Die Entscheidung für oder gegen eine Linux-Distribution richtet sich nicht nur nach technischen Unterschieden, sondern auch nach wirtschaftlichen Faktoren wie der Marktpräsenz. Dieser Artikel stellt den Markt und die Big Player vor.
Aktuelle Linux-Distributionen enthalten durchweg sehr ähnliche Komponenten. Ist die Installation bewältigt, kann eine Linux-Distribution fast immer so konfiguriert werden, dass ein durchschnittlicher Benutzer keine Unterschiede zu den Produkten anderer Hersteller feststellen kann. Das bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede gibt, sie sind nur kleiner, als man gemeinhin denkt. Die Unterschiede auf der wirtschaftlichen und strategischen Ebene sind da schon weitaus größer – die Hersteller haben an diesen Stellen unterschiedliche Wege eingeschlagen.
Die Entscheidung für oder gegen eine Distribution sollte also genauso auf Kriterien wie lokale Marktposition oder Verfügbarkeit von Dienstleistungen und Support basieren wie auf technischen Vor- oder Nachteilen.
Die bescheidenen Anfänge
Der Grundstein für Linux wurde von Richard Stallman von der Free Software Foundation (FSF) in den achtziger Jahren gelegt. Zwar hob Linus Torvalds 1991 den Kernel aus der Taufe, aber ohne die vielen Programme der Free Software Foundation wie Compiler, die Unix-Standard-Werkzeuge oder etwa den berühmt-berüchtigten Emacs wäre Linux nicht dort, wo es heute ist. Wichtiger jedoch als all diese Beiträge von Richard Stallman und der FSF ist die GNU General Public License (GPL). Sie bildet einen Eckpfeiler für den Linux-Erfolg und ist ein Hauptgrund dafür, dass es heute überhaupt so etwas wie eine Open-Source-Bewegung gibt. Zwar ist Linux ohne die FSF undenkbar, umgekehrt wären wohl aber auch die FSF und ihre Ziele ohne Linux kaum so bekannt.
Inzwischen haben einige kontroverse Statements von Richard Stallman zu einem gewissen Gefühl der Entfremdung zwischen der FSF und Teilen der Linux-Gemeinschaft geführt. Viele fühlen sich zwar nach wie vor den Idealen der Free Software Foundation verpflichtet, weniger allerdings den Äußerungen ihres Gründers.
Linux verbreitete sich sehr schnell auch über die Grenzen der Hacker-Gemeinde hinaus. Bald zeigte sich, dass die Standardmethode für die Linux-Installation – Linus Torvalds Boot/Root-Disketten – nicht mehr ausreichte, da für ihre Verwendung weitreichende Unix-Kenntnisse erforderlich waren. Deshalb schuf Owen LeBlanc vom Manchester Computing Centre in Großbritannien den Vorläufer dessen, was heute unter dem Namen Linux-Distribution bekannt ist – die MCC Interim Releases (MCC).
Sie verfolgten das Ziel, möglichst viele bei der Installation anfallenden Tätigkeiten zu automatisieren, so etwa das Kopieren von Softwarepaketen auf die Festplatte. Owen leitet heute die Manchester Linux-Usergroup – Linux-Celebrities sind erreichbarer, als es in anderen Bereichen der Fall ist.
Linux-Firmen und ihre Geschichte
Kurz nach MCC erschien die Distribution Softlanding Systems (SLS) von Peter McDonald, ihr folgte Slackware Linux von Patrick Volkerding, die zumindest anfangs in weiten Teilen auf der SLS aufbaute. Ende 1992 gründeten in Nürnberg die vier Studenten Burchard Steinbild, Hubert Mantel, Thomas Fehr und Roland Dyroff die Firma SuSE. Zunächst verkauften sie die SLS-Distribution auf Disketten, später eine für den deutschen Markt angepasste Slackware.
Die Integration einer weiteren Linux- Distribution – Jurix von Florian La Roche – bedeutete eine einschneidende Veränderung im Aufbau von SuSE Linux. Heute ist SuSE die älteste noch existierende rein kommerzielle Linux-Distribution. Neben seinem Hauptprodukt bietet SuSE besonders im europäischen Markt heute auch Professional Services (Support, Consulting und Training) an, eine Reihe von Businessprodukten (E-Mail-Server, Firewall-Server) ist ebenfalls Teil des Portfolios.
Ende 1993 rief Ian Murdock die nicht-kommerzielle Distribution Debian ins Leben, die heute bekannteste freie (frei sowohl im Sinne von Freibier wie von freie Rede) Linux-Distribution. Andere deutsche Linux-Distributionen aus dieser Zeit waren die LST in Erlangen und die DLD in Stuttgart.
Von Bob Young und Mark Ewing wurde – ebenfalls 1993 – die Firma Red Hat in Durham/North Carolina gegründet. Einer ihrer Vorläufer war die Bogus Linux-Distribution, aus der auch das Format der Programmpakete stammte. Heute verwenden die meisten Distributionen dieses RPM-Format (Red Hat Package Manager), mit Ausnahme von Debian und davon abgeleiteten Distributionen. Red Hat war die erste Linux-Firma, die an die Börse ging. Das ermöglichte den Kauf anderer Firmen, unter ihnen die deutsche DLD-Distribution sowie Cygnus, der Hersteller von eCos (eines Embedded-Betriebssystems) und vieler wichtiger Entwicklungswerkzeuge. Cygnus trägt heute einen signifikanten Teil zum Umsatz von Red Hat bei.
Red Hat verbreitete seine Distribution komplett unter der GPL. Das nutzten andere Anbieter, um ihre eigene, darauf basierende Distribution auf den Markt zu bringen. Abgesehen vom Hauptprodukt Red Hat Linux bietet die Firma weltweit eine ganze Palette von Dienstleistungen (Support, Consulting, Training) und Business-Produkten an. Auch Produkte und Tools für den Embedded-Markt gehören zu Red Hats Palette. Abhängig von der Zielplattform sind sie entweder Linux-basiert oder beruhen auf den früheren Cygnus-Produkten.
Caldera wurde 1994 von Ransom Love und Bryan Sparks in Utah gegründet. Das Unternehmen erwarb später die Erlanger LST-Distribution; Calderas Linux-Entwicklung findet deshalb immer noch vor allem in Deutschland statt. Im Jahr 2001 kaufte Caldera die Betriebssystem-Sparte der Santa Cruz Operation und besitzt damit heute neben den Rechten an SCO Open Server und Unix Ware auch die ursprünglichen Unix-SystemV-Sourcen. Damit ist Calderas Geschäft nicht mehr allein auf Linux konzentriert.
Die Firma verkauft heute unter dem Namen OpenUNIX 8.0 eine angepasste Version der früheren Unix Ware. Der OpenUNIX-Kernel hat neben seiner althergebrachten Funktionalität eine “Linux Kernel Personality” (LKP). Damit laufen auch nicht extra angepasste Linux-Programme unter OpenUNIX. Konsequenterweise liefert Caldera mit OpenUNIX auch eine komplette Linux-Distribution (ohne Kernel) aus. OpenUNIX kann man deshalb auch als Linux-Distribution mit OpenUNIX-Kernel beschreiben.
Caldera ging im Jahr 2000 an die Börse, also bereits am Beginn der so genannten Dotcom-Krise. Obwohl die Aktien heute weit unter einem Dollar gehandelt werden, scheint die Firma immer noch über einige Ressourcen zu verfügen.
Fünf große Distributionen
Turbo Linux entstand 1992 unter dem Namen Pacific Hitech. Eine hauseigene, auf Red Hat basierende Linux-Distribution wurde allerdings erst später im europäischen und amerikanischen Raum vermarktet, inzwischen kocht der Vertrieb wieder auf Sparflamme. In Asien ist Turbo Linux aber immer noch gut etabliert. Eine Fusion mit dem Service-Unternehmen Linuxcare scheiterte auf halbem Wege an finanziellen Schwierigkeiten bei beiden Firmen. Neben SuSE ist Turbo Linux zurzeit der einzige kommerzielle Anbieter einer Linux-Distribution für IBM-Mainframes (z-Series) und Midrange-Server (i-Series). Eine weitere Spezialität von Turbo Linux ist der Clustering-Markt.
Die französische Firma Mandrake wurde erst 1998 gegründet und entwickelte sich recht schnell zur zweiten großen Linux-Distribution aus Europa. Das hat zum einen sicher technische Gründe, liegt aber wohl auch am einmaligen Vertriebsmodell. Insbesondere in den USA wird Mandrake Linux durch die Buchhandelskette Macmillan vertrieben, was den Verkaufszahlen sicherlich gut tut.
Mandrake hat vor kurzem einen kleinen Börsengang mit einem Bruchteil seiner Anteile absolviert. Die hierbei erwirtschafteten 4,3 Millionen Euro werden helfen, die noch bevorstehende Durststrecke im IT-Markt zu überwinden. Mandrake bietet neben dem Hauptprodukt alle üblichen Dienstleistungen an, jedoch wird die Firma immer noch häufig als eine reine Desktop-Distribution angesehen. Caldera, Turbo Linux und Mandrake basierten ursprünglich auf Red Hat Linux, sind aber heute technisch vollkommen unabhängig.
Neben diesen Großen gibt es im wahrsten Sinne des Wortes Hunderte von kommerziellen und nicht-kommerziellen Distributionen. Darunter fällt auch Corels auf Debian basierende Distribution für Umsteiger von Microsoft Windows. Corel hat derzeit jedoch kein Interesse mehr an der Weiterentwicklung und hat sie dem Start-up-Unternehmen Xandros übertragen. In Lateinamerika gewinnt derzeit Conectiva aus Brasilien schnell Marktanteile hinzu, da es sich speziell auf spanisch- und portugiesischsprachige Länder konzentriert.

Abbildung 1: Ein lebendes Fossil im WWW. Ed Chi beschreibt den freien Unix-Clone Linux. Tux war noch nicht erfunden.
The Leader of the Pack
Viele kommerzielle Entscheidungen zum Einsatz von Software richten sich nach Marktanteilen und der Marktführerschaft. Ist diese schon bei proprietärer Software nicht so leicht zu bestimmen, stellen sich bei einer Linux-Distribution zusätzliche Hindernisse in den Weg. Ein sinnvolles Statement kann man nur abgeben, wenn man den Begriff Marktführer zunächst definiert.
Man könnte erstens Marktführerschaft über Meinungsführerschaft bestimmen. So wäre es möglich, 1000 Personen zu befragen, wen sie für den Marktführer halten. Die am häufigsten genannte Firma wird dann Marktführer genannt. Das Ergebnis einer solchen Umfrage würde aber nur sehr eingeschränkt die wahren Marktverhältnisse darstellen. Da im Linux-Markt sehr selten exakte Zahlen vorliegen, hat geschicktes Marketing hier also eine besondere Bedeutung. Hinzu kommt die beliebte Methode, den Bereich des Marktes einzugrenzen, den man anführen möchte. Der Autor dieses Artikels könnte nach dieser Methode beispielsweise Marktführer bei Artikeln über subjektive Einschätzungen des Linux-Marktes sein.
Zweitens könnte man die Nutzer zählen, die wirklich eine bestimmte Software verwenden. Im Linux-Markt ist das sehr schwierig, da die Kopie einer Linux-Distribution üblicherweise legal auf einer unbeschränkten Anzahl von Rechnern installiert werden darf.
Methode Nummer drei ist das Zählen der verkauften Pakete jedes Linux-Distributors – praktisch, aber nicht besonders akkurat, denn nicht jeder Hersteller wird seine Verkaufszahlen bereitwillig offen legen, vor allem wenn es Grund zu der Annahme gibt, nicht der absolute Marktführer zu sein.
Wenn man Methode eins folgt, wird man heute in vielen Ländern der Welt zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Red Hat der Marktführer ist. Die gleiche Umfrage in Deutschland oder Frankreich, hätte wohl SuSE respektive Mandrake als Marktführer ergeben.
SuSE – der europäische Sonderweg?
Einige unabhängige Studien versuchen, Variablen wie den Umsatz, Anzahl der verkauften Boxen oder Zahl der Benutzer eines bestimmten Produkts zu messen, und folgen damit den Methoden zwei oder drei. Hier sieht die Situation etwas anders aus. In Europa galt Großbritannien lange als Red-Hat-Hochburg, schließlich liegt dort auch das europäische Hauptquartier der roten Hüte.
Eine Umfrage des britischen Computermagazins “Linux Format” erbrachte kürzlich jedoch das Ergebnis, dass Mandrake in Großbritannien weit in Führung liegt und außerdem SuSE Linux einen leichten Vorsprung vor Red Hat hat. Innerhalb Deutschlands ergeben ähnliche Umfragen stets eine Marktführerschaft von SuSE Linux. Eine Studie der Deutschen Bank von 1999 stufte SuSE sogar als den weltweiten Marktführer ein.
Die International Data Corporation (IDC) sah SuSE im Jahr 2000 als den europäischen Marktführer. Umfragen unter den Lesern des Linux-Magazins im Jahr 2000 ergaben für SuSE einen Anteil von etwa 70 Prozent, quer über alle Benutzergruppen. Das Computermagazin “c’t” ermittelte im Jahr 2001 ähnliche Zahlen. In den USA sehen viele Studien Red Hat als Marktführer, teilweise auch weltweit (IDC). Andererseits beansprucht auch Mandrake die Marktführerschaft in den USA, was die Anzahl der in einem bestimmten Zeitraum verkauften Distributionen betrifft.
In Frankreich ist Mandrake sicherlich eine der stärksten Linux-Distributionen. Turbo Linux war neben Red Hat sehr stark im asiatischen Markt vertreten, in anderen Regionen jedoch eher schwach. Im Augenblick hat das Unternehmen sein Engagement in Europa komplett zurückgefahren. Europäische Niederlassungen mussten bereits anfang des Jahres 2001 wieder schließen.
Caldera folgt seinem eigenen Weg einer sehr businessorientierten Strategie und der Integration von Linux und Unix und ist durch den gut ausgebauten Vertriebskanal der ehemaligen SCO weltweit präsent. Caldera erzielt etwa 30 bis 40 Prozent seines Umsatzes in Europa.
Wichtiger europäischer Markt
Der europäische Linux-Markt kann gegenwärtig als dem US-Markt mindestens gleichwertig angesehen werden. Hier ist nicht zu erwarten, dass sich die Marktpositionen von Mandrake und SuSE entscheidend abschwächen – jedenfalls nicht aufgrund unzureichenden Interesses der Linux-Benutzer.
Interessante Verkaufszahlen lassen sich auch den Webseiten des Online-Händlers Amazon entnehmen. Amazons Website liefert ein Ranking für jedes Produkt, also die Information, ob sich ein Produkt häufiger verkauft als ein anderes. Dieser Verkaufsrang scheint die oben gemachten Statements zu bestätigen. Es ist jedoch etwas Vorsicht geboten, da die Verkaufszahlen eines beliebigen Produkts stark während seiner Lebensdauer schwanken. Ein Vergleich muss deshalb immer über einen längeren Zeitraum erfolgen.
Man kann aus diesen Informationen nicht ohne weiteres eine eindeutige Schlussfolgerung ziehen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Firmen Red Hat, SuSE und Mandrake eine “weiter gehende” Marktführerschaft innehaben als ihre Konkurrenten. Caldera beginnt in einem eigenen, neuen Markt zu agieren und kann deshalb nur noch beschränkt mit den anderen Linux-Firmen verglichen werden.

Abbildung 3: Red Hat und SuSE gelten heute beide als Marktführer, Red Hat zumindest in den USA, vielleicht auch weltweit, SuSE zumindest in Deutschland, vielleicht auch in Europa.
Ähnlichkeiten
Linux-Distributionen verwenden sehr ähnliche Komponenten. Obwohl der Betriebssystem-Kern unter Mithilfe der Distributoren entwickelt wird – sie beschäftigen eine Reihe der wichtigsten Entwickler – ist der Linux-Kernel unabhängig von diesen Firmen. In letzter Instanz liegt die Kontrolle in der Hand von Linus Torvalds.
Es ist verständlich, dass Linux-Distributoren versuchen, die neuesten stabilen Versionen des Kernels und wichtiger Bibliotheken zu verwenden, um keine Marktanteile zu verlieren. Das gilt insbesondere mit Bezug auf Endverbraucherversionen. In den verschiedenen Ausgaben einer so genannten Enterprise Edition ist es hingegen manchmal sinnvoll, lieber etwas ältere, dafür aber erwiesenermaßen stabile Versionen von Kernel und Bibliotheken zu verwenden. Aber selbst bei schnellen Update-Zyklen gilt: Das Linux-API (Application Programming Interface) verändert sich nur langsam. Meist laufen für Kernelversion 2.2 geschriebene und übersetzte Programme auch problemlos auf Kernels der 2.4-Generation.
Wegen der Ähnlichkeiten zwischen den verwendeten Kernelversionen und Programmbibliotheken einzelner Distributionen unterstützen die meisten Linux-Distributoren auch die gleiche Hardware. Mit Ausnahme des Grafik-Supports sind Treiber unter Linux Teil des Kernels. Mit allen halbwegs aktuellen Linux-Distributionen auf derselben Hardware-Architektur können also die gleichen Programme laufen, in den meisten Fällen auch die Programmpakete einer anderen Distribution ohne Neuübersetzung. Falls es einmal nicht klappt, ist es immer noch möglich, die Quellen zu kompilieren.
Für die grafische Benutzerschnittstelle und die Unterstützung von Grafikkarten gilt im Prinzip nichts anderes. Wie bei allen Unix-Varianten ist auch bei Linux das X-Window-System jener Teil des grafischen Interface, der mit der Grafik-Hardware kommuniziert und auf dem die eigentlichen Benutzerschnittstellen aufbauen.
Kommerzielle Linux-Distributoren werden stets versuchen, die neueste X-Window-Version auszuliefern. Folglich haben sie auch denselben Level an Unterstützung für aktuelle Grafikkarten. Mit Gnome und KDE gibt es unter Linux heute zwei miteinander konkurrierende grafische Schnittstellen (sowie eine Vielzahl kleinerer Produkte). KDE ist etwas älter als Gnome, der technische Entwicklungsstand ist aber vergleichbar.
Beide stellen die Funktionalität eines Window-Managers zur Verfügung, bieten aber zusätzlich die Funktionen einer integrierten Desktopumgebung (wie Drag & Drop, Integration und einheitliches Aussehen aller Programme). Einige Hersteller bevorzugen traditionell eher Gnome (Red Hat), andere KDE (SuSE, Mandrake). Alle liefern jedoch beide Umgebungen aus und geben ihren Benutzern die freie Wahl zwischen den Systemen. Es gibt also auch bei Aussehen und Bedienung kaum Unterschiede zwischen den verschiedenen Herstellern. Sind alle Linux-Distributionen gleich? Nicht ganz.
Kleine Unterschiede
Etwas problematisch kann es manchmal sein, RPM-Pakete aus einer Distribution auf einer anderen zu installieren. Als willkürliches Beispiel soll hier der Versuch des Autors dienen, den Kommandointerpreter »zsh« für Red Hat 7.1 auf einer SuSE 7.2 zu installieren. Beim ersten Versuch fehlte auf dem SuSE-System die Bibliothek »libtermcap.so.2«, die jedoch schnell nachinstalliert war.
Danach meldete der Installer einen Versionskonflikt. Das kann schon tückischer sein. Hier betraf er aber nur eine Konfigurationsdatei, die »/etc/zshrc«. Sie war irrtümlich vorhanden, obwohl die »zsh« selbst nicht installiert war. Der Installer »rpm« lässt sich zwar zwingen vorhandene Dateien zu ersetzen. Da deren Bedeutung nicht immer klar ist, ist das jedoch nicht ganz ungefährlich. Nach dem Auflösen des Konflikts lief die »zsh« vom Red-Hat-FTP-Server problemlos unter SuSE Linux.
Ein weiterer kleiner Unterschied war der Ort, an dem die Dokumentation des Pakets installiert wurde. Red Hat verwendet das Verzeichnis »/usr/share/doc /zsh«, unter SuSE Linux wäre eher »/usr/share/doc/packages/zsh« üblich gewesen. Das unterschiedliche Layout der Filesysteme war früher ein größeres Problem als heute, da die Definitionen des FHS (Filesystem Hierarchy Standard) die Unterschiede verringern.
Ärger mit Paketen
Das Beispiel illustriert folgende Punkte: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass alle von einem Paket des Herstellers A benötigte Software auf dem System des Herstellers B bereits installiert ist. Verschiedene Hersteller speichern verschiedene Dateien manchmal in unterschiedlichen Paketen. Es können damit Konflikte mit bereits auf dem System existierenden Dateien auftreten, wenn ein fremdes Softwarepaket installiert wird. Die »zsh« von Red Hat war dynamisch gelinkt mit drei Bibliotheken (Libc, Libtermcap und Libnsl). Alle Bibliotheken waren mit den erforderlichen Versionsnummern auf dem SuSE-System vorhanden oder konnten ohne Schwierigkeiten nachinstalliert werden (»libtermcap.so.2«). Dieser Punkt ist wohl der wichtigste: Die gesamte benötigte Infrastruktur war verfügbar oder konnte leicht erstellt werden.
Nicht nur Installtionsroutinen
Testberichte in Zeitschriften vermitteln oft den Eindruck, die wichtigste Funktionalität der getesteten Produkte sei die Installationsroutine. Das ist schade, da es bei der Auswahl vor allem auf langfristige Tauglichkeit und Qualität einer Linux-Distribution ankommt. Andererseits unterscheiden sich die verschiedenen Produkte bei der Installation noch am ehesten, deshalb bietet sie sich als Kernpunkt eines Tests an. Außerdem ist die Installation für Linux-Neulinge oder Umsteiger die Visitenkarte der Distribution, die den ersten, entscheidenden Eindruck vermittelt.
Unter der Oberfläche liegen jedoch auch hier die Unterschiede in der Funktionalität eher auf dem kosmetischen Level. Die meisten Hersteller bieten heute beispielsweise eine automatische Hardware-Erkennung an. Natürlich ist sie unterschiedlich implementiert, für den Kunden zählt am Ende aber nur, dass seine Hardware korrekt erkannt und eingerichtet wurde.
Konfigurations-Tools haben einen deutlich nachhaltigeren Effekt auf die Benutzbarkeit einer Linux-Distribution, da sie regelmäßig Verwendung finden. Auch hier existieren einige Unterschiede zwischen den Produkten verschiedener Hersteller. Natürlich ist es immer möglich, ein System manuell zu konfigurieren, keine der bestehenden Linux-Distributionen erzwingt die Verwendung ihrer spezifischen Werkzeuge.
Viele Systemadministratoren werden diesen Weg gehen, aber auch ein Desktop-Nutzer muss effektiv arbeiten können, ohne die Feinheiten eines Unix-Systems zu verstehen. Tools wie Linuxconf oder Yast2 vereinfachen aber solche Aufgaben enorm. Durch den Zwang, wenigstens die Funktionalität des nächsten Konkurrenten anbieten zu müssen, verringern sich auch bei den Konfigurations-Utilities die Unterschiede, obwohl deren Implementation gelegentlich nicht ohne gewisse technischen Raffinessen zu bewältigen ist.
Unterschiede zwischen den verschiedenen Linux-Distributionen gibt es auch hinsichtlich der Anzahl an kommerziell unterstützten Plattformen. Für sehr viele Hardware-Plattformen, vom Palm Pilot bis zum Mainframe, gibt es Portierungen des Kernels, die Distributionen unterstützen jedoch nur die wichtigsten, SuSE zum Beispiel Intel-Prozessoren (IA32 und IA64), Alpha, Sparc, PowerPC und einige RS/6000-Modelle sowie IBM S/390-Mainframes (jetzt z-Series) und AS/400 (jetzt i-Series). Bei anderen kommerziellen Herstellern sind es weniger, bei Debian eher mehr.
Zum Schluss dieses Absatzes sollte ein Blick auf die Lizenzierung der verschiedenen Produkte stehen. Die meisten Komponenten einer Linux-Distribution stehen unter der GNU General Public License. Das bedeutet, dass solche Komponenten legal in (fast) beliebiger Weise kopiert und erneut verwendet werden können, man darf nur nicht die Freiheit anderer bezüglich der Verwendung einschränken. Gelegentlich stehen Eigenentwicklungen von Linux-Distributoren jedoch nicht unter der GPL, sondern unter einer eigenen Lizenz, um einem Wiederverkauf vorzubeugen.
Die meisten Linux-Distributoren erlauben das Installieren ihrer Software auf einer unbeschränkten Anzahl von Systemen. Bei Caldera ist die Nutzung des freien Downloads auf ein nicht-kommerzielles Einzelnutzersystem beschränkt.
Konvergenz durch Standardisierung
Die Standardisierungsbestrebungen der Linux-Gemeinschaft tragen ebenfalls dazu bei, die Unterschiede zwischen den Produkten verschiedener Hersteller zu minimieren. Einiges setzt sich im Stillen als De-facto-Standard durch, so etwa das RPM-Paketformat. Andere Standards werden offen durch Komitees aus Firmen und privaten Mitgliedern vorangetrieben. Hier ist besonders die Linux Standard Base (LSB) erwähnenswert. Sie zielt auf die Definition einer standardisierten Grundfunktionalität ab. Für LSB entwickelte Applikationen sollen ohne Änderungen auf jeder LSB-kompatiblen Plattform lauffähig sein. Der File System Hierarchy Standard (FHS) versucht das Layout des Filesystems zu standardisieren. Zusammen mit dem Linux-Internationalisierungsprojekt sind LBS und FHS unter dem Dach der Free Standards Group zusammengefasst.
Beim Training könnten die Spezifikationen des Linux Professional Institute (LPI) als Standard gelten; sie sind von den meisten Linux-Distributoren akzeptiert, Red Hat hat jedoch mit dem Red Hat Certified Engineer (RHCE) eigene Spezifikationen herausgebracht. Der Einfluss des LPI ist daher nicht so groß, wie es wünschenswert wäre.
Die Standardisierung erstreckt sich sogar über die Grenzen des Linux-Markts bis in die Welt proprietärer Unix-Systeme. Häufig liefern deren Hersteller bereits GNU- oder Open-Source-Software aus; das Aussehen und die Funktionalität werden also Linux-ähnlich. IBMs AIX und Calderas OpenUNIX haben zusätzlich einen Linux-Kompatibilitätsmodus. Linux-Programme können dort direkt oder nach einer einfachen Neuübersetzung ausgeführt werden.
Andere Hersteller wie HP folgen diesem Beispiel, Sun will Gnome zum Standard-Desktop auf Solaris machen. Im Licht der wohl gescheiterten Standardisierungsbestrebungen im allgemeinen Unix-Markt (X/Open) ist das bemerkenswert. Linux könnte damit Unix etwas geben, was Dutzende von Treffen hochrangiger Firmenvertreter nicht erreichen konnten.
Ein Blick in die Kristallkugel
Ein Blick in die Zukunft ist vor allem bei den gegenwärtigen Marktbedingungen nicht einfach. Das Schicksal der verschiedenen Linux-Anbieter hängt vermutlich nicht so sehr von der Qualität ihrer Produkte ab als von elementaren Marktregeln. Einige Hersteller werden überleben und aus der Krise gestärkt hervorgehen, da sie die Marktanteile der auf der Strecke gebliebenen Hersteller übernehmen können.
Die Verschiebung des Kerngeschäfts der Linux-Distributoren ist immer noch im Gange: Weg vom reinen Betriebssystem-Design, hin zu Services und Anwendungssoftware. Es liegt deshalb im Interesse aller kommerziellen Hersteller von Linux-Distributionen, ihre Systeme so kompatibel zueinander zu machen wie möglich. Standardisierte Systeme erhöhen die Größe des verfügbaren Marktsegments für alle Beteiligten.
Nur ein Bruchteil des Umsatzes der Firmen im Linux-Markt wird in der Zukunft vom Verkauf der Linux-Distributionen selbst stammen. In der Diskussion um die Frage, welche Linux-Distribution in einer bestimmten Umgebung eingesetzt werden sollte, muss deshalb die Frage nach der lokalen Marktposition eines bestimmten Herstellers sowie der Verfügbarkeit von Support und Professional Services eine wenigstens genauso große Rolle spielen wie die ohnehin ständig geringer werdenden technischen Unterschiede. Diese sind bei aktuellen Produkten verschiedener Hersteller sowieso meist kleiner als die Unterschiede zwischen den verschiedenen Versionen eines Produkts aus ein und derselben Werkstatt.
Linux hat (noch) einen eher geringen Anteil am Gesamtmarkt bei Betriebssystemen und ist nach wie vor vor allem auf Servern verbreitet. Obwohl aufgrund der enormen Fortschritte in der Funktionalität von Gnome und KDE eine starke Vergrößerung des Marktanteils auch bei Desktop-Systemen und im wachsenden Handheld-Markt wahrscheinlich wird, kann Linux doch erst wenige Prozent dieses Marktsegments sein Eigen nennen. Eine Fragmentierung des Markts ist in niemandes Interesse. (uwo)

Abbildung 4: Die Bemühungen der Linux Standard Base werden die einzelnen Distributionen in technischer Hinsicht einander angleichen.

Abbildung 5: Einheitliche Zertifikate für Linux-Kenntnisse – quer über alle Distributionen – sind das Ziel des Linux Professional Institute.
Der Autor |
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Rüdiger Berlich war von 1998 bis 2001 für verschiedene Tochterfirmen der SuSE Linux AG tätig und arbeitet heute im Bereich des Linux-Clusterings und des GRID-Computings. Er beschäftigt sich seit 1992 mit Linux. |








