Tablett-PCs sind die bedeutendste Weiterentwicklung im Notebook-Segment seit Erfindung mobiler PCs. Microsoft puscht Windows XP bereits kräftig in den passenden OEM-Markt. Ist Linux nur zweite Wahl für die Hardwarehersteller?
Auf der Comdex Fall 2001[1] waren von einem guten Dutzend Hersteller mobile Geräte der Kategorie Tablett-PC (eng-lisch Tablet PC) zu sehen. Neben den bekannten Notizblock-Computern zog vor allem ein Acer-Gerät der Travelmate-Serie die Aufmerksamkeit auf sich: Kaum von einem herkömmlichen Notebook zu unterscheiden zeichnet sich das TM100 durch ein drehbares Scharnier als Verbindung zwischen Tastatur und Bildschirm aus (Abbildungen 1a und b). Damit lässt sich der Bildschirmdeckel drehen und auf die Tastatur falten.
Als einziger Hersteller hat Acer damit ein Erfolg versprechendes Konzept – das sowohl die Funktionalität eines Notebooks beibehält als auch genug Innovation bietet, um Anwender mobiler PCs zu einem Neukauf zu bewegen.
Im zweiten Halbjahr 2002 werden alle großen PC-Hersteller ein entsprechendes Gerät auf den Markt bringen. Wie das aber in der Branche so üblich ist, wird es wahrscheinlich keine Computer mit avantgardistischem Design geben, sondern vorsichtig gestaltete Modelle, die den heute üblichen Thin- und Light-Notebooks stark ähneln.
Treibende Kraft hinter den neuen Rechnern sind Microsoft und Intel. Auf der Suche nach neuen Märkten für Betriebssysteme und Chips hoffen die beiden Unternehmen, nach einigen Fehlzündungen endlich fündig geworden zu sein. Bill Gates hatte bereits auf der Comdex Fall 2000 einen Notizblock-großen Bildschirm als die kommende Generation mobiler PCs propagiert – aber kaum mehr als Skepsis geerntet.
Zu oft war das Konzept eines PCs mit Stifteingabe gefloppt: Erinnerungen werden wach an das von Handspring-Gründer Heff Hawkins 1989 entwickelte Gridpad, das zu langsam, zu schwer und mit 7000 Dollar Grundpreis zu teuer war. Neue Ideen kamen und gingen; nennenswert im Markt durchsetzen konnte sich bis heute lediglich der Palm Pilot, der mit einem kleinen Formfaktor und einfacher Bedienbarkeit den Bedürfnissen einer großen Anwenderschaft gerecht wurde.

Abbildung 1a: Das Acer Travelmate 100 besitzt ein drehbares Scharnier als Verbindung zwischen Tastatur und Bildschirm.
Intel peilt die untere Notebook-Klasse an
Laut Intel sollen Tablett-PCs nicht als neue Produktkategorie platziert werden. Vielmehr hofft man darauf, dass sich die Geräte am unteren Ende des Notebook-Angebots positionieren und die in Europa und USA wenig erfolgreichen Subnotebooks ersetzen können.
Marketing-Direktor Don McDonald glaubt jedenfalls, dass Tablett-PCs wie das Acer Travelmate TM100 vor allem im Business-Bereich “außerordentlich erfolgreich” sein werden. “Ein solcher Tablett-PC ist einem Notebook in vielen Bereichen überlegen. Die Argumente reichen von der variablen Dateneingabe und dem kleinen Gehäuse bis hin zu einer hohen Batterielebensdauer von bis zu neun Stunden.”
1500 Dollar sind das höchste der Gefühle
Analysten wie etwa Tim Bajarin von Creative Strategies stimmen mit McDonalds Auffassung weitgehend überein, mahnen die Hersteller aber zu zurückhaltender Preispolitik: “Mehr als 1500 Dollar darf ein Tablett-PC wie das Acer Travelmate TM100 nicht kosten.”
Keine Neuerungen melden Tablett-PC-Produzenten allerdings beim Betriebssystem. Acer, Compaq, FIC, Transmeta und National Semiconductor hatten auf ihren Prototypen eine abgespeckte Version von Microsofts Windows XP installiert. Und wenn ein Linux läuft, dann spricht die Industrie nicht gerne darüber.
Nationals faltbarer Mini-Tablett-PC Origami (siehe Abbildung 2), der die Funktionen von Digitalkamera, Camcorder, Videokonferenz-Terminal, Internet-Zugangsgerät, E-Mail-Terminal, digitalem Bilderrahmen, MP3-Player und Smartphone in sich vereint, verwendet auf der Oberfläche Windows, für die Kommunikationskomponente wird allerdings eine Linux-Basis eingesetzt.
Jeff Chu, Marketing Manager bei National, begründet die Entscheidung mit der angeblich höheren Akzeptanz von Windows bei OEMs: “Wir bevorzugen grundsätzlich kein Betriebssystem. Windows hat allerdings viele Vorteile für Hersteller, wenn man beispielsweise an den langfristig vorhandenen Support denkt.” Zudem mache die marketingstrategische Ausrichtung von Tablett-PCs auf den Business Markt, der nach Microsofts Office als wichtigster Anwendung verlangt, eine Verwendung von Linux praktisch unmöglich.
Nur wenn ein Unternehmen ausdrücklich Linux anfordere, sei National auch in der Lage, Linux in den Geräten mit Geode-Prozessoren laufen zu lassen. Laut Chu besitzt Linux vor allem in der Software-Entwicklung auf Tablett-PCs Vorteile: “Es wird etwas dauern, bis wir unter Windows spezifische Anwendungen sehen. Linux hat einfach Zugriff auf eine höhere Entwickler-Basis und kann schneller reagieren.” Allerdings werte dies bislang kein Kunde Nationals als so großen Vorteil, um seinen Tablett-PC mit Linux ausliefern zu wollen.

Abbildung 2: Nationals faltbarer Origami vereint in sich Digitalkamera, Camcorder, E-Mail- und Videokonferenz-Terminal, Internet-Zugang, digitalen Bilderrahmen, MP3-Player und Smartphone.
Eine maßgeschneiderte Linux-Lösung fehlt
Eine für Tablett-PCs zugeschnittene Linux-Distribution ist derzeit nicht in Sicht. Midori, die von Transmeta entwickelte und im vergangenen Jahr wohl wichtigste auf mobile Geräte aus-gerichtete Linux-Distribution, ist praktisch eingestellt worden[2].
Transmeta hat sich nach der Freigabe an ein Open-Source-Projekt bei Source Forge von der Weiterentwicklung zurückgezogen, die Projekt-Seiten von Midori verlieren Monat für Monat an Publikum. Auch Red Hat fährt sein Engagement für ein mobiles Linux zugunsten einer Embedded-Variante zurück, die bislang etwa in einem Screenphone von Ericsson und im Hipzip-Player von Iomega verwendet wird.
Uninteressant werden Tablett-PCs für Linux-User in Anbetracht dieser wenig ermutigenden Entwicklung aber nur auf den ersten Blick. Besonders optimistisch in dieser Hinsicht ist Don Marti, Vorsitzender der Silicon Valley User Group: “Linux auf Tablett-PCs wird sich nicht anders entwickeln als Linux auf Notebooks”.
Demnach seien bloß “ein oder zwei fehlerhafte Versionen” von Windows XP für Tablett-PCs nötig und auch zu erwarten. Das mache die Geräteklasse schlecht verkäuflich. “Das ist zwar schlecht für den Handel, prima allerdings für Linux-Anwender. Die Geräte dürften recht schnell preiswert und daher attraktiv werden”, so Marti. Linux-Anwender, die sich bislang kein Notebook leisten konnten oder mochten, werden nach seiner Meinung im Jahr 2002 schneller zugreifen.
Wenn die Webpads kommen, muss neu gerechnet werden
Im Massenmarkt für Tablett-PCs sind die Karten allerdings bereits gegen Linux gemischt. Das ungünstige Wirtschaftsklima wird Hardwarehersteller zudem davon abhalten, sich auf vermeintlich kostspielige Experimente mit Betriebssystemen neben Windows XP einzulassen.
Bis mobile Consumer-PCs, die Linux als erste Wahl mitbringen, auf den Markt kommen, wird es noch dauern – bis 2006 meint Tim Bajarin. Dann soll’s die ersten Webpads unter 200 Dollar geben, bei denen sich ein Einsatz von Windows aus Kostengründen nicht lohnt. (jk)
Infos |
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[1] Comdex Fall 2001: [www.key3media.com/comdex/fall2001] [2] “Transmeta – Kein Interesse mehr an Midori”, Linux-Magazin 2/02, S. 12 |
Der Autor |
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Wolfgang Grüner arbeitet von San Francisco aus unter anderem auch als US-Korrespondent für das Linux-Magazin. |






