Aus Linux-Magazin 05/2006

Was hinter den bewegten Oberflächen steckt

In Zukunft spricht der Linux-Desktop OpenGL, so viel scheint klar. Bleibt nur noch die Frage, ob es eher die Novell-Entwicklung XGL wird oder Red Hats AIGLX. In Heft-Schwerpunkt verraten die Entwickler der Projekte, welche Vorteile ihr X-Server besitzt.

Inhalt

36 | X11R7 Die aktuelle X.org-Release bringt mehr Modularisierung und Speed.

42 | XGL und Compiz Novell legt einen OpenGL-beschleunigten Desktop vor.

48 | AIGLX Red-Hats Variante des Composite-Desktop setzt auf X.org.

52 | D-Bus und HAL Für KDE und Gnome: Kommunikation zwischen Anwendungen und Hardware.

56 | Cairo Das Drawing-Toolkit von Gnome & Co.

60 | Superkaramba Schmucke Applets auf dem KDE-Desktop.

Als ich zum ersten Mal von XGL hörte, war ich skeptisch. Zu kompliziert schien die Architektur von mehrfach zwischen Hauptspeicher und Grafikkarten hin und her kopierten Fensterinhalten auf OpenGL-Basis. Ich verfolgte die Entwicklung weiter, ohne viel Neues zu erfahren – bis letztes Jahr Novells Nat Friedman in seinem Weblog von einer verblüffenden Demonstration berichtete: Programmierer David Reveman zeigte ihm einen funktionierenden X-Server, der mit OpenGL grafische Desktop-Kunststücke vollführt.

Drehende Würfel

Prompt engagierte Novell David Reveman, der auch Autor des Window-Managers Waimea ist. Von XGL war danach lange nichts mehr zu hören, auch nicht in Friedmans Weblog. Auf der Guadec 2005 wurde ich dann Zeuge einer eineinhalb Minuten langen Demo, bei der Reveman zum ersten Mal ein großes Publikum mit dem drehenden Würfel (siehe S. 44) beeindruckte.

Unmut machte sich allerdings in der X11-Entwicklergemeinde breit, als bekannt wurde, dass Reveman an einem Novell-internen Entwicklungszweig außerhalb der X.org-Repositories arbeitete. Der Streit wurde beigelegt, als Reveman im Januar dieses Jahres den Code wieder in das X.org-Repository eingliederte. Gleichzeitig gab Novell eine Pressemeldung heraus, die das Unternehmen als Vorreiter der kommenden 3D-Desktop-Technologie vorstellte.

Ob Absicht oder nicht, Novell landete einen Überraschungscoup, indem es den OpenGL-beschleunigten X-Server eine Zeit lang im Geheimen entwickelte und dann plötzlich an die Öffentlichkeit trat. Seither touren die Novell-Entwickler durch die Lande und begeistern mit dem Würfel und schwabbelnden Fenstern die Linux-Fans.

Schwabbelnde Fenster

Als das von Red Hat gesteuerte Fedora-Projekt kurze Zeit später die konkurrierende Lösung AIGLX veröffentlichte, erweckte es den Anschein, als sei AIGLX die politisch korrektere Variante. Tatsächlich hat aber auch der Red-Hat-Programmierer Kristian Høgsberg große Teile von AIGLX erst im Januar in das Freedesktop-Repository eingecheckt. Das Fedora-Projekt reagierte auf Novells Veröffentlichung mit einer entsprechenden Pressemeldung und einem Wiki, das beschreibt, wie man die neue Technologie verwendet.

Tatsächlich hörte auch ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal vom XGL-Konkurrenten, obwohl seine Proponenten betonen, dass AIGLX schon lange auf der X.org-Tagesordnung gestanden habe. Auch füge sich AIGLX viel besser in die X.org-Architektur ein.

Zum Unglück für Red Hat haben sich bisher mehr Distributionen dem Konkurrenten XGL angeschlossen. Grafikkartenhersteller Nvidia wiederum scheint AIGLX zu bevorzugen – dummerweise implementieren nur gerade die Nvidia-Treiber noch nicht die für AIGLX nötige Technologie.

Damit Sie sich selbst ein Bild machen können, stellen Entwickler beider Linux-Firmen die jeweiligen Architekturen vor: Novell/Suses Mathias Hopf erklärt ab S. 42 XGL und Compiz, Red Hats Kevin E. Martin beschreibt ab S. 48 die AIGLX-Architektur. Ergänzend dazu gibt René Rebe im Artikel ab Seite 36 einen Einblick in den Aufbau der neuen, modularen X.org-Release 7.

Der Autor

Oliver Frommel leitet das Competence Center Software der Linux New Media AG.

Copyright © 2002 Linux New Media AG

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