Probleme innerhalb des Open-Suse-Projekts haben die Veröffentlichung von Version 12.2 um zwei Monate verzögert. Die neue Release der Community-Distribution kann sich trotzdem sehen lassen – oder gerade deshalb: Sie bringt aktuelle und stabile Software auf den Rechner.
Tests von Distributionen liefern in der Regel wenig Grund für Aufregung – zumal dann, wenn sich die Versionsnummer vor dem Punkt nicht ändert. Das Open-Suse-Projekt brachte kurz vor Redaktionsschluss Anfang September die Version 12.2 seiner Distribution auf den Markt, doch anders als sonst kann von langweiliger Modellpflege diesmal keine Rede sein. Denn hinter den Kulissen des Projekts brodelt es – derzeit deutet vieles darauf hin, dass sich in naher Zukunft seine Arbeitsweise grundlegend ändert.
Solide Basis
Zunächst aber zu den technischen Neuerungen, mit denen Open Suse 12.2 seine Benutzer begeistern will: Unter der Haube arbeitet Kernel 3.4.6, der zwar nicht der allerneuste ist, für aktuelle Hardware aber trotzdem ausreicht. Auf dem genutzten Testrechner, einem Thinkpad X121e von Lenovo, gab sich die Linux-Distribution jedenfalls keine Blöße – abgesehen vom unsäglichen »fglrx« -Treiber. Der ist aus lizenzrechtlichen Gründen noch immer händisch einzuspielen und liegt der Distribution nicht bei. Auch Besitzer von Nvidia-Grafikchipsätzen haben kein Glück und basteln sich den passenden Treiber selbst auf ihr System.
Im Test genehmigte sich Open Suse 12.2 unmittelbar nach der Installation einen kräftigen Schluck aus der Update-Flasche. Installation hinter einer langsamen Internetanbindung setzt also einige Geduld beim Admin voraus.
Ein großer Teil der Entwicklungsarbeit bei Open Suse ist offenbar in den Systemstart geflossen. Den Reigen an Änderungen eröffnet der Bootloader: Grub 2 ersetzt endgültig Grub 1. Die Entwickler erhoffen sich davon besonders Verbesserungen mit Blick auf moderne Systeme. UEFI, das mit Windows 8 wohl großflächig Einzug hält, haben die Grub-Entwickler bei Version 2 bereits berücksichtigt.
Eine ganze Reihe von Updates hat Systemd [1] erhalten. Open Suse gehörte von Anfang an zu den Befürwortern des neuen Init-Systems. So ist es nur konsequent, dass die Entwickler in Open Suse 12.2 die aktuelle Version 44 mitliefern. Sie hat einige praktische Features im Gepäck, beispielsweise das Programm »systemd-cgtop« . Hiermit lässt sich im laufenden System nach Control Groups geordnet feststellen, ob ein Dienst übermäßig stark die Ressourcen des Systems beansprucht.
Systemd loggt auch
Nicht minder pfiffig ist das Journal-Feature: Es macht aus Systemd einen vollständigen Logging-Daemon, der anfallende Lognachrichten zentral speichert und somit Rsyslog ersetzen kann. Das Journal-Feature ist nach der Standardinstallation von Open Suse allerdings deaktiviert. Wer es nutzen möchte, konfiguriert Systemd entsprechend um.
Für die in der folgenden Open-Suse-Version enthaltene Systemd-Version versprechen die Entwickler bereits jetzt die Möglichkeit, dass Systemd Logdateien auch signiert und somit möglichen Manipulationen vorbeugt. Die Zeit von System-V-Init auf Open Suse ist abgelaufen. Erstmals trägt das alte Initsystem nun einen entsprechenden Vermerk, die Entwickler garantieren nicht einmal mehr, dass es überhaupt noch funktioniert.
Dass sich die Zeiten ändern, macht auch das Bootsplash-Framework Plymouth deutlich: Es kümmert sich nun um die Animation, die das Linux während des (ohnehin stark verkürzten) Bootvorgangs anzeigt (Abbildung 1). Von diesem erhoffen sich die Entwickler nicht nur eine flackerfreie Anzeige, sondern auch deutlich mehr Stabilität als von der vormals eingesetzten Lösung.

Abbildung 1: Wirkt unscheinbar, war aber viel Arbeit: Plymouth kümmert sich jetzt um die Start-Animation bei Open Suse – garantiert flackerfrei.
Reise nach /usr
Open Suse 12.2 folgt dem Beispiel von Fedora Core 17 und vollzieht den so genannten »/usr« -Merge. Konkret bedeutet das, dass verschiedene Tools, die vormals in »/bin« oder »/sbin« lagen, jetzt in den entsprechenden Unterverzeichnissen in »/usr« zu finden sind. Die Benutzer werden hiervon in aller Regel nichts merken, weil die »PATH« -Variable der Shell ohnehin alle drei Pfade enthält.
Wer an seinem Linux-System ein Headset für Skype oder andere Dienste mit Sprachübertragung einsetzt, hat sich an einen sehr lästigen Effekt möglicherweise bereits gewöhnt: Das Ausstecken des Geräts führt dazu, dass der Audio-Dienst Pulseaudio das entfernte Device einfach vergisst. Stöpselt der Anwender es wieder an, muss er erst die Audio-Konfiguration beackern, bevor Pulseaudio das Headset wieder nutzt. Open Suse 12.2 verwendet Pulseaudio 2.0, das dieses Problem elegant löst: Kennt es ein Gerät erst mal, merkt es sich die passende Konfiguration. Nach dem erneuten Anstecken stellt es sie automatisch wieder her.
Do not touch
Apropos Eingabegeräte: Multitouch-Devices haben sich in den letzten Jahren noch weiter verbreitet, nicht allerdings deren Unterstützung durch Linux. Open Suse 12.2 bringt erfreulicherweise X.org in Version 1.12.3 mit, das Support für die meisten Multitouch-Devices bietet. Der Pferdefuß: Die großen Desktopumgebungen sind noch immer unzureichend auf Multitouch eingestellt und lassen viele vorgesehene Funktionen ungenutzt. Hier ist wohl erst in der nächsten Open-Suse-Version mit Abhilfe zu rechnen, wenn die Desktops auf die neue X.org-Version reagiert haben.
Das Update auf eine neue X11-Version hat sich aber trotzdem gelohnt, denn sie läuft merklich schneller als ihre Vorgänger. In Kombination mit Mesa 8.0, das Unterstützung für Open GL 3.0 bringt, und einem proprietären Grafikkarten-Treiber kann sich die Grafikleistung des Systems durchaus sehen lassen.
Abgesehen von schwacher Multitouch-Unterstützung gibt es bei Open Suse im Hinblick auf Desktopumgebungen wenig zu bemäkeln. Oberflächlicher Liebling ist nach wie vor KDE, das in Version 4.8.4 beiliegt (Abbildung 2). Für KDE 4.9 war der Zug leider schon abgefahren, Pakete zum Nachrüsten finden sich aber mittlerweile im Netz unter [2].

Abbildung 2: Der KDE-Desktop dominiert bei Open Suse noch immer. Wer nicht auf Qt steht, kann aber aus einer Vielzahl von Alternativen wählen.
Wer lieber GTK als Qt mag, hat die Wahl zwischen Gnome 3.4 oder dem aktuellen Xfce 4.10. Anders als KDE liefert Open Suse diese beiden nahezu unverändert in der Upstream-Version. Neben den Mainstream-Desktops stehen überdies freilich andere Windowmanager bereit – für fast jedes noch so kleine Projekt schnürt Suse entsprechende Pakete.
Bei den Anwendungen legt die Distribution Libre Office in Version 3.5.4.7 bei, auch Firefox (14 beziehungsweise 15 nach dem ersten Online-Update) gehört zum Lieferumfang. Google Chrome glänzt in der Open-Source-Variante Chromium 22. Amarok 2.5 für Qt und Banshee 2.5 für GTK geben Multimediadateien wieder, und wer sein System zum Entwickeln benutzt, findet die aktuelle GCC 4.7.1 vor, mit der auch alle Pakete des Systems übersetzt sind.
Auf dem Server
Open Suse versucht zwar deutlich, sich als Desktop-Distribution zu platzieren. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch die Basis für Suses Server-Distribution ist, den Suse Linux Enterprise Server (SLES). Folglich hat sich in Version 12.2 auch einiges getan, was den Serverbetrieb angeht.
Einerseits betrifft das Systemd-Update Server genauso wie Desktops, und so ist absehbar, dass der nächste SLES mit Systemd ausgeliefert wird. Andererseits haben die Entwickler auch Arbeit in die Versionspflege typischer Serveranwendungen gesteckt. Besonders interessant ist dabei das Update auf Qemu 1.1.0. Denn diese neue Version des Emulators, der üblicherweise in Kombination mit KVM zum Einsatz kommt, liefert wichtige Features wie die Unterstützung für USB 3.0 in Gast-VMs, eine PCI-to-PCI-Brücke und den paravirtualisierten SCSI-Treiber »virtio-scsi« .
Wer auf den Java Application Server Tomcat setzt, erhält in Open Suse 12.2 die aktuelle Version 7, von der die Entwickler eine deutlich effizientere Ressourcennutzung erwarten. Und nicht zuletzt kommt das Update der Glibc den Servern zu Gute: Es verspricht deutliche Zuwächse in Sachen Performance auf 64-Bit-Systemen. Wer mutig ist, darf Open Suse 12.2 auf seinem Server also eine Chance geben. Doch Vorsicht: Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Version mit Langzeitunterstützung – zukünftige Updates sind also absehbar.
Entwickler-Zwist
Alle technischen Vorzüge können nicht darüber hinwegtäuschen: Open Suse hat schwierige Monate hinter sich. Dass der Haussegen mächtig schief hing, wurde spätestens im Juni 2012 deutlich. Die Projekt-Altvorderen Stephan Kulow, der seit Jahren als Release-Manager für das Projekt arbeitet, und Jos Poortvliet, der sich um das Community-Management kümmert, schlugen Alarm.
Per Mailingliste [3] und Blog [4] äußerten sie sich besorgt über den Zustand des Projekts (Abbildung 3). Schon im Juni war absehbar, dass Open Suse den anvisierten Termin für die 12.2-Release deutlich verfehlen würde. Beide Suse-Urgesteine riefen daraufhin die Entwickler zur Diskussion über die künftige Entwicklungsarbeit auf. Weder Kulow noch Poortvliet nahmen bei ihrer Kritik ein Blatt vor den Mund: Einstimmig erklärten sie, das Open-Suse-Entwicklungsmodell sei derzeit weder hinreichend koordiniert, noch mache es einen professionellen Eindruck nach außen.

Abbildung 3: Release-Probleme: Der Community-Manager Jos Poortvliet sah Open Suse in seinem Blogbeitrag schon angeschlagen in der Ecke liegen.
Der Community-Manager bemängelte unter anderem, dass Ausfälle des Build-Service das Projekt bremsten. Zudem sei der Factory-Zweig, in dem die neue Release entsteht, oft kaputt. Kulow stellte hingegen generelle Überlegungen zum Release-Prozess an und forderte gar gleich ein neues Entwicklungsmodell. So schlug er vor, nach der Release von Open Suse 12.2 bloß noch eine Version pro Jahr zu veröffentlichen und viel Zeit in deren Qualitätssicherung zu investieren.
Tumbleweed
Alternativ wäre auch eine Rolling-Release-Strategie denkbar, wie Gentoo und Arch Linux sie seit einiger Zeit praktizieren. Open Suse experimentiert bereits mit einem derartigen Modell, das Projekt nennt sich Tumbleweed [5]. Vorläufig behalf das Projekt sich damit, dass es die eigentlich geplante Alphaversion Milestone 4 ausfallen ließ und stattdessen gleich mit der Beta 1 weitermachte. Im Vergleich zu dem ursprünglichen Plan hinkt Open Suse 12.2 um zwei Monate hinterher.
Dafür liefert Open Suse mit seiner Distribution in Version 12.2 ein sehr solides Werk, das die Prüfungen des Alltags übersteht. Yast präsentiert sich wie gehabt als sehr robuste Installationsroutine, an der es bereits zuvor wenig auszusetzen gab (Abbildung 4). Die Versionspflege hat die Software auf den aktuellen Stand gebracht, ohne für grobe Instabilitäten zu sorgen. Vermeintlich unscheinbare Änderungen wie das neue Pulseaudio, das dem Konfigurationswahn bei Hotplug-Devices ein Ende setzt, runden das Paket ab. Auf technischer Seite gibt es kaum etwas, das gegen ein Update spricht.

Abbildung 4: Gewohnt robust präsentiert sich das Setuptool Yast 2, das in kürzester Zeit eine frische Open Suse auf die Platte bringt.
Ungewiss
Bauchschmerzen verursachen hingegen die internen Streitigkeiten, mit denen sich das Projekt seit Monaten konfrontiert sieht. Die Tatsache, dass man den ursprünglich angepeilten Release-Termin um über zwei Monate verpasst hat, sorgt bei einigen Entwicklern für Falten auf der Stirn. Gut möglich, dass Open Suse 12.2 die letzte Version nach altem Release-Mechanismus bleibt. (mhu)
Infos
- Udo Seidel, “Konkurrenz am Start”: Linux-Magazin 11/11, S. 72
- KDE 4.9 für Open Suse 12.2: http://de.opensuse.org/KDE_Repositorys#KDE_SC_4.9_.28K:R:49.29
- Blogbeitrag von Jos Poortvliet: http://news.opensuse.org/2012/06/14/where-is-my-12-2-my-kingdom-for-a-12-2/
- E-Mail von Stephan Kulow: http://lists.opensuse.org/opensuse-factory/2012-06/msg00468.html
- Rolling Updates für Open Suse: http://en.opensuse.org/Portal:Tumbleweed





