Aus Linux-Magazin 01/2002

Brelug

Die Mitglieder der Brettener Linux-Usergroup glauben fest an die Fähigkeit des Chaos, sich selbst am besten zu organisieren. Bei der Brelug wird nichts organisiert, es gibt keine festen Vereinsstrukturen. Trotzdem kommt immer etwas Sinnvolles heraus.

Was Marcel Stanitzki, eines der rund 30 Mitglieder, formuliert, findet seine Bestätigung bei den monatlichen Treffen der Brelug: keine Tagesordnung, keine Themenliste, schon gar kein Vorsitzender oder Kassenwart – kurzum: Außer Datum und Ort des Treffens ist nichts geregelt. Mitglieder im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Wer kommt, ist dabei.

Dennoch: Wenn weit nach Mitternacht die letzten der meist zehn bis 15 Teilnehmer den Heimweg antreten, hat jeder Neues gelernt, hat Erfahrungen ausgetauscht, Problemlösungen im Gepäck. So zufällig, wie sich die Gesprächsrunden an der langen Tafel im Nebenzimmer einer Pizzeria bilden, so chaotisch, wie die Gesprächsthemen sprunghaft wechseln, es kommt (fast) immer Sinnvolles dabei heraus. Und keiner hat das Gefühl, zu etwas verpflichtet zu werden, Zwängen zu unterliegen.

Plüsch-Tux und Alt-68er

Es gibt nicht mal die Vorgabe, sich an diesem Abend unbedingt mit Linux, den Vorzügen des jüngsten Kernels oder den Problemen beim Einrichten einer ISDN-Karte beschäftigen zu müssen. Es gab bereits ein paar Abende, da erinnerte nur der Plüsch-Tux auf dem Tisch daran, dass hier eine Linux-Usergroup zusammensaß. Viel interessanter war es, über die neuesten Nachrichten aus der Politik zu diskutieren. Oder über Amateurfunk, den einige aus der Gruppe betreiben. Oder den Älteren zuzuhören, wenn sie erzählen, wie es damals war, das heißt 1968.

Die bunte Mischung von Leuten aus den verschiedensten Berufen öffnet den Blick in die Arbeitswelt, was der Azubi bei Siemens erlebt, ist genauso spannend wie der Alltag eines leitenden Angestellten oder die Erfahrungen eines Systemadministrators. Nicht mal das Wort Microsoft ist tabu bei der Brelug. Einigkeit herrscht in der Ansicht, dass die Produkte aus Redmond schlechter sind als Open-Source-Software und dass es lohnenswert ist, sich für die Verbreitung von Linux einzusetzen.

Bunte Truppe

Chaotische Strukturen finden sich in der Mailingliste wieder, die zwischen den Treffen für den Zusammenhalt der Gruppe sorgt. Da stehen zwar Fragen und Antworten zu Linux im Vordergrund. Aber wenn einer mal eine besonders interessante Off-Topic-Seite im Netz gefunden hat, wird natürlich die URL gepostet. Und dann wird alle vier Wochen mit vielen Mails ausgehandelt, was eigentlich sowieso alle wissen: Am ersten Freitag im Monat ist wieder Brelug-Stammtisch.

Die sich da treffen, sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Knapp über 20 Jahre alt ist der Jüngste, die Reiferen werden in absehbarer Zeit den 50. Geburtstag feiern. Manche haben tagtäglich am Arbeitsplatz mit Linux zu tun (als Systemadministrator, als Wissenschaftler oder Student), andere nur zu Hause auf ihrem Privatrechner.

Im Büro haben sie Windows-Rechner stehen, an denen sie (etwa als Ingenieur, Journalist oder Software-Entwickler) ihre Brötchen verdienen. Es gibt alte Hasen und unerfahrene Neulinge. Mancher ist seit frühesten Linux-Zeiten dabei, andere haben sich erst die jüngste Distribution gekauft und mit Hilfe eines anderen aus der Gruppe zum Laufen gebracht.

Die Gruppe nennt sich zwar nach dem Kraichgaustädtchen Bretten (etwa 28000 Einwohner, zirka 30 Kilometer von Karlsruhe entfernt), viele Mitglieder kommen aber aus dem Umkreis, manche nehmen mehr als 50 Kilometer Anfahrt in Kauf, um bei den Treffen dabei zu sein. Nur ein Brelug-Mitglied blieb bislang dem Stammtisch fern, denn es lebt an der kanadischen Westküste. Der Kontakt beschränkt sich auf E-Mails.

Tischreservierung

Gegründet hatten die Brelug Ende 1995 in und um Bretten lebende Studenten und Mitarbeiter der Universität Karlsruhe. Sie fanden sich durch eine Newsgroup zusammen. Schwung kam 1998 in die Gruppe, als zahlreiche neue Mitglieder aus den verschiedensten Berufen zu ihr stießen. Die Vielfalt ihrer Interessen führte zu einer Bereicherung und Belebung der Brelug.

Einigkeit herrscht jedoch stets in einem Punkt: Wir werden niemals ein richtiger Verein! Zwar gibt es zentrale Figuren wie Peter, der die Mailingliste betreut, oder Marcel, der für die Homepage zuständig ist, sowie Walter, der dafür sorgt, dass der Stammtisch in der Pizzeria reserviert wird. Aber das geschieht ganz ohne Auftrag – einfach, weil es eben nötig ist. Überflüssig zu erwähnen, dass es keinen Mitgliedsbeitrag gibt.

Wozu auch? Der einzige feste Ausgabenposten der Brelug ist die Gebühr für die Homepage. Die wurde bisher dank der großzügigen Spende eines Mitglieds finanziert. Die Homepage dient der Selbstdarstellung der Gruppe nach außen. Wer den Termin für das nächste Treffen samt Anfahrtskizze sucht, ist hier richtig. Und er kann sich auch anhand zahlreicher Fotos ein Bild davon machen, wie es beim Brelug-Stammtisch zugeht.

Ausflugsziel Linux-Tag

Über weitere Veranstaltungen, etwa eine Installationsparty, haben sich die Brettener Linuxer zwar schon die Köpfe heiß geredet. Stattgefunden hat sie dann doch nicht. Das hängt auch mit den schlechten Erfahrungen zusammen, die Brelug-Leute bei Installationspartys anderer LUGs sammelten.

Wenn einer wissen möchte, wie man Linux installiert, kann er es schließlich bei der Brelug erfahren und sich Hilfe holen. Am besten bringt er einfach seinen Rechner mit und hat an einem Abend sein Grundwissen über die Linux-Installation samt Anpassung und Neukompilierung des Kernels zusammen.

Eine Veranstaltung haben die Linux-Freunde dann doch organisiert: den Vereinsausflug zum Linux-Tag in Kaiserslautern 1999. Dort schauten sich die Brettener gründlich um, was alles geboten wurde. Diskutiert wurde anschließend auf dem Lister und am Stammtisch – aber über Vor- und Nachteile des öffentlichen Nahverkehrs. (agr)

Interview mit Susanne Kretschmann und Marcel Stanitzki

Marcel Stanitzki arbeitet an seiner Promotion im Fach Physik an der Uni Karlsruhe. Er hat viel mit Datenauswertung zu tun, die grundsätzlich unter Linux und anderen Unixen erfolgt. Er ist Gründungsmitglied der Brelug und seit Kernelversion 1.2.10 Linux-Fan.

Susanne Kretschmann ist eines von zwei weiblichen Mitgliedern der Brelug. Sie kam vor vier Jahren zu der Gruppe, um mehr über das freie Betriebgssystem zu erfahren, von dem sie zuvor viel gelesen hatte. Die promovierte Diplompsychologin berät Betriebs- und Personalräte in technischen und organisatorischen Fragen.

Linux-Magazin: Wie seid ihr das erste Mal mit Linux in Berührung gekommen oder habt davon erfahren?

Stanitzki: Wir hatten in der Uni Zugang zu HP-UX-Maschinen. Da die Zeit zum Probieren begrenzt war, entstand rasch der Wunsch, auch ein Unix für zu Hause zu haben. Von Kommilitonen erfuhr ich von Linux.

Kretschmann: Ich hatte in der “c’t” davon gelesen und bei einer öffentlichen Vorführung erstmals Linux in Betrieb gesehen.

Linux-Magazin: Was hat euch an Linux als Betriebssystem fasziniert?

Stanitzki: Eleganz und Offenheit des Systems.

Kretschmann: Die Hoffnung, keine Bluescreens mehr zu bekommen, vor allem aber die Open-Source-Idee.

Linux-Magazin: Warum habt ihr euch dazu entschlossen, eine LUG zu gründen beziehungsweise ihr beizutreten?

Stanitzki: Weil man sich mit anderen Leuten über das damals noch junge Betriebssystem austauschen wollte.

Kretschmann: Um von erfahrenen Usern zu lernen. Besonders als Anfängerin ist es dringend notwendig, auf die Kenntnisse erfahrener User zurückgreifen zu können.

Linux-Magazin: Informationen über Linux gibt es im Internet. Was macht eine LUG anders?

Stanitzki: Eine LUG ist viel interaktiver und persönlicher als das Netz. Vor allem aber kann man sich in der Brelug gut über Dinge außer Linux unterhalten.

Kretschmann: Ich muss nicht erst drei Stunden suchen, sondern erhalte die Antwort postwendend – und sei es nur RTFM.

Linux-Magazin: Kannst du die Atmosphäre bei deinem ersten LUG-Treffen beschreiben?

Stanitzki: Wir waren sechs Leute, von denen sich die meisten nur über eine Newsgroup kannten und sich beim ersten Treffen auch erstmals sahen. Aber es war gleich ein unheimlich lustiger Abend.

Linux-Magazin: Verdient ihr euer Geld mit Linux und freier Software?

Stanitzki: Indirekt schon. Denn ich verwende fast nur Linux und freie Software für meine Forschungsarbeit.

Kretschmann: Nein.

Linux-Magazin: Konntet ihr aus eurer LUG-Mitgliedschaft Vorteile für einen anderen Bereich ziehen, eventuell im Beruf?

Stanitzki: Auf jeden Fall. Der Austausch von Know-how, der aber nicht nur Linux betrifft. Zum Beispiel Erfahrungen mit neuer Hardware, neuen Programmen und so weiter.

Kretschmann: Ich habe viel über die Strukturen von Betriebssystemen gelernt. Das kann ich in meiner Beratungsarbeit häufig einsetzen – auch wenn meine Kunden meist in der Windows-Welt zu Hause sind.

Linux-Magazin: Wie sieht die ideale Linux- Usergroup aus?

Kretschmann und Stanitzki: So wie unsere. Eine gute Mischung aus Profis und Privatanwendern. Leute aus ganz unterschiedlichen Berufen – also nicht nur EDV-Profis. Und vor allem ohne jede Vereinsmeierei.

Linux-Magazin: Wie sieht eurer Meinung nach die Zukunft von Linux aus?

Stanitzki: Es wird sich mit Sicherheit immer weiter durchsetzen – wegen seiner Offenheit und vor allem wegen seiner Stabilität. Ich sage voraus, dass es einen langen Marsch durch die Institutionen geben wird. Linux wird sich allmählich von den Servern auf den Desktop ausbreiten.

Kretschmann: In der ganzen Serverwelt wird sich das freie Betriebssystem sicherlich noch weiter durchsetzen. Vor allem in Betrieben und Verwaltungen wissen die Entscheidungsträger noch zu wenig über die Vorteile, um Linux auf den Clients einzusetzen. Für Privatanwender erfordert Linux trotz aller Fortschritte in der Entwicklung noch relativ viel Einarbeitungszeit und Geduld. Daher wird der Durchbruch auf dem privaten Desktop wohl noch ein Weilchen dauern.

Infos

Webpage: [http://www.brelug.de]

Kontakt-E-Mail: [willi@brelug.de]

Mitgliederzahl: kein organisierter Verein; zu den Treffen kommen jeweils zehn bis 20 Interessierte, auf dem Lister stehen gut 30 Namen

Regelmäßige Treffen: jeden ersten Freitag des Monats bei Pepino (“Deutsches Haus”) in Bretten, Weißhofer Straße (Anfahrtsplan auf der Webseite)

Weitere Aktivitäten: unregelmäßig, werden per Mail ausgemacht

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