will mitziehen und seinen ganzen Geschäftsbereich auf Linux umstellen. Das sind bundesweit immerhin etwa 18000 Arbeitsplätze, unter anderem die des Kraftfahrtbundesamts in Flensburg, bei dem das Verkehrszentralregister geführt wird.

Das BMI wird künftig – unter dem Einsatz zusätzlicher finanzieller und personeller Mittel – die Nutzung freier Software in der öffentlichen Verwaltung fördern. Nicht nur zu diesem Zweck steht das BMI derzeit im Erfahrungsaustausch mit Linux-Anwendern aus der öffentlichen Verwaltung.

Die Bundesverwaltung plant auf Open-Source-Software umzusteigen. In einem Pilotprojekt stellen einzelne Verwaltungseinheiten ihre EDV um, darunter das Bundeskartellamt, das Justizministerium und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Ein Bestandteil des Projekts umfasst sogar Desktop-Lösungen. Die Ergebnisse aus dem Projekt sollen Ende des Jahres veröffentlicht werden.

Verschiedene Stimmen aus der Verwaltung hatten immer wieder eine eigene Linux-Behördendistribution vorgeschlagen, standardisiert und BSI-zertifiziert sollte sie sein. Die Referentin erklärte die grundsätzliche Bereitschaft. An Entwicklungen in dieser Richtung werde zwar gedacht, aber derzeit sei keine Entscheidung für oder gegen eine verwaltungseigene Distribution zu treffen.

Abbildung 3: Staatssekretärin Zypries auf Augenhöhe mit dem SuSE-Maskottchen.

Abbildung 3: Staatssekretärin Zypries auf Augenhöhe mit dem SuSE-Maskottchen.

ERP unter Linux

Jean-Paul Smets-Solana stellte sein ERP5-Projekt [http://erp5.org] erstmals in Deutschland vor. Es beruht auf einem relativ simplen, strikt objektorientierten Ansatz aus fünf prinzipiellen Klassen. Letztlich führt es alle Aktivitäten eines Unternehmens auf die Bewegung von Ressourcen zurück. Darauf aufbauend wird das spezifische, zunächst nur für ein Unternehmen anwendbare Modell angepasst. Viele Umstrukturierungen bei Unternehmensabläufen, wie sie bei der Einführung etwa von SAP die Regel sind, ließen sich so vermeiden.

Dr. Küster ist Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der IuK-Kommission des Ältestenrates des Deutschen Bundestages. In dieser Funktion hat er auch die Entscheidung zu verantworten, die Bundestags-Server auf Linux zu migrieren, aber die Clients mit Windows XP auszustatten. Er nutzte den Linuxtag, um über Hindergründe dieser Entscheidung zu berichten, die für ihn eine “richtungweisende Entscheidung auch für die Wirtschaft” ist.

Erwartungsgemäß war das Publikum nicht unbedingt zufrieden damit, dass Windows auf den Clients bleibt. Küster dazu: “Wenn in drei Jahren die Entscheidung bei den Clients wieder ansteht, ist die Ausgangslage durch die jetzige Entscheidung bei den Servern deutlich günstiger.” Im Übrigen sei das Vorgehen des Bundestages durch die E-Europa-Initiative des Europäischen Rates aus dem Jahr 2001 mit beeinflusst.

Küster bat seine Zuhörer, die Bundestagsentscheidung nicht gering zu schätzen. Letztlich mache sie überall, ob in der Wirtschaft oder den öffentlichen Verwaltungen, den Linux-Einsatz entschieden einfacher. “Der Begründungszwang beim Open-Source-Einsatz ist jetzt einfach nicht mehr so gegeben.”

Er forderte ferner von allen Akteuren, Windows-only-Lösungen bei Behörden öffentlich zu machen, um eine Alternative auf Open-Source-Basis implementieren oder die Software portieren zu können. Ein weiteres Open-Source-Projekt im öffentlichen Bereich könnte ein E- Government-Client sein, der etwa von einer Knoppix-artigen Linux-CD startet und unabhängig vom auf der Festplatte installierten Betriebssystem ist.

Was sonst so geschah

Abbildung 4: Der Österreicher Karl Schulze zog am Stand der Linux New Media AG das große Los und gewann einen der begehrten Riesen-Plüschpinguine im Preisausschreiben.

Abbildung 4: Der Österreicher Karl Schulze zog am Stand der Linux New Media AG das große Los und gewann einen der begehrten Riesen-Plüschpinguine im Preisausschreiben.

Bereits beim LUG-Camp in Flensburg war viel von der Idee die Rede, eine zentrale Vertretung aller Linux-Usergroups in Deutschland zu gründen. Auf dem Linuxtag diskutierten die Mitglieder der Wuppertaler LUG (Wuplug) schon eine mögliche Kooperation mit der GUUG (German Unix User Group). Wie nach den ersten Gesprächen zu hören war, kam man sich einen Schritt näher, beide Seiten seien interessiert. Auf dem Linux-Kongress in Köln sollen die Gespräche fortgesetzt werden.

Alle Beteiligten sehen aber in der Organisation keinen Dachverband oder gar ein reglementierendes Zentralorgan, sondern einen Helfer auf übergeordneter Ebene, der Usergroups mit Dienstleistungen als Ansprechpartner zur Seite steht oder als Rechts-Person für Veranstaltungen einspringt.

Am Rande des Linuxtags trommelte Wolf Ruppert (im Hauptberuf Geschäftsführer der Datenbankfirma Concept asa) für eines seiner neuen Projekte: Open-Rail/Open- Peace [http://www.PfP-now.org]. Mit basisdemokratischen, dem Open-Software-Ansatz ein wenig ähnlichen Mitteln ist der gelernte Verkehrsplaner auf der Suche nach Mitstreitern und Kartenmaterial für das Gebiet zwischen Gaza-Streifen und Westbank. Dort möchte er unabhängig von der Politik in Palästina eine Eisenbahnstrecke bauen, die Transportmöglichkeiten und Arbeitsplätze schafft und so vielleicht mit zur Befriedung der vom Krieg zerrütteten Region beiträgt.

Dass Linux mit fast jeder Hardware funktioniert, zeigten Linux-Hacker an einem Stand. Die Dbox und eine alte DEC-Station standen hier einträchtig nebeneinander. Gleich gegenüber bildeten sich Menschentrauben vor dem KDE-Stand, wo auf Monitoren die neue KDE-3-Version vorgeführt wurde oder Kurt Pfeifle noch die letzten Hacks im KDE Print demonstrierte.

Traditionell viel los ist am Stand der Debianer. Hier demonstrierte ein Mitglied, wie man Pakete installiert und wie das System anschließend konfiguriert wird. An einem Testrechner konnten sich Cracker an einem mit dem SE-Linux-Patch gesicherten Linux versuchen. Das Patch schränkt die Root-Rechte ein und erlaubt dem Administrator lediglich klar definierte Aktionen. Da nutzte auch kein Root-Passwort.

Wie schon im vergangenen Jahr waren auch diesmal die BSD-Entwickler auf dem Linuxtag vertreten. “Wir haben stark von der Linux-Bewegung in den letzten Jahren profitiert”, sagt ein BSD-Vertreter. “Dadurch haben viele erst angefangen, sich über andere freie Unix-Systeme zu informieren.” Trotz eines gewissen Spotts über den armen Pinguin sind die Poster der OpenBSD-Fraktion sehr kultverdächtig. Bei so viel ansprechender Kreativität fragt man sich als Besucher jedoch, warum halbnackte Frauen auf einem Monitor als Slideshow notwendig sind, um für BSD-Systeme die Werbetrommel zu rühren.

Abbildung 5: FreeBSD, OpenBSD und NetBSD sind drei weitere freie Unix-Projekte, die auf dem Linuxtag präsent waren.

Abbildung 5: FreeBSD, OpenBSD und NetBSD sind drei weitere freie Unix-Projekte, die auf dem Linuxtag präsent waren.

IT-Nachwuchs

Neben den vielen freien Projekten stellten auch große Firmen auf dem Linuxtag aus. Bei den kommerziellen Ausstellern sah man ebenfalls zufriedene Gesichter. Weniger Publikum, dafür bessere Kontakte, so lautete hier die Zauberformel, die die Karlsruher Veranstaltung zu einem Erfolg machte.

Emil Siemes, Produktmanager bei Sun Microsystems, sagte zur ersten Teilnahme der Firma an einem Linuxtag: “Wir sind positiv überrascht. Es war eine klasse Gelegenheit, den IT-Nachwuchs hautnah zu erleben. Aber auch mit technischen Entscheidern haben wir erfolgreiche Gespräche geführt. Wir sind im nächsten Jahr wieder dabei.”

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