
Abbildung 1: Kristian Köhntopp (Mitte links, ganz in Schwarz) im Gespräch mit Konferenzteilnehmern.
Aktuelle Informationen aus erster Hand, detailliert und kompetent, das können auch Zeitschriftenartikel liefern, noch dazu preiswert. Nachfragen, Networking, Diskussionen sind dagegen die Domäne der Konferenzen. Anfang Mai kam eine neue dazu: Die Open Source Data Center Conferenz in Nürnberg.
Der Ausrichter, die Netways Event Services GmbH, hat einschlägige Erfahrungen mit den etablierten Nagios-Konferenzen. Das Konzept, zu dem auch ausreichend Zeit für die Begegnung der Teilnehmer gehört, etwa – aber nicht nur – im Rahmen eines Social Event, bewährte sich auch hier [1]. Beleg dafür ist die in Krisenzeiten sicher respektable Zahl von etwa 70 Teilnehmern aus vorwiegend deutschen Rechenzentren.

Abbildung 1: Kristian Köhntopp (Mitte links, ganz in Schwarz) im Gespräch mit Konferenzteilnehmern.
Automation
Das Themenspektrum war, wie es schon der Name der Veranstaltung andeutet, auf den Einsatz von Open-Source-Lösungen in größeren Umgebungen zugeschnitten. Eines der Probleme, die im Rechenzentrum hohe Priorität genießen, ist die Automation. Dazu gab bereits der Eröffnungsvortrag wichtige Anregungen. Gehalten hat ihn Luke Kanies, Erfinder und Chefentwickler des Konfigurationsverwaltungssystems Puppet [2]. Er schilderte die weitgehend automatisierte Verwaltung fast beliebiger IT-Ressourcen mit seiner Software.
Einen interessanten Kontrapunkt setzte später der Diskussionsbeitrag von Kristian Köhntopp (vormals MySQL, heute Datenbankarchitekt bei einer großen Reisebuchungs-Site, Abbildung 1), der von seinen Anwendererfahrungen mit diesem System berichtete. Obwohl es für ihn unverzichtbar ist und ihm auch vorteilhafter erscheint als Konkurrenten wie Cfengine, zeigt es unter Last und mit einer großen Menge an Ressourcen offenbar auch Probleme.
Weniger Handarbeit für den Administrator hat sich auch die FAI (Fully Automated Installation, [3]) auf die Fahnen geschrieben, der Henning Sprang seinen Vortrag widmete. In dieselbe Rubrik ist außerdem die Präsentation von Theo Karcher über das Management virtueller Maschinen mit OpenQRM einzuordnen.
Hochverfügbarkeit und Monitoring
Ein zweites gut besetztes Thema der Konferenz war die Hochverfügbarkeit. Dazu trug der Vortrag von Volker Lendecke über “Clustered Samba” genauso bei wie die Wortmeldung von Michael Schwartzkopff, der Neuerungen in Linux HA 2 beschrieb. Dasselbe Thema spielte auch eine prominente Rolle im Beitrag von Florian Haas (Linbit) zum Thema “Virtual consolidated HA – virtualization with KVM, Pacemaker and DRBD”.
Aus Dastenbank-Perspektive beleuchtete Gert Vanderkelens Vortrag über MySQL-Cluster die HA-Problematik. Der PostgreSQL-Replikation wiederum war einer jener Workshops gewidmet, die zusätzlich zum reinen Vortragsprogramm angeboten wurden.
Nagios machte eher am Rande der Konferenz von sich reden, wo das Linux-Magazin vom bevorstehenden Fork erfuhr (siehe nebenstehendes Interview “Neues Nagios am Start”), aber um Monitoring ging es auch in anderen Vorträgen. Etwa in dem von Alexej Wladishew, dem Schöpfer der beachtenswerten Alternative Zabbix. Auch der Chefentwickler von Syslog-NG, Balazs Scheidler, war mit einem Referat dabei.
Bunter Themenmix
Weniger akzentuiert, aber nicht weniger interessant waren Vorträge zu anderen Rechenzentrum-Themen. Etwa Spam-Bekämpfung (Charly Kühnast), Load Balancing (Marco Knüttel), Desaster Recovery (Michael Prokop), das kommende IPv6 (Benedikt Stockebrandt), Netzwerkanalyse (Jens Link) oder Data Warehousing (Tom Cahil).
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 Julian Hein ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Netways. Das Unternehmen beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Open-Source-Tools im Netzwerk- und Systemmanagement, darunter Nagios.
Von Nagios spaltet sich das neue Projekt Icinga ab, so erfuhr das Linux-Magazin am Rande der Konferenz. Die Deserteure – unter ihnen Netways – wollen die Entwicklung des Kerns beschleunigen, die in letzter Zeit schleppend verlief. Das Linux-Magazin sprach mit Julian Hein über die Hintergründe für diesen Fork. Die Netways GmbH in Nürnberg betreibt auch ein viel besuchtes Portal für Nagios-Addons im Internet.
Linux-Magazin:Entwickler von Nagios oder der zugehörigen Plugins möchten in einem neuen Projekt eigene Wege gehen – wieso? Was spricht dagegen, sich weiter in dem bestehenden Projekt zu engagieren?
Julian Hein:Nagios ist gerade in den letzten Jahren sehr populär geworden und fast zum Open-Source-Standard im Bereich Monitoring avanciert. Viele der Features und Vorteile von Nagios sind aber gar nicht in Nagios selbst, sondern vor allem in Addons realisiert. Diese Addons hat vor allem die sehr aktive Nagios-Community geschrieben.
Im Gegensatz dazu trägt den Nagios-Core aber nur ein einzelner Entwickler, weshalb sich dieser Kern nur recht langsam weiterentwickelt. Probleme brauchen oft lange bis zu einer Lösung. Viele Mitglieder der Community und auch wir selbst haben immer wieder versucht den Hauptentwickler zu unterstützen, um damit die Engstelle aufzulösen und so lange erwartete Verbesserungen zu erreichen. Dabei ging es beispielsweise um die schnellere Übernahme von Patches in den Core, um die zurzeit suboptimale Anbindung an Datenbanken oder das etwas altbackene Webinterface (Abbildung 2).
Leider hatten all diese Versuche wenig Erfolg, wodurch die Gefahr drohte, dass sich immer mehr Unterstützer zurückziehen. Aktuell sahen wir nun keine andere Möglichkeit mehr, Nagios weiter nach vorne zu bringen. Icinga bleibt aber Teil der Nagios-Community und wir schließen nicht aus, dass sich beide Entwicklungen später wieder verbinden.
Nicht leicht gemacht
Linux-Magazin:Ein Fork birgt grundsätzlich die Gefahr, dass er neben Gewinnern auch Verlierer produziert. In diesem Fall könnte beispielsweise der Erfinder und bisherige Chefentwickler von Nagios, Ethan Galstad, einen Nachteil haben, wenn seiner Firma Nagios Enterprises neue Konkurrenz erwächst und ihn die Community weniger unterstützt. Sind bei der Abspaltung auch moralische Fragen zu erwägen oder passt das hier in diesem Zusammenhang nicht als Kategorie?
Julian Hein:Wir haben dieses Problem schon gesehen, im Kreis der Unterstützer des Fork auch immer wieder diskutiert und haben es uns da auch wirklich nicht leicht gemacht. Aber letztendlich hat gerade Nagios Enterprises dieses Problem ausgelöst: Einige der Unterstützer des Fork sitzen ja sogar im Nagios Community Advisory Board, das den Hauptentwickler beraten soll. Und es gab auch aus diesem Kreis immer wieder Hinweise, Vorschläge und sogar konkrete Initiativen, um die Situation zu verbessern.
Das hat aber alles Nagios Enterprises entweder abgelehnt oder einfach nicht unterstützt, sodass es sich letztendlich totlief. Jetzt haben wir jedoch keine andere Möglichkeit gesehen, Nagios langfristig aktiv zu halten, als die Weiterentwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Da Nagios eine eingetragene Marke ist, muss das auch unter einem anderen Namen passieren. Wir sehen das Ganze aber als Friendly Fork und wollen weder die Community spalten, noch dem Nagios-Projekt schaden. Im Gegenteil: Der Fork wird das Gesamtprojekt sicher beflügeln.
 Abbildung 2: Das Webinterface von Nagios stand lange zur Renovierung an, ohne dass sich Greifbares tat – einer der Kritikpunkte der Befürworter des Fork.
Community im Fokus
Linux-Magazin:Welche Ziele steckt sich das neue Projekt, was möchtet es in der nächsten Zeit erreichen?
Julian Hein:Natürlich möchten wir genau das anders machen, worüber wir uns in den letzten Jahren immer beschwert haben. Das wichtigste Ziel ist, Nagios oder besser das neue Projekt unter dem Namen Icinga [4] so aufzustellen, dass es langfristig lebensfähig ist und viele aus der Community das Projekt aktiv mitgestalten.
Im Einzelnen bedeutet das erst einmal, Anregungen aus der Community wirklich umzusetzen und vor allem eingesandte Patches auch in die Software zu integrieren. Diese Ziele sollten recht leicht zu erreichen sein, Icinga bleibt dadurch erst einmal kompatibel zu Nagios, sodass die Anwender sehr leicht umsteigen können. Mittelfristig wollen wir ein API für die Daten sowie ein neues Webinterface schaffen, denn momentan wirken viele Erweiterungen ein bisschen wie an Nagios rangebastelt. Durch das API wollen wir die Integration zwischen Core und Addons vereinheitlichen und verbessern.
Linux-Magazin:Ist der Code an allen Stellen so gut dokumentiert, dass man auf das Wissen des bisherigen Hauptentwicklers Ethan Galstad verzichten kann, oder muss Icinga Komponenten von Grund auf neu implementieren, die ohne ihn nicht zu pflegen wären?
Julian Hein:Grundsätzlich sehen wir uns sehr gut dazu in der Lage, den Code weiterzupflegen. Zum einen ist er ausreichend dokumentiert und zum anderen haben wir genügen Leute an Bord, die auch schon mit dem Core gearbeitet und beispielsweise Patches geliefert haben.
Monitoring-Konferenz und das Portal bleiben bestehen
Linux-Magazin:Welche Rolle wird Netways in Zukunft übernehmen? Wird es das bestehende Portal weiter betreiben und auch in diesem Jahr wieder eine internationale Monitoring-Konferenz ausrichten?
Julian Hein:Icinga bleibt zu Nagios kompatibel, denn es verwendet die gleichen Überwachungs-plugins und auch die Addons funktionieren mit beiden Projekten. Deswegen werden wir uns für Nagios und Icinga engagieren und es soll Nagios Exchange und auch die Konferenz weiter geben. Nur der Name ändert sich und die Themenbasis verbreitert sich etwas. Ähnlich hält es auch das Forum Nagios-Portal [5], dessen Macher den Fork ebenfalls unterstützen: Es richtet zunächst einen eigenen Bereich für Icinga ein.
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