Aus Linux-Magazin 12/2013

Sysadmin-Bibel

© Benis Arapovic, 123RF.com

Der 1000-Seiter “The Practice of System and Network Administration” (kurz TPOSANA) gilt vielen als Sysadmin-Bibel – doch die letzte Auflage stammt von 2007. Das Linux-Magazin hat die Autoren befragt, welche Kapitel sie für die Neuauflage ändern müssen, die nächstes Jahr erscheinen soll.

Will man “The Practice of System and Network Administration” adäquat beschreiben, eignet sich ein Satz auf Seite 130 ganz besonders: “Auf den ersten Blick sieht es ziemlich einfach aus, ein Rechenzentrum aufzubauen. Sie brauchen einen großen Raum mit Tischen, Racks oder Drahtgitter-Regalen darin und Voilà!” Klar, scheint wirklich nicht so kompliziert zu sein.

Das Überraschende ist, dass es den Autoren Thomas A. Limoncelli, Christine J. Lear (vormals Hogan) und Strata R. Chalup tatsächlich gelingt – und das ist das Verdienst des Buches – diese Mammutaufgabe Stück für Stück auf zahlreiche kleine Tasks herunter zu brechen, die am Ende beherrschbar erscheinen. Allerdings beschleicht den Leser nach der Lektüre des etwa 1000 Seiten langen Wälzers, der nur auf Englisch vorliegt, ein leichtes Schwindelgefühl ob der unzähligen Tipps und Tricks (Abbildung 1). Am Ende der Kapitel folgt jedoch jeweils eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte.

Abbildung 1: Das ideale Rechenzentrum aus Sicht der Autoren im Jahr 2007.

Abbildung 1: Das ideale Rechenzentrum aus Sicht der Autoren im Jahr 2007.

Besonders hübsch sind aber die Kästen, die im Buch immer wieder auftauchen. In ihnen erzählen die Autoren lehrreiche Anekdoten, die auf selbst gemachten Erfahrungen in der Praxis basieren. Daneben schildern sie sehr anschaulich die Erlebnisse anderer Sysadmins, um auf negative, aber auch positive Effekte hinzuweisen, die aus bestimmten Handlungen entstehen können.

Die Liste

Um den Gesamtüberblick zu behalten, hilft zudem die Liste weiter. Sie reicht von Seite 3 bis 26 und zählt in einer langen Reihung all die Dinge auf, die ein Sysadmin bei seiner Arbeit berücksichtigen sollte. Hinter den einzelnen Sätzen stehen Verweise auf Kapitel und Abschnitte. Kann sich ein Sysadmin nicht mehr genau an alle Punkte in einem Kapitel erinnern, springt er über die Liste direkt zur entsprechenden Stelle im Buch.Die Liste streift Fragen wie “Welche Tools sollte jeder Sysadmin besitzen?” Zu den Antworten gehört in diesem Fall ein portabler Label-Drucker, eine kleine Digitalkamera, um Fehlermeldungen abzufotografieren, Kabeltester, Walkie-Talkies für die Kommunikation im Rechenzentrum sowie Patchkabel in verschiedenen Längen inklusive ein oder zwei 30-Meter-Varianten für Spezialfälle. Warum der Sysadmin all diese Dinge brauchen kann, erläutern die Artikel dann ausführlich.

Entstaubte Neuauflage

Eine Digitalkamera zum Fotografieren, aber warum kein Smartphone? Die Antwort auf diese Frage führt zu einem Manko des Buches hin: Die letzte Auflage stammt von 2007 (siehe Kasten “Buchinfo”). Obwohl TPOSANA zu großen Teilen noch immer aktuell ist, wirken einige Passagen leicht angestaubt: Kein Wunder, sechs Jahre sind in der IT eine Ewigkeit. Das wissen auch die Autoren und arbeiten an einer dritten Auflage, die im Herbst nächsten Jahres erscheinen soll – in einer Neuauflage (“Enterprise”) und einer schlankeren “Cloud”-Ausgabe. Dem Linux-Magazin haben sie vorab und exklusiv ihre Einschätzungen zu kommenden Trends und aktuellen Entwicklungen verraten.

Buchinfo

Thomas Limoncelli, Christine Hogan, Strata Chalup: “The Practice of System and Network Administration”

Addison-Wesley, 2007

ISBN 978-0321492661 Preis: 39,00 Euro

Der Teil über Rechenzentren ist beispielsweise noch vor dem großen Energiesparumbruch (Green Computing) entstanden. Tom Limoncelli arbeitete in dieser Umbruchzeit bei Google, seine Energiesparerfahrungen dürften also in die Neuauflage einfließen. Daneben brachten die Autoren, ganz in der Manier des Buches, gleich noch ein anderes Beispiel, wie sich im Datacenter Energie sparen lässt. Im Rechenzentrum von Sun liefen seinerzeit noch einige alte Maschinen offenbar ungenutzt vor sich hin. Indem Sun die Besitzer der Maschinen einzeln befragte, ob sie diese Maschinen noch verwenden, ließ sich das Rechenzentrum mit einfachsten Mitteln optimieren.

Zwischenmenschliches

Allerdings glauben die Autoren auch, dass derzeit die größten Probleme für Sysadmins nicht technischer Natur sind. Für alle technischen Probleme gebe es mittlerweile Lösungen, es sei denn, man sei selbst in einer Firma tätig, die Pionierarbeit betreibt. Sysadmins würden sich heute eher Problemen sozialer Natur gegenübersehen: Kommunikation, Planung, den Umgang mit Ausfällen und Budgetfragen. Es gebe einen höheren Druck, mit weniger Geld mehr zu erledigen.

Schon 2007 war das Buch nicht nur technischer Ratgeber: Die Verhandlungen mit dem Management, der Umgang mit Kollegen und Kunden – auch für die zwischenmenschliche Ebene liefert das Werk praktische Anleitungen. Ein Beispiel: Meist nehmen die Mitarbeiter und das Management ihre Admins ja erst dann wahr, wenn es irgendwo brennt. Das Buch zeigt, wie Admins auch außerhalb dieses Zusammenhangs auf ihre Arbeit aufmerksam machen und positive Eindrücke hinterlassen können. Zudem sei es für Admins wichtig, die Ziele des Managements zu verstehen und mit diesen Zielen zu argumentieren, wenn es um die eigene IT-Strategie geht.

Generell fordern die Autoren auf, mehr mit den Kunden zu kommunizieren und Prioritäten intelligent zu setzen. So widmet sich Kapitel 12 ethischen Fragen. Es sei wichtig, den ethischen Code für Sysadmins zu kennen und zu beherzigen und etwa nicht unlizenzierte Software zu installieren, weil es das Managemenr will. Ein anderes Kapitel im Buch beschäftigt sich mit dem Organisieren von Helpdesks (“Don’t forget the help in helpdesk.”), die für den Kunden häufig als einzige Schnittstelle zu einem Unternehmen auftreten.

Devops

Angesprochen auf die größten Veränderungen für Sysadmins seit 2007 fällt auch den Verfassern der Sysadmin-Bibel das Schlagwort Devops ein: “Wir lieben Devops. Wir denken, es nimmt all die guten Dinge auf, die wir empfohlen haben, und schnürt sie zu einem netten Paket”, loben sie. Tatsächlich betont das Buch immer wieder, wie wichtig Automatisierung ist, und mahnt eine sorgfältige und frühe Implementierung von Prozessen an.

Devops fördere eine Kultur des Teilens und der Kooperation und optimiere so das komplette System, anstatt sich auf einzelne Baustellen zu konzentrieren und das große Ganze womöglich schlechter zu machen. Dank Automatisierung würden Aufgaben nicht nur schneller, sondern auch konsistenter und fehlerresistenter erledigt. Es ermutige Messprozesse und datenbasierte Entscheidungen. Als ihr erstes Buch erschien, gab es noch kein Monitoring. Heute heißt es: Wenn das Monitoring fehlt, ist es kein Dienst.

Doch das Autorenteam sieht auch Grenzen der Automatisierung: Die liegen vor allem im Enduser-Support. Um ein Problem zu lösen, sei es manchmal effizienter, einen Menschen zu schicken als den technischen Supportweg einzufordern – Automatisierung sei nur dort gut, wo sie tatsächlich Zeit und Geld spare. Auf der anderen Seite mache die Supportautomatisierung Fortschritte, für OS X werden Simian [1] und Munki [2] genannt. User könnten heutzutage auch einfach eine Webseite besuchen, einen VPN-Zugriff anfordern und ihre Rechner in kurzer Zeit konfigurieren lassen.

Nicht zuletzt gehöre zu den Veränderungen seit 2007, dass Anschaffungspreise für Technik heute weniger wichtiger seien als TCO (Total Cost of Ownership).

Public versus Private Cloud

Natürlich spielt auch die Cloud eine wesentliche Rolle: Public Clouds wie die von Amazon würden weniger durch ihre Kosten und mehr durch ihre Features punkten: Die bestehen in Flexibilität, leichter Bedienbarkeit und Elastizität. Wer nur für eine kurze Zeitspanne viele Server benötige, werde so in die Lage versetzt, Ressourcen nur kurzfristig einbinden und dann wieder loswerden zu können – das ginge mit physischer Hardware nicht.

In einigen Firmen, in denen die IT nicht gut funktioniere, würden zudem einzelne Abteilungen mit Hilfe solcher Webservices um die IT-Probleme herum arbeiten, was aber andere Probleme nach sich ziehen könne. Langfristig, so das Resümee der Autoren, sei es aber günstiger, einen Wagen zu kaufen, als ihn zu mieten.

Zudem lauerten in der Cloud auch Gefahren, etwa ein Kontrollverlust und die rechtlichen Probleme. Im Gegensatz zur Private Cloud kann ein konkurrierendes Unternehmen in der Public Cloud einen Dienst mit Hilfe rechtlicher Mittel abschalten lassen. Auch der Staat oder Strafverfolgungsbehörden könnten sich im Datenfundus eines Unternehmens bedienen, nach amerikanischem Recht muss die Firma davon nicht einmal etwas mitbekommen.

Wohl auch aus diesem Grund erklärte Google kürzlich, wer Daten an einen Drittanbieter übergebe, dürfe keine rechtlichen Erwartungen auf die Erhaltung der Privatsphäre für diese Informationen hegen [3] – dem schließen sich die Autoren an. Zudem erinnern sie an Sicherheitsprobleme, die auch virtuelle Maschinen betreffen: Gelangt Schadcode, die den Hypervisor angreift, auf eine ungesicherte virtuelle Maschine, ziehe das womöglich auch die eigenen Gastmaschinen in Mitleidenschaft.

Lokalkolorit

Die Frage, ob es denn auch Tipps für Admins im deutschsprachigen Raum gebe, beantwortete Christine Lear, die schon länger in der Schweiz arbeitet. Selbst in kleineren Unternehmen sei für Admins aus ihrer Sicht heute die Mehrsprachigkeit wichtig, um in internationalen Teams zu arbeiten und mit englischsprachigen Kunden zu reden.

Sie habe zudem Unterschiede zwischen Europa und den USA bemerkt. So gebe es in Europa weniger große Konferenzen für Sysadmins, wie etwa die Usenix Lisa [4] in den USA. Dafür sei das Verhältnis zwischen Arbeit und Urlaub in Europa besser geregelt: Für Angestellte sei Urlaub selbstverständlicher, auch auf die Ernährung werde mehr geachtet.

Blick in die Zukunft

Natürlich darf auch eine Zukunftsprognose nicht fehlen: Wenig überraschend nennen die Schreiber IPv6 als Herausforderung, auf die Admins vorbereitet sein müssen. Zudem sollte ein Admin heute wissen, welche Cloud-Lösungen es gibt und ob er seine empfohlene Variante tatsächlich auch unterstützen kann.

Nicht zuletzt sei auch Bring Your Own Device (BYOD) ein Thema für die Zukunft: Während die Firmen glauben, diese Geräte seien einfach zu verwalten, würden sie in der Praxis häufig mehr Backend-Services benötigen, die mehr und nicht weniger Fähigkeiten erforderten. Man darf also gespannt auf die nächste Ausgabe sein und den schreibenden Sysadmins bis dahin im Internet über die Schulter schauen [5].

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