Aus Linux-Magazin 12/2006

Kommentar: Open Source in einer Closed-Source-Welt

Die Akzeptanz von digitalem Rechtemanagement und patentierten Programmen ist im Kant’schen Sinne selbst verschuldete Unmündigkeit. Kann sich Open Source auf Dauer gegen diesen Trend stemmen ?

Inhalt
80 | Projekteküche: Neues aus der Welt der freien Software: kleine Tools zum Arbeiten mit Dateien.

84 | Bitparade Dieses Mal treten vier Programme zur Texterkennung (OCR) gegeneinander an.

88 | Tooltipps Fünf Programme zu folgenden Themen im Test: IP-Monitoring, Suchmaschine, freier Flashplayer, Steganografie, CD-Cover und Vokabeltrainer.

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen” [1].

Wendet man die Definition von Kant auf das IT-Umfeld an, sind wir auf dem besten Weg zurück ins Mittelalter. Die meisten (Windows-)Benutzer nehmen das digitale Rechtemanagement (DRM), Kopierschutzmechanismen und Aktivierungsrituale problemlos hin. Sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen ist Luxus, den sich offenbar nur eine privilegierte Minderheit leisten kann oder will. Dazu gehört auch ein Großteil der Open-Source-Verfechter.

Alternative Closed Source

Auf einem gut bestückten Linux-Desktop tummeln sich normalerweise – in den meisten Fällen mangels freier Alternativen – auch zahlreiche Closed-Source-Programme. Stören dürfte dies die wenigsten: Hauptsache, es funktioniert.

Interessanterweise tendieren nun einige Distributoren dazu, Closed Source einzusetzen, wo es bereits etablierte Lösungen gibt. So will Novell seinen Enterprise Desktop mit einer Version des Realplayer ausrüsten, der Windows-Media-Dateien abspielt [2], und Mandriva legt dem Powerpack 2007 den kommerziellen DVD-Player Lindvd bei. Beiden geht es offenbar darum, Anwender vom Einsatz anderer rechtlich umstrittener oder patentgeschützter Programme abzuhalten. Von Kant scheint man bei Novell und Mandriva nicht viel zu halten.

Drei Wege

Linux-Anwendern stehen in der Regel folgende Strategien offen:

  • Der totale Verzicht auf patentierte oder umstrittene
    Technologien.
  • Proprietäre Programme benutzen.
  • Ein Leben in der Grauzone.

Red Hat schlägt den ersten Weg vor. Das Unternehmen verzichtet seit 2002 auf Programme, die patentgeschützt oder in irgendeiner Weise rechtlich unsicher sind, und entfernte mit Red Hat 8.0 sämtlichen MP3- und DVD-Support [3]. Der erhoffte Umstieg von MP3 zu Ogg-Vorbis blieb allerdings – auch mangels Aufklärungsarbeit – aus. Red Hat konzentriert sich hauptsächlich auf den Servermarkt. Benötigt es hier Technologien, kauft es diese nach Möglichkeit ein.

Novell steht weiterhin zu Linux auf dem Desktop und verfolgt mit der angesprochenen Windows-Media-Unterstützung die zweite Strategie. Das Playback von WMA & Co. übernimmt die (Closed-Source-)Engine des Realplayer. Die aktuelle Lösung bringt noch keinen DRM-Support. Man prüfe die Option, heißt es offiziell von Novell.

Heimanwender wählen in der Regel den dritten Weg. Sie möchten ein System, das Multimedia-Daten abspielt, ohne dazu auf den Realplayer angewiesen zu sein. Konsequenterweise setzt diese Gruppe nicht das legalste aller möglichen Programme ein, sondern das beste: Xine/Mplayer, die Mplayer-Codecs und die Libdvdcss.

Welche Möglichkeiten Sie für Open Source im Zeitalter der zunehmenden Rechteeinschränkung sehen, interessiert uns. Deshalb haben wir unter [4] eine Online-Umfrage eingerichtet.

Infos
[1] Immanuel Kant: “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?”, Berlinische Monatsschrift, Dezember-Heft 1784. S. 481-494.

[2] Windows Media für Linux: [http://www.novell.com/news/press/item.jsp?id=1086&locale=de_DE]

[3] Red Hat ohne MP3 und DVD-Playback: [http://www.redhat.com/advice/speaks_80mm.html]

[4] Online-Umfrage: [https://www.linux-magazin.de/zukunft-opensource]

Copyright © 2002 Linux New Media AG

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