Jetzt steht es im Licht der Öffentlichkeit: Android 4.0, Googles Smartphone- und Tablet-Betriebssystem mit dem drolligen Maskottchen, aussichtsreicher iPhone-Herausforderer und Hoffnungsträger aller Gerätehersteller (außer Nokia). Der Schwerpunkt porträtiert das Gadget-System.
Das neueste Android heißt “Ice Cream Sandwich” und trägt die Versionsnummer 4.0. Im Unterschied zu den Updates von Version 2.1 auf 2.2 und 2.2 auf 2.3 haben sich bei Android 4.0 nicht nur einige Interna geändert, sondern auch die grafische Oberfläche. Sie gleicht fast der von Android 3.0 (Honeycomb) für Tablets (siehe Kasten “Android wieder vereint”). Darunter verbergen sich wirklich viele Neuerungen, wie die Android-Entwicklerseite zeigt [1].
Zum Redaktionsschluss dieses Magazins gab es in Europa nur ein Gerät mit Android 4 zu kaufen: Samsung Galaxy Nexus. In Sachen Upgrades sind laut Google alle Geräte, die den Anforderungen an Android 2.3 (Gingerbread) entsprechen, auch für Android 4.0 geeignet. Je nach Hersteller und Provider gelten allerdings andere Update-Regeln, der Artikel “Endlich frei” nennt Details und Alternativen.
Android wieder vereint
In Android 4.0 treffen die beiden bisherigen Versionen 2.[UCC:x00-fake-italic]x für Smartphones und 3.[UCC:x00-fake-italic]x für Tablets aufeinander. Android 4.0 sieht auf den ersten Blick wie die Tablet-Version Honeycomb aus und lässt sich auch in vielen Bereichen gleich bedienen. Auch zahlreiche Apps und Features haben es vom Tablet auf das Smartphone geschafft. Dazu gehören der Entsperren-Bildschirm (der kein Apple-Patent verletzt), das Videoschnitt-Programm, die Verschlüsselungsfunktion für das komplette Gerät und viele mehr. Da Ice Cream Sandwich vom Look&Feel und von der Bedienung her Honeycomb sehr ähnlich ist, dürften die meisten Honeycomb-Tablets ein Update auf das neue Android bekommen.
Die Geste zählt
Die Google-Entwickler haben sehr viel am Aussehen von Android 4.0 gefeilt. Das beginnt bei einer neuen Schrift, führt über die zentralen Farben Blau und Schwarz und endet bei der einheitlichen Steuerung via Gesten. Neben Android selbst hat Google sein komplettes Online-Erscheinungsbild mit Android 4.0 und an Android 4.0 angepasst. So erhalten Smartphone-Besitzer online und auf ihrem Gerät ein einheitliches und konsistentes Benutzererlebnis.
Als Grundlage für den kompletten Relaunch dienen die neue Schrift mit dem Namen Roboto (Abbildung 1) und ein einheitliches Bedienkonzept, das so gut wie möglich dem Aussehen und der Bedienung eines Magazins gleichen soll. Die Wisch-Geste, die bislang nur bei einigen Anwendungen zum Einsatz kam, gilt nun quer durch Android: Wie bei den Homescreens oder der App-Auswahl gelangen Benutzer in praktisch allen Standard-Anwendungen von Google per Wisch-Geste nach rechts oder links zu weiteren Inhalten. Auch einzelne Benachrichtigungen oder aktive Apps lassen sich auf diese Weise löschen.
Ebenfalls deutlich häufiger zum Einsatz kommt in Ice Cream Sandwich die Pinch-to-Zoom-Geste (zwei Finger spreizen). Während frühere Versionen die Geste praktisch nur im Browser und im Bildbetrachter einsetzten, um den Text oder das Bild zu vergrößern, ändert Android 4.0 damit auch die Ansicht im Kalender, im Mailprogramm und in weiteren Apps.
Von Anfang an neu
Android 4.0 erkennt man auf den ersten Blick am Lockscreen (Abbildung 2) und am neuen Live-Wallpaper. Der Lockscreen stammt vom Design her von Honeycomb, der User muss das Schloss nach rechts auf das Entsperrtes-Schloss-Icon ziehen. Doch während er bei Honeycomb damit nur sein Tablet entsperrt, weist Ice Cream Sandwich auch einen Weg zum Kamera-Schnellstart: Wer das Symbol nach rechts zieht, entsperrt das Gerät, wählt er hingegen die linke Seite, dann öffnet sich die Kamera-App.
Bei einem eingehenden Anruf steht am Lockscreen zudem ein drittes Symbol bereit, über das man dem Anrufenden eine Meldung schicken kann. Sehr nett: Android 4.0 fischt bei eingehenden Anrufen die Vorwahl von Festnetzanschlüssen heraus und zeigt den zugehörigen Städtenamen. Zu den weiteren Neuerungen des Lockscreens gehört die Gesichtserkennungsfunktion. Der Besitzer braucht nur einmal in die Frontkamera zu lächeln, und schon ist sein Ice-Cream-Sandwich-Gerät entsperrt.
Dummerweise funktioniert das auch mit einem Foto, weshalb es von Verantwortung zeugt, weiterhin auf einen PIN-Code oder ein Passwort zu setzen. Für Musikfans bietet der Sperrbildschirm zudem Zugriff auf die Notification Bar und damit auf den Musikplayer, sodass der Hörer das Gerät nicht entsperren muss, um zu einem anderen Track zu wechseln.
Der Startbildschirm
Nach dem Entsperren des Geräts landet man wie gewohnt auf dem Startbildschirm, dem Homescreen. Hier zeigt sich Android 4.0 wie seine Vorgänger, einzig die drei Tasten für Home, Zurück und die aktiven Apps sind neu auf dem Display. Sie erscheinen nur, wenn das Smartphone nicht über Hardwaretasten für diese Funktionen verfügt. Der Startbildschirm macht eine weitere Neuerung von Android 4.0 öffentlich: Apps lassen sich nun zu Stacks bündeln, sodass der Homescreen deutlich mehr Platz für eigene Favoriten bietet.
Die Anzahl der Homescreens bleibt bei fünf Stück. Nervig ist, dass sich die Google-Suche, die sich oben auf allen fünf Bildschirmen breitmacht, nicht entfernen lässt. Dafür lassen sich Widgets nun in der Größe anpassen, was bei einer Auflösung von 1280 mal 720 Pixeln wie beim Galaxy Nexus ganz praktisch ist. Honeycomb-Nutzern ist dieses Feature schon länger bekannt.
Wer das Apps-Symbol in der Mitte betätigt, startet den so genannten All-Apps-Launcher (Abbildung 3). Wie bei Honeycomb gibt es hier je einen Tab für die Widgets und die Apps. Aus dem Launcher heraus lassen sich die Apps nicht nur wie bisher auf den Homescreen verschieben oder neu anordnen, sondern auch löschen oder deaktivieren. Auch Informationen zu einer installierten App bekommt man aus dem Launcher heraus via Drag&Drop.

Abbildung 3: Der App-Launcher »All Apps« sieht zwar aus wie bisher, bietet aber mehr Funktionalität.
Benutzerfreundlich
Ice Cream Sandwich ist übersichtlicher geworden und lässt sich an vielen Stellen deutlich einfacher bedienen. Das beginnt bei den Menü-Einträgen und zieht sich über die Systemeinstellungen bis hin zur Rechtschreibprüfung und Sprachsteuerung. Während sich Apple-Nutzer mit der einzigen großen Neuerung Siri verquatschen, bringt Ice Cream Sandwich eine deutlich verbesserte Spracherkennung mit. Die Steuerung durch Sprache müssen Android-4.0-Benutzer nicht explizit aktivieren, sie dürfen zum Beispiel beim Schreiben einer SMS einfach drauflosplappern (Abbildung 4). Wie bei Google üblich funktioniert das in praktisch allen Sprachen. Ein Limit bei der Sprachsteuerung gibt es nicht, Romanautoren können theoretisch ihren kompletten Erguss via Diktierfunktion auffangen.
Die Rechtschreibprüfung verfügt neu über eine Sofortkontrolle und ein benutzerspezifisches Wörterbuch. Auch das Keyboard hat Google überarbeitet und ihm einen verbesserten Support für Copy&Paste sowie eine Drag&Drop-Funktion für markierte Wörter verpasst. Die meisten Hersteller setzen bei der Tastatur allerdings auf eigene Lösungen, sodass diese Änderungen vermutlich nicht bei allen Gerätemodellen zum Einsatz kommen. Google hat alle Menüs auf Stimmigkeit und Benutzerfreundlichkeit hin überprüft und optimiert. Ähnliche Einträge befinden sich nun bei allen Apps an der gleichen Stelle und heißen gleich.
Apps, Apps, Apps
Google hat in den letzten Monaten massiv in ein neues Layout und neue Funktionen für seine Onlinedienste Gmail, Google Kalender, Google Reader und praktisch sämtliche Produkte investiert. Diese Änderungen sind teilweise aus den neuen Google-Anwendungen für Ice Cream Sandwich hervorgegangen. So bieten die Apps ein einheitliches Aussehen in einem hellen Grau und Blau.
Komplett neu programmiert ist das Adressbuch. Zu Kontakten gibt es in der People App neben einem großen Profilbild auch Informationen zu aktuellen Status-Updates via Facebook, Google+ & Co. sowie zu anstehenden Veranstaltungen. Bei jedem Kontakt wird ersichtlich, woher er stammt (SIM-Karte, Gmail-Adressbuch, Facebook et cetera).
Eine weitere Neuerung von Ice Cream Sandwich: Wo es nötig ist, blendet die Software nun die Suchfunktion und das Kontextmenü (drei senkrechte Punkte) als zusätzliche Leiste ein. In den meisten Google-Apps sind diese Funktionen oben rechts zu finden, bei einigen aber auch am unteren Bildschirmrand. Auch den Kalender hat Google mächtig überarbeitet und mit Farbcodes ausgestattet. Zum nächsten Monat (beziehungsweise Tag oder Woche) wechselt der Nutzer nun einfach per Wisch-Geste, Pinch-to-Zoom führt aus der Übersicht zu den Details (Abbildung 5).
Sehr viele Änderungen hatten die Kamera-App im Fokus. Der Auslöser funktioniert nun ohne Zeitverzögerung und es gibt zahlreiche Effekte für die Galerie. Bei einer Vorführung in Hongkong zeigte Google die Serienfunktion der Kamera mit rund sechs Bildern in zwei Sekunden. Wer oft Videos dreht und fotografiert, wird sich über die neue Standbildfunktion freuen. Damit lassen sich während der Video-Aufnahme Fotos schießen. Auch eine Zoom-Funktion haben die Android-Entwickler dem Videomodus spendiert (Abbildung 6).
In Ice Cream Sandwich öffnet der Webbrowser bis zu 16 Tabs und lehnt sich optisch an die Honeycomb-Version an. Nach dem Eindruck der Tester handelt es sich um den zurzeit schnellsten Browser auf dem Mobil-Markt. Da es bei einer Auflösung von 1280 mal 720 Pixeln unter Umständen recht öde ist, auf die mobile Version einer Webseite weitergeleitet zu werden, gibt es nun einen Menüpunkt, der die Desktop-Variante anfordert.
Der Ice-Cream-Sandwich-Browser synchronisiert zudem Lesezeichen automatisch mit Google Chrome, verfügt über einen Inkognito-Modus und speichert auf Wunsch komplette Seiten offline. Neu im Browser ist auch eine Liste mit den meistbesuchten Seiten. Auf der Liste neuer Standard-Apps steht wenig überraschend auch Google+.
Mit Sicherheit
Auch wenn sich das Entsperren des Geräts via Gesichtserkennung schnell als Flop entpuppt, implementiert Android 4.0 ein wichtiges Sicherheitsfeature: Das komplette Gerät lässt sich via PIN-Code verschlüsseln, sodass die Daten auf dem Handy spätestens nach einem Reboot ohne Kenntnis des Passworts nicht mehr zu entschlüsseln sind. Für den Einsatz im Firmenumfeld bietet Google mit Android 4.0 ein neues Keychain-API an. Apps können es nutzen, um Benutzerzertifikate und CAs sicher auf dem Gerät zu speichern.
Viele neue Techniken
Mit Android 4.0 führt Google eine neue Technik namens Android Beam ein. Damit lassen sich via NFC-Chip Daten von einem ICS-Smartphone auf ein zweites Gerät übertragen. Google zeigte das Feature bei der Präsentation des Galaxy Nexus mit Webseiten, Google-Maps-Karten und Kontakten aus der People App. Theoretisch lässt sich jedoch jedes Objekt übertragen, wenn der Entwickler die Beam-Funktion in seiner App nutzt. Ganz ohne Interaktion beziehungsweise ohne Kontrolle des Nutzers läuft der Vorgang nicht ab, der Sender muss ihn per Fingertipp bestätigen.
Mehr Kontrolle bekommen Android-Nutzer bei der mobilen Datennutzung. Über die Einstellungen verfolgt Android 4.0 mit, wie viele MByte der eigenen Datenrate bereits belegt sind, und prognostiziert den Bedarf der nächsten Zeit. Auch die Analyse der Datennutzung auf App-Ebene ist neu in Ice Cream Sandwich. So ist erkennbar, welche App wie viele Daten über das mobile Funknetz geschaufelt hat (Abbildung 7).
Neben Android-Beam gibt es noch ein weiteres Feature, das zwei ICS-Geräte benötigt: Wi-Fi Direct. Damit baut Android zwischen zwei Smartphones oder anderen Geräten eine direkte Wifi-Verbindung auf, sodass eine Kommunikation über das schnelle 802.11n-WLAN auch dann möglich bleibt, wenn für die Verbindung zum Internet nur ein älterer 802.11g-Router zum Einsatz kommt. Diese Funktion ist in erster Linie für Spiele und Videostreaming wichtig. Google rechnet auch damit, dass TV- und Drucker-Hersteller die Technik implementieren.
Eine weitere wichtige Neuerung ist das Bluetooth Health Device Profile (HDP). Darüber spricht Android 4.0 Hardware wie Blutdruckmesser oder Fitnessgeräte drahtlos an. Auch das HFP-Profil für bessere Soundqualität über Bluetooth unterstützt Android 4.0 von Haus aus.
Bei den Tests zu diesem Artikel fiel ein Mangel auf, unter dem alle nicht-partitionierten Android-Geräte leiden: Wer sie per USB an einen PC anstöpselt, erlangt keinen Zugriff auf das Smartphone-Dateisystem, da die USB-Verbindung weder im MTP- noch im PTP-Modus initiiert, mit denen normale Linux-Kernel klarkommen. Im Syslog des konnektierten PC taucht nur eine Meldung auf wie »hrun kernel: [609537.576034] usb 1-7: new high speed USB | device number 33 using ehci_hcd« [2].
Woher? Wohin?
Android 4.0 sieht nicht nur anders aus als Version 2.3, Google hat das System von Grund auf neu gestaltet und funktionell durchgestylt. Dabei bedient sich der Suchmaschinen-Spezialist nicht nur bei den verbündeten Android-Herstellern (Panorama-Funktion von Sony Ericsson, App-Start aus dem Lockscreen heraus von HTC, Favoriten-Ordner in den Apps via LG), sondern Basar-artig überall: Der Appstack stammt aus I-OS, die Wisch-Geste zum Beenden von aktiven Anwendungen von Web OS, das Design der People App erinnert sehr an die Metro-Oberfläche von Windows Phone und das Resizing der Widgets an Cyanogen Mod. Die Implementierung der Features ist aber durchgängig gelungen, sodass man keine Kristallkugel benötigt, um Ice Cream Sandwich eine erfolgreiche Zukunft auf vielen Smartphones und Tablets vorauszusagen. Natürlich sind die aktuellen Versionen nicht fehlerfrei. Im Internet diskutieren Benutzer Bugs [3] und suchen nach Lösungen.
Infos
- Übersicht über die neuen Features: http://developer.android.com/sdk/android4.0highlights.html
- Geräte mit Android 3.0 oder 4.0 via MTP in Ubuntu einbinden: http://linuxundich.de/de/software/gerate-mit-android-3-0-oder-4-0-via-mtp-in-ubuntu-linux-einbinden/
- Diskussionsforum über Android-4-Firmewares: http://www.androidpit.com/en/android/forum/category/2001503/Samsung-Galaxy-Nexus











