Aus Linux-Magazin 06/2014

Maxthon 1.0.0.10 im Test

© scyther5, 123RF

Als schnell und performant, als “den besten Browser für Linux” bewirbt Maxthon International die erste Linux-Version ihres Cloudbrowsers. Das ist ganz schön dick aufgetragen – kann das als Freeware vertriebene Programm die selbst gesteckten Erwartungen erfüllen?

Der 2002 veröffentlichte Webbrowser Maxthon [1] hieß bis März 2004 My IE 2 und nutzte anfangs auch Trident, die Rendering-Engine des Internet Explorers. Inzwischen hat sich das Programm von seinem Vorbild gelöst und setzt auf Webkit. Es steht für Windows, OS  X, I-OS, Android und Windows Phone zur Verfügung. Über Maxthon Passport [2] legen Anwender Verlauf, Lesezeichen, Tabs und Downloads in der Cloud ab und gleichen die Daten zwischen den Plattformen ab.

Im März 2014 veröffentlichte die Firma Maxthon International Ltd. die erste Linux-Ausgabe mit der Versionsnummer 1.0.0.10. Der Hersteller verspricht unter anderem die Zusammenarbeit mit Maxthon Passport, Mausgesten zum Steuern sowie mit Quick Access für Lesezeichen. Der Browser ist kostenlos und steht unter einer proprietären Lizenz. RPM- und Debian-Pakete sowie vorkompilierte Binaries für 32-Bit- und 64-Bit-Systeme finden Anwender auf der Homepage. Auf den Ubuntu- und Linux-Mint-Testrechnern (beide 32 Bit) verlief die Installation reibungslos.

Aprilwetter

Maxthon startet flott und präsentiert sich aufgeräumt. Beim ersten Aufruf spielt der Browser unter Linux selbstständig die Erweiterung Adblock [3] ein – ob Anwender das als willkommenen Service oder als übergriffiges Einmischen in die eigene Softwareverwaltung empfinden, mögen sie selbst entscheiden. Über »Settings | Extensions« werden sie das Addon wieder los. Ein Klick auf »Get more extensions« startet den Chrome Web Store. Maxthon selbst bietet ebenfalls Erweiterungen und Skins über die eigene Cloud an. Diese stehen unter Linux aber nicht zur Verfügung, ein Dialog informiert, dass dazu Maxthon 3 oder neuer erforderlich ist (siehe Abbildung 1).

Die Mausgesten laufen out of the Box. Wer allerdings nicht weiß, dass er diese mit gedrückter rechter Maustaste ausführt, der erfährt es hier auch nicht. Ein Handbuch fehlt, in den Programmeinstellungen sind zwar die Gesten selbst aufgelistet, aber keine Erklärungen zum Mausklick. Die Tatsache, dass die Linux-Variante von Maxthon nur bruchstückhaft lokalisiert ist und die Menüs einen Mix aus Deutsch und Englisch zeigen, macht die Orientierung nicht einfacher.

Leichte Enttäuschung erlebten die Tester auch bei der Funktion »Restore Last« . Sie sichert zu, die zuletzt geöffneten Reiter zu speichern und sie beim Neustart wieder zu öffnen. Das funktionierte nicht immer zuverlässig, Maxthon vergaß diese Informationen mitunter. Anwender sollten daher sicherheitshalber wichtige Webseiten als Lesezeichen speichern.

Abbildung 1: In den Genuss der Maxthon-Extensions und -Skins kommen Linux-Nutzer derzeit nicht. Sie finden Addons im Chrome Web Store.

Abbildung 1: In den Genuss der Maxthon-Extensions und -Skins kommen Linux-Nutzer derzeit nicht. Sie finden Addons im Chrome Web Store.

Leicht bewölkt

Das Hauptfeature, das Maxthon auch für seine Linux-Version fleißig bewirbt, ist die Cloudanbindung über Maxthon Passport. Per Klick auf das Smiley links oben erstellen Benutzer einen Account und melden sich beim Clouddienst des Herstellers an. Der Browser gleicht die Daten ungefähr alle drei Minuten selbstständig ab; eine manuelle Synchronisation ist unter Linux nicht vorgesehen. Aus- und wieder Einloggen hilft – elegant ist das jedoch nicht.

Maxthon preist seine Cloud in höchsten Tönen an und verspricht einen Rundum-sorglos-Service für Lesezeichen, Einstellungen, Verlauf, Passwörter und Erweiterungen. Zwischen Windows, OS  X und Android klappte das im Test auch reibungslos. Die Linux-Version legte im Onlinespeicher allerdings nur die Bookmarks und die Zugangskennwörter ab. Von den persönlichen Einstellungen wollte Passport genauso wenig etwas wissen wie von den Addons, der Browser-History und den Tabs.

Kein Niederschlag

Über den Avatar links oben erreichen Anwender ihr Maxthon-Passport-Dashboard im Web. Hier ändern sie Profilbild, Kennwort und die Mailadresse und verbinden den Account mit einer Telefonnummer. Im Bereich »Device Management« tauchen die verbundenen Geräte auf. Während Windows- und OS-X-Rechner sowie ein Android-Smartphone (wenn auch mit falschen Zeitstempeln) in der Liste erscheinen, ist das Linux-System unauffindbar (siehe Abbildung 2).

Die Download-Abteilung der Cloud bleibt Linux-Anwendern derzeit ebenfalls verwehrt. Das Feature »Cloud Push« , das Windows- und OS-X-Nutzer über das Kontextmenü der rechten Maustaste erreichen, haben die Entwickler noch nicht in die Linux-Variante eingebunden. Die Funktion überträgt Bilder, Texte, Links und Dateien in den Onlinespeicher und sendet sie an andere Passport-Geräte beziehungsweise Mailadressen oder Telefonnummern anderer Nutzer.

Linuxer schauen ebenfalls in die Röhre beim Quick Access für Favoriten, beim Schnellzugriff auf zuletzt besuchte Seiten, bei der Einbindung eines RSS-Readers oder des Notiz-Tools Sky Note [4]. Auch ein integrierter PDF-Betrachter fehlt – Maxthon lädt diese Dokumente stets auf die eigene Platte herunter.

Wenn die Linux-Ausgabe des Browsers in Bezug auf Features auch eher ein Schmalspurprogramm fährt, so überzeugt sie doch bei der Performance. Maxthon hängt die Konkurrenz teilweise sogar ab und profitiert dabei sicherlich von der Rendering-Engine Webkit. Nach Aussage des Herstellers hat ein eigenes Forschungs- und Entwicklungsteam diese optimiert, sie soll zusammen mit der Javascript-Engine V8 [5] die Seiten blitzschnell laden.

Tests mit Googles Javascript-Benchmark Octane [6] und mit Peacekeeper [7] bestätigten den Eindruck. Maxthon ließ Chrome knapp und Firefox sowie Opera deutlich hinter sich. Im Robohornet-Index [8] hat der Google-Browser leicht die Nase vorn, Maxthon belegt aber einen guten zweiten Platz, während Firefox und Opera den Kürzeren ziehen

Das subjektive Surferlebnis der Tester bekräftigt die guten Benchmark-Resultate. Maxthon lädt auch komplexere Seiten schnell und zuverlässig, spielt Videos von Youtube und Vimeo ruckelfrei ab und hat auch mit Flash-basierten Browserspielen keine Probleme. Nur Java beherrscht der Browser nicht out of the Box, aber ein Plugin rüstet den Support nach. Während der Testphase lief Maxthon stabil und ohne Abstürze – auch mit etlichen geöffneten Tabs und Fenstern.

Was die Kompatibilität mit modernen Webstandards angeht, dürfen die Maxthon-Entwickler noch nachlegen. Die HTML-5-Kompatibilität reicht laut HTML-5-Test [9] noch nicht ganz an die von Firefox und Chrome heran. Im CSS-Bereich dagegen punktet Maxthon und orientiert sich offenbar am Google-Browser, denn beide Programme kommen beim CSS-3-Test [10] auf das gleiche Ergebnis, das minimal besser als das von Firefox und Opera ist.

Abbildung 2: Im Device Manager der Maxthon-Passport-Cloud sind keine Linux-Geräte zu finden.

Abbildung 2: Im Device Manager der Maxthon-Passport-Cloud sind keine Linux-Geräte zu finden.

Viel Wind

Die Linux-Ausgabe von Maxthon erwies sich zwar als schnell und performant, aber nach Meinung der Tester als zu karg ausgestattet. Die vom Hersteller beworbenen “einzigartigen Features” fehlen großteils. Vor allem die unvollständige Anbindung an die Cloud dürfte den meisten Anwendern sauer aufstoßen – schließlich ist diese doch einer der Gründe, die für den Einsatz sprechen. Einen Anlass, unter Linux auf Maxthon umzusteigen, gibt es derzeit nicht, denn Firefox, Chrome & Co. synchronisieren bereits Inhalte, Tabs und Einstellungen mit Installationen auf anderen Geräten.

Der Autor

Dr. Katja Flinzner ist Redakteurin, Lektorin und Übersetzerin mit den Schwerpunkten im IT- und E-Commerce-Bereich. Mit ihrem Unternehmen “Mehrsprachig handeln” (http://www.mehrsprachig-handeln.de) unterstützt sie vor allem Onlineshops bei Internationalisierungs-Projekten und bei der Qualitätssicherung.

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