Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: Ganesha’s Projekt, Logidee-tools, HTMLDOC, GNU Passwords On Card und Sketch.
Willkommen zu einer weiteren Ausgabe von Georgs Brave GNU World. Als Erstes möchte ich heute ein Projekt vorstellen, das mit Hilfe von Computern und freier Software Kindern in Nepal die Möglichkeit geben will, am Informationszeitalter teilzunehmen. Die Lage dieser Kinder ist schwierig. Da sie arbeiten müssen, können sie oft nicht regelmäßig zur Schule zu gehen. Ohne solide Ausbildung fehlt jedoch eine Zukunftsperspektive, was letztlich dazu führt, dass auch ihre Kinder wieder arbeiten müssen. Ganesha’s Projekt [5] versucht einen Ausweg aus diesem Teufelskreis zu eröffnen, indem den Kindern Computerkenntnisse vermittelt werden. Durch sinnvolle, bezahlte Tätigkeit und kleine Jobs im Print- und Webdesign sollen sie an der Schule gehalten werden.
Ganesha’s Projekt

Der Namenspate Ganesha ist der Hindu-Gott der Weisheit, des Wohlstands und der Problembeseitigung. Die Schule, um die es geht, ist die Shree Bachhauli Secondary School mit 600 Schülern. Das Projektziel soll mit einem GNU/Linux-Netzwerk aus gespendeten Computern erreicht werden.
Die Schüler sollen lernen, es zu benutzen und selbst zu administrieren. Zum Team gehören Freiwillige aus Berlin mit Erfahrungen in Projekt-Organisation, Pädagogik und natürlich GNU/Linux sowie Kuma Raj Subedi, Lehrer an der Shree Bachhauli Secondary School.
Nachdem die notwendigen Finanzen und Computer aufgebracht sind, Letztere in Nepal angekommen sind und das Netzwerk steht, soll zunächst eine Klasse den Umgang mit den Computern erlernen, um dann den Computer-Pool allen Kindern unter Anleitung und Hilfe zugänglich zu machen. Neben allgemeinen Computerkenntnissen soll auch Wissen über Web-Programmierung, Datenbanken, Netzwerke und Grafik vermittelt werden.
Außer Geld benötigt das Projekt ausrangierte Computer, Netzwerkkabel, Netzwerkkarten, englische Bücher über PHP, Netzwerke, MySQL oder Shell Scripting und vieles mehr.

Abbildung 1: Auf der Website informiert Ganesha’s Projekt laufend über den Fortgang der Aktion. Auch Spendenlisten und biografische Informationen zu den Helfern sind verfügbar.
Ganesha’s Projekt vertsteht sich übrigens selbst als freie Software – in dem Sinne, dass jeder zum Nachahmen und Mitmachen aufgefordert ist. Erfahrungen, Vorgehensweisen und Ideen könnten vielleicht in einer Art Projektbeschreibung unter der GNU FDL zusammengefasst werden könnten, um so eine Anleitung zu erstellen, die es anderen erleichtert, ähnliche Projekte zu verwirklichen.
Logidee-tools
Um Schulungen geht es in einem anderen Zusammenhang auch bei den Logidee-Tools [6] von Raphael Hertzog und Stephane Casset. Sie haben das Ziel, das Erstellen von Schulungsunterlagen und ihre Konvertierung in druckfertige Dokumente oder Webseiten zu vereinfachen. Zielgruppe sind professionelle Trainer und alle, die Schulungen und Präsentationen leiten müssen.
Man schreibt die Kurse in Form von XML-Dokumenten und wandelt sie dann in eine Präsentation oder ein komplettes Trainings-Dokument um. Dafür greift Logidee-tools letztlich auf eine XML-DTD mit einigen XSL-Files und Makefiles zurück. Als XSLT-Prozessor dient der “xsltproc” des Gnome-Projekts.
Die französischen Firma Logidee, in der das Projekt geboren wurde, hat sich auf professionelles Training für freie Software spezialisiert und die Werkzeuge ursprünglich für den Eigenbedarf entwickelt. Als klar wurde, dass die Resultate auch anderen nützen könnten, wurden die Logidee-tools unter der GNU General Public License und die zugehörige Dokumentation unter der GNU Free Documentation License veröffentlicht. Die Dokumentation liegt gegenwärtig leider nur in Französisch vor, eine englische Übersetzung ist augenblicklich auch noch nicht geplant.
HTMLDOC
HTMLDOC [7] hat einige Gemeinsamkeiten mit dem Logidee-tools-Projekt. Auch hier geht es darum, Texte möglichst einfach und umfassend verfügbar zu machen. Auch HTMLDOC untersteht der GPL und wurde von einem Unternehmen entwickelt, in diesem Fall von Easy Software Products (ESP).
Es setzt HTML als Quellformat ein, in dem Texte geschrieben werden. Daraus können indiziertes HTML, PDF oder Postscript (Level 1, 2 oder 3) erzeugt werden. Für Kurt Pfeifle, der auch zu diesem Beitrag angeregt hat, ist dabei das überzeugendste Feature, dass die im HTML enthaltenen Links auch im PDF als Hyperlinks erhalten bleiben. Zwar kann das neben dem proprietären Acrobat Reader nur das freie Programm Xpdf verarbeiten, doch bleibt zu hoffen, dass sich das bald ändern wird.
Das Linux Documentation Project setzt schon seit einiger Zeit HTMLDOC statt der früher verwandten SGML-Tools ein, um seine HOWTOs ins PDF-Format zu wandeln. In der kürzlich erschienenen Version 1.8.14 kam noch die Unterstützung für Acrobat-5.0-kompatible Dateien (PDF 1.4) hinzu, die es auch erlaubt, Dateien mit 128-Bit-Verschlüsselung zu erstellen. Zudem verbraucht es nun weniger Speicher und kann Tabellen besser darstellen.
Flinker und flexibler Helfer
HTMLDOC brauchte auf dem 500-MHz- Pentium-III von Kurt Pfeifle nur 4,0 Sekunden, um das aktuelle HTMLDOC-Handbuch mit 102 Seiten und 17 Screenshots in Postscript zu wandeln, 6,2 Sekunden dauerte es bei PDF mit maximaler Komprimierung.
Dabei erlaubt HTMLDOC auch den Remote-Zugriff über Proxies oder verschlüsselte Verbindungen hinweg, um Webseiten nach PDF zu konvertieren. Durch Anbindungen an Shell, Perl, PHP, C und Java dient es sogar als Portal, dem Webadressen übergeben werden, um eine PDF-Version der angeforderten Seite zu erhalten. Ein Beispiel findet sich auf der Homepage von Easy Software Products [8]. Für die Benutzung auf dem lokalen Computer kann HTMLDOC über ein auf dem Fast Light Toolkit (FLTK) [9] beruhendes GUI oder aber die Kommandozeile gesteuert werden. Letzteres erlaubt auch den Einsatz in Batch-Jobs, um Prozesse zu automatisieren.
Das Programm ist bereits sehr ausgereift und ermöglicht sogar Effekte beim Seitenübergang für PDF-Präsentationen, außerdem die Definition von Titelseiten, Hintergrundbildern oder die Zusammenstellung von PDF-Büchern aus willkürlich zusammengestellten Webseiten.
Trotzdem ist HTMLDOC bemerkenswert portabel. Es läuft sowohl auf GNU/Linux als auch auf IBM-AIX, Digital Unix, HP-UX, *BSD, OS/2, Solaris, SGI-IRIX, MacOS X und auf den MS-Windows-Versionen 95/98/ME/NT4/2000. XHTML sowie die Blocksatz-Definitionen mit Hilfe von Stylesheets in HTML sollen in künftigen Ausgaben ebenfalls unterstützt werden.
GNU Passwords On Card
GNU Passwords On Card (POC) von Henning Koester ist ein noch recht frischer Zuwachs zum GNU Projekt. Da die endgültige GNU-Webseite von POC zum Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wurde, noch nicht fertig war, verweise ich zunächst auf die alte Homepage [10]. Bald sollte es aber möglich sein, GNU POC im normalen GNU Software-Verzeichnis zu finden [11].
Aufgabe dieses Programms unter der GNU General Public License ist es, Passwörter auf Smartcards zu verwalten. Bisher behalfen sich viele Leute damit, die Passwörter auf Papier festzuhalten, sie auf der Festplatte ihres Computers zu speichern oder aber Passwörter mehrfach zu verwenden. Eine sichere Alternative dazu bietet GNU POC, indem es die Passwörter zusammen mit einer Beschreibung in verschlüsselter Form auf einer Smartcard speichert. Zurzeit unterstützt GNU POC zwar nur I2C-Memory-Cards, aber Unterstützung für weitere Typen ist geplant.
Sketch
Das nächste Projekt stand schon länger auf der Liste der für die Brave GNU World interessanten Projekte und ich bin froh, dass es endlich soweit ist.
Sketch [12] ist wohl ohne Übertreibung das beste im Moment erhältliche freie Vektorzeichenprogramm. Es wurde 1996 von Bernhard Herzog begonnen, der es seitdem weitestgehend allein entwickelt.
Sketch ist mittlerweile sehr stabil und bietet fortgeschrittene Features wie beispielsweise Gradientenfüllungen, Überblendungen oder Maskierungen sowie die Umwandlung von Vektorobjekten – das gilt auch für Text – in Kurven. Praktisch ist die Möglichkeit, fast alle Objekte mit einer Verschiebung auf die Hilfslinien-Ebe- ne als magnetische Hilfslinien zu verwenden.
Dass Sketch bereits einsatzfähig ist, beweisen beispielsweise die auf dem letzten GNU/Linux-Tag erhältlichen Gimp-Pins, die Simon Budig mit Sketch angefertigt hat, oder auch das Plakat des ersten Libre Software Meetings (LSM) in Bordeaux.
Sketch kann durch Skripte und Plug-ins in Python leicht erweitert werden. Da es selbst mit Ausnahme einiger Module in Python geschrieben wurde, haben Benutzerskripte dann automatisch vollen Zugriff auf alle Sketch-Objekte. Zudem kann Sketch über Plug-ins um eigene Import-Export-Filter sowie neue Objekttypen erweitert werden.
Python bot sich als Programmiersprache an, weil objektorientierte Ansätze für vektorbasierte Zeichenprogramme die natürliche Wahl sind und Python aufgrund seiner Flexibilität das Ausprobieren verschiedener Konzepte gegenüber C oder C++ deutlich vereinfacht.
Unzureichend ist bei Sketch gegenwärtig noch die Textunterstützung. Auch fehlt die Möglichkeit, Objektkoordinaten und -größen manuell festzulegen. Wahrscheinlich werden diese Mankos in absehbarer Zeit behoben sein. Die Veröffentlichung der stabilen Version 0.8 ist nach der Migration vom Tkinter-Toolkit zu GTK zu erwarten.
Der lange Weg zum Profi-Programm
Langfristig soll Sketch ein vollwertiges, der proprietären Konkurrenz ebenbürtiges Vektorzeichenprogramm werden. Doch dafür müssen die Import-Export-Filter noch erweitert und die bereits erwähnte Textunterstützung verbessert werden. Neue Features wie Transparenzeffekte, Vektorfüllmuster, CMYK und Farbmanagement sind ebenfalls angedacht. Es gibt also noch viel zu tun und daher ist Hilfe sehr willkommen. Gerade die Filter eignen sich nach Bernhards Ansicht für den Einstieg, da sie kein großes Wissen über die Sketch-Interna voraussetzen.
Auch gibt es eine französische Dokumentation, die ins Englische übersetzt werden soll. Hilfe bei der Website ist ebenfalls erwünscht. Doch nicht nur durch freiwillige Arbeit kann die Entwicklung von Sketch unterstützt werden. Bernhard Herzog arbeitet bei Intevation [13], einer deutschen Firma, die sich auf freie Software spezialisiert hat. Auch wenn Intevation es Bernhard Herzog schon oft möglich macht, während seiner Arbeitszeit Sketch weiterzuentwickeln, ist das natürlich nur begrenzt machbar.
Daher hat Intevation ein von der Sketch-Homepage erreichbares Online-Konto eingerichtet, über das es möglich ist, in Schritten von 10 US-Dollar Zeit für die Sketch-Entwicklung zu kaufen. Es geht hier also weniger um eine Spende als vielmehr um eine Investition in Möglichkeiten, die durch Sketch realisierbar werden. Ähnliche Ansätze werden oft als Trinkgeld-Kultur bezeichnet: Die freiwillige Zahlung eines erträglichen Betrags, damit es auch morgen noch möglich ist, auf diese Dienstleistungen zurückzugreifen. Wem also Zeit oder Know-how fehlen, selbst für Sketch aktiv zu werden, der kann Bernhard Herzog für sich arbeiten lassen.
Ein Anliegen, auf das Bernhard mich hinwies, sind die möglicherweise drohenden Patentprobleme bei seiner Arbeit. Adobe hält beispielsweise einige US-Patente bezüglich der Transparenz-Features von PDF 1.4 und anderer Teile für PDF ab Version 1.3. Zwar verlangt Adobe momentan keine Lizenzgebühren, aber das nur, wenn die Algorithmen zur Verarbeitung von PDFs verwandt werden. Das könnte bedeuten, dass Sketch diese Features nicht implementieren kann, da es ja nicht primär zur Verarbeitung von PDFs gedacht ist.
Auch in Bezug auf das SVG-Format (Scalable Vector Graphics) ist nicht klar, inwiefern Patentprobleme für freie Software bestehen. Insofern kann es sein, dass zumindest einige Features von Sketch in den USA nicht für kommerzielle Zwecke eingesetzt werden dürfen. Das gilt auch für Europa, sollten diese Patente auch hier Gültigkeit erlangen. Wer die Eurolinux-Petition [14] noch nicht unterschrieben hat, dem sei nahegelegt, dies schnellstmöglich zu tun, um die Bewegung gegen Softwarepatente in Europa zu unterstützen.
Genug für heute
Da die Frage immer wieder gestellt wird, möchte ich noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Brave GNU World auch über freie Software berichtet, die nicht zum festen Bestand des GNU-Projekts gehört. Grundsätzlich können alle freien Software-Projekte in der Brave GNU World ihren Platz finden.
So, damit ist es genug für heute, natürlich soll auch die übliche Bitte um Kommentare, Ideen, Rückfragen und Anregungen an die übliche Adresse [1] nicht fehlen. (uwo) n
Infos |
| [1] Ideen, Anregungen, Kommentare an die Brave GNU World: [column@brave-gnu-world.org]
[2] Homepage des GNU-Projekts: [http://www.gnu.org/] [3] Homepage von Georg’s Brave GNU World: [http://brave-gnu-world.org] [4] “We run GNU”-Initiative: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html] [5] “Ganesha’s Project”-Homepage: [http://www.ganeshas-project.org] [6] Logidee-tools-Homepage: [http://www.logidee.com/tools/] [7] HTMLDOC-Homepage: [http://www.easysw.com/htmldoc/] [8] HTMLDOC PDF-O-Matic: [http://www.easysw.com/htmldoc/pdf-o-matic.php] [9] Fast Light Toolkit Homepage: [http://www.fltk.org] [10] GNU Passwords On Card Homepage: [http://poc.crackinghacking.de] [11] GNU-Software-Verzeichnis: [http://www.gnu.org/software/] [12] Sketch-Homepage: [http://sketch.sourceforge.net] [13] Intevation-Homepage: [http://www.intevation.de] [14] Eurolinux Petition: [http://petition.eurolinux.org] |
Der Autor |
| Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er nun ist. Mehr Informationen finden sich unter [http://gnuhh.org].
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