Aus Linux-Magazin 07/2002

Freie Projekte: SQL-Ledger, Compiere, GNU Enterprise und Qttudo

Freie Software für Buchhaltung und Rechnungslegung einsetzen ist vorteilhaft, denn für Anpassungen und Erweiterungen braucht man nicht zwingend den Hersteller der Software. Weitere Vorteile, aber auch die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, zeigt folgender Bericht an vier Beispielen.

Immer wieder starten freie Projekte zur Entwicklung betriebswirtschaftlicher Software und Buchhaltungsprogrammen, genauso regelmäßig versanden jedoch die meisten wieder oder bleiben schon im Entwurfsstadium stecken.

Die Gründe dafür sind vielfältig, lassen sich aber gut gruppieren: Erstens machen Fibus den meisten (Freizeit-)Entwicklern keinen Spaß – seien wir ehrlich: auf den ersten Blick ist als eine Finanzbuchhaltung tatsächlich wenig sexy. Zweitens sind buchhalterische Know-how und Könnerschaft bei der Softwareentwicklung oft ungleich verteilt. Deshalb sind es oft einzelne Entwickler, die sich hier ans Werk machen, zumeist Selbständige oder Kleinunternehmer aus dem IT-Sektor. Ihr Solodasein frustriert sie auf Dauer zusätzlich, fällt als Motivationsquelle doch auch die Freude an gemeinsamer Arbeit weg. Erfreulich ist, dass dennoch nicht alle scheitern, die diesem Bereich in Angriff nehmen.

Dieser Artikel stellt deshalb vier Projekte vor, die eines gemeinsam haben: Sie sind derzeit aktiv. In Status, Zielrichtung und Umfang unterscheiden sie sich jedoch erheblich.

SQL-Ledger

Das SQL-Ledger-Projekt [1] startete 1998 mit der ersten brauchbaren Programmversion und ist bis heute sehr aktiv. Die aktuelle Version 1.8.3 stammt vom März 2002. SQL-Ledger ist ein System für Auftragsabwicklung, Finanzbuchhaltung und Lagerverwaltung. Es ist Webserver-basiert und in Perl geschrieben. Als Datenbank liegt PostgreSQL zugrunde.

Das Projekt um den in Kanada ansässigen Initiator Dieter Simader hat seit 1998 eine weltweite treue Nutzergemeinde um sich geschart, deren Mitglieder auch selbst zur Entwicklung beitragen. Lokalisierungen existieren für alle wichtigen europäischen Sprachen, aber auch für Chinesisch und Arabisch.

Vor allem die deutsche Nutzergemeinde ist in letzter Zeit sehr aktiv geworden und bemüht sich intensiv vor allem um zwei Aspekte: Die Entwicklung von Kontenrahmens und einer Datev-Schnittstelle. Die Fertigstellung des Kontenrahmens SKR 03 ist schon in den nächsten Monaten zu erwarten.

Abbildung 1: Die Web-Oberfläche von SQL-Ledger ist funktional, ohne Schnickschnack und ohne Java.

Abbildung 1: Die Web-Oberfläche von SQL-Ledger ist funktional, ohne Schnickschnack und ohne Java.

Flexibel und schlank

Auch in kleineren deutschen Unternehmen hat sich SQL-Ledger schon im praktischen Einsatz bewährt. Die Firma Linet Services [2] benutzt es beispielsweise in der Auftragsbearbeitung und zum Erstellen von Rechnungen.

Der Geschäftsführer Phillip Reetz lobt vor allem SQL-Ledgers einfache Handhabbarkeit, die meist reibungslose Installation und die gut kommentierten Schnittstellen. Die machen möglich, Anpassungen schnell und vor allem selbst auszuführen. Solche Modifizierungen sind beinahe in jedem Unternehmen nötig, da sich die internen Abläufe nie vollkommen in einem allgemeinen Modell abbilden lassen.

Hervorzuheben ist auch eine feingranulare Rechteverteilung. Für große Firmen ist das Programm dennoch wenig geeignet. Seltenheitswert hat eine weitere erfreuliche Eigenschaft von SQL-Ledger: Das Web-Interface ist auch mit textbasierten Browsern wie Lynx und W3C bedienbar. Dies kann einen Nachteil kompensieren, den Web-basierte Frontends immer haben, die zähe Bediengeschwindigkeit gegenüber nativen Clients.

Abbildung 2: Rechnungserstellung nach praktischer Art. Selbst E-Mail-Versand ist aus der Maske möglich.

Abbildung 2: Rechnungserstellung nach praktischer Art. Selbst E-Mail-Versand ist aus der Maske möglich.

Mehr Support in Deutschland

Für die Zukunft hat sich die Entwicklergemeinde von SQL-Ledger um Dieter Simader einiges vorgenommen: Eine Portierung für die IBM-Datenbank DB2 ist beispielsweise schon im Entstehen. Viele der zukünftige Erweiterungen werden wohl die Warenwirtschaft betreffen. Das interessanteste angekündigte Feature ist aber ein Stand-Alone-Client für Kassensysteme mit Unterstützung für Scannerkassen. In dem Zuge hat dann auch das Webclient-Prinzip ausgedient, das Programm bekommt eine Tk-Oberfläche spendiert.

In nächster Zukunft wird die bereits erwähnte Firma Linet übrigens dem Projekt einen deutschen Mirror zur Verfügung stellen, sich sehr im Support rund um das Programm engagieren und zusammen mit anderen Entwicklern die Anpassung an lokale Besonderhei ten wie Kontenrahmen oder neue Steuervorschriften vorantreiben.

Compiere

Abbildung 3: Auftragsbearbeitung mit Compiere - alles streng auf Geschäftsprozesse gerichtet.

Abbildung 3: Auftragsbearbeitung mit Compiere – alles streng auf Geschäftsprozesse gerichtet.

Wesentlich unbescheidener als SQL-Ledger gibt sich das Projekt Compiere [3]. Ein Zitat von der Website: “Compiere ist die ERP- und CRM- Software für kleine und mittlere Unternehmen in Handel und Dienstleistung. Für den globalen Markt entworfen, ist Compiere einfach zu installieren und zu implementieren. Im Gegensatz zu anderen Lösungen sind sie hier schon nach vier Stunden in der Lage Rechnungen einzugeben.”

Jede ausgiebige quantitative Betrachtung muss der Selbstdarstellung Recht geben. Gemessen an der Anzahl der Downloads ist Compiere eines der erfolgreichsten auf Sourceforge gehosteten Open-Source-Projekte überhaupt: Mit 200 000 Downloads insgesamt belegt es in der Statistik regelmäßig vordere Ränge, im Februar kam es sogar auf Platz 4 der Sourceforge-Charts.

Initiator des Projektes ist Jörg Janke, der auf eine langjährige Erfahrung mit SAP, Oracle und Unisys zurückblicken kann. Das Konzept der Software geht auf einen in Smalltalk implementierten Prototypen zurück, den Janke bereits 1991 entwickelte. Viele der anderen acht Entwickler im Kernteam haben einen ähnlichen beruflichen Hintergrund wie Jahnke. Dementsprechend hoch sind die Ziele gesteckt und die eingesetzte Technologie sehr anspruchsvoll. Janke begann die eigentliche Entwicklung von Compiere – übrigens gesponsert von Reifenhersteller Goodyear – im Jahre 1999. Heute liegt bereits Version 2.4.2 der Software vor.

Ein professioneller Ansatz

Die Feature-Liste von Compiere ist beeindruckend. Es handelt sich um ein hoch integriertes System das alle Aspekte betriebswirtschaftlicher Software unter einer Oberfläche enthält.

Die interne Logik ist streng an Geschäftsprozessen ausgerichtet. Es krempelt dabei die traditionelle Logik und Begriffswelt gewohnter modularer Business-Software um. Wer das System einsetzt, muss sich also von unter Umständen auch vom gewohnten Organisationsmodell seines Unternehmens verabschieden – SAP lässt grüßen.

So sind zum Beispiel alle kundenorientierten Prozesse von Debitoren-Buchhaltung, Auftragsverwaltung von Einkauf und Verkauf sowie Lagerverwaltung in einem Funktionsbereich “Customer Management” zusammengefasst. Andere Prozesse derselben Bereiche, die eher dem Controlling zuzuordnen sind, gehören beispielsweise deshalb zur “Performance Analysis”.

Auf ähnliche Art und Weise sind auch typische Funktionen des Customer Relationship Managements (CRM) oder des Supply Chain Manangements (SCM) in verschiedene Teilprozesse aufgegliedert und in das Gesamtsystem integriert.

Auch was die Systemanforderungen betrifft, gehört Bescheidenheit nicht zu den Zierden des Projektes. Momentan setzt Compiere eine lauffähige Oracle 9i-Datenbank und ein installiertes Java SDK in der neuesten Version 1.4 auf der Server-Seite voraus. Client-seitig wird ebenfalls Java 1.4 benötigt, hier genügt jedoch die Runtime-Engine.

Wer Oracles Installationsorgie unter Linux kennt, wird also bei den auf der Homepage versprochenen vier Stunden bis zur ersten erstellten Rechnung nur mitleidig den Kopf schütteln. Es gibt es jedoch Hoffnung, denn eine Portierung auf PostgreSQL ist bereits in Arbeit.

Client-seitig stellt das System so hohe Anspüche an die Hardware, dass die leistungstärksten PCs der Firma nicht traditionsgemäß unter dem Schreibtisch des Vorstandes verschwinden, sondern besser in der Buchhaltung aufgestellt werden sollten. Bei den Anforderungen, die Compiere an das dortige Personal stellt, sind diese Kosten allerdings schon fast wieder vernachlässigbar.

Abbildung 4: Hauptmenü in Compiere - das ganze Unternehmen auf einen Blick.

Abbildung 4: Hauptmenü in Compiere – das ganze Unternehmen auf einen Blick.

Bedenkenswert: Bescheidenheit ist (k)eine Zier

Compiere erlaubt es zwar in einem Maße wie keine andere Open-Source-Software, hoch komplexe Workflows umzusetzen, allerdings fordert diese Komplexität bei der Bedienung ihren Tribut. Abbildung 5 vermittelt davon einen Eindruck. Auch die Anpassungen an das eigene Unternehmen sind ohne fortgeschrittene Java-Kenntnisse nicht zu leisten. Alternativ bietet Compiere Beratung und Support zu den in diesem Marktsegment üblichen Konditionen.

Komplexität als Markenzeichen

Abbildung 5: So komplex kann eine Rechnungsstellung in Compiere sein.

Abbildung 5: So komplex kann eine Rechnungsstellung in Compiere sein.

Das integrierte Gesamtkonzept von Compiere bietet, wenn man es einmal akzeptiert hat, zahlreiche Vorteile gegenüber vielen anderen Lösungen. So sind etwa die Reporting- und Analyse-Funktionen ausgesprochen vielseitig. Sie verwenden unter anderem einen OLAP-Viewer zur Darstellung multidimensionaler Relationen. Die Ergebnisse können als Zahlenwerke beliebig summiert oder gruppiert, oder aber als Grafiken ausgegeben werden.

Um es zusammenzufassen: Wer “eben mal schnell” eine Fibu oder betriebswirtschaftliche Standard-Software braucht, für den ist Compiere sicher nicht die richtige Wahl. Interessant wird das System, wenn ohnehin an eine Restrukturierung des Unternehmens gedacht ist, wenn ein hoch komplexes und dynamisches Netz aus Kunden, Lieferanten und Partnern besteht oder bei Neugründungen mit anfänglich hohem Expansionsbestreben. Zudem ist eine nicht zu geringe Java-Kompetenz im Unternehmen geradezu ein Muss.

GNU Enterprise

Das GNU-Enterprise-Projekt [4] ist in der Höhe seiner Ambitionen durchaus mit Compiere vergleichbar, aber sonst gibt es recht wenig Gemeinsamkeiten. Die Motivation speist sich hier vor allem aus dem Ziel, ein Komplettsystem freier Enterprise-Software zu entwickeln, das buchstäblich alles umfasst, von der Personalverwaltung, Buchhaltung, Projektmanagement bis hin zu Supply Chain Management und E-Commerce.

Dabei wollen die Entwickler kaum auf vorhandene Middleware wie etwa Application Server aufsetzen, sondern die komplette Struktur neu entwickeln, beginnend bei universellen Datenbanktreibern bis hin zu XML-basierten Formulargeneratoren. Derzeit besteht das GNU-Enterprise-Team aus fünf Kern-Entwicklern und etwa 20 Leuten, die Beiträge zum Projekt leisten. Die Geschichte von GNUe reicht zurück bis ins Jahr 1995, ursprünglich begann es als reines Buchhaltungsprojekt. Die heutige Konzeption entstand im Jahr 2000. Gemessen an den hohen Ansprüche geht die Arbeit momentan eher langsam voran und konzentriert sich derzeit auf das Programmieren von Entwicklungstools.

Abbildung 6: Der Forms-Generator von GNU-Enterprise kann schon installiert werden.

Abbildung 6: Der Forms-Generator von GNU-Enterprise kann schon installiert werden.

BWL mit Python und Corba

Die Kernelemente von GNUe sind so genannte Business Objects, die als Python-Klassen realisiert sind. Diese kommunizieren untereinander gemäß einer zu implementierenden Business-Logik. Die eigentlichen Daten liegen in einer SQL-Datenbank, die Darstellung und Eingabe erfolgt über XML-basierte “GNU Enterprise Forms”.

Ähnlich wie bei Glade oder Mozilla wird dabei eine grafische Oberfläche durch ein XML-File definiert, von einem Generator interpretiert und mittels vorhandener Widgets, beispielsweise von GTK+, Microsoft Windows oder textbasiert durch Curses dargestellt. Hier existieren schon lauffähige Versionen. Auch der darauf aufbauende Report-Generator nimmt langsam Gestalt an. Die letzten Versionen des Application-Servers stammen vom Juli letzten Jahres.

Für alle eigentlichen Anwendungs-Module existieren lediglich mehr oder weniger detailliert ausgearbeitete Designvorschläge, derjenige für die Buchhaltung stammt vom Kanadier Louis Charbonneau, ist datiert auf März 2001 und sehr ausführlich spezifiziert. Auf absehbare Zeit sollte also niemand darauf spekulieren, GNU Enterprise produktiv verwenden zu können. Hier ist entweder engagierte Mitarbeit oder Warten angesagt.

Qttudo

Das Qt-basierte Programm Qttudo ist eines der eingangs erwähnten typischen Einzelkämpferprojekte. Der Entwickler Jörg Bemm? arbeitet seit 1997 daran; die Versionsnummer nähert sich asymptotisch der 1.0 und steht jetzt bei 0.9.10. Die Benutzeroberfläche lehnt sich etwas an die von Navision an, da Jörg Bemm? unter anderem auch im Navision-Support tätig ist.

Ursprünglich war das Programm als reine Warenwirtschaft geplant, es hat sich jedoch herausgestellt, dass die Integration einer Buchhaltung dabei hilft, doppelt vorkommende Handlungsabläufe zu vermeiden.

Programm GPL, Listen gegen wenig Geld

Als Datenbank dient PostgreSQL, der Quellcode von Qttudo selbst steht unter der GPL. Um das Programm sinnvoll einsetzen zu können, benötigt es jedoch vordefinierte Listen, die es zu moderaten Preisen bei Jörg Bemm? Datasystems zu kaufen gibt. Eine Saldenliste kostet 60 Euro, eine Liste für Gewinn- und Verlustrechnung 180 Euro.

Qttudo ist für SuSE-Linux optimiert, die neuen Versionen ab 0.9.8 benötigen Qt 3.0 und PostgreSQL 7.1. Die Installation gestaltet sich einigermaßen umständlich, da die PostgreSQL-Benutzer und -Tabellen manuell anzulegen sind. Die Vorgehensweise ist in einem Readme kurz beschrieben.

Derzeit ist Qttudo noch nicht besonders gut dokumentiert. Der Autor verspricht, dass in wenigen Monaten ein Handbuch erscheint, das aber voraussichtlich nur gegen Bares zu haben sein wird. Eine Zwischenlösung bilden ein paar HTML-Files für die wichtigsten Funktionen und die Bedienung des Programms. Sie sind im Paket enthalten.

Wichtige Begriffe

Kontenrahmen: Ziel eines Kontenrahmens ist es, die vom Unternehmen frei wählbaren Konten in zehn feststehende Kontenklassen einzuteilen und so die Buchführung zu vereinheitlichen. Jede Kontenklasse kann sich dabei wiederum in Kontengruppen aufgliedern. Kontenrahmen können branchenspezifisch oder allgemein gehalten sein.

Unternehmen, die zur Veröffentlichung ihrer Bilanzen verpflichtet sind, müssen die Kontenrahmen SKR 03 oder SKR 04 nutzen. Jedoch legen auch viele kleinere Unternehmen aus praktischen Gründen ihre Buchhaltung mit diesen Kontenrahmen an.

Datev: Diese Berufsgenossenschaft der steuerberatenden Berufe ist zugleich der größte Software-Anbieter im steuerlichen Bereich. Schnittstellen zu Datev-Programmen sind also sinnvoll, wenn man seinem Steuerberater die Daten für den Jahresabschluss nicht als Papierstapel präsentieren möchte.

GoB-Testat: GoB steht für “Grundsätze ordnungsgemäßer Buchhaltung” nach Handelsgesetzbuch Paragrafen 238 ff. Wer Finanzbuchhaltungs-Software ohne dieses Testat einsetzt, riskiert bei einer Betriebprüfung Ärger mit dem Finanzamt, das in diesem Fall die Buchhaltung für ungültig erklären kann. GoB-Testate erteilen unabhängige Wirtschaftsprüfer oder der TÜV.

Umsatzsteuervoranmeldung: Das Finanzamt entscheidet, ob es eine “Umsatzsteuervoranmeldung auf Blankopapier” – also durch einen Computerausdruck – akzeptiert. Die eingesetzte Software muss also dahingehend testiert sein.

Infos

[1] SQL-Ledger: [www.sql-ledger.com]

[2] Linet GmbH: [www.linet.de]

[3] Compiere: [www.compiere.org]

[4] GNU Enterprise: [www.gnue.org]

[5] Qttudo: [www.bemme.de]

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