Jelastic nennt sich das PaaS-Angebot einer Dortmunder Firma speziell zum Betreiben von Java- und PHP-Anwendungen. Beim Test fiel der Dienst durch technische Finesse und durch sofortiges, lastabhängiges Skalierverhalten ohne Admin-Eingriff auf.
Ob nur wegen eines unguten Bauchgefühls oder wegen harter Forderungen an die Compliance: Firmen tun sich schwer, externe Cloudleistungen zu buchen, bei denen ihre Daten auf Servern im Ausland landen. Prism & Co. sind sicher nicht geeignet diese Skepsis zu zerstreuen. Im Umkehrschluss wächst das Angebot an As-a-Service-Leistungen einheimischer Dienstleister, auch kleinerer mit pfiffigen Ideen. Der als Platform-as-a-Service einzuordnende Dienst Jelastic [1] beispielsweise hostet für seine Nutzer die gesamte Infrastruktur, die sie für PHP- und Java-Anwendungen benötigen.
Das deutsche Unternehmen Dogado behauptet, mehr als Webhosting zu bieten, insbesondere bewerben die Dortmunder das Feature, dass die auf diese Weise gehosteten Sites automatisch skalieren, also regelmäßig ihren Ressourcenbedarf ermitteln und anpassen. Die öffentliche Jelastic-Cloud [1] lagert im TÜV-zertifizierten Rechenzentrum von Host Europe [2] in Köln, was Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes entgegenwirken soll, da allein der Rechtsraum der Bundesrepublik Deutschland gilt.
Wer – wie das Linux-Magazin – den Jelastic-Dienst zu testen beginnt, merkt, dass der Hersteller die Kundenerwartungen an Public Cloud Computing verstanden hat: Nach dem Anlegen eines Accounts auf der Jelastic-Website kommen die Zugangsdaten per Mail, bezahlt wird per Überweisung oder Kreditkarte. Dann darf es bereits losgehen. Selfservicing spielt bei Jelastic offenbar eine große Rolle. Mit dem freigeschalteten Account erhält der Kunde Zugang zum Jelastic Dashboard, über das er die von ihm genutzten Dienste innerhalb von Jelastic steuert.
Containerbahnhof verstehen
Das Fundament für den Dienst bildet Technik von Parallels. Der Hersteller nennt die Appliances, die er hostet, Container, also abgetrennte Bereiche auf dem Hostsystem, die eigene, beschränkte Ressourcen bereitgestellt bekommen. Eine Jelastic-Appliance ist somit zwar keine echte virtuelle Maschine, wohl aber eine gekapselte Applikation, die nicht selbstständig auf die Ressourcen der anderen Container zugreifen darf. Das verhindert, dass sich Applikationen gegenseitig beeinflussen, um Ressourcen streiten oder Daten stehlen.
Skalierbarkeit als Kernfunktion
Ein Dienst lässt sich auf zweierlei Weise skalieren: in der Höhe und in der Breite. Das Skalieren in der Höhe erweitert oder verringert vorhandene Systeme entweder um weitere Ressourcen oder ersetzt sie durch leistungsstärkere oder -schwächere Systeme. Die Zahl der Systeme ändert sich nicht. Das Skalieren in die Breite dagegen passt die Anzahl der bereitstehenden Systeme dem Workload an. Das Skalieren in der Höhe stößt naturgemäß früher oder später an seine Grenzen – nämlich dann, wenn ein Rechner nicht mehr zu erweitern ist. Skalieren in der Breite hingegen funktioniert, bis der ganze Rechnerpool überlastet ist.
Laut Dogado skaliert die Jelastic-Plattform sowohl in der Höhe als auch in der Breite. On the Fly bekommt ein Container zusätzliche Container zur Seite gestellt und/oder der Hypervisor des Hosts passt lediglich die Menge der verfügbaren Ressourcen an. Der Unterschied für den Kunden macht sich auch bei der Abrechnung bemerkbar, weil der Kunde bei PaaS meist die tatsächlich genutzte Leistung zahlt. Container kosten bei Jelastic eine Art Grundgebühr, die beim Starten einer Instanz einmalig anfällt. Der Kunde bestimmt daher, wie viele virtuelle Server eine Appliance umfassen soll.
Das Skalieren der Breite übernimmt die Plattform im laufenden Betrieb dann selbst: Merkt eine Appliance, dass ihr die Ressourcen knapp werden, fordert sie vom Hypervisor automatisch mehr Power an. De facto muss sich der Kunde keine Sorgen um die Performance machen, solange er die maximale Containeranzahl nicht unterdimensioniert hat. Die Plattform federt Lastspitzen über das beschriebene Skalieren der Breite automatisch ab.
Im Test funktionierte das Ganze prima, wie mehrere parallele Wget-Prozesse in der Endlosschleife zeigten, die die Tester auf eine Jelastic-Testsite losließen. Mit der anschwellenden Last stieg die Zahl der genutzten so genannten Cpulets bis zu den Grenzen, die die Tester zuvor im Dashboard festgelegt hatten.
Hello World
Wer sich bei Jelastic anmeldet, bekommt nach dem ersten Login über das Dashboard einen Assistenten zur Seite gestellt (Abbildung 1), der mehr oder minder hilfreiche Tipps und Tricks von sich gibt. Sowohl während der Ersteinrichtung als auch beim normalen Arbeiten bleibt dieser Ratgeber nicht die einzige Handreichung der Plattform. Denn es existiert auch eine ausführliche Dokumentation in auffallend guter Qualität.
Zunächst muss sich der Kunde entscheiden, welche Art von Appliance er möchte: für Java- oder für PHP-Projekte. Für beide Varianten kann der Admin obendrein eine SQL- oder No-SQL-Datenbank anfordern. Ein einzelner Container mit MySQL-Datenbank und Tomcat kommt auf eine Grundgebühr von rund 28,50 Euro (24 Euro netto) pro Monat (Abbildung 2). Am Ende des Einrichtungsvorgangs, der keine zwei Minuten dauert, erhält der Kunde eine komplette MySQL-Tomcat-VM, in der bereits das Beispielprojekt “Hello World” deployt ist.

Abbildung 1: Der Assistent mit der Sonnebrille führt durchs Setup. Auch die klassische Dokumentation ist komplett und hilfreich.

Abbildung 2: Über einen Wizard begleitet Jelastic das Aufsetzen der ersten Umgebung im Jelastic-Dashboard, die auch eine Datenbank enthalten soll.
Softwaretechnisch durchgängig top
Bei den unterstützten Programmen braucht Jelastic sich definitiv nicht zu verstecken: Wer die Plattform für Java-Anwendungen nutzt, erhält wahlweise einen Tomcat, der Java 6 oder Java 7 unterstützt (Abbildung 3), alternativ Jetty oder Glassfish 3. Für PHP-Anwendungen stehen PHP 5.3 und PHP 5.4 in Kombination mit Apache bereit.
Bei den Datenbanken haben Nutzer die Wahl zwischen MySQL, Maria DB, PostgreSQL, Counch DB und Mongo DB. Vorbildlich: Der Anwender kann ein Clustering mit MySQLs eingebauter Master-Slave-Funktion direkt im Dashboard aktivieren. Load Balancing realisiert die Plattform auf Wunsch per Nginx.
Nach dem ersten Setup steht eine komplette Java- oder PHP-Appliance in einer funktionierenden Standardkonfiguration bereit (Abbildung 4). Doch wer für sein Projekt besondere MySQL- oder PHP-Einstellungen benötigt, kann diese über das Jelastic-Dashboard vornehmen. Beachtlich ist das schon allein deshalb, weil Jelastic auf diese Art ein wirklich breites Spektrum an Anwendungen in einem Container abzubilden vermag.

Abbildung 3: Sieht zwar so aus wie ein Tomcat, ist in Wirklichkeit aber ein Nginx, das der Anwender übers Dashboard zur Instanz hinzugeklickt hat.

Abbildung 4: Auch wenn die Farbgebung wohl einige Gewöhnung erfordert – das Jelastic-Dashboard ist durchgängig übersichtlich gestaltet und in wirklich vorbildlicher Weise funktional, sodass von Klickibunti hier nicht die Rede sein darf.
Management per Mausklick
Für Begeisterung bei den Tests sorgten die Managementfunktionen. Auf dem Spielfeld der PHP- und Java-Anwendungen gibt es praktisch keine Funktion, die sich nicht in wenigen Mausklicks aktivieren oder wieder deaktivieren ließe (Abbildung 5). Wer beispielsweise das Standardsetup im Anschluss an den ersten Login gern hochverfügbar machen möchte, wählt in der Umgebung über den Button »Umgebungstopologie ändern« einfach die Option »HA« . Nach einem Mausklick und ein paar Sekunden Wartezeit startet Jelastic eine zweite Instanz mit identischer Konfiguration – und erweitert das Setup um einen Nginx-basierten Load Balancer.

Abbildung 5: Applikationen lassen sich im Dashboard per Mausklick verändern und erweitern. Diese Funktion fanden die Tester großartig, weil absolut leicht zu bedienen.
Konfigurationsdateien per Webinterface ändern
Soll die Seite über eine öffentliche IP von außen zugänglich sein, genügt ein weiterer Haken bei der IPv4-Funktion, der für die Zuweisung einer zugänglichen Adresse sorgt. Soll die Appliance schneller werden, ist vielleicht ein Memcached hilfreich: Mausklick – fertig. SSL-Zertifikate sind genauso wenig ein Problem wie das Einrichten eines Hosts für Maven, also das Java-Build-Werkzeug.
Pfiffig ist auch das Editieren von Konfigurationsdateien gelöst. Dienste, die Kunden für ihre Jelastic-Umgebungen aktivieren, erscheinen in einer Liste, die spezifisch für jede Umgebung existiert. Dort gibt es dann eine kleine Toolbar mit einigen Icons, eins davon führt zu »Dienst konfigurieren« . Dann öffnet sich ein Editorfenster, in dem Admins die Konfiguration nach ihren Vorstellungen ändern (Abbildung 6).
Ein Klick auf »Speichern« beendet den Vorgang und führt zurück zum Dashboard-Hauptfenster. Auf diese Weise gelingt es dem Admin, die Konfigurationsdateien aller betroffenen Dienste zu ändern – ein eigener Shellzugang ist jedoch nicht vorgesehen.

Abbildung 6: Wer mit der MySQL-Standardkonfiguration nichts anfangen kann, editiert über das Jelastic-Dashboard direkt »my.cnf«.
Ausgestaltung zielt zweifellos auf Firmen
My Home is my Castle: Der Anbieter Dogado weist darauf hin, dass er eine Jelastic-Variante für eine Private Cloud anbietet, bei der die Kontrolle über die Hardware beim Kunden liegt. Weitere Informationen zu dem Angebot, das einiges technische Know-how voraussetzt, gibt es auf Anfrage beim Hersteller.
Auch im Hinblick auf Servicelevel lassen sich die Dortmunder nicht lumpen, indem sie mehrere Wege anbieten, um gegen Aufpreis aus den Standard- einen Premium-Support mit 24/7-SLA zu machen. Dogado stellt hier offenbar auf Geschäftskunden ab, die auf der Suche nach einer Plattform für ihre Applikation sind, Support nach Enterprise-Maßstäben brauchen, aber selbst nicht unbedingt IT-affin sind.
Wahrlich kein Schnäppchen
Dogado hat sich für Jelastic ein cleveres Tarifsystem ausgedacht, bei dem jede Computing-Dienstleistung einem Gegenwert in Cloudlets besitzt. Ein Cloudlet entspricht 128 MByte RAM und 200 MHz CPU-Leistung und reichlich 14 Euro pro Monat. Das nach dem ersten Login im Webinterface angelegte System mit Tomcat 7 und MySQL beziffert der Hersteller zum Beispiel auf zwei Cloudlets.
Mit dem laufenden Betrieb beginnt dann ein etwas komplexes Rechenspiel, bei dessen Verständnis zum Glück das Dashboard zur Seite steht. Das Dogado-Versprechen, Ressourcen nur nach tatsächlichem Verbrauch zu verrechnen, wird teilweise dadurch ausgehöhlt, dass Jelastic für bestimmte Dienste Cloudlets reserviert, die der Kunde auf jeden Fall zu zahlen hat – beispielsweise beim Aktivieren der Lastverteilung. Wer für eine (!) Instanz alle Funktionen aktiviert, reserviert elf Cloudlets fix und zahlt mindestens 82 Euro dafür. Lediglich die Cloudlets, die im Rahmen der automatischen Skalierbarkeit in der Höhe anfallen, sind tatsächlich wie vom Hersteller angekündigt dynamisch.
Damit das Ganze nicht zur Kostenfalle gerät, lässt sich im Dashboard eine Obergrenze festlegen, die Jelastics automatische Skalierfunktion nicht überschreiten wird. Für die zuvor beschriebene Instanz in der vollständigen Konfiguration liegt sie ab Werk bei rund 340 Euro brutto und ist damit schon nicht mehr ganz billig. Enthalten darin sind allerdings auch die fixen Gebühren für die im Setup genutzten IPv4-Adressen, die pauschal anfallen, sobald die IPs in Nutzung sind.
Die Frage, ob sich Jelastic für ein Unternehmen lohnt, hängt insofern von der erwarteten tatsächlichen Last ab. Wenn die Jelastic-Applikation aber nicht dauernd unter Volllast steht, rechnet sich die Nutzung für eine Java- oder PHP-Seite im Gegensatz zur Wartung und Pflege eines eigenen Servers zumindest dann, wenn ein 08/15-Webhosting-Angebot nicht die gewünschte Funktionalität mitbringt.
Fazit und Wertung
Die Dienste, die die Firma Jelastic hostet, ließen sich zwar auch auf einem eigenen Server betreiben, sei dieser virtualisiert oder echtes Blech. Doch der wäre lange nicht so flexibel nutzbar und brächte obendrein die unangenehme Aufgabe mit, dass sich jemand um das System kümmern muss. Wer PaaS-Dienste in Anspruch nimmt, will ein System, das “einfach nur funktioniert”. Und tatsächlich zeichnet sich Jelastic durch eine immense Flexibilität aus.
Fast wichtiger noch: Jelastic skaliert bei unerwarteten Lastspitzen automatisch in den vom Benutzer bestimmten Grenzen. Wer eine Website oder vielleicht Onlineshops betreibt, die eine Tages im Fernsehen gezeigt und anschließend von Interessenten überrannt werden, fährt mit einer solchen Skalierungsautomatik vermutlich deutlich besser als mit einem dedizierten System.
Auch die technische Umsetzung der Lösung erwies sich im Test als beinahe makellos. Es gab nichts, das nicht auf Anhieb wie erwartet funktioniert hätte. Die PaaS-Container-Setups für PHP und Java waren leicht aufzusetzen und per Mausklick um öffentliche IPv4-Adressen, Hochverfügbarkeit oder auch Load Balancer schnell und einfach erweitert. Die ordentliche Dokumentation und der Umstand, dass alle Daten auf deutschen Servern liegen, runden den technischen Gesamteindruck ab.
Weniger Begeisterungsstürme löst dagegen die Preispolitik von Jelastic aus. Denn wer die pfiffige Umgebung ernsthaft nutzt, steigt trotz der Mengenrabatte schnell in finanzielle Höhen, für die sich auch ein, zwei gemanagte Server mieten lassen. (jk)
Infos
- Jelastic: http://www.jelastic.com
- Host Europe: http://www.hosteurope.de/Host-Europe/Technologie/#Datacenter





