Aus Linux-Magazin 09/2002

Innenministerium und Verwaltungen bauen weiter auf Linux

Bundesinnenminister Otto Schily betont, dass das deutsche Innenministerium Linux als ernsthafte Alternative für den Desktop-Einsatz ansieht. Setzt nun endgültig die Migrationswelle ein?

Ein Grund für das verstärkte Engagement verschiedener Behörden in Sachen Linux liegt auf der Hand: Microsoft stellt im Juni 2003 offiziell den Support für Windows NT 4.0 ein; neue Lizenzen sind nur noch für Windows XP erhältlich. Das bedeutet für viele Behörden, dass ein Update fällig ist.

Teure Updates

Sollte sich ein Teil der Verwaltung für ein Update entscheiden, dann stehen zwei Varianten zur Verfügung: Eine neue Voll-Lizenz kaufen, die meist sehr teuer ist, oder einen Leihvertrag unterzeichnen, der allerdings deutlich kürzere Upgrade-Zyklen vorsieht, als sie in der Verwaltung mit vier bis fünf Jahren allgemein üblich sind.

Obwohl inzwischen wieder Gespräche zwischen der Koordinations- und Beratungsstelle der Bundesregierung (KBSt)[1] und Microsoft aufgenommen wurden, ist der Pinguin auf dem Weg in die deutsche Verwaltung. Der Rahmenvertrag zwischen Bundesinnenministerium[2] und IBM sieht vor, dass sich die behörden nach einem bestimmten Schlüssel von dem IT-Konzern Linux-Systeme installieren lassen dürfen.

In einem Interview mit der Tageszeitung “Handelsblatt” sagte der Minister Ende Juni, dass es bereits Verhandlungen mit Microsoft gegeben habe. Diese seien aber so verlaufen, dass für die Behörden als Lizenznehmer eine deutliche Verschlechterung eintreten würde. Derzeit befindet sich das Bundesinnenministerium im Gespräch mit IBM, um eine neue IT-Strategie auszuarbeiten.

Offener Quellcode nach dem 11. September 2001

Die Gespräche über neue Computer-Systeme wurden aber nicht ausschließlich durch die Verteuerung der Lizenzen für neue Windows-Versionen angeschoben. Die Regierungsbeamten nahmen den 11. September 2001 und die Terroranschläge zum Anlass, über die Sicherheit der Netzinfrastruktur zu diskutieren. Fazit: Systemen mit offenem Quellcode ist Vorrang zu geben. Zudem versprechen sich IT-Experten mehr Schutz vor Viren, da die Monokulturen im Bereich der Betriebssysteme aufgebrochen würden.

Indem die Verwaltung mehrere Dienstleister mit der Implementierung der Systeme beauftragt, macht sie sich gleichzeitig wirtschaftlich unabhängiger. Damit ist der amerikanische Softwareriese Microsoft wieder mal an einer empfindlichen Stelle getroffen. Immerhin galten lange Zeit die Produkte aus Redmond als Arbeitsgerät, das vielleicht nicht immer richtig funktionierte, aber zumindest von einem Konzern stammt, den man im Zweifel haftbar machen konnte.

Mit der Einführung von Linux und anderer Software, die quelloffen entwickelt wird, musste sich die Verwaltung, wie schon im Bundestag, auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Große IT-Firmen, in diesem Fall IBM, übernehmen die Migration der Systeme. Sie sind dann für das Funktionieren des Systems verantwortlich.

Die KBSt und das Bundesamt für Sicherheit- in der Informationstechnik (BSI)[3] arbeiten derzeit einen Migrationsleitfaden aus, der den einzelnen Behörden bei der Umstellung auf die neuen Systeme helfen soll. In diesen Leitfaden fließen die Erkenntnisse aus mehreren Pilotprojekten ein.

Bundesinnenminister Otto Schily setzt sich für mehr Linux in den Behörden ein.

Bundesinnenminister Otto Schily setzt sich für mehr Linux in den Behörden ein.

Kostenlose Planung

Im Beschaffungsamt in Bonn läuft die Umstellung bereits. Seit 1999 die ersten Pläne für eine Umstellung vorgelegt wurden, hat sich einiges bewegt: Auf den Servern arbeitet heute bereits Debian Linux. Bis Ende dieses Jahres sollen die Desktop-Rechner umgerüstet werden. Dann laufen im Beschaffungsamt 230 Computer mit dem freien Betriebssystem. “Das hat für das Amt natürlich einen Einspareffekt. Die Kosten für die Windows-Lizenzen fallen in Zukunft weg”, sagt Miliana Romic, Pressesprecherin der Behörde.

Beim Bundeskartellamt gibt es konkrete Pläne für die Umstellung auf Linux im Serverbereich und auch das Straßenverkehrsamt hat Interesse am Einsatz von Linux angemeldet.

Ein weiteres Beispiel für eine geplante Umstellung ist die niedersächsische Polizei, die ihre komplette IT-Infrastruktur in den nächsten Jahren migrieren wird. Dabei handelt es sich immerhin um rund 11600 Arbeitsplätze bei einem Gesamtinvestitionsvolumen von 165 Millionen Euro. Auch dies ist bestimmt ein Projekt, das wertvolle Erkenntnisse liefert. Bundesgrenzschutz und Bundeskriminalamt werfen schon gespannte Blicke nach Niedersachsen.

Nicht erst seit diesem Jahr fördert die Bundesregierung Einsatz und Verbreitung von Open-Source-Software: Schon 2000 entbrannte öffentlich eine Diskussion um den Einsatz von Linux in einer Regierungsbehörde. Damals ging es um die Arbeitsplätze im Landtag von Schleswig-Holstein, aber die Entscheidung viel gegen Linux aus.

Ein deutliches Zeichen war dagegen die Entscheidung der Verwaltung des deutschen Bundestags. Hier votierte man für den Einsatz des freien Betriebssystems auf verschiedenen Servern der Verwaltung. Die Kampagne Bundestux [http://www.bundestux.de] ist seinerzeit zur Unterstützung der Linux-Befürworter ins Leben gerufen worden. Die Portalseite ist nach wie vor online und die Betreiber berichten über aktuelle Entwicklungen bei der Verbreitung freier Software in der Verwaltung und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Hinter den Kulissen werkelt im Bundestag schon bald Linux. Innenminister Otto Schily möchte jetzt den Pinguin auch auf die Amts-Schreibtische setzen.

Hinter den Kulissen werkelt im Bundestag schon bald Linux. Innenminister Otto Schily möchte jetzt den Pinguin auch auf die Amts-Schreibtische setzen.

Softwarepool

Neues Wasser auf die Mühlen der Pinguin-Freunde kommt aus Brüssel. Dort wurde Anfang Juli die Studie “Pooling Open Source Software” der Kommission für den Datenaustausch zwischen Verwaltungen (IDA) veröffentlicht[5]. Die Autoren legen ausführlich die verschiedenen Lizenzmodelle der Open-Source-Bewegung und der freien Software dar und empfehlen den Verwaltungen in allen Ländern der europäischen Union ein gemeinsames Clearinghouse zu gründen, über das Software verteilt werden kann. Auch hier ist der Hintergrund das enorme Einsparpotenzial, dass sich aus der freien Software und den eigenen Entwicklungen ergibt.

Auf nach Ägypten

Die Studie schlägt unter anderem vor, dass neue Software auch innerhalb der Behörden unter einer Open-Source-Lizenz entwickelt werden sollte. (Lesen Sie dazu auch den folgenden Beitrag “Gute Sitten”). Das wird zum Teil schon heute gemacht: Das BSI hat bereits vor längerer Zeit das Projekt SPHINX ins Leben gerufen, das eine sichere Kommunikation auf elektronischem Weg ermöglichen soll. Dabei geht es vor allem um einfach anzuwendende Verschlüsselungsverfahren.

Da als Ergebnis des Projekts nur Software für Windows-Clients entwickelt wurde, stieß das BSI ein Projekt mit dem Namen Ägypten[4] an, dessen Ziel es ist, sichere Software für die E-Mail-Kommunikation unter Linux zu entwickeln und anzubieten. Gegenwärtig laufen Projekte in Zusammenarbeit mit den Entwicklern von Mutt und KMail.

Freie Software ist aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken und wird für die nächsten Jahre erst mal im Einsatz bleiben. Behörden können es sich nicht leisten, ihre IT-Infrastruktur alle zwei Jahre umzustellen. Daher werden die Erfahrungen aus den einzelnen Dienststellen entscheidend dazu beitragen, ob auf Deutschland derzeit tatsächlich jene Migrationswelle zurollt, die Staatssekretärin Brigitte Zypries auf dem Linuxtag 2002 in Karlsruhe prognostiziert hat (siehe Linux-Magazin 08/02).

Infos

[1] Koordinationsstelle des Bundes: [http://linux.kbst.bund.de]

[2] Bundesministerium des Inneren: [http://bmi.bund.de]

[3] Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: [http://bsi.bund.de]

[4] Projekt-Homepage Ägypten: [http://www.gnupg.org/aegypten/index.de.html]

[5] IDA-Studie als PDF-Dokument (3 MByte): [http://europa.eu.int/ISPO/ida/export/ files/en/1115.pdf]

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