Wer verdient am massenhaften Versand von Spam-Mails? Die Spam-Versender ganz sicher. Die Auftraggeber dagegen wissen es oft nicht einmal.
Dass die Einkommensquellen der Spam-Versender trotz öffentlicher Ächtung und zweifelhaften Erfolgs sprudeln, stimmt Anna Vlasova bedenklich. Die Spam-Analytikerin (Abbildung 1) des russischen Sicherheitsspezialisten Kaspersky Lab weiß aus ihrer täglichen Arbeit, dass das Spam-Geschäft genügend Geld für neue Technologien, Entwicklung und Marktforschung abwirft.
Hase und Igel
Das Hase-und-Igel-Rennen zwischen Versendern einerseits und Antispam-Herstellern andererseits gewinnt deshalb an Fahrt. Es ist nicht nur die schiere Masse der Mails, sondern die zunehmende Durchsetzung mit eindeutig betrügerischen Absichten und anderen illegalen Praktiken. Für Anna Vlasova ist dies einer der neu zu beobachtenden Trends: Die Leute sollen mit betrügerischen Angeboten um ihr Geld gebracht werden.
Wie ausgeklügelt das Vorgehen der Spammer ist, zeigt sich bei den Aktien-Spam-Kampagnen (Stock-Spam), die seit den Sommermonaten die Postfächer verstopfen. Die Spammer setzen dort ihre Tricks ein, um die Spamfilter zu täuschen, verwenden etwa animierte Gifs für die Präsentation ihrer Angebote. Hat der Filter eine Spam-Mail an ihrem wiederkehrenden Muster erkannt und einen digitalen Fingerabdruck der Mail erstellt, wechselt das integrierte Bild bereits seine Größe, Farbe oder Lage.
Was für den Empfänger mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist, wie etwa eine Schieflage des integrierten Bildes um ein Pixel, beschäftigt Spamfilter bereits (Abbildung 2). Das veränderte Bild sorgt dafür, dass die einer Prüfsumme vergleichbaren Erkennungsmuster der Spamfilter nicht mehr übereinstimmen. Die Mail erfordert einen neuen erkennungsdienstlichen Anlauf mittels OCR oder digitalem Fingerabdruck.

Abbildung 2: Schlangenlinien im Layout sind nicht unbedingt ein gestalterisches Element, sondern dienen auch dazu, Spamfiltern die Arbeit schwer zu machen.
Beim digitalen Werbemüll gilt es, wie auch bei realem Abfall üblich, zu trennen. Diese Trennung nimmt etwa der E-Mail-Service-Provider Postini in täglichen Statistiken [1] vor.
Mülltrennung
Von den rund 524 Millionen Mails, die der Provider innerhalb von 24 Stunden weltweit abfertigt, waren bei einer Stichprobe am 20. November 88 Prozent Spam (345 Millionen Mails). Darunter befanden sich vier Millionen so genannte Special-Offers, 650 000 Mails versprachen schnellen Reichtum über dubiose Geschäfte oder Anlagen, zwei Millionen Spam-Mails hatten in irgendeiner Weise Sex zum Thema. Fast nebenbei landeten auch 46 Millionen valide E-Mails bei den Benutzern.
“Rund 200 Spammer verursachen 80 Prozent des gesamten Spam-Aufkommens in den USA und Europa”, mit dieser Zahl wartet das Antispam-Projekt Spamhaus [2] auf. Weil hinter den Spam-Organisationen zumeist mehrere Personen stecken, kommt Spamhaus zu der Vermutung, dass es sich insgesamt um rund 600 professionelle Cyber-Kriminelle handelt. Eine einschlägige Top-Ten-Liste der Non-Profit-Organisation zeigt die derzeit umtriebigsten Spammer.
Kollegialer Rat
Wer etwas von Firmen erfahren will, die ihre Produkte mit Spam-Mails bewerben, stößt auf wenig Gegenliebe. Kaspersky Lab [3] hat für eine Untersuchung der Auftraggeber einen Trick angewandt. Am Telefon gaben sich die Interviewer bei dem Gegenüber als Mitarbeiter einer kleinen Firma aus, die selbst mittels Spam werben und nun vorab quasi kollegialen Rat einholen will. Von den 500 nach Warenangebot ausgewählten Unternehmen hatten die Filter des russischen Spezialisten bereits Spam abgefangen. Die Gewichtung der Anbieter orientierte sich proportional am Anteil der Spam-Mails, für die von ihnen angebotenen Waren und Dienstleistungen im russischen Internet.
Auf den Versuch der Kontaktaufnahme reagierten rund 60 Prozent der Unternehmen gar nicht kollegial. Auf den Spam-Versand angesprochen, verhielten sich diese Firmen abwehrend und leugneten Spam als Werbemittel einzusetzen. In der Analyse schlägt sich dies in der Erkenntnis nieder, dass bei den Auftraggebern von Massenmails sehr wohl Klarheit über die gesellschaftliche Ablehnung dieser Werbeform besteht.
Dass trotz Ächtung genügend Firmen Spam als Werbemittel einsetzen, wirft die Frage auf, wer die Spam-Werbung bestellt. Die Antwort darauf ist zumindest bei den von Kaspersky Befragten vergleichsweise eindeutig: In 80 Prozent der Fälle ist der Marketing-Manager für die Bestellung verantwortlich. Der Anteil der Geschäftsführer, die im Laufe einer Spam-Aktion tätig werden, ist vergleichsweise gering. Nur bei sechs Prozent der befragten Unternehmen leitete die Geschäftsführung die Bestellung ein und nahm persönlich Kontakt mit den Spammern auf.
In das daraus entstehende Bild des jede Gelegenheit ergreifenden Werbemanagers passt, dass der überwiegende Anteil des Spam-Versands günstig zu haben ist. Zwischen 87 und 175 Euro zahlen die meisten Besteller (50 Prozent der auskunftgebenden Befragten). Geld, das selbst in Anbetracht einer gänzlich auf Adressierung einer Zielgruppe verzichtenden Aussendung an unbekannte Mailadressen den wenigsten Firmen weh tut und wohl auch nicht unbedingt in den Bilanzen auftauchen muss. 10 Prozent der Firmen investieren aber doch bis zu 1300 Euro in einen Versand.
In eigener Sache
Die Kontaktaufnahme zwischen Werbendem und Spam-Versender ist in der Regel einfach. Für entsprechende Angebote steht schließlich ein vorhandenes System zur Verfügung: Spam. Der Spammer-Spam gilt als eine eigene Kategorie. Enthalten sind in solchen Mails in der Regel Angebote zu Adressenlieferungen, Anwendungen für den Spam-Versand und verfügbare Sendekapazitäten, Letztere bestehen meist aus Bot-Netzen. Der Auftraggeber hat nach der Bezahlung sowie der Ablieferung seiner Botschaft nichts weiter zu tun. Die filterresistente Aufbereitung und der Versand sind Sache der Anbieter.
Im Angebot der russischen Versender sind nach den Recherchen von Kaspersky Lab diverse Pakete, was die Menge der Adressen betrifft. Die Bestellmöglichkeiten variieren zwischen 100 und 3,7 Millionen Adressen, ohne Unterscheidung nach Zielgruppen. Die meisten Auftraggeber buchen die maximale Adressenmenge, was dazu führt, dass ungeachtet von Sprachbarrieren auch deutsche Mailadressen mit englischem und russischem Spam eingedeckt werden.
Fehlanzeige
Ob sich die Spam-Aktion lohnt, ist den beteiligten Unternehmen reichlich egal. Keiner der Befragten hat die Effektivität gemessen. Es scheint den Beteiligten nicht einmal wichtig zu sein, ob die Aktion überhaupt ein positives Ergebnis bringt. Über den Daumen gepeilt gehen einige davon aus, dass die Effektivität beim Spam-Versand sich in anteiligen Klickraten von 0,01 bis 0,05 Prozent belaufen. Nur für eines der russischen Unternehmen war die Effektivität in gewisser Weise messbar: Wütende Anrufer legten dort nach einer Spam-Aktion das Callcenter lahm.
Der Zweifelhaftigkeit ihrer Geschäftspartner sind sich die werbenden Firmen dagegen wohl bewusst: Bereits die Angaben der Versender zur Zahl der Adressen und zur Auslieferung halten die meisten Kunden für gelogen. Dass sich die Spam-Spirale zum Leidwesen der Internetnutzer trotzdem immer weiter dreht, hängt direkt mit dem günstigen Preis dieser Werbeform zusammen.
Die in der Regel recht kleinen Firmen, die auf Spam setzen, kümmern sich kaum um Reputation und positives Image. Für das genannte Unternehmen mit dem lahm gelegten Callcenter war es zwar nach eigenem Bekunden die definitiv letzte Spam-Aktion. Bei manchen anderen Auftraggebern gilt dagegen immer noch die Überlegung: Warum nicht, wenn es so billig ist.
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Infos |
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[1] Postini-Statistiken: [http://www.postini.com/stats/] [2] Spamhaus: [http://www.spamhaus.org] [3] Kaspersky Lab:[http://www.kaspersky.com/de/] |
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