Aus Linux-Magazin 04/2006

Neues von der Community-Distribution

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

Abbildung 1: Fortschritte: Dapper Flight 3 ist bereits die dritte Preview-Version von Ubuntu 6.04.

Abbildung 1: Fortschritte: Dapper Flight 3 ist bereits die dritte Preview-Version von Ubuntu 6.04.

Unaufhaltsam rückt mit der Debconf 6 die nächste große Entwicklerkonferenz näher. Sie findet im Mai im mexikanischen Oaxtepec statt. Das Programm ist vollgestopft mit Beiträgen zu wichtigen Themen rund um Debian. Dass auch dieses Jahr wieder viele Entwickler teilnehmen können, verdankt Debian vor allem Sponsoren, die die Veranstaltung zum großen Teil finanzieren. Das Linux-Magazin berichtet an dieser Stelle dann detailliert über die Konferenz.

Projekt-Posse

Nicht alle Debian-Entwickler finden Ubuntu toll, das ist kein Geheimnis. Manch einer fürchtet, durch die Arbeit an Ubuntu könne Zeit für Debian verloren gehen. Wie stark der Konflikt schwelt, zeigte sich im Januar dramatisch. Alles begann mit einer vermeintlich harmlosen Mail des französischen Entwicklers Raphael Hertzog, in der er erläuterte, wie Entwickler über den Status ihres Pakets in Ubuntu auf dem Laufenden bleiben. Ubuntu ist immer noch ein Debian-Abkömmling und viele Pakete sind identisch, von der Versionsnummer abgesehen. Die Mail ging “An alle, die sich für den Status ihrer Pakete in Ubuntu interessieren”.

Vermutlich hätte Hertzog bereits einen Rüffel kassiert, wenn er seine Mail an eine x-beliebige Debian-Mailingliste geschickt hätte. Die Nachricht ging aber an die Debian-Devel-Announce-Liste, auf die ja nur Debian-Entwickler Schreibzugriff haben und die wichtigen Debian-Entwicklungsmeldungen vorbehalten ist. Zudem ist sie die einzige Mailingliste, deren Abonnement für Debian-Entwickler verpflichtend ist.

Die Veröffentlichung ausgerechnet an dieser Stelle stieß zwar vielen Entwicklern sauer auf. Debian-Maintainer Andrew Suffield schoss aber den Vogel ab: Er schrieb eine Antwort, die – zumindest nach seiner Meinung – ironisch die Betreffzeile von Hertzogs Mail aufgriff: “Für alle, die sich für Lesben interessieren”. Die Mail enthielt zudem einen Link auf ein anzügliches Foto.

Beschwerdehagel

Die Diskussion eskalierte daraufhin. Einige Entwickler zeigten sich entsetzt und warfen Suffield vor, dem Ansehen von Debian geschadet zu haben. Es gab sogar Stimmen, die den sofortigen Ausschluss Andrew Suffields aus dem Debian-Projekt forderten. Andere Entwickler griffen dessen Mail wiederum als Steilvorlage auf, um Raphael Hertzog scharf zu kritisieren. Eine Beschwerde nach der anderen füllte die Nachrichtenfächer.

Einen Höhepunkte erreichte das Drama, als das Administrationsteam der Debian-Mailinglisten verkündete, künftig müssten Mails von Andrew Suffield vor der Veröffentlichung von einem weiteren Entwickler signiert werden.

Offene Schere

Erst nach Tagen flaute die Debatte ab – und hinterließ nur Verlierer: Eine vernünftige Klärung der Frage nach dem Verhältnis zwischen Debian und Ubuntu kam nicht zustande. Raphael Hertzogs gut gemeinter Ratschlag ging im Schlagabtausch unter. Suffields Mail hat dem Projekt eher geschadet.

So öffnet sich die Schere zwischen Debian und Ubuntu weiter. Während Letzteres unter Volldampf an der neuen Version arbeitet (Abbildung 1), fährt Debian mit angezogener Handbremse und wundert sich, dass es nicht vorangeht. Eine bessere Kooperation der beiden Distributionen wäre wünschenswert – und Ubuntu dabei in der Pflicht: Das Prinzip Geben und Nehmen hat Ubuntu bis dato eher einseitig praktiziert. (uba)

Infos

[1] Mail von Raphael Hertzog: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2006/01/msg00008.html]

[2] Mail von Andrew Suffield: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2006/01/msg00009.html]

[3] Mail zur Maßregelung von Andrew Suffield: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2006/01/msg00012.html]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln. Momentan arbeitet er am Debian-Desktop-Projekt.

Copyright © 2002 Linux New Media AG

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