Neue Projekte, ausführliche Tests und das Gezerre um die Rolling Release hielten die Ubuntu-Entwickler im aktuellen Release-Zyklus offenbar in Atem: Version 13.04 bringt darum keine spektakulären Neuerungen mit, sieht man vom verkürzten Supportzeitraum ab.
Eine Weile schien es so, als würde Ubuntu 13.04 erst gar nicht fertig gebacken. Anfang März diskutierten die Entwickler – nicht das erste Mal, aber diesmal ausführlich – darüber, Ubuntu in eine Rolling Release zu verwandeln. Die Pläne wurden zwar verworfen, aber der Supportzeitraum für die Zwischenversionen dennoch dramatisch reduziert. Ein Grund: Firmen und Organisationen, die ein stabiles Ubuntu wollen, greifen ohnehin meist zu den LTS-Varianten mit fünf Jahren Support.
Support, lass nach!
Die Versorgung mit Updates für die Zwischenversionen verkürzen die Ubuntu-Entwickler von bislang 18 Monaten auf einen Zeitraum von nur noch neun Monaten, angefangen bei Ubuntu 13.04. Das spart Mehraufwand und passt ins Bild: Vor allem Canonicals Entwickler versuchen seit einer Weile, ihren umfangreichen Workflow zu optimieren und zu entschlacken, um mehr Zeit für andere Entwicklungsziele zu haben.
Daneben steht im aktuellen Release-Zyklus auch das Testen [1] im Vordergrund: Automatische Softwaretests sollen die täglichen Ubuntu-Images so stabil machen wie die offiziellen Releases und den Entwicklern langwieriges manuelles Testen ersparen. Ein neues Buildsystem mit einer Jenkins-CI-Anbindung baut Gnome-Module zum Beispiel nicht nur wesentlich schneller, sondern testet sie auch gleich.
Touché
Auch die Arbeit an Ubuntu Touch, dem System für Mobilgeräte, fordert offenbar ihren Tribut: Das Aufsetzen von Webseiten, die Dokumentationen, das neue Touch-SDK, das Entwickeln von QML-basierten Touch-Apps sowie die Arbeit am Benutzerinterface nehmen im Entwicklungszyklus von Ubuntu 13.04 einigen Platz ein. Schon einige Zeit tüfteln die Entwickler, um die Tablet- und Smartphone-Hardware der Nexus-Reihe von Google mit Ubuntu zum Laufen zu bringen, konkret geht es um die Nexus-Varianten 4, 7 und 10.
Eine weitere Herausforderung ist die Arbeit am neuen Displayserver Mir: Mit der Wayland-Konkurrenz hat Canonical sich nicht nur einen Haufen Community-Ärger, sondern auch eine weitere Großbaustelle ins Haus geholt. Alles Gründe, aus denen Ubuntu 13.04 weniger Neuerungen im Gepäck hat als vorherige Ubuntu-Versionen.
Unity 7
Dabei mangelte es nicht an Plänen: Die neuen Smart Scopes sollten zusammen mit Unity 7 Einzug halten und eine große Anzahl neuer Suchoptionen im Dash intelligent miteinander verknüpfen. Die Technologie landete zwar in letzter Sekunde beim Release Team, wurde dann aber mit dem Qualitätsargument auf die nächste Version 13.10 vertagt – die übrigens den Codenamen Saucy Salamander tragen wird.
Auch die »Privacy« -Optionen in den Systemeinstellungen enttäuschen: Noch immer lassen sich die Zugriffe auf externe Dienste nur pauschal zu- oder abschalten. Will der Nutzer also in der neu eingeführten Bilderlinse nach Flickr-Fotos suchen, muss er auch die Amazon-Ergebnisse in Kauf nehmen – es sei denn, er entfernt die Amazon-Linse gezielt über:
sudo apt-get remove unity-lens-shopping
Um jedoch externe Fotodienste wie Flickr und Picasa auch über das Dash zu nutzen, muss man diese zunächst in den Systemeinstellungen über den Punkt »Online-Konten« einrichten.
Doch es gibt auch Verbesserungen: Eine Fuzzy-Suche erlaubt es Benutzern, sich beim Aufrufen einer Anwendung über das Dash zu vertippen und trotzdem ans Ziel zu gelangen. Das Dash läuft performanter, auch an der Preview-Funktion haben die Entwickler gefeilt (Abbildung 1), über die das Dash Filme, Musik und Bilder in einer Vorschau abspielt beziehungsweise anzeigt.

Abbildung 1: Das Dash bringt eine integrierte Vorschaufunktion mit, die der Anwender über die rechte Maustaste erreicht. Fotos lassen sich darüber drucken oder per E-Mail versenden.
Viele der mitgelieferten Programme liegen wie immer in neuen Versionen vor, darunter die freie Bürosuite Libre Office (Version 4.0) und der Browser Firefox (Version 20.0). Der Ubuntu One Music Store, über den Ubuntu-Anwender Musik käuflich erwerben können, ist nicht mehr in den Audioplayer Rhythmbox 2.98 integriert, sondern existiert als reine Onlinevariante weiter.
Den Microblogging-Client Gwibber hat sein Hauptentwickler Ken VanDine auf eine QML-Basis portiert. Er heißt nun Friends und lässt sich über das Paket »friends-app« nachinstallieren. Die Bildverwaltung Shotwell ist in Version 0.14 an Bord. Sie bringt eine Folder-Tree-Ansicht mit, die an der Seite die Importordner anzeigt. So lässt sich in speziellen Foldern navigieren.
Für Gnome-Freunde liefert das Ubuntu-Projekt inzwischen offiziell eine eigene Variante der Distribution aus: Ubuntu Gnome [2]. Die bringt aus Stabilitätsgründen die Variante 3.6 mit und nicht Gnome 3.8, das sich aber über ein PPA nachholen lässt. Zudem ersetzen Firefox und Libre Office die Anwendungen Epiphany respektive Abiword.
Zugleich reagierten die Entwickler auf die zunehmende Verbreitung von Ubuntu in China und haben mit Ubuntu Kylin 13.04 [3] erstmals eine auf dieses Land zugeschnittene Variante veröffentlicht, die unter anderem den chinesischen MS-Office-Klon WPS Office an Bord hat sowie Links zu lokalen Webdiensten.
Abteilung für Inneres
Die Veränderungen unter der Kruste reichen von Upstart über den Kernel bis hin zu den Cloudtechnologien. Ubuntu setzt einmal mehr auf einen angepassten Kernel (Ubuntu-Kernel 3.8.0-19), der auf dem Upstream-Kernel 3.8.8 basiert. Letzterem fehlt zum Beispiel der Support für die Dateisysteme Overlay-FS und Au-FS, zudem unterstützt Ubuntus Variante zusätzliche Bluetooth-Geräte und verzichtet auf Firmware, die bereits im Paket »linux-firmware« steckt.
Neuerungen verzeichnet auch Ubuntus Startsystem Upstart, das in Version 1.8 mit von der Partie ist. Dank der neuen Upstart File Bridge können Jobs nun auf Änderungen am Dateisystem reagieren. Ein Werkzeug, das auf den Namen »upstart-monitor« hört, lässt den Admin die Ereignisse beim Systemstart in Echtzeit verfolgen. Zudem steckt in Ubuntu 13.04 eine Technologievorschau: Die Upstart User Sessions sollen es dem Systemstarter künftig erlauben, die Desktop-Sitzungen der Anwender zu kontrollieren.
Weitere Aktualisierungen für den Admin stecken in der NoSQL-Datenbank Mongo DB. Ubuntu liefert Version 2.2.4 aus, die besseren ARM-Support mitbringt und SSL-Verbindungen unterstützt. Open Vswitch ist in Version 1.9.0 dabei, sie punktet mit Support für Kernel 3.8 und mustert nach und nach das Bridge Compatibility Module aus.
Heiter bis wolkig
Nach wie vor hält Canonical große Stücke auf eine Verbindung von Ubuntu mit Open Stack, Unternehmen wie AT&T, T-Mobile und China Mobile sehen das offenbar ähnlich. Das Cloud-Computing-Framework ist nicht nur in der neuesten Version (Codename Grizzly) an Bord von Ubuntu 13.04, auch die LTS-Anwender dürfen diese Variante einspielen. Wie das geht, verrät eine Anleitung im Cloud-Archiv [4].
Zugleich bietet Ubuntus Server-Team eine auf Hochverfügbarkeit [5] getrimmte Open-Stack-Variante an, bei der Ceph, MySQL und Rabbitmq im Werkzeugkasten stecken. Canonicals Systemmanagement-Tool Landscape erkennt mittlerweile vorhandene Open-Stack-Installationen und erlaubt es beispielsweise, einen Host-Kernel im laufenden Betrieb auszuwechseln.
Juju und MaaS sind ebenfalls feste Bestandteile von Ubuntus Cloudstrategie. Während MaaS (Metal as a Service) physische Maschinen mit Betriebssystemen bestückt, hilft Juju beim schnellen Aufsetzen und Konfigurieren zahlreicher Plattformen mit Hilfe weniger Befehle. Mehr als 130 so genannte Charms lassen den Admin Dienste wie Nodejs, Django, Hadoop, aber auch Datenbanken wie Mongo DB, MySQL und Cassandra im Handumdrehen auf einem oder mehreren Knoten einrichten.
Juju bringt jetzt eine grafische Oberfläche (Abbildung 2) mit, an der die Entwickler permanent basteln. Sie visualisiert die gestarteten Dienste und ihre Beziehungen zueinander, was insbesondere bei aufwändigen Setups für mehr Überblick sorgt. MaaS-User dürfen in der neuen Version jeweils eine eigene Juju-Instanz ausführen sowie Pfade für Installationen aus Images anlegen. MaaS versorgt zudem auf Wunsch jeden Host im Netzwerk mit separaten Kerneloptionen, die sich nach den Erfordernissen der unterschiedlichen Hardware richten.

Abbildung 2: Dank der noch recht jungen grafischen Oberfläche für Juju lassen sich komplizierte Webserver- und Dienststrukturen einfacher erkennen und verwalten (Quelle: jorgecastro.org, CC BY-SA 3.0).
Gut verteilt
Neben Swift, dem Object Store von Open Stack, spielen auch Ceph und Rados zunehmend eine Rolle beim Ausliefern und Verwalten großer Datenmengen. Das weiß auch Canonical. Die Storage-Lösung ist in Version 0.56.4 (Codename Bobtail) an Bord und läuft neuerdings Seite an Seite mit Swift.
Für Ceph hat Ubuntus Hauptsponsor Canonical einen Supportvertrag mit Cephs Hauptsponsor Inktank abgeschlossen, der den Kunden kurze Supportwege verspricht (Single Escalation Support Route). Juju bringt weiterhin einen Ceph-Charm mit, nutzt nun aber XFS als Dateisystem für die Object Storage Devices (OSDs), was der Admin aber bei Bedarf ändert.
Im Bereich Virtualisierung hat Canonical eine neue Partnerschaft geschlossen: Die VMware-Produkte kommen nun auch mit Open Stack zurecht. Ubuntus Cloudplattform bietet Open-Stack-Plugins für VMwares Vsphere und die kürzlich für rund eine Milliarde US-Dollar erworbene Network Virtualization Platform (NVP) von Nicira an. Zugleich übernimmt Canonical den Open-Stack-Support für die VMware-Kunden, während VMware dafür sorgen will, dass Ubuntu Vsphere-Dauergast bleibt.
Kein Backwunder
Mark Shuttleworth kündigte vor einiger Zeit an, Ubuntu etwas mehr hinter verschlossenen Türen zu entwickeln. Vermutlich erhoffte er sich dann beim Veröffentlichen der Features eine größere mediale Aufmerksamkeit. Diesmal fällt die große Überraschung bei der Release allerdings aus. Im Gegenteil: Auf die Nutzer von Ubuntu 13.04 warten keine maßgebliche Neuerungen, weil Canonical seine Entwickler zurzeit auf andere Baustellen schickt. Erwähnenswert sind hier lediglich die neuen offiziellen Derivate, die Änderungen an Upstart, der deutlich verkürzte Supportzeitraum und der Wegfall des schon länger dahinsiechenden Wubi-Installers.
Von diesen Punkten mal abgesehen, feilt das Team weiterhin an seiner Cloudstrategie und schließt strategische Partnerschaften mit Unternehmen aus dem Umfeld. Mit dem schmerzfreien Aufsetzen komplexer Webdienste über Juju&Co. will Ubuntu im Rennen mit Red Hat und anderen Linux-Distributionen punkten. Die HA-Konfiguration von Open Stack ist eine gute Idee, um Ubuntu noch ein wenig mehr mit dem Cloudframework zu verknüpfen.
Infos
- Ubuntus Testbemühungen: https://wiki.ubuntu.com/Testing/Automation
- Ubuntu Gnome: http://ubuntugnome.org
- Ubuntu Kylin: https://wiki.ubuntu.com/UbuntuKylin
- Webseite zum Cloud-Archiv: https://wiki.ubuntu.com/ServerTeam/CloudArchive
- HA-Version von Open Stack: https://wiki.ubuntu.com/ServerTeam/OpenStackHA





