Aus Linux-Magazin 12/2001

OpenUNIX mit Linux Kernel Personality

Caldera OpenUNIX 8.0 macht den Spagat zwischen Linux und der im traditionellen Unix-Umfeld eingeführten Unix-Lösung. Gelingt es Caldera, die Vorteile beider Welten zu vereinen?

Als sich Caldera dafür entschied, einen Großteil der Geschäftsbereiche der Santa Cruz Operation (SCO) zu kaufen, bedeutete das in vieler Hinsicht das Ende einer Ära. Als Hersteller von PC-basierten Unix-Lösungen war SCO unter allen Mitgliedern des Unix-Geschäftsfelds wohl am härtesten von dem großen Linux-Erfolg der letzten Zeit negativ betroffen. Denn traditionell sind viele Unix-Varianten eher im Umfeld anderer Hardware-Architekturen zu finden, zum Beispiel Suns Solaris auf Sparc, IBMs AIX auf PowerPC, HPs HP/UX auf PA-Risc und andere mehr.

Von der wirtschaftlichen Perspektive aus gesehen schien die Logik des Erwerbs von SCO in dem besseren Zugang zum weit verzweigten Händlernetz zu bestehen. Caldera hat sich seit langem als die Linux-Variante für das Business positioniert. Der Gedanke, Caldera Open Linux an all die vielen Benutzer von SCOs Unix-Lösungen zu vermarkten, machte deshalb durchaus Sinn.

Auf der technischen Seite hätten die meisten Beobachter aber wohl erwartet, dass die in manchen Bereichen überlegenen Eigenschaften von Unixware denen von Linux hinzugefügt würden, nicht umgekehrt. Die Fortführung von Unixware in Gestalt von Caldera OpenUNIX 8.0 kam deshalb als Überraschung. Nicht nur ist das die Neugeburt eines eigentlich totgeglaubten Sprosses der Unix-Familie, es ist auch ein Schritt weg von einem rein Linux-zentrierten Businessmodell hin zu proprietären Betriebssystemen.

Es bleibt abzuwarten, welchen Einfluss diese Taktik auf die dank Linux fortschreitende Konsolidierung des Unix-Marktes hat. Am Ende ist es dann doch öfter der Prophet, der zum Berge geht, als umgekehrt.

Die Testsysteme

Die im vorliegenden Test verwendeten Rechner spiegeln die Verhältnisse im Heimbenutzer- und Soho-Markt (Small Office/Home Office) auf der einen Seite sowie in einer kleineren Abteilung beziehungsweise Firma auf der anderen Seite wieder. Der Kasten “Ausstattung der Testsysteme” beschreibt einige Details der verwendeten Systeme. Alle genannten Komponenten wurden von Linux (als Referenzsystem in puncto Hardware-Kompatibilität) automatisch erkannt und konfiguriert.

Die Verwendung eines Low-End-Systems mit Celeron/500 erschien auch interessant, da Caldera sehr niedrige Einstiegsvoraussetzungen für die Installation von OpenUNIX angibt. Als Vergleichssystem zu OpenUNIX 8 kam SuSE Linux 7.2 zum Einsatz.

Dem für diesen Test verwendeten Caldera OpenUNIX 8 lagen neben den vier Installations-CDs noch zwei durchweg sehr gut strukturierte und informative Handbücher in deutscher Sprache bei. Es handelt sich hierbei um das rund 80-seitige Handbuch “Erste Schritte” sowie um das System-Handbuch mit stolzen 400 Seiten.

Die CDs enthalten das Basis-Betriebssystem mit einer Reihe von Utilities, eine Kopie von Caldera Open Linux 3.1 sowie eine CD mit einigen optionalen, meist kostenpflichtigen Komponenten. Darunter befindet sich mit Merge auch eine Software, die das Betreiben von Windows-9x-Programmen unter OpenUNIX 8 ermöglicht.

Preise und Lizenzen

Basislizenz:

Ein Benutzer, eine CPU, max. 1 GByte Haupt-speicher: 800 Dollar

Business-Lizenz:

Fünf Netzwerkbenutzer, eine CPU, max. 4 GByte Hauptspeicher: 1300 Dollar

Abteilungs-Lizenz:

25 Netzwerkbenutzer, 2 CPUs, max. 4 GByte Hauptspeicher: 2000 Dollar

Enterprise-Lizenz:

50 Benutzer, vier CPUs, max. 16 GByte RAM, Online Data Manager: 5000 Dollar

Data Center:

150 Benutzer, acht CPUs, max. 32 GByte RAM, Online Data Manager, Event Logging mit relationaler Datenbank: 10000 Dollar

Die Installation

Nach dem Booten von der ersten Installations-CD erscheint ein freundlicher Begrüßungsbildschirm mit der Meldung »Caldera Open UNIX 8 – Unifying UNIX with Linux for Business«. Der Satz bezieht sich auf eine der größten Neuerungen in OpenUNIX respektive Unixware: die Linux Kernel Personality (LKP).

Die LKP erlaubt das Ausführen unveränderter, vorkompilierter Linux-Programme, sobald sie der (vorläufigen) LSB-Spezifikation entsprechen. Caldera macht einen löblichen Schritt hin zur Standardisierung der bestehenden Linux-Systeme, indem es die LKP nicht exklusiv für die hauseigene Linux-Distribution OpenUNIX anbietet.

Die gesamte Installation erfolgt im Textmodus unter einer Oberfläche, die an Borlands Turbovision oder die noch vor etwa zwei Jahren im Linux-Bereich üblichen textbasierten Installer erinnert. Nach dem Durchlaufen der üblichen Abfragen nach gewünschter Sprache, Tastaturbelegung und Zeitzone ist zunächst der Lizenzcode einzugeben. Caldera stellte für diesen Test freundlicherweise gleich eine Enterprise-Lizenz zur Verfügung, sie ermöglicht das Betreiben eines Rechners mit bis zu vier CPUs und 16 GByte Hauptspeicher. Weitere Konfigurationen sind im Kasten “Preise und Lizenzen” erläutert. Die Preise der verschiedenen Versionen liegen zwischen 800 und 10000 US-Dollar.

Wer Disketten mit Treibern von Drittherstellern besitzt, kann diese im nächsten Schritt gleich laden lassen, ansonsten versucht das System die vorhandene Hardware automatisch zu erkennen und zu konfigurieren.

Ein kleiner Stolperstein taucht auf, wenn man bei der folgenden Partitionierung der Festplatte versucht einen Rechner als Dual-Boot-System mit OpenUNIX und einer Linux-Installation auf separaten Partitionen aufzusetzen. Hier ist es ratsam, sich streng an die von Caldera vorgesehene Vorgehensweise zu halten und erst OpenUNIX zu installieren. Auf dem freien Plattenplatz am Ende der Festplatte kann dann die Installation von Linux erfolgen. Wer sich nicht an dieses Vorgehen hält, riskiert Probleme – bis zur Unbrauchbarkeit des bereits installierten Linux-Systems.

Ebenfalls problematisch ist die Einrichtung eines gemeinsamen Bootloaders für beide Betriebssysteme. Es ist zwar möglich, sowohl OpenUNIX als auch Linux von derselben Festplatte zu booten, sehr viel einfacher (wenn auch unbequemer) ist es jedoch, den Bootloader von Linux (meist Lilo) auf einer Diskette zu installieren. Wählt man statt der manuellen Aufteilung die automatische Partitionierung der ganzen Festplatte und verwendet sie komplett für OpenUNIX, ist nicht mit Problemen zu rechnen.

OpenUNIX kommt mit nur einer Partition auf der Festplatte aus, in der es verschiedene Filesysteme und Swap-Bereiche verwaltet. Standardmäßig wird das Journaling-Filesystem Veritas eingesetzt. Das erhöht deutlich die Datensicherheit und verringert die nach einem Systemausfall für das Überprüfen des Filesystems benötigte Zeit erheblich.

Nach der Auswahl des Umfangs für die Grundinstallation (typischerweise zirka 350 MByte) erhält man die Möglichkeit zum Konfigurieren der erkannten Netzwerkkarten. Dabei fällt das Fehlen einer Option zum Konfigurieren eines DHCP-Zugangs auf. Diese Option wird aber später im laufenden System angeboten. Bei der Basisinstallation sollte man auch das Modul »osmp« nicht vergessen – falls man über ein Multiprozessorsystem verfügt -, sonst wird nur ein Prozessor des Systems erkannt.

Nach der Eingabe von Benutzerdaten sowie der Wahl eines Root-Passworts und der Lizenzerklärung legt der Installer nach einer letzten Nachfrage die Filesysteme und Partitionen an und beginnt mit dem Kopieren der Software von der ersten CD. Nach dem obligatorischen Neustart bootet das System erstmals von der Festplatte. Dann folgt die Konfiguration der Maus, bevor mit dem Kopieren der Daten von den CDs 2, 4 und 3 (in dieser Reihenfolge) fortgefahren wird.

Die gesamte Installation dauert auf dem Serversystem etwa eine Stunde. Die Konfiguration des X-Window-Systems erfolgt automatisch ohne Zutun des Benutzers. Standardmäßig ist danach für alle Benutzer das Common Desktop Environment (CDE) konfiguriert. Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die als gemeinsame grafische Oberfläche für alle Unix-Systeme vor einigen Jahren gemeinsam von mehreren großen Unix-Herstellern angestoßen wurde.

Verglichen mit den ausgefeilten grafischen Installationsroutinen der unterschiedlichen Linux-Distributionen (einschließlich derjenigen von Caldera Open Linux) mutet die textbasierte Installation von OpenUNIX ziemlich spartanisch an. Das hat allerdings nicht unbedingt nur Nachteile.

Zu erwähnen sind einige Funktionalitäten der beiden Testrechner, die partout nicht zum Laufen zu bewegen waren. Auf dem kleineren System beispielsweise wurde zunächst die Netzwerkkarte nicht erkannt. Eine Nachfrage bei Caldera ergab, dass Netzwerkkarten mit dem recht verbreiteten Realtek-8139C-Chipsatz erst ab einer der nächsten Versionen unterstützt werden.

Die Unterstützung für Soundkarten in OpenUNIX beruht auf dem auch auf Linux-Rechnern nicht ganz unbekannten Open Sound System (OSS). Es stammt von der in Los Angeles beheimateten Firma 4Front-Technologies, also von Dev Mazumdar und Hannu Savolainen. Die ersten, noch rudimentären Schritte zur Unterstützung von Soundkarten unter Linux stammen von diesen beiden Pionieren der Linux-Szene. Sie entschlossen sich allerdings später dazu, ihre Entwicklungen zu kommerzialisieren, und so findet sich OSS heute auch in verschiedenen anderen Unix-Systemen wieder. Inzwischen bietet unter Linux das Alsa-Soundsystem eine moderne Alternative zu OSS an.

Die in einem der beiden Rechner installierte Creative Labs Soundblaster Live wurde in der Standardinstallation von OpenUNIX nicht unterstützt. Das deutet darauf hin, dass eine ältere Version von OSS verwendet wird, denn diese Soundkarte wird von der neuesten OSS-Version 3.9.5e (für Unixware) auch unter OpenUNIX sehr wohl erkannt. Interessenten können diesen Treiber aber von der 4Front-Webseite unter [http://www.4front-tech.com] herunterladen. Für die dauernde Benutzung der Treiber ist eine Gebühr zu entrichten.

Die Installation des Treibers lässt sich nicht, wie unter Linux üblich, durch einfaches Laden eines Moduls im laufenden System erledigen. Vielmehr wird hinter den Kulissen ein neuer Kernel zusammengestellt, der durch einen Neustart des Rechners aktiviert werden muss. Dieses Vorgehen ist bei vielen anderen nicht-trivialen Änderungen im installierten System ebenfalls zu finden.

Auf dem kleineren Rechner wurden zunächst lediglich 64 der installierten 128 MByte erkannt, ein Problem, das auch unter Linux nicht ganz unbekannt ist und sich dort mit einem entsprechenden Kernel-Parameter etwa am Lilo-Bootprompt beheben lässt. Auch bei OpenUNIX gibt’s ein Workaround.

Weitere kleinere Inkompatibilitäten betreffen die Nichterkennung eines USB-Trackballs oder die Verwendung des Vesa-Modus für die installierte Voodoo-3-Grafikkarte. Es ist damit zwar möglich, eine angemessene Auflösung von 1280 mal 1024 zu verwenden, die resultierende Bildwiederholfrequenz von 60 Hertz sorgt jedoch eher für Augenpulver. Insgesamt fällt sowieso auf, dass OpenUNIX weit weniger Treiber für moderne Hardware mitliefert, als man dies etwa von Linux her gewöhnt ist.

Abbildung 1: OpenUNIX mit der Linux-Implementierung des Civilization-Clones Freeciv.

Abbildung 1: OpenUNIX mit der Linux-Implementierung des Civilization-Clones Freeciv.

Meilensteine

Die Santa Cruz Operation wurde 1979 von Doug und Larry Michels gegründet. Das Geschäftsmodell umfasste die Portierung von Unix auf weitere Plattformen sowie das damit verbundene Consulting-Geschäft. 1983 lieferte SCO mit Xenix System V eine Version von Unix für Intels 8088- und 8086-Prozessoren aus. Sie beruhte auf Code, den Microsoft gegen Ende der 70er Jahre ebenfalls unter dem Namen Xenix von AT&T lizenziert hatte. Versionen für Intel 80286 und 80386 wurden nach Einführung der entsprechenden Prozessoren durch Intel ausgeliefert.

Weitere Unix-Varianten folgten in der Gestalt von SCO Unix System V/386 (1989) und SCO Open Server (1992). 1995 erwarb die Firma zusammen mit Unixware 2 auch den originalen Unix-Quellcode von Novell. Unixware basiert auf Suns und AT&Ts Unix System V, Release 4. Gemeinsam mit IBM und Intel engagierte sich SCO ab Oktober 1998 im Projekt Monterey, einer gemeinsamen Unix-Implementierung für Intels 64-Bit-Plattform IA64, besser bekannt unter dem Namen des ersten Prozessors der Familie: Itanium.

Die Wende kam im August 2000, als in einem Übereinkommen zunächst der Kauf von SCO Unixware sowie der Abteilung Professional Services durch Caldera Systems, einer bis dahin nur im Linux-Umfeld tätigen Firma, beschlossen wurde. Diese Übereinkunft wurde dann im Februar 2001 auf SCO Open Server ausgedehnt, so dass die Tarantella-Abteilung heute der einzige verbliebene unabhängige Teil ist. Caldera hatte bis dahin nur weit reichende Vertriebsrechte für Open Server. Unixware 7 wurde 2001 von Caldera unter dem Namen OpenUNIX 8 weitergeführt.

Nachteile

Beim Test einer Linux-Distribution wären die beschriebenen Nachteile Anlass für eine schlechtere Bewertung, vielleicht gefolgt von einem freundlichen Schlusssatz. Im Falle von OpenUNIX 8.0 ist das aber wohl nicht ganz gerecht. Unix hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem (fast) reinen Server-Betriebssystem entwickelt. Eine stärkere Ausrichtung auf den Desktop ist erst in den letzten paar Jahren zu beobachten, nicht zuletzt dank der zunehmenden Verbreitung von Linux. Unixware und damit OpenUNIX spielen in der Altherrenliga der Unix-Systeme, das zeigt sich auch in den Stärken und Schwächen dieses durchaus sehr kraftvollen Systems.

Wer ein Betriebssystem haben will, das auch noch mit 32 Prozessoren und 64 GByte Hauptspeicher zurechtkommt und bei dem jedes dieser Hardware-Module im laufenden Betrieb ausgetauscht werden kann, den interessiert es nicht, ob die Soundkarte nicht erkannt wird oder eine PS/2-Maus anstelle der heute sehr verbreiteten, moderneren USB-Variante verwendet werden muss.

OpenUNIX ist ein Server-Betriebssystem und damit für den Desktopbetrieb nur bedingt geeignet. Hardware-Komponenten werden nach den Bedürfnissen des Betriebssystems beschafft. Kriterien wie der Preis solcher Komponenten spielen dabei eine ebenso untergeordnete Rolle wie die Installation des Betriebssystems. Letztere ist in ein paar Stunden erledigt. Verglichen mit der idealerweise jahrelangen Lebensspanne einer Unix-Installation ist dieser Zeitraum aber definitiv vernachlässigbar.

Linux Kernel Personality

Wenn man der Hersteller eines Betriebssystems ist, das sich an die High-End-Gemeinde richtet, steht man vor einem Problem. Die Anzahl der Benutzer hält sich in Grenzen und hinter jedem von ihnen steht ein IT-Direktor mit gelegentlich ziemlich wenig Ahnung von Computern. Die Verfügbarkeit einer Vielzahl von Programmen kommerzieller Qualität ist aber in diesem Bereich weit eher ein Kriterium für die Auswahl eines Betriebssystems als das Vorhandensein von Gerätetreibern auch noch für die allerneueste Generation von 3D-beschleunigten Grafikkarten.

In dieser Situation mag es einem Hersteller als Ausweg erscheinen, die Kompatibilität zu anderen Betriebssystemen herzustellen und so deren Applikationen ebenfalls verwenden zu können. SCO und damit Caldera ist diesen Weg in zweifacher Hinsicht direkt gegangen: Merge liefert die Möglichkeit, Windows-95- und Windows-98-Programme zu betreiben. Die Linux Kernel Personality wiederum stellt die Möglichkeit zur Verfügung, unmodifizierte, vorkompilierte Linux-Programme auf Intel-Basis unter OpenUNIX zu betreiben.

An dieser Stelle sind einige kritische Bemerkungen notwendig. Zunächst muss man sich fragen: Was hat Caldera – als ursprünglich allein im Linux-Umfeld tätige Firma – dazu bewegt, in OpenUNIX die Fähigkeit einzubauen, Linux-Programme auszuführen, ohne umgekehrt gleichzeitig Linux die noch fehlenden Lektionen zur High-End-Tauglichkeit beizubringen?

Darauf mag es drei Antworten geben: Erstens enthält der Code von OpenUNIX sicherlich Patente von Drittfirmen, die das unmodifizierte Verwenden von Code-Fragmenten zumindest zeitweilig verhindern. Zweitens handelt es sich beim OpenUNIX-Kernel um gewachsenen Code. Das heißt, er wurde über Jahre hinweg per Hand optimiert. Die Fähigkeiten von OpenUNIX lassen sich damit nicht ohne weiteres Linux einverleiben. Zu guter Letzt ist die Verfügbarkeit eines Linux mit Unixware-Kernel ein Alleinstellungsmerkmal, das kein Mitstreiter im Linux-Markt bieten kann.

Trifft dies als Motiv zu, wäre es aber gleichzeitig auch der eine wirklich große Kritikpunkt an OpenUNIX. Die Unix-Gemeinde ist schon einmal mit dem Versuch gescheitert, Unix zu vereinheitlichen. Alle Hersteller hatten ihre eigenen, meist inkompatiblen Erweiterungen. Die wurden eingeführt, um Alleinstellungsmerkmale vorweisen zu können. Die daraus resultierenden babylonischen Verhältnisse waren einer der Hauptgründe dafür, dass Linux im kommerziellen Bereich eine solche Verbreitung erfahren konnte. Es handelt sich schließlich um ein einheitliches, auf allen relevanten Hardware-Architekturen lauffähiges Betriebssystem mit Unix-API. Diese Einheitlichkeit gerät durch das Vorhandensein von proprietären Linux- Varianten (als solche könnte man die Linux Kernel Personality durchaus definieren) allerdings in Gefahr.

Zunächst ist jedoch noch eine andere Bemerkung angebracht: Ein Kompatibilitätsmodus führt zwar kurzfristig zur Verfügbarkeit weiterer Programme, er verhindert aber auch mittel- und langfristig die native Portierung dieser Programme auf OpenUNIX. Die LKP könnte damit zu ihrem eigenen Fluch werden. Schon einmal, im Falle von OS/2 nämlich, hat sich ein solcher Kompatibilitätsmodus langfristig als negativ erwiesen. Übrigens ist auch das Vorhandensein von VMware sowie der Wine-Bibliotheken unter Linux in diesem Zusammenhang diskussionswürdig.

Ausstattungen der Testsysteme

Minimalvoraussetzungen für OpenUNIX

Pentium/100, 32 MByte Hauptspeicher, 1-GByte-Festplatte (300 MByte möglich), SVGA-Monitor und Grafikkarte

Testrechner 1 (Soho, Heimbenutzer)

Single-500-MHz-Celeron, 128 MByte SDRAM, 66 MHz, no-name, SiS-530-Onboard-Grafikchip, 8 MByte (als Teil des Hauptspeichers), drei IDE Festplatten mit 12 bis 20 GByte, Netzwerkkarte mit Realtek-8139C-Chip, Soundkarte Creative Labs Soundblaster Live

Messergebnis

»hdparm -t« ergibt unter Linux nach Optimierung eine Leseperformance der Platten zwischen 12,5 und 19,5 MByte/s; SuSEs Memory-Testwerkzeug gab die Speicherperformance mit 28 MByte/s an.

Testrechner 2 (Server, SME/Abteilung)

133-MHz-Dual-P-III mit jeweils 1 GHz, 512 MByte Infineon-RAM, Grafikkarte Voodoo 3, 16 MByte, IBM Ultra-ATA 100, 40 GByte, 2 MByte Cache, 7200 U/min, 7,8 ms mittlere Zugriffszeit, Tekram DC-390U2W mit IBM-HD 18 GByte, 10000 U/min, 4 MByte Cache, 4,9 ms mittlere Zugriffszeit, Netzwerkkarte 3Com 3C905C, DVD-Laufwerk (Pioneer)

Messergebnis:

»hdparm -t« ergibt unter Linux nach Optimierung eine Leseperformance der Ultra-ATA-100-Platte von 37,2 MByte/s, die SCSI-Platte brachte es auf nur 34 MByte/s, was weiteren Optimierungsspielraum suggeriert. SuSEs Memory-Testwerkzeug gab die Speicherperformance mit 122 MByte/s an.

Linux-Programme im Test

Die Linux Kernel Personality wird unter OpenUNIX im Regelfall einfach als Teil der Installation mit auf die Platte kopiert. Das schließt eine komplette Caldera-Open-Linux-Distribution mit ein. Ein Mangel an Linux-Programmen für Testzwecke besteht deshalb nicht.

In den Linux-Modus wechselt man einfach, indem man in einer Shell das Kommando »linux« eingibt. Danach kann man, wie in einer herkömmlichen Linux-Distribution auch, Linux-Programme einfach von der Kommandozeile aus starten. Der Befehl »uname -a« identifiziert OpenUNIX danach als 2.4.0-Linux-Kernel. Alle üblichen Befehle funktionieren problemlos, so liefert auf dem Dual-Prozessor-System beispielsweise auch der Befehl »cat /proc/cpuinfo« die korrekte Ausgabe.

Wer das Common Desktop Environment und das Absetzen von Befehlen von der Kommandozeile nicht mehr zeitgemäß findet, der kann alternativ ein komplettes KDE-2-System starten. Um es zu benutzen ist allerdings etwas Handarbeit erforderlich, da einige Skripte geändert werden müssen.

Um den Test etwas interessanter zu gestalten und auch die Caldera-Aussage bezüglich LSB-Kompatibilität zu testen, wurde zusätzlich Star Office von der 7.2er SuSE-Distribution installiert. Ferner wurde ein von [http://www.freeciv.org] heruntergeladenes Programm im Linux-Modus übersetzt. Caldera liefert für solche Aufgaben die Version 2.95.2 des Gcc mit.

Das größte Problem bei dieser Aufgabe bestand darin, dass Star Office das Fehlen eines Fonts beklagte. In Abbildung 1 ist zu erkennen, dass beide Programme unter der Linux Kernel Personality liefen. Ein kleines Problem ergab sich noch daraus, dass die Datei »/etc/resolv.conf« nach der Auswahl des Security-Levels »High« während der Installation für normale Benutzer nicht mehr lesbar war.

Einem Netzwerkzugriff aus der Linux Kernel Personality heraus oder auch nur der Verwendung des mit Caldera Open Linux mitgelieferten Administrationstools Webmin wurde damit effektiv vorgebeugt. Nach dem Ändern der Leserechte dieser Datei war das Problem jedoch behoben. Es gibt somit keinen Zweifel an der Fähigkeit der LKP, beinahe beliebige Linux-Programme auszuführen.

Plattenperformance: Schreiben einer 800 MByte großen Datei

SusSE Linux 7.2 auf Serversystem (Ultra-ATA-Platte, mit »hdparm« optimiert, Reiser FS): 28,6 s (+- 0,3 Prozent}

OpenUNIX 8 in der Linux Kernel Personality (Veritas-Filesystem) unter Verwendung des identischen (binären) Testprogramms: 22,8 s (+- 1,9 Prozent)

OpenUNIX 8 nativ (Veritas-Filesystem), Testprogramm wurde mit dem System-Compiler übersetzt: 22,0 s (+- 1,6 Prozent)

Abbildung 2: Zeit pro Programminstanz von Quicksort.

Abbildung 2: Zeit pro Programminstanz von Quicksort.

Performance

Versucht man, Kompatibilität zwischen zwei Betriebssystemen auf Binärebene herzustellen, muss man an irgendeiner Stelle die Systemaufrufe des einen Systems in die des anderen umsetzen. Man nennt das Wrappen. Die Umsetzung kostet Rechenzeit. Es stellt sich daher immer die Frage, wie schnell Programme innerhalb einer solchen Emulation ablaufen. Das haben wir in zwei Kategorien getestet.

Im Folgenden wird die Linux Kernel Personality stets mit LKP betitelt, der Name Linux bezieht sich auf das verwendete Referenzsystem SuSE Linux 7.2. Alle angegebenen Zeiten beziehen sich stets auf die real vergangene Zeit, also nicht etwa auf reine Rechenzeit. Das entspricht dem Wunsch, eine praxisorientierte Aussage über die Performance der verwendeten Systeme zu erhalten.

Zunächst wurde unter allen getesteten Betriebssystemen durch ein kleines C-Programm eine Datei von 800 MByte zehnmal hintereinander auf die Ultra-ATA-Platte geschrieben. Die Zeitmessung dieses Tests mittels »time« erlaubt eine Aussage über die Plattenperformance. Das Synchronisieren der Platte, also das Leeren der Caches, wurde dabei über den API-Funktionsaufruf »fsync()« aus dem Programm heraus erzwungen. Das System war ansonsten (bis auf die üblichen Dienstprogramme) vollkommen untätig.

Die Ergebnisse dieses Tests sind im Kasten “Plattenperformance …” angegeben. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu beachten, dass die Betriebssysteme ihren Plattenzugriff unterschiedlich optimieren. Sowohl bei Linux als auch bei OpenUNIX kommt etwa ein Journaling-Filesystem zum Einsatz. Die Geschwindigkeit des Plattenzugriffs kann unter anderem durch die Funktionalität des Filesystems beeinflusst werden, die Unterschiede sind teilweise erheblich. Veritas und Reiser FS sind aber nur bedingt vergleichbar.

In den Testergebnissen kommt zunächst der vermutete Geschwindigkeitsunterschied zwischen der LKP und dem nativen OpenUNIX zum Ausdruck. Allerdings fällt er deutlich kleiner aus als erwartet. Die Umsetzung der Betriebssystemaufrufe auf die entsprechenden Aufrufe von OpenUNIX scheint im Fall des Plattenzugriffs nur vergleichsweise wenig Rechenzeit zu benötigen.

Die Schreibperformance von Linux im Vergleich zu OpenUNIX und der LKP erweist sich hingegen als enttäuschend. Das ist besonders deshalb bemerkenswert, weil der Plattenzugriff unter Linux erst mit »hdparm« optimiert werden musste, um überhaupt die angegebenen Werte zu erreichen. OpenUNIX hingegen aktiviert standardmäßig DMA-Zugriffe auf die Festplatten.

In einem zweiten Test wurde versucht, eine Aussage über Unterschiede in der Applikationsperformance eines nativen Linux und der LKP zu treffen. Zu diesem Zweck wurden zwischen einer und 30 Instanzen eines Quicksort kurz hintereinander aus einem Skript heraus gestartet und erneut mit »time« die benötigten Zeiten jeder einzelnen Instanz gemessen. Sortiert wurden jeweils drei Millionen Long-Integer-Zahlen.

Abbildung 2 zeigt, dass zwischen der Performance der LKP und des nativen Linux kaum ein Unterschied besteht. Die Zeitverteilung innerhalb einer Gruppe kommt unter anderem dadurch zustande, dass die einzelnen Instanzen aus einem Skript heraus gestartet werden. Die zuerst gestarteten Programme müssen anfänglich mit weniger anderen Instanzen konkurrieren und erhalten deshalb zeitweise mehr Rechenzeit. Auffällig bei diesen Messungen ist, dass das Starten aller Programme in der LKP im Schnitt sichtbar mehr Zeit in Anspruch nimmt als unter Linux.

Ein kurzer Test auf OpenUNIX selbst ergibt eine deutlich bessere Performance als bei LKP oder Linux. Auf einen detaillierten Vergleich zwischen OpenUNIX und Linux/LKP soll in diesem Artikel jedoch verzichtet werden, da der angegebene Benchmark unter anderem von der Qualität des verwendeten Compilers abhängt und damit wenig Rückschluss auf das Betriebssystem zulässt. Da sowohl in der LKP als auch auf SuSE Linux dieselbe Version des Gcc-Compilers verwendet wird, spielt dieser Effekt hier jedoch keine Rolle.

Akzeptanz

Mittlerweile finden sich auch verschiedene kommerzielle Firmen dazu bereit, die Linux Kernel Personality in ihre Produktplanung einzubeziehen. Zu ihnen gehört zum Beispiel die Frankfurter Firma Intradat, die mit Vshop eine Online-Shopping-Lösung anbietet. Nähere Informationen sind unter [http://www.intradat.com] zu finden.

Caldera OpenUNIX hat sich im Test als ein ausgereiftes und technisch ansprechendes Produkt erwiesen, das selbst auf einem Celeron mit nur 500 Megahertz noch gute Reaktionszeiten erreicht. Obwohl die Integration der LKP in das Betriebssystem noch deutlich tiefer gehen könnte, ist das Ausmaß der Kompatibilität mit bereits heute existierender Linux-Software wirklich beeindruckend.

Vom technischen Standpunkt her und aus Benutzersicht ist eine weitere Annäherung von OpenUNIX und Linux durchaus wünschenswert und auch zu erwarten. Allerdings wirft die Existenz einer Linux Kernel Personality schon Fragen im Hinblick auf die Identität beider Systeme sowie bezüglich der Rolle von Linux als einem standardisierenden Faktor im Unix-Markt auf.

Ein Massenexodus existierender Linux-Anwender hin zu OpenUNIX wird wohl auch in naher Zukunft ausbleiben, nicht zuletzt wegen der für Linux-Anwender gewöhnungsbedürftigen Lizenzgebühren. Der Einsatz von OpenUNIX 8 dürfte damit weiterhin auf den High-End-Bereich beschränkt bleiben. Wer jedoch Zugang zu einer OpenUNIX-8-Installation hat, sollte sich Zeit für einen Blick auf dieses System nehmen.

Fazit

Bei OpenUNIX handelt es sich um ein erwachsenes Unix. Es ist über lange Jahre gereift – und das merkt man ihm an. Das bringt natürlich auch mit sich, dass es sich anders anfühlt und gelegentlich anders zu bedienen ist, als man es von Linux gewohnt ist. In einem Server-Umfeld ist das jedoch kein Nachteil. OpenUNIX gelingt der Spagat zwischen Beibehaltung des bewährten Unix und Anpassung an Linux. (ok)

Der Autor

Rüdiger Berlich war von 1998 bis 2001 für verschiedene Tochterfirmen der SuSE Linux AG tätig und arbeitet heute im Bereich des Linux-Clusterings und des Grid-Computings. Er beschäftigt sich mit Linux seit 1992.

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