Aus Linux-Magazin 12/2013

Gastkommentar: Abhörsicherheit

© Amy Walters, 123RF.com

Allerspätestens seit Ed Snowden ist klar, dass Geheimdienste – und wer weiß, wer sonst noch – IP-Telefonate abhören. Magazin-Autor Eitel Dignatz wundert sich, wie wenige Firmen Maßnahmen dagegen ergreifen, und streut zugleich Sand ins ratternde Offener-Quellcode-ist-sicher-Getriebe.

Edward Snowden verdanken wir viele Erkenntnisse, darunter die, dass es Geheimdiensten nicht nur um Terroristenhatz geht, sondern auch um das wirtschaftliche Wohlergehen des eigenen Landes, vulgo: Wirtschaftsspionage. Wie reagieren? E-Mails zu verschlüsseln ist kein Problem der Technik, eher der Disziplin. Abhörsichere Telefonie dagegen erweist sich in der Praxis als Herausforderung, da man die technische Umgebung und das Verhalten seines Telefonierpartners nicht unter Kontrolle hat.

Formal kann das verbreitete Video-, Telefonie- und Chatprogramm Skype die Lösung bringen, da es augenscheinlich die Verbindungen verschlüsselt und Inhalte vor fremden Ohren und Augen schützt. Ein wichtiges Argument für die Entwicklung des so genannten Bundestrojaners war, dass sich selbst Geheimdienste an Skype-Verbindungen die Zähne ausbeißen würden und deshalb gewungen seien, die Endgeräte zu verwanzen.

Doch weit gefehlt: Im Mai 2013, also schon vor Snowdens Enthüllungen, kam ans Licht, dass der Skype-Besitzer Microsoft serienmäßig Skype-Chats auswertet [1]. Warum sollte ausgerechnet die Telefoniefunktion unangetastet bleiben, zumal Menschen vertrauliche Angelegeneheiten lieber per Telefon bereden als im Chat?

Einmal unter Verdacht, gerät Microsofts per SRTP und TLS formal ebenfalls gut geschütztes Businesskonferenz- und Telefoniewerkzeug Lync gleich mit in Verdacht. Was kann eine Firma tun, um Vertrauliches am Telefon zu besprechen?

SIP, RTP und IAX2 über VPN

Erfreulicherweise ist wenigstens für Telefonate innerhalb eines Unternehmens die Lösung vergleichsweise schnell gefunden: Wer Asterisk benutzt und VoIP-Verbindungen zwischen seinen Standorten per Open VPN tunnelt, muss sich einerseits nicht mit SRTP, SIPS und dergleichen herumschlagen. Er darf andererseits auch mobile Geräte ohne SRTP- und SIPS-fähige Clients einbeziehen oder das Trunking verteilter Asterisk-Server per IAX2-Protokoll (Inter-Asterisk Exchange 2) sicher realisieren. Der Open-VPN-Tunnel erledigt die Verschlüsselung. Umso mehr überrascht es, wie wenige Unternehmen davon Gebrauch machen.

Die Vertraulichkeit bleibt allerdings nur gewährleistet, so lange jeder Gesprächsteilnehmer einen Tunnel benutzt. Kommt auch nur ein einziger per ISDN- oder VoIP-Provider vermittelter Teilnehmer zu einer Telefonkonferenz hinzu, dann werden auch die Gesprächsbeiträge aller anderen Teilnehmer kompromittierbar. Gleiches gilt bei Dect-Telefonen und zu Handys weitergeleiteten Gesprächen.

Thompsons Warnung

Können Anwender, die Skype und andere proprietäre Software meiden, denn Linux, Open VPN und Asterisk vertrauen? Sie dürfen ja den Quellcode inspizieren und selbst kompilieren. Ken Thompson, einer der beiden Unix-Väter, zeigte 1984 – drei Jahrzehnte vor Snowden – einen Weg, um einen Compiler mit Schadcode zu versehen [2]. Das Perfide: Wer mit dem Compiler-Binary den Sourcecode eines Compilers ohne Schadcode übersetzt, erzeugt wieder ein Binary, das den ursprünglichen Schadcode propagiert.

Thompsons Fazit: Niemand kann Code vertrauen, den er nicht in Gänze selbst geschrieben hat. Ironisch fügt er hinzu: “Vor allem keinem Code von Firmen, die Leute wie mich beschäftigen.” – Derzeit arbeitet Thompson für Google.

Infos

  1. Vorsicht beim Skypen – Microsoft liest mit:http://www.heise.de/security/meldung/Vorsicht-beim-Skypen-Microsoft-liest-mit-1857620.html
  2. Ken Thompson, “Reflections on Trusting Trust”: http://cm.bell-labs.com/who/ken/trust.html

Der Autor

Eitel Dignatz hat gut 30 Jahre Unix im Blut und ist Unternehmensberater und Inhaber von Dignatz Consulting, München http://www.dignatz.de/spot465.

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