Aus Linux-Magazin 07/2012

Ubuntu 12.04 LTS

Mit fünf Jahren Support will sich Ubuntu 12.04 für den Einsatz in Firmen und auf Servern empfehlen. Unity-Desktop, Head-up-Display und neues Dashboard empfangen den Desktop-Anwender. Administratoren von Ubuntu-Servern finden in 12.04 neue Werkzeuge und Anwendungen.

Canonicals letzter Langläufer – Ubuntu 10.04 alias “Lucid Lynx” – war 2010 gestartet. Die Desktop-Edition setzte damals ganz auf Gnome 2.3 und das Light-Theme. Wer nun Ubuntu 12.04 installiert, landet auf dem neuen Desktop Unity. Ubuntu-Gründer und Canonical-Chef Mark Shuttleworth hatte Unity 2011 zu einem Teil der Zukunftstrategie erklärt und gegen alle Widerstände von Entwicklern und Community verteidigt. Unity soll Bildschirme von Smartphones ebenso bedienen wie eine Videoleinwand – die Vereinheitlichung des Desktops ist also Programm. Canonical plant überdies an Ubuntu TV und Ubuntu für Android.

Tastendruck

Dem gegenwärtigen Einsteiger in Unity hilft zur Eingewöhnung ein längerer Druck auf die [Windows]- oder [Super]-Taste, der eine Liste mit Tastaturkürzeln für Unity auf den Schirm holt. Diese Tastenkürzel sind ein unverzichtbares Steuerelement für Unity.

Das mit dem Head-up-Display, kurz HUD, eine weitere Innovation in die LTS-Version wandert, zeigt Shuttleworth’ entschiedenen Drang zur Modernisierung. Auch wenn das HUD eher das Prädikat “Experimentell” verdient, steckt es im Angebot der auf Stabilität ausgelegten 12.04. Ein Druck auf die [Alt]-Taste fördert es zutage (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das Head-up-Display (HUD) dient der Steuerung von Anwendungen.

Abbildung 2: Das Head-up-Display (HUD) dient der Steuerung von Anwendungen.

Das durchscheinende Display präsentiert eine Eingabezeile, in die sich Funktionen der jeweiligen Anwendung eintragen und so schnell aufrufen lassen. Der Nutzer tippt die ersten Buchstaben der gesuchten Funktion ein und spart sich damit den Gang durch verschachtelte Menüs – zumindest in der Theorie, denn HUD arbeitet bislang nur mit einigen Programmen zusammen, darunter Gimp, Libre Office und Firefox.

Im Dash ändert sich auch einiges. Die Überblickseite, die bisher nach einem kurzen Druck auf [Windows] oder [Super] sowie beim Anklicken des Dash-Symbols im Starter erschien, gibt es nicht mehr. Stattdessen landen Nutzer in einer Übersicht mit den zuletzt geöffneten Anwendungen und Dateien sowie der zuletzt heruntergeladenen Software.

Wie bisher reichen einige Buchstaben, um das Start-Icon für ein bestimmtes Programm aufzurufen. Neuerdings ist jedoch doppelt auf [Pfeil runter] zu drücken, um den Fokus auf das Start-Icon zu legen, beim ersten Druck landet der Nutzer lediglich in der Kategorienzeile. Hier holt [Eingabe] alle verfügbaren Anwendungen einer Kategorie ans Tageslicht.

Die Systemeinstellungen hat Canonical nicht nur optisch überarbeitet, sondern auch durch neue und geänderte Einträge ergänzt. So sind unter »Darstellung« einige Unity-Parameter anpassbar, die Nutzer treffen dort auf geänderte Ubuntu-One-Optionen.

Abrüstung

Wer die standardmäßig aktivierten 3-D-Funktionen verzichtbar findet oder einen schwachbrüstigen Rechner, der bei der Darstellung außer Puste gerät, sein Eigen nennt, meldet sich vom Desktop ab, klickt auf das Icon neben dem Benutzernamen und wählt »Ubuntu 2D« aus. Die Nachinstallation des Pakets »gnome-panel« liefert zudem einen Desktop, der stark an das klassische Gnome erinnert. Ein über die Anmeldezeile wählbarer Eintrag namens »Gnome Classic« führt später dorthin.

Beim Thema Energieverbrauch hat sich Ubuntu mit seinen jüngeren Ausgaben nicht mit Ruhm bekleckert, was viele Notebookbesitzer bezeugen können. In der 12.04 zeigen sich nun die Powermanagement-Utilities um einige Skripte erweitert, die den Stromverbrauch von USB- und PCI-Geräten drosseln sollen, wenn der Netzstecker an Notebooks abgezogen ist.

Kernkompetenzen

Ubuntu beherrscht nun den Umgang mit Clickpads, den berührungsempfindlichen Bedienflächen von Notebooks. Kernel 3.2 sorgt für diverse Treiberupdates, etwa bei der Erkennung von Kopfhörern. Das zuständigen Patch »jack detection« haben die Entwickler für Kernel 3.2 zurückportiert, es war ursprünglich für Kernel 3.3 vorgesehen.

Server- und Desktop-Ausgabe beruhen zur Minimierung des Pflegebedarfs nun auf einer Kernversion. Der Non-PAE-Kernel findet dabei weiterhin Unterstützung. Die Macher von Ablegern wie Lubuntu, das sich Hardware-seitig den Schwachen und Alten widmet, dürften dafür dankbar sein. Wie üblich passt Ubuntu den Kernel an, was Admins mit Drang zu einem neuen Kern zur Vorsicht zwingt. Fast überfällig scheint ein stärkerer Fokus auf 64-Bit-Systeme. Ubuntu macht diese nun zur Standard-Architektur.

Admins Werkzeuge

Wissenswert: Eine von Debian beigesteuerte Änderung der Rechteverwaltung zählt die Administratoren nun zur Gruppe »sudo« und nicht mehr wie bisher zu »admin« . Aus Kompatibilitätsgründen behalten existierende Admins der Gruppe »admin« aber ihre Rechte. Die Namensauflösung (DNS, [1]) übernimmt ab sofort das Tool »dnsmasq« . Als Verwaltungsinstanz dient der Networkmanager. Dnsmasq soll sich durch flottere Auflösung auszeichnen und Vorteile in Szenarien mit zusätzlichen VPN-Nutzern bringen.

Weitere Neuerung: Die Datei »/etc/resolv.conf« lässt sich nicht mehr manuell ändern und setzt solche Versuche mit den im Networkmanager eingetragenen Werten zurück. DNS-Einträge für statische IP-Adressen wie »dns-nameservers« , »dns-search« und »dns-domain« gehören nun in die passende »interface« -Datei unter »/etc/network/interfaces« . Ein Überschreiben der »resolvconf« ist aber im Verzeichnis »/etc/resolvconf/resolv.conf.d/« möglich.

Beim Startvorgang hält Ubuntu nicht nur weiterhin an Upstart fest, sondern setzt auf die neue Version 1.4. Die führt »setuid« und »setgid« ein, um Jobs als bestimmter User zu starten. Logdateien für jeden Job liegen unter »/var/log/upstart/{JOB}.log« . Nicht zuletzt ist die Brücke zwischen Upstart und Udev ausgebaut, um Probleme mit defekten und unbekannten Geräten zu verhindern, die beim Anschließen Datenmüll übermitteln.

Server-seitig

Auch im Serverbereich versucht das Ubuntu-Projekt weiter Fuß zu fassen, die 12.04 bringt dafür entsprechende Werkzeuge mit. Mit MaaS (Metal as a Service) prägte Mark Shuttleworth nicht nur ein neues Buzzword, so heißt auch ein installierbares Softwarepaket (»maas« ). Es soll Administratoren helfen Ubuntu über PXE, DHCP und Cobbler auf viele jungfräulichen Rechner in einem Netzwerk zu verteilen, um diese zentral über ein Webinterface zu verwalten [2].

Netzwerkbetreuer dürften sich auch für die Zentyal-Pakete in den Ubuntu-Repositories interessieren: Mit ihnen verwalten sie verschiedene Netzwerk- und Serverdienste (DHPC, DNS, LDAP) über ein übersichtliches Webinterface. Außerdem ist in der neuesten Variante die Cloud-Computing-Architektur Openstack ebenso an Bord wie die Virtualisierungslösung KVM. Admins findet nun für die Openstack-Komponenten vorbereitete Installationswerkzeuge.

Auch beim High Performance Computing geht’s voran: Im Universe-Repository wartet Version 1.5 von Open MPI auf ARM-Rechner. Die Architektur selbst ist ebenfalls besser dran: ARMv7-Images nutzen nun »hardfloat« und damit die Fließkomma-Einheiten der ARM-Prozessoren, was die Performance der damit kompilierten Anwendungen um bis zu 40 Prozent steigern soll. Images für OMAP3, OMAP4, AC100 sowie Freescale i.MX5x stehen zum Download bereit.

Schließlich deutet das verstärkt beworbene Support-Programm Ubuntu Advantage [3] wieder in strategische Richtung. Firmen beziehen darüber Support in unterschiedlichen Stufen. Der im Advantage-Paket enthaltene Verwaltungsservice Landscape zählt zu den Werkzeugen. Damit können Admins via Webservice einen Zoo von Ubuntu-Rechnern konfigurieren, Monitoring betreiben und auch Clouddienste verwalten.

Ubuntus Builder

Die Software Ubuntu-Builder [4], die dabei hilft, angepasste Ubuntu-Distributionen zu erzeugen, unterstützt die 12.04 bereits. Der Builder erlaubt es, etwa Desktopumgebung, Windowmanager und Pakete auszuwählen. (uba)

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