Aus Linux-Magazin 12/2013

OX-Summit 2013 in St. Pauli

Auf einem Frachtschiff im Hamburger Hafen versammelte die Open Xchange Partner, Entwickler und Kunden zum OX Summit 2013. Zur Keynote kam PGP-Legende Phil Zimmermann, nachmittags gab es Visionen und Technik, abends Rockmusik, einen DJ oder eine Party auf der Reeperbahn.

Zwar trockenen Fußes über die Landungsbrücken des Hamburger Hafens zu erreichen, aber tief im Bauch eines angelegten Frachters präsentierte sich die Open-Xchange-Community auf ihrem Summit ([1], [2]). Positive Visionen in Zeiten von Prism & Co. bieten wolle man, und selbstverständlich sei dabei Open Xchange der Einstieg in die eigene, sichere Wolke, so hatte der Groupware-Hersteller im Vorfeld erklärt.

Auf dessen Einladung trafen sich an Bord des Museumsschiffes “Cap San Diego” gut 300 OX-Fans, -Anwender und -Entwickler. Zahlreiche Provider und Hoster (von Services, Servern und Diensten) und die Hersteller von Management-Tools für Cloud, mobile Geräte und Internetauftritte füllten den Bauch des Sechziger-Jahre-Frachters mit Ständen und Vorträgen (Abbildung 1).

Unter Deck: Apple, Orwell und die Cloud

Zwischen Stahlwänden, Paletten und zahlreichem schillernden Marine-Equipment (Abbildung 2) eröffnete OX-CEO Rafael Laguna die Vorträge mit einer multimedialen Einführung: Er griff zurück auf das legendäre Apple-Video aus dem Jahre 1984, in dem die amerikanische Firma vor IBMs Dominanz warnte, Orwell-Perspektiven beschwor und sich als Retter der Menschheit darstellte http://3.

Abbildung 2: Die Vorträge fanden unter Deck der Cap San Diego statt.

Abbildung 2: Die Vorträge fanden unter Deck der Cap San Diego statt.

Angesichts von Prism und der geschlossenen, zensierenden Struktur der Apple-Angebote, so Laguna, würden viele Menschen dieses Video heute sicherlich anders interpretieren. Die Lacher im Publikum hatte er damit auf seiner Seite, auch als er fortfuhr und Open Xchange als den Ausweg und die zentrale Schnittstelle in der selbst kontrollierten Cloud (“Control your data!”) präsentierte. Daran wolle Open Xchange weiterhin arbeiten, zugleich plane man den weiteren Ausbau der OX App Suite mit den Web Documents und anderen Web-Office-Formaten.

Die eigentliche Keynote war der Crypto-Legende Phil Zimmermann vorbehalten, dem Erfinder der Mailverschlüsselungssoftware PGP (Abbildung 3). Er hat mit seiner eigenen Firma Silent Circle kürzlich für Furore gesorgt, als er die “sicheren Maildienste” angesichts der Prism-Enthüllungen aus dem Angebot strich und alle E-Mails löschen ließ – weil er keine Daten in seinem Unternehmen haben will, die er nach geltender Rechtslage herausrücken müsste, die ihm aber nicht gehören.

Abbildung 3: Phil Zimmermann bei seiner Keynote im zum Konferenzzentrum umgebauten Frachtraum. Viele Fragen aus dem Publikum drehten sich um Prism, aber auch darum, warum seine Firma Silent Circle alle E-Mail-Dienste einstellte.

Abbildung 3: Phil Zimmermann bei seiner Keynote im zum Konferenzzentrum umgebauten Frachtraum. Viele Fragen aus dem Publikum drehten sich um Prism, aber auch darum, warum seine Firma Silent Circle alle E-Mail-Dienste einstellte.

Zimmermann hielt sich auch nicht mit einer typischen Keynote auf, sondern eröffnete gleich nach wenigen Sätzen eine lockere Q&A-Session, was das Publikum mit vielen Fragen honorierte.

Putin, die NSA und menschliche Makel

Seine Meinung ist klar: Eine alles wissende Regierung war bis vor Kurzem unvorstellbar, bleibe für ihn aber purer Horror. Die NSA-Daten nennt er “eine Datenbank des menschlichen Fehlverhaltens”, Daten auf dem Server, in der Cloud, zu speichern, das sei immer eine schlechte Idee. “Man stelle sich mal vor, was jemand wie Putin mit diesen Daten anfangen würde!”, meint Zimmermann.

Abbildung 4: Hafen mit Herz: Unweit des Summits tobte der Rummel des Reeperbahn-Festivals auf St. Pauli.

Abbildung 4: Hafen mit Herz: Unweit des Summits tobte der Rummel des Reeperbahn-Festivals auf St. Pauli.

Auch staatliche Backdoors seien niemals zielführend, sie verhinderten vielmehr jedwede Sicherheit, beteuerte er auch später hoch droben auf der Brücke der Cap San Diego im Interview mit dem Linux-Magazin (Abbildung  5).

Abbildung 5: In der Kapitänskajüte hoch oben neben der Brücke traf sich Phil Zimmermann (rechts) zum Gespräch mit Linux-Magazin-Redakteur Markus Feilner.

Abbildung 5: In der Kapitänskajüte hoch oben neben der Brücke traf sich Phil Zimmermann (rechts) zum Gespräch mit Linux-Magazin-Redakteur Markus Feilner.

Die Deutschen seien aus historischen Gründen zwar noch sensibler für das Thema als amerikanische Bürger, aber auch die müssten früher oder später einsehen, dass über Backdoors irgendwann chinesische Hacker in die Systeme eindrängen. Bringe man die Regierungen hingegen dazu, selbst die gleiche Software zu nutzen wie ihre Bürger, verhindere das Sicherheitsbedürfnis letztlich auch Hintertüren. Aber der derzeit stattfindende Zirkelschluss der Geheimdienste beeinträchtige die Grundrechte der Amerikaner genauso, wahrscheinlich sogar mehr als die der Deutschen oder Chinesen, da ist sich Zimmermann sicher.

Nur End-to-End

Besonders betroffen mache ihn die Tatsache, dass hier gerade “das offene und freie Internet benutzt wird, um uns alle auszuspähen”. Ohne End-to-End-Verschlüsselung und sichere Datenspeicher gebe es keine vertrauliche Kommunikation. “Deshalb habe ich beschlossen, die Maildienste von Silent Circle http://4 einzustellen und uns voll auf die VoIP-Technologie zu konzentrieren.” Die laufe anders als PGP auch auf Smartphones und erlaube für jeden Kommunikationsvorgang One-Time-Keys – so sei sie auch gegen die NSA gefeit. “Ich kenne ja Ihre Anforderungen an Security nicht, aber glauben Sie mir: Meine Ansprüche sind höher.”

Don’t overcomply!

Was man denn ändern könne? “Nicht kooperieren!”, fordert Zimmermann und prangert vor allem den vorauseilenden Gehorsam vieler IT-Unternehmen und Hoster an. Kurz, aber kaum übersetzbar, rät er auf Englisch: “Don’t overcomply! Niemand zwingt sie, ausschließlich unverschlüsselte Kommunikation anzubieten, niemand verlangt, dass Sie Kundendaten unverschlüsselt ablegen.”

OX-CEO Rafael Laguna pflichtet ihm bei: “Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient, das wissen wir hier in Deutschland besser als andere. Die Gesetzgeber verstehen einfach nicht, worum es geht. Vielleicht löst sich das Problem aber von selbst, wenn irgendwann mal eine Generation in die Büros einzieht, die mit dem Internet aufgewachsen ist.”

Zimmermann ist nicht ganz so skeptisch: Auf die Frage, ob man wirklich nur abwarten könne, erzählt er eine Anekdote aus der Nixon-Ära: Der an chronischem Verfolgungswahn leidende US-Präsident hatte Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen aus der Luft mit U2-Flugzeugen beobachten lassen, um aus der Anzahl der demonstrierenden Amerikaner auf jene mit einer Haltung gegen den Krieg schließen zu können. Weil das so viele waren, so Zimmermann, habe Nixon doch keine Atombombe auf Nordvietnam werfen lassen. “Verstehen Sie? Wie mächtig kann eine Demonstration, eine Bewegung noch sein?!”, fragt er.

Vier Cloud-Gebote

Doch nicht nur Prism stand auf der Agenda des Summits, auch Technik und Visionen kamen nicht zu kurz: OX-CEO Laguna stellte vier Gebote für moderne, vertrauenswürdige Clouddienste vor: Diese müssten Multi-Provider-fähig sein, auch über Landesgrenzen hinweg. Anwender müssten jederzeit in der Lage sein, ihre Daten herauszuholen und woanders abzulegen. Dafür bedürfe es geeigneter Migrationstools, aber auch (drittens) einer Software des Dienstes selbst, damit auch paranoide User die Cloud im Eigenbetrieb managen könnten. Und viertens sei Laguna zufolge nur Software vertrauenswürdig, die im Quelltext vorliege. Closed-Source-Software sei nicht ausreichend überprüfbar (Abbildung 6).

Abbildung 6: Open-Xchange-CEO Rafael Laguna bei seiner Keynote.

Abbildung 6: Open-Xchange-CEO Rafael Laguna bei seiner Keynote.

Technik, Tracks, Musik

Nach dem Mittagessen teilte sich der OX Summit in drei Tracks auf, in denen Techniker Features und neue Addons oder Planungen für OX-Tools und -Implementierungen vorstellten. Open Xchange will die OX App Suite (das App-fähige Webinterface mit Dokumenten ähnlich Google Docs) weiter ausbauen und zu einer vollständigen Web-Office-Solution ausbauen. Tabellen und Präsentationen stehen als Nächstes an. Für dieses Ziel hat OX Mitarbeiter aus der ehemaligen Star-Office-Belegschaft angeworben, auch deshalb gibt es mittlerweile ein Hamburger Büro der Open Xchange GmbH.

Für Aufsehen sorgte wieder einmal Lagunas Bruder Francisco, der auf den Summits regelmäßig kreative Ideen vorstellt. Er vermochte auch diesmal die Zuschauer zu begeistern – was aber zum Teil sicher an der Eiskrem lag, die er verteilte. Sein Projekt (Abbildung  7) “Social Ice Cream WebService discoverable via DNS” oder auch “Ice Cream Data Directory” (IDDIR, http://5) spielt mit der Idee, Daten, die sonst nur in sozialen Netzwerken veröffentlicht sind, auch per DNS-Lookup abrufbar zu machen – zum Beispiel die Vorliebe eines Menschen für eine Eissorte.

Abbildung 7: Lange schwarze Haare, schwarzer Hut und bunte Kleidung sind die Markenzeichen von Francisco Laguna, der sein Projekt IDDIR vorstellte.

Abbildung 7: Lange schwarze Haare, schwarzer Hut und bunte Kleidung sind die Markenzeichen von Francisco Laguna, der sein Projekt IDDIR vorstellte.

Abbildung 8: Am Nachmittag teilte sich das Programm in technische Tracks auf, in denen viele Firmen eigene OX-Erweiterungen und Admin-Tools vorführten.

Abbildung 8: Am Nachmittag teilte sich das Programm in technische Tracks auf, in denen viele Firmen eigene OX-Erweiterungen und Admin-Tools vorführten.

Den Abschluss am Abend machten zwei Diskussionsrunden – wieder mit Stargast Zimmermann und der CEO-Couch, passend zur Location aus Paletten (Abbildung 9) zusammengestellt.

Abbildung 9: Die CEO-Couch bestand – stilecht für ein Frachtschiff – aus Europaletten: Rafael Laguna und Phil Zimmermann bei der Podiumsdiskussion.

Abbildung 9: Die CEO-Couch bestand – stilecht für ein Frachtschiff – aus Europaletten: Rafael Laguna und Phil Zimmermann bei der Podiumsdiskussion.

Wem die aus dem englischen Bath angereiste Band “Kill it Kid” (Abbildung 10) mit Rock und Keyboard-Akkorden zu laut wurde, der konnte ins nahe St. Pauli ausweichen, wo auf zahlreichen Bühnen das “Reeperbahn Festival” (Abbildung 4) Tausende Besucher anzog. Der nächste OX-Summit wird im September 2014 in München stattfinden, wenige Tage vor dem Oktoberfest.

Abbildung 10: Satter Rock im Rahmenprogramm: Kill it Kid rockte unter Deck, später brachte Promi-DJ "Mashup Germany" die Besucher auf die Tanzfläche.

Abbildung 10: Satter Rock im Rahmenprogramm: Kill it Kid rockte unter Deck, später brachte Promi-DJ “Mashup Germany” die Besucher auf die Tanzfläche.

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